Der Mord an einem Mystiker... Mansur al Halladsch


Mansur - Teil 1

Vorspann.

Die Geschichte handelt von einem Mord. Einem Mord den sogenannte religiöse Menschen begangen haben. Die sogenannten religiösen Leute habe schon viele Menschen umgebracht – zum Beispiel auch Jesus ... Jesus wurde einfach gekreuzigt. Aber dieser Mord, den der religöse Mob an Mansur begangen hat, ist noch nie dagewesen. So grauenvoll war keiner. Jesus wurde nur gekreuzigt aber Mansur wurde nicht einfach nur gekreuzigt. Nein! Die religiösen Leute gingen viel subtiler und grauenvoller vor. Erst kreuzigte man ihn. Dann schnitt man ihm die Beine ab - er war noch am Leben – und dann die Hände. Man folterte ihn. Er wurde durch die Leute gefoltert, so lange es ging... Man stach ihm die Augen aus. Man schnitt ihm die Zunge ab. Und er war immer noch am Leben.. Schliesslich schnitt man ihm den Hals durch und er lächelte. Man schnitt ihn Stück für in kleine Stücke... Nur so viel, dass er am Leben blieb so lange es ging...

Was hatte Mansur verbrochen, dass die Hunderttausend Leute zusammengeströmt sind um Mansur zu steinigen und zu verspotten! Was um Gottes willen rechtfertigt eine solche Tat! Welche Sünde hatte Mansur begangen!...

Er hatte sich überhaupt nichts zuschulden kommen lassen; er hatte kein Verbrechen begangen.
Sein ganzes Verbrechen bestand darin, dass er von sich gesagt hatte: „Anal Hak.“
Da bedeutet: „Ich bin die Wahrheit, - ich bin Gott - “

... Weitere Details im Nachspann...
Mansur - Teil 2

Die Geschichte

Husain ibn Mansur Al-Halladsch
geb. 858 Al-Baida [Iran], gest. 922 Bagdad [Iran]

Al-Halladsch war ein eigenwilliger und unabhängiger Geist, der in mehrfacher Hinsicht gegen die zu seiner Zeit gängigen Ansichten und Verhaltensnormen verstieß. Durch exzentrisches Benehmen und angreifbare Äußerungen machte er sich bei den politischen und religiösen Autoritäten verdächtig. Seine Worte zeigen, dass er über die eng gefassten Glaubensmeinungen der Orthodoxie weit hinausgelangt ist. Besonderen Anstoß erregte er mit der Preisgabe seiner mystischen Erfahrungen, die von Menschen ohne solche Erlebnisse missgedeutet werden konnten und missgedeutet werden mussten. Halladschs absolute Gottesliebe und seine Lehre von der liebenden Einigung des geschaffenen menschlichen und des ungeschaffenen göttlichen Geistes, die der Mensch in seltenen Augenblicken der Extase erfahren kann, erschien den Theologen und Gelehrten unerlaubt, ja unmöglich. Hinzu kamen Berichte über angebliche Wundertaten. 912 wurde Halladsch verhaftet und 922 trotz der Fürsprache hochgestellter Persönlichkeiten zum Tode verurteilt.

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Mansur - Teil 3
Das Urteil nahm er ungerührt entgegen, auf dem Wege zur Richtstätte lachte er und tanzte in seinen Fesseln. Fariduddin 'Attar gibt die folgende Beschreibung von der Hinrichtung:
»Sie sahen viele Wunder, die er bewirkte. Geschwätz ging um, und seine Reden wurden dem Kalifen hinterbracht. Schließlich war man sich darüber einig, dass er sterben müsse.
Der Kalif ließ ihn ins Gefängnis werfen. Sie schlugen ihn dreihundert Mal mit Stöcken. Dann führten sie ihn hinaus zur Hinrichtung.
Als sie ihn zum Galgen gebracht hatten, küsste er das Holz und setzte seinen Fuß auf die Leiter.
"Wie fühlst du dich?" verspotteten sie ihn.
"Der Aufstieg wahrer Menschen führt zur Spitze des Galgens" antwortete er.
Er wandte sich gegen Mekka, erhob die Hände und betete.
Dann hieben sie ihm die Hände ab. Er lachte.
Sie hackten seine Füße ab. Er sagte lächelnd: "Mit diesen Füßen machte ich eine Reise auf Erden. Ich habe andere Füße, die jetzt durch beide Welten wandern. Wenn ihr könnt, hackt diese Füße ab!"
Dann rieb er mit seinen blutigen Armstümpfen über sein Gesicht, so dass Arme und Gesicht blutig wurden.
"Warum hast du das getan?" fragten sie ihn. "Ich habe viel Blut verloren und glaube, dass mein Gesicht blass geworden ist. Ihr denkt, meine Blässe kommt aus Angst. Ich habe Blut auf mein Gesicht gewischt, damit ich in euren Augen rote Backen habe."
Mansur - Teil 3


Dann stach man ihm die Augen aus.
Dann wollte man seine Zunge abschneiden. "Wartet noch ein wenig, gebt mir noch Zeit für ein Wort" bat er dringend. "O Gott", schrie er gen Himmel, "verstoße sie nicht wegen der Leiden, die sie mir um Deinetwillen antun, noch entziehe ihnen die Glückseligkeit. Gelobt sei Gott, denn sie haben meine Füße abgehackt, als ich auf dem Wege zu Dir war. Und wenn sie mir den Kopf abschlagen, so haben sie mich doch auf die Höhe des Galgens gebracht, wo ich Deine Majestät betrachte."
Dann schnitten sie ihm Nase und Ohren ab.
Die letzten Worte, die Halladsch sprach, waren: "Die Liebe zu dem Einen führt zur Einswerdung mit Ihm".
Nach diesen Worten schnitten sie seine Zunge ab. Zur Zeit des Abendgebetes schnitten sie seinen Kopf ab. Er lächelte, als sie das taten.
So starb Halladsch.«

Annemarie Schimmel, O Leute, rettet mich vor Gott!, Herder