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Liebeserklärung an den blauen Planeten












Zitat:
Tschingis Aitmatow, der Autor von »Dschamilja«, »der schönsten Liebesgeschichte der Welt« (Louis Aragon), setzte in seinem Buch »Liebeserklärung an den blauen Planeten« seine Auseinandersetzung mit den großen religiösen Traditionen fort. Aus dem Zusammenbruch des Sozialismus und anderer ideologischer Weltkonzepte zog er Konsequenzen: »Vieles von jenem Leben, welches ich und meine Generation gelebt haben - das alles wurde plötzlich glatt weggeworfen, wie Abfall, wie Gerümpel... Ich beginne zu verstehen, daß es irgendwelche ewigen Gesetzmäßigkeiten gibt, Wahrheiten, Werte. Daß alles andere vergänglich ist - Politik eingeschlossen, wie mächtig sie auch sein mag...«

Auf dieser Suche wandte er sich zunächst dem Buddhismus zu und publizierte einige seiner Gespräche mit dem buddhistischen Philosophen und Schriftsteller Daisaku Ikeda. Aitmatow schrieb über diese Begegnung: »Er hat seine eigene Philosophie und seine Anschauungen, aber jedesmal begeistert es mich, wie er in globalem Maßstab denkt und die Welt als Ganzes sieht.«
Einige Zeit später lernte Aitmatow einige Bahá'í näher kennen - Anhänger einer Religion, die erst vor relativ kurzer Zeit, vor 150 Jahren, entstanden ist, aber nach dem Urteil der Vergleichenden Religionswissenschaft »den anderen Universalreligionen, dem Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Islam, Sikhismus und Christentum ebenbürtig zur Seite steht« (Friedrich Heiler). Sein wichtigster Gesprächspartner zum Thema Bahá'í und ein enger Freund wurde Feizollah Namdar, der in Moskau studierte und heute in der Schweiz lebt.

Aitmatow interessierte sich sofort für diese junge Religion, da sie dem Gedanken der Einheit der Erde wie der Einheit der Menschheit sehr konkrete, diesseitsbezogene und zukunftsträchtige Gestalt gibt, ohne die mystische Seite dieser Einheit zu vernachlässigen. Eines seiner Gespräche mit Feizollah Namdar nahm er in sein Buch »Liebeserklärung an den blauen Planeten« (1993) auf. In einem Essay desselben Werkes schreibt er mit Bezug auf dieses Gespräch mit seinem Freund Feizollah Namdar: »Wie grausam und ungerecht die heutige Welt auch sein mag, ich glaube an den Erfolg Ihrer Sache, da sie wahrlich human ist und, so denke ich, das Wesen der allgemeinmenschlichen Idee verkörpert... Darin sehe ich eine klare Bekundung des Willens zum Leben, zur allumfassenden Vereinigung der Menschen.« Drei Jahre später hatte ich das Glück, an einem erneuten ausführlichen Gespräch mit Tschingis Aitmatow über den Bahá'í-Glauben teilzunehmen. Aus inzwischen vertiefterer Kenntnis der Bahá'í-Religion meinte er, diese sei die beste, vielleicht die einzige Hoffnung der Menschheit. Man müsse alle Menschen dafür gewinnen, sich intensiv mit ihr zu beschäftigen.

»Es ist wohl kein Wunder, daß die Ideen Bahá'u'lláhs, dessen Namen der Schriftsteller zuvor nicht gehört hatte, ihn inspiriert zu haben scheinen«, meinte denn auch Aitmatows Biograph, Wladimir Korkin: »Der Einzug des Propheten ist dem Anbruch des Frühlings gleich. Es ist der Tag der Auferstehung, an dem die geistig Toten zu neuem Leben auferstehen, an dem die Wahrheit des einen und ewigen göttlichen Glaubens eine Wiedergeburt erlebt und sich wiederherstellt, an dem der neue Himmel und die neue Erde erschlossen werden. In Abwandlung eines bekannten Goethe-Zitates kann man sagen, daß, wenn dies Baháismus ist, dann sind alle wahren Dichter Bahá'í. Übrigens zeigte Tolstoi an seinem Lebensabend Interesse für die Lehre Bahá'u'lláhs und war der Meinung, daß sie viel besser als andere dem Geist der Zeit entspricht. 1908 schrieb er an Firdun Khan Badalbekow, daß die Lehre Bahá'u'lláhs ‚die höchste und reinste Form religiöser Lehre' darstellt.«

Diese Äußerungen aus der ersten Veröffentlichung der »Liebeserklärung an den blauen Planeten« (1993) veranlaßten den Bahá'í-Verlag, dessen zentrales Gespräch zwischen Tschingis Aitmatow und Feizollah Namdar über die Bahá'í-Religion hier in einer gekürzten Sonderausgabe zu veröffentlichen, ergänzt durch ein Essay von Tschingis Aitmatow und einen Beitrag von Wladimir Korkin, in dem dieser sich mit der Beziehung von Kunst und Religion und konkreter von Tschingis Aitmatow und der Bahá'í-Religion auseinandersetzt.

Es geht um eine überaus ernsthafte Frage: Steht die Menschheit in ihrer kritischsten Stunde alleine da, ohne spirituelle Führung, ohne eine geistige Orientierung, die dem einzelnen wie der menschheitlichen Gemeinschaft Ziel und Sinn zu geben vermag? Ist es denkbar, daß wir die womöglich machtvollste Quelle der Inspiration für die geistigen und sozialen Herausforderungen dieses umwälzendsten aller Zeitalter aufgrund der Stanzmuster unserer Wahrnehmungen nicht bemerkt haben? Während die Enttäuschten aller Religionen Zuflucht bei ersatzreligiösen Ideologismen suchten oder ein Leben zwischen ethischen Versatzstücken beziehungsweise ohne Werte versuchten, kam es auch von Seiten der noch mehr oder minder Religiösen nicht zu einer ernstlichen Auseinandersetzung, vergleichbar etwa der Haltung des Großinquisitors in Fjodor Dostojewskis »Die Brüder Karamasow«.

Wer sich aber ernsthaft mit der Bahá'í-Religion auseinandersetzte, die bei näherem Hinsehen in keines der zahlreichen Raster für »Religion« paßt, der war tief berührt. So sprach Mahatma Gandhi - mit Blick auf die revolutionären sozialen Ideen - von »der größten Hoffnung der Menschheit« und Khalil Gibran, der Schöpfer des unübertrefflichen Werkes »Der Prophet« - mit Blick auf die geistige Kraft dieses Glaubens: »Zum ersten Mal sah ich eine Form, edel genug, ein Gefäß des Heiligen Geistes zu sein!«

Nun ist Tschingis Aitmatow einer jener, die sich von oberflächlichen Klischees nicht ablenken lassen und das eigenständige Prüfen der blinden Ignoranz vorziehen. Mit einem Gespräch, in dem er sich selbst bewußt in die Rolle des Fragers zurücknimmt, macht er seine Faszination über das Anderssein und das Hoffnungsträchtige dieses neuen, nicht so leicht zu bestimmenden Etwas publik. Dieses Etwas mit Namen Bahá'í erschließt sich nicht, wenn wir einen oder auch eine Kombination vorhandener Begriffsinhalte anwenden. Es ist weder Religion (im traditionellen Sinne) noch sozialrevolutionäre Idee, weder Philosophie noch Lebensform, und doch alles dies, wenn wir bereit sind, diese Begriffe tiefgreifend neu zu lernen.

Viele der Lehren Bahá'u'lláhs haben Eingang gefunden in die fortschrittlichsten Bewegungen unserer Zeit, sei es die Erkenntnis der Gleichberechtigung der Geschlechter oder die Einsicht in die Unteilbarkeit der Erde, die Annahme der wechselseitigen Abhängigkeit von Kapital und Arbeit oder der schmerzvolle Lernprozeß, daß wir dringend einer globalen und verbindlichen Weltfriedensordnung bedürfen, die Aussicht auf eine gerechte Weltwirtschaftsordnung und eine dynamische Weltkultur größtmöglicher Vielfalt oder die Wahrheit, daß es nur eine ungeteilte und zugleich unendliche Wahrheit in allen Religionen geben kann. Andere Lehren Bahá'u'lláhs erschließen sich auch heute - über 100 Jahren nach deren Niederschrift - noch kaum dem Zeitgenossen an der zweiten Jahrtausendwende.

Wirklich große Impulse, wie jene von Buddha oder Jesus oder Muhammad oder Bahá'u'lláh, überdauern und überwinden die flüchtigen Zeitgeist-Wellen. Sie sind von anderer Tragkraft, weil sie aus anderer Quelle sind, wie Wladimir Korkin in seiner Begegnung mit der jüngsten dieser Quellen erkannte:

»Wer zweifelt die Worte Bahá'u'lláhs an, der lehrte, daß die Sonne der Wahrheit - ähnlich der materiellen Sonne, die über der Erde leuchtet und die natürlichen Organismen zum Wachstum und zur Entwicklung bringt - als göttliche Offenbarung über der Welt der Herzen und Seelen leuchtet und Gedanken, Sitten und Charaktere der Menschen prägt? Und ebenso, wie die Strahlen der natürlichen Sonne die Eigenschaft haben, in die finstersten Winkel der Welt vorzudringen und selbst jenen Geschöpfen, die niemals die Sonne gesehen haben, Leben und Wärme zu schenken, beeinflußt auch die Ausgießung des Heiligen Geistes über den Verkündiger Gottes alles Leben und inspiriert selbst den Verstand jener Völker, denen der Name des Propheten völlig unbekannt ist.«

Peter Spiegel

aus: http://bahaibuch.de/aitmatow.htm
Forum -> Baha'i-Religion


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