Ist Zweifel oder Gewißheit das Ziel?


Hallo zusammen,

mir scheint, die Mehrheit unserer Zeitgenossen zieht den Zustand des Zweifels dem der Gewißheit vor. Wenn es wirklich so ist, frage ich mich, warum es so ist. Welchen Vorteil bietet das Zweifeln? Fühle ich mich dann besser, weil ich die Bestätigung und Unterstützung der großen Gruppe spüre? Verhindere ich mit meinen zweifelnden Äußerungen, dass andere sich auf irgendetwas festlegen und damit vielleicht Erfolg haben, wodurch sie mir als notorischem Infragesteller überlegen wären? Was ist das Lebenskonzept der Zweifler? Prüfen sie die Standhaftigkeit des anderen nach dem Motto: "Wenn ich ihn mit meinem zweifelnden Gerede massiv unter Druck setze, wird nur das übrig bleiben, das wirklich etwas taugt, und daran kann ich mich dann selbst festhalten."? Oder versuchen sie sogar den Erfolg des anderen zu verhindern, um selbst nicht bekennen zu müssen, dass sich hinter all ihrem Gerede nur Kleinmütigkeit und Tatenlosigkeit verbergen?

Was meint ihr dazu?


Grüße & Ciao,

Herzlich



O vergänglicher Schatten!
Überwinde die niederen Stufen des Zweifels und erhebe dich zu den herrlichen Höhen der Gewißheit. Öffne das Auge der Wahrheit, damit du die unverschleierte Schönheit schauen und ausrufen mögest: Geheiligt sei der Herr, der vortrefflichste aller Schöpfer!
Bahá´u´lláh
Hallo Herzlich!

Liegt nicht in Deiner Darstellung der beiden Standpunkte schon ein ganz massives
Wert(Vor-)urteil? Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand grundsätzlich für den Zweifel
entscheidet, weil der irgendwie sympathischer wäre; ich denke eher, viele Menschen
haben schon so viele Gewissheiten kläglich scheitern gesehen, dass sie der bloßen
Idee von Gewissheit schon skeptisch gegenüberstehen. Und von der Wissenschaft
werden sie darin noch bestärkt - es ist zunehmend ein Kennzeichen wissenschaftlichen
Denkens geworden, sich bedingungsweise auszudrücken und den eigenen Standpunkt
zu relativieren. Von der ideologischen Gegenseite wird das auch weidlich ausgenützt -
"Haha, da seht ihr's - die Wissenschaft weiß es ja auch nicht genau - aber ich, ich habe
es erkannt..." Entsprechend viele 'absolute Wahrheiten' kursieren und konkurrenzieren
einander. Haben wir nicht an jeder Straßenecke schon ihre Trompetentöne gehört
Liebe Freunde, Herzlich und Wu

Ihr habt ja Beide sooooo Recht. (denke ich)

Alles Liebe
_________________
"Die Erde ist nur ein Land und alle Menschen sind seine Bürger"
Bahà'u'llàh
Ich halt mich gern an dieses VW

O Sohn des Geistes!
Von allem das Meistgeliebte ist Mir die Gerechtigkeit. Wende dich nicht ab von ihr, wenn du nach Mir verlangst, und vergiß sie nicht, damit Ich dir vertrauen kann. Mit ihrer Hilfe sollst du mit eigenen Augen sehen, nicht mit denen anderer, und durch eigene Erkenntnis Wissen erlangen, nicht durch die deines Nächsten. Bedenke im Herzen, wie du sein solltest. Wahrlich, Gerechtigkeit ist Meine Gabe und das Zeichen Meiner Gnade. So halte sie dir vor Augen. (arab. 2)

Liebe Grüße
_________________
"Die Erde ist nur ein Land und alle Menschen sind seine Bürger"
Bahà'u'llàh
Ein Mönch kam zu einem Zen-Meister und sagte: "Ist es nicht so mit der Erleuchtung,
dass sie einen unvermutet trifft wie ein Blitz?"
Der Meister erwiderte: "Du hast ganz recht."
Dann kam ein anderer Mönch und sagte: "Ist es nicht so mit der Erleuchtung,
dass sie langsam wachsen und reifen muss?"
Der Meister erwiderte: "Du hast ganz recht."
Als der gegangen war, kam der Attendant des Meisters und sagte: "Die beiden
haben doch gerade das Gegenteil behauptet - sie können doch nicht beide recht haben?"
Der Meister erwiderte: "Du hast ganz recht."
Wu hat folgendes geschrieben:
Hallo Herzlich!

Liegt nicht in Deiner Darstellung der beiden Standpunkte schon ein ganz massives
Wert(Vor-)urteil? Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand grundsätzlich für den Zweifel
entscheidet, weil der irgendwie sympathischer wäre; ...


Hm, möglicherweise ist das Symphatische am Zweifeln, dass man sich nicht für irgendeinen Weg entscheiden und ihn dann gehen muß. Man bleibt eben lieber an den Wegweisern stehen und überlegt: "Geh ich nun hierhin oder dorthin?" Sich Gewißheit verschaffen zu wollen ist ein bewußter Willensakt, der eine Entscheidung voraussetzt und ein Handeln nach sich zieht. Das ist nicht immer bequem.

Zitat:
...
ich denke eher, viele Menschen
haben schon so viele Gewissheiten kläglich scheitern gesehen, dass sie der bloßen
Idee von Gewissheit schon skeptisch gegenüberstehen.


Danke für diese gedankliche Anregung. Das trifft sicher für unsere heutige Zeit mit ihrer unüberschaubaren Fülle von Geisteshaltungen noch mehr zu als es schon in früheren Zeiten der Fall war. Trotzdem bleibt die Frage, ob es sinnvoll ist, zweifelnd an den Ortsschildern stehen zu bleiben oder zumindest einige Schritte zu wagen, um zu sehen, ob der nächste Weg vielleicht der richtige ist.

Liebe Grüße & einen schönen Tag,

Herzlich
Hallo Herzlich!
Zitat:
möglicherweise ist das Symphatische am Zweifeln, dass man sich nicht für irgendeinen Weg entscheiden und ihn dann gehen muß. Man bleibt eben lieber an den Wegweisern stehen und überlegt: "Geh ich nun hierhin oder dorthin?" Sich Gewißheit verschaffen zu wollen ist ein bewußter Willensakt, der eine Entscheidung voraussetzt und ein Handeln nach sich zieht. Das ist nicht immer bequem.

Das Problem dabei ist, dass es zwar ein bewusster Willensakt ist, sich Gewissheit verschaffen zu wollen, aber nicht, sie auch zu erlangen. Die Gewissheit, die wir haben können, ist immer eine subjektive. Die kann zwar vertieft werden, aber qualitativ ändert sich daran nichts. Das war auch in früheren Zeiten nicht anders - eine andere Möglichkeit nicht zu kennen macht sie nicht zu einer Unmöglichkeit - oder eben auch nur subjektiv...

Ob es bequemer ist, in einer Frage, die man objektiv nicht entscheiden kann, eine Entscheidung zu treffen, oder sie nicht zu treffen, möchte ich dahingestellt lassen - das lässt sich vermutlich so allgemein auch nicht entscheiden... Im Allgemeinen würde ich aber vermuten, dass den meisten Menschen Sicherheit doch sympathischer ist als Zweifel

Liebe Grüße
Wu hat folgendes geschrieben:
Hallo Herzlich!
Zitat:
möglicherweise ist das Symphatische am Zweifeln, dass man sich nicht für irgendeinen Weg entscheiden und ihn dann gehen muß. Man bleibt eben lieber an den Wegweisern stehen und überlegt: "Geh ich nun hierhin oder dorthin?" Sich Gewißheit verschaffen zu wollen ist ein bewußter Willensakt, der eine Entscheidung voraussetzt und ein Handeln nach sich zieht. Das ist nicht immer bequem.

Das Problem dabei ist, dass es zwar ein bewusster Willensakt ist, sich Gewissheit verschaffen zu wollen, aber nicht, sie auch zu erlangen. Die Gewissheit, die wir haben können, ist immer eine subjektive. ...


Das ist klar. Aber was ist daran das Problem? Wenn ich anklopfe, weiß ich nicht, ob mir aufgetan wird. Aber wenn ich nicht anklopfe, wird mir ganz sicher nicht aufgetan.

Zitat:
...
Ob es bequemer ist, in einer Frage, die man objektiv nicht entscheiden kann,


Die Frage, ob man sich nun Gewißheit verschaffen will, kann man objektiv entscheiden: "Ich will." oder "Ich will nicht." Darum dreht sich mein Thema. Und diese Entscheidung nicht zu treffen hat neben der von Dir erwähnten Furcht vor neuerlichen Enttäuschungen sicher auch viel mit Bequemlichkeit zu tun. Schließlich steht das "Risiko" einer großen, umfassenden Änderung des eigenen Lebens dahinter.

Zitat:

eine Entscheidung zu treffen, oder sie nicht zu treffen, möchte ich dahingestellt lassen - das lässt sich vermutlich so allgemein auch nicht entscheiden... Im Allgemeinen würde ich aber vermuten, dass den meisten Menschen Sicherheit doch sympathischer ist als Zweifel


Sehe ich auch so, nur was läßt sie dann dennoch im Zustand der Ungewißheit ausharren?

Liebe Grüße,

Herzlich
Hallo Herzlich!
Zitat:
Zitat:
Die Gewissheit, die wir haben können, ist immer eine subjektive. ...
Das ist klar. Aber was ist daran das Problem? Wenn ich anklopfe, weiß ich nicht, ob mir aufgetan wird. Aber wenn ich nicht anklopfe, wird mir ganz sicher nicht aufgetan.

Das Problem ist, dass die Erfahrung des Aufgetan-worden-seins eben auch subjektiv ist, und dass niemand von einem Anderen - ja oft nicht einmal von sich selbst - mit Sicherheit sagen kann, ob und wo er angeklopft hat...

Zitat:
Die Frage, ob man sich nun Gewißheit verschaffen will, kann man objektiv entscheiden: "Ich will." oder "Ich will nicht."

Ja - und dann Gewissheit kann ich nicht im Supermarkt kaufen - wovon hängt es ab, ob ich sie dann auch habe wenn ich das will, und wer kann entscheiden ob das tatsächlich der Fall ist oder nicht
Zitat:
Im Allgemeinen würde ich aber vermuten, dass den meisten Menschen Sicherheit doch sympathischer ist als Zweifel
Zitat:
Sehe ich auch so, nur was läßt sie dann dennoch im Zustand der Ungewißheit ausharren?

Die Frage wäre eher, was sie in einen Zustand der [objektiven!] Gewissheit versetzen könnte... Es ist ja nicht so wie wenn man mit dem Kopf unter Wasser in der Badewanne liegt, und den nur 'rauszustrecken braucht, um Luft zu bekommen

Mit freundlichem Gruß
Wu hat folgendes geschrieben:
Hallo Herzlich!
Zitat:
Zitat:
Die Gewissheit, die wir haben können, ist immer eine subjektive. ...
Das ist klar. Aber was ist daran das Problem? Wenn ich anklopfe, weiß ich nicht, ob mir aufgetan wird. Aber wenn ich nicht anklopfe, wird mir ganz sicher nicht aufgetan.

Das Problem ist, dass die Erfahrung des Aufgetan-worden-seins eben auch subjektiv ist, und dass niemand von einem Anderen - ja oft nicht einmal von sich selbst - mit Sicherheit sagen kann, ob und wo er angeklopft hat...

Zitat:
Die Frage, ob man sich nun Gewißheit verschaffen will, kann man objektiv entscheiden: "Ich will." oder "Ich will nicht."

Ja - und dann Gewissheit kann ich nicht im Supermarkt kaufen - wovon hängt es ab, ob ich sie dann auch habe wenn ich das will, und wer kann entscheiden ob das tatsächlich der Fall ist oder nicht
Zitat:
Im Allgemeinen würde ich aber vermuten, dass den meisten Menschen Sicherheit doch sympathischer ist als Zweifel
Zitat:
Sehe ich auch so, nur was läßt sie dann dennoch im Zustand der Ungewißheit ausharren?

Die Frage wäre eher, was sie in einen Zustand der [objektiven!] Gewissheit versetzen könnte... Es ist ja nicht so wie wenn man mit dem Kopf unter Wasser in der Badewanne liegt, und den nur 'rauszustrecken braucht, um Luft zu bekommen

Mit freundlichem Gruß


Liebe Wu,

... subjektiv ... objektiv ... Gewißheit ... Ungewißheit ... Gewißheit haben wollen oder nicht haben wollen ... Gewißheit haben können oder nicht haben können ... irgendwie bringt mich diese Diskussion etwas durcheinander, weil ich nicht weiß, wo Du stehst. Deshalb muß ich mal ganz einfach fragen: hast Du (in Deinem Wertebereich) Gewißheit, dass Dein Weg oder Deine Zielrichtung oder was auch immer richtig ist? Oder bewegst Du Dich eher im Zustand des (ewigen) Zweifels?

Was mich betrifft, habe ich Gewißheit, dass (für mich) der Weg, den Bahá´u´lláh mit Seiner Botschaft vorgibt, richtig ist. Und zwar weniger aus meinen eigenen Überlegungen heraus, als vielmehr durch die vielfach positiven Erfahrungen, die ich im Umgang mit Seinen Ratschlägen und Geboten gemacht habe, z.B. Prinzip der Beratung, Einheit der Menschheit, Selbsterziehung, Aufbau eines neuen Gesellschaftsmodells usw.

Letztlich denke ich, dass die Reinheit des Herzens, bzw. die Reinheit der Beweggründe darüber entscheidet, welchen Grad der Gewißheit wir erlangen.

"O Sohn des Geistes!
Dies ist mein erster Rat:
Besitze ein reines, gütiges und strahlendes Herz, auf das Du eine unvergängliche Herrlichkeit erlangest, während von Ewigkeit zu Ewigkeit."
Bahá u´lláh


Liebe Grüße,

Herzlich