Ist Zweifel oder Gewißheit das Ziel?


Wu hat folgendes geschrieben:


Wu



Juchuuuu .... Humor is doch ´ne schöne Sache


Liebe Grüße,

Herzlich


P.S: habe gerade einem Freund von diesem Forum vorgeschwärmt. Er wird es wohl jetzt auch anschauen ...
Wu hat folgendes geschrieben:
.... Ja, das würde ich ganz ähnlich sehen, gerade diese 'schrittweise' Erkenntnis - was sich mir dabei aber nicht eröffnet, ist das 'Gottesbild', das sich bei uns offenbar seit alttestamentarischer Zeit nicht oder kaum verändert hat, das eines autokratischen Alleinherrschers nach Vorbild der nahöstlichen 'Großkönige' der Antike - für die damalige Zeit wohl ein naheliegendes Bild, aber heute mit einem liebenden Gott doch nur schwer vereinbar:
Zitat:
O Sohn des Seins!
Liebe Mich, damit Ich dich liebe. Wenn du Mich nicht liebst, kann Meine Liebe dich niemals erreichen. Erkenne dies, o Diener.


Liebe Wu,

das ist ein interessanter Punkt, über den ich so noch nicht nachgedacht habe. Das Bild des "autokratischen Alleinherrschers" und gleichzeitig "liebenden Gottes" wird nach meinem Verständnis durch das Gottesbild in der Bahá´í-Religion bestätigt. Ich denke nicht, dass es dafür irgendwann eine moderne Variante geben wird, die sich unserem westlichen Autoritätsverständnis unterordnet. Und genau das macht sicher manchen Menschen Probleme. Schließlich leben wir in einem Land, in dem Begriffe wie "Autorität", "Unterwerfung", "Unterordnung" etc. durch die jüngere Geschichte, ich meine das Kaiserreich und das Dritte Reich, negativ besetzt wurden.

Für mich persönlich ist es kein Problem, dass Gott uns durch Seine Offenbarer den Anspruch, allein über Seine Schöpfung zu herrschen, mitteilen läßt. Ich sehe weiterhin kein Problem darin, dass Gott uns außerdem mitteilen läßt, dass Er sich auch von Seinen Geschöpfen, also insbesondere von uns Menschen, in Seine Entscheidungen nicht hinreden zu lassen gedenkt. Es mag paradox erscheinen, aber für mich ist beides sogar ein Zeichen der Liebe Gottes zu uns Menschen.

Vielleicht macht es folgender Vers Bahá´u´lláhs deutlicher:

O Sohn des Menschen!
Meine Majestät ist Meine Gabe an dich und Meine Größe das Zeichen Meiner Gnade. Was Mir gebührt, wird niemand verstehen und keiner beschreiben. In den Gewölben Meiner Geheimnisse und in den Schatzkammern Meines Gebotes habe Ich es verwahrt als Gunst für Meine Diener und als Gnade für Mein Volk.
Bahá´u´lláh


Liebe Grüße,

Herzlich
Zweifel als Selbstzweck ist für mich so eine Art geistiges Eunuchentum man weiß genau wie es geht kann es aber selbst nicht tun.Der Zweifel aber,der weiß , daß ich nur einen Teil des Ganzen erkenne
-scio ut nescio ich weiß ,dass ich nichts weiß -und somit auch das Erkannte immer wieder in Frage stellt bringt den Fortschritt.
Und was ist das Gegenteil des Zweifels der Glaube
das Vertrauen und ich kann ohne Vertrauen und Glauben nicht leben und ohne Liebe
Ethan.8008 hat folgendes geschrieben:
...
du bist der bestimmer deiner eigenen wahrnehmungen.... sprich: du bist gott deiner eigenen kleinen welt-erfahrungs-reise... oder so.

jeder für sich ist sein eigener gott seiner erfahrungsreisen...

eine kleine übung: stell' dir vor traurig zu sein, und fühle wirklich traurigkeit... mit ein bischen schauspielerei gekommst du das hin... dann gehe hinaus in die stadt, wo auch menschen sind... schaue, was passiert. was nimmst du wahr? wie nimmst du wahr? wie reagieren menschen, tiere auf dich.

dann, wenn du das gemacht hast. schreibe auf, was du erlebt hast.

mache die übung nun mit der einstellung, dass du fröhlich bist... fühle die fröhlichkeit wirklich in dir. gehe wieder in die stadt und beobachte nun, was passiert.

du wirst unterschiede feststellen, was du siehst, wie du siehst, wie du dich verhälst, wie andere sich verhalten....


frage dich nun: hat sich die welt verändert oder hast du dich verändert und damit deine eigene welt?



viel spass beim experimentieren
ethan


Lieber Ethan,

Danke für Deine Hinweise. Ich habe viele Jahre lang mit diesen Methoden experimentiert und betreibe noch heute täglich ein gewisses Maß an Psychohygiene damit. Unsere Einstellung bestimmt unsere Wahrnehmung und damit auch das Ergebnis unseres Tuns. Das läßt sich in vielen Quellen nachlesen und durch die eigene Anwendung immer wieder bestätigen.

Inzwischen habe ich für mich noch eine weitere Erkenntnis daneben gestellt. Ich meine, dass wir als bedingte Geschöpfe in einer bedingten Schöpfung Einflüssen ausgesetzt sind, die wir niemals kontrollieren können, weil sie allein in der Hand Gottes liegen. Über diese Einsicht habe ich ein gewisses Maß an Respekt für die Entscheidungen entwickelt, die Gott für den Verlauf unseres Lebens und für das Maß der Prüfungen, denen Er uns aussetzt, trifft. Manches tritt eben, ganz gleich welche Einstellung wir dazu haben und ob wir es wollen oder nicht, einfach ein.

In Deinen bisherigen Postings hast Du des öfteren geschrieben, dass Du Dich bemühst, alles zu lieben. Ich finde, dass das ein interessanter Ansatz ist, der viel Weitblick und Seelenruhe anzeigt. Gott selbst wird in manchen Bahá´í-Texten als der "Alliebende" bezeichnet.

Was hältst Du in diesem Zusammenhang von dem folgenden Gebet?


"Manch erstarrtes Herz, o mein Gott, wurde vom Feuer Deiner Sache entflammt, und mancher Schläfer wurde von Deiner süßen Stimme erweckt. Wieviele Fremde suchten Schutz im Schatten des Baumes Deiner Einheit, und wie zahlreich sind die Dürstenden, die in Deinen Tagen nach dem Quell Deines Lebenswassers lechzen.

Selig ist, wer sich aufmacht zu Dir und sich eilt, in die Strahlen der Morgenröte Deines Antlitzes zu gelangen; selig, wer sich mit all seiner Liebe zum Dämmerort Deiner Offenbarung, zum Urquell Deiner Erleuchtung hinwendet; selig, wer auf Deinem Pfade hingibt, was Du ihm durch Deine Großmut und Gunst verliehen hast; selig, wer in seinem heftigen Verlangen nach Dir alles andere beiseite wirft; selig, wer vertraute Zwiesprache mit Dir hält und sich freimacht von jeglicher Bindung außer der Deinen.

Ich flehe Dich an, o mein Herr, bei Ihm, der Dein Name ist, der sich durch die Kraft Deiner Macht und höchsten Herrschaft über den Horizont Seines Gefängnisses erhob, bestimme einem jeden, was Dir gefällt und was Deiner Erhabenheit entspricht.

Deine Macht ist wahrlich allem gewachsen."

Bahá´u´lláh



Manchmal spüre ich einen Hauch dieser Seligkeit. Es ist ein wunderbares Gefühl und weckt eine Ahnung von dem, was uns womöglich in der nächsten Welt erwartet.


Liebe Grüße,

Herzlich
Hi zaro & Danke für Deine Antwort,

zaro hat folgendes geschrieben:
Zweifel als Selbstzweck ist für mich so eine Art geistiges Eunuchentum man weiß genau wie es geht kann es aber selbst nicht tun.Der Zweifel aber,der weiß , daß ich nur einen Teil des Ganzen erkenne
-scio ut nescio ich weiß ,dass ich nichts weiß -und somit auch das Erkannte immer wieder in Frage stellt bringt den Fortschritt.


Beim Lesen in den Heiligen Schriften stelle ich des öfteren fest, dass ich Textstellen auch nach vielen Jahren noch immer wieder mal neu verstehe. Die wachsende Lebenserfahrung und die hinzugewonnenen Erkenntnisse verändern den Blick und damit auch das Verständnis für die Aussagen Bahá´u´lláhs. Es ist schon wirklich eine spannende Reise durch diese Welt ...

Zitat:

Und was ist das Gegenteil des Zweifels der Glaube
das Vertrauen und ich kann ohne Vertrauen und Glauben nicht leben und ohne Liebe


Geht mir auch so.

Liebe Grüße,

Herzlich
Wu hat folgendes geschrieben:

Zitat:
"O Sohn des Geistes!
Dies ist mein erster Rat:
Besitze ein reines, gütiges und strahlendes Herz, auf das Du eine unvergängliche Herrlichkeit erlangest, während von Ewigkeit zu Ewigkeit."
Bahá u´lláh

Auch wenn ich die unvergängliche Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit nicht so sehr anstrebe - ...


Warum nicht?


Liebe Grüße & Ciao,

Herzlich
Hi all,

weil´s gerad so gut paßt:


Zitat:
Erst wenn die Lampe des Suchens, des ernsten Strebens, des sehnlichen Verlangens, der leidenschaftlichen Ergebung, der glühenden Liebe, der Begeisterung und Verzückung im Herzen des Suchers entzündet ist und der Hauch der Gnade Gottes über seine Seele weht, wird die Dunkelheit des Irrtums vertrieben, werden die Nebel des Zweifels und der Ängste zerstreut, und die Lichter der Erkenntnis und Gewißheit werden sein Wesen einhüllen. Zu dieser Stunde wird der mystische Herold mit der Freudenbotschaft des Geistes strahlend wie der Morgen aus der Stadt Gottes aufleuchten und mit dem Posaunenstoß der Erkenntnis Herz, Seele und Geist aus dem Schlummer der Achtlosigkeit erwecken. Dann werden die mannigfachen Gunstbeweise und die Gnadenströme des heiligen, ewigen Geistes dem Sucher solch neues Leben verleihen, daß er sich mit einem neuen Auge, einem neuen Ohr, einem neuen Herzen und einem neuen Gemüte beschenkt sieht. Er wird über die offenbaren Zeichen des Weltalls nachsinnen und die verborgenen Geheimnisse der Seele durchdringen. Er wird mit dem Auge Gottes schauen und in jedem Atom ein Tor erblicken, das ihn zu den Stufen völliger Gewißheit führt. In allen Dingen wird er die Geheimnisse göttlicher Offenbarung und die Beweise ewiger Verkündung entdecken.

Bahá´u´lláh



Liebe Grüße und Ciao,
Herzlich
Hallo Herzlich!
Zitat:
Wu hat folgendes geschrieben:
Auch wenn ich die unvergängliche Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit nicht so sehr anstrebe - ...

Warum nicht?

Weil ich diese Vorstellung eigentlich nicht für sehr durchdacht halte,
und weil sie mir auch ethisch nicht besonders hilfreich scheint.
Hi Wu,

Danke für Deine Antwort.

Wu hat folgendes geschrieben:
Hallo Herzlich!
Zitat:
Wu hat folgendes geschrieben:
Auch wenn ich die unvergängliche Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit nicht so sehr anstrebe - ...

Warum nicht?

Weil ich diese Vorstellung eigentlich nicht für sehr durchdacht halte,
und weil sie mir auch ethisch nicht besonders hilfreich scheint.


Das ist interessant. Ich hatte bisher kein Problem mit dem Satz, weil er mir einleuchtend erschien, freilich ohne wirklich im Detail darüber nachzudenken. Ich habe "unvergängliche Herrlichkeit" bisher immer als einen anderen Begriff für "Vollkommenheit" verstanden. Und soweit ich es verstanden haben, fordern alle Religionen ihre Anhänger auf, sich selbst durch Anwendung der Ratschläge und Gebote der Offenbarer zu vervollkommnen.

Wieso hältst Du es nicht für durchdacht, bzw. ethisch nicht hilfreich?


Liebe Grüße,

Herzlich
Lieber Herzlich
Zitat:
Das ist interessant. Ich hatte bisher kein Problem mit dem Satz, weil er mir einleuchtend erschien, freilich ohne wirklich im Detail darüber nachzudenken. Ich habe "unvergängliche Herrlichkeit" bisher immer als einen anderen Begriff für "Vollkommenheit" verstanden. Und soweit ich es verstanden haben, fordern alle Religionen ihre Anhänger auf, sich selbst durch Anwendung der Ratschläge und Gebote der Offenbarer zu vervollkommnen.
Wieso hältst Du es nicht für durchdacht, bzw. ethisch nicht hilfreich?

Hmm - ich denke man sollte da differenzieren -
Zitat:
Besitze ein reines, gütiges und strahlendes Herz, auf das Du eine unvergängliche Herrlichkeit erlangest, während von Ewigkeit zu Ewigkeit
ist für mich nicht primär eine Aufforderung zur Vervollkommnung, sondern hat die Form eines 'Geschäftsvorschlags' - "Verhalte dich so und so, dann bekommst du..." - und die Haltung, die dadurch gefördert wird, ist "Ich möchte gern..., also tu' ich das" - und das ist IMHO von 'vollkommen' sehr weit entfernt. Die islamische Mystikerin Rabía hat das schon vor 1200 Jahren so schön ausgedrückt, als die Leute sie fragten, warum sie denn mit wildem Blick, einer brennenden Fackel in der einen Hand und einem Eimer Wasser in der anderen, herumlaufe:
Zitat:
Ich will Feuer ins Paradies werfen
und linderndes Wasser in die Hölle träufeln,
damit beide nicht länger den Weg
zu Allah verschleiern.
Unser Ziel soll klar und sicher werden;
wir wollen dem Herrn ohne Seitenblick
auf anderes Glück
oder Hoffnung entgegenblicken,
ohne Furcht im Herzen.
Ihm allein haben wir zu dienen,
ohne auf Belohnung im Himmel zu rechnen
oder vor Höllenstrafen zu zittern.

Und wenig durchdacht scheint mir die Sache insofern, als keine uns zugängliche Erfahrung auf einen möglichen Zustand hinweist, der 'ewige Glückseligkeit' verspräche, sondern im Gegenteil jede Erfahrung uns sagt, dass Alles vergänglich ist - was ich als durchaus tröstlich empfinde: Die Vorstellung, in irgendeinem noch so glückseligen Zustand ewig verweilen zu müssen, ist für mich alles andere als herrlich...

Sie erinnert mich im Gegenteil eher an einen eher makabren SF-Roman, den ich vor vielen Jahren einmal gelesen habe - wo auf irgendeinem fernen Planeten eine Rasse von intelligenten Wesen Roboter geschaffen hatte, die ihnen helfen sollten, Glück und Wohlbefinden zu erlangen. Nun überlegten diese Roboter 'ganz logisch', dass Glück und Wohlbefinden von allen möglichen Zufällen und Unfällen, besonders aber von Krankheit, Alter und Tod beeinträchtigt würde, und dass ein Maximum an Glück erstens durch Ausschaltung dieser leidverursachenden Dinge und zweitens durch eine Steigerung des Glücksgefühls zu erreichen sei. Sie versetzten also ihre Erzeuger in Narkose, präparierten ihre Gehirne heraus, steckten die in Gefäße mit Nährlösung und stimulierten ihre Glückszentren - diese Gehirne empfanden also reines, unbeschwertes und dauerhaftes Glück und Wohlbefinden...