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Als im April 2007 in Malatya drei protestantische Christen von türkischen Nationalisten ermordet wurden, stand Wolfgang Häde (49) als Nächster auf der Liste der Täter. Seitdem begleitet ein Leibwächter den protestantischen Pastor aus Alheim-Heinebach in Nordhessen auf Schritt und Tritt. Das JOURNAL hat Häde in seiner Gemeinde in der Industriestadt Izmit besucht.
Von Susanne Güsten
Zum Mittagessen gehen der Pastor und sein Leibwächter gerne in eine Garküche an der Hauptstraße. Die Kassiererin im Kopftuch lächelt den beiden Stammgästen schon entgegen. Über Fleischbällchen und Gemüse spricht Wolfgang Häde ein kurzes Gebet, mit Rücksicht auf seinen Tischgenossen auf Türkisch, bevor beide Männer zur Gabel greifen. Seit neun Monaten leben der Protestant und der Polizist so zusammen. Der deutsche Missionar wird bei seiner Arbeit vom türkischen Staat geschützt.
Der Rückweg zur Kirche führt die beiden durch die engen Gassen des Cukurbag-Stadtviertels. Aus einem Frisörladen tritt der Barbier heraus, um die Männer mit Handschlag zu begrüßen. „Der hat zu Wolfgang jetzt immer einen zweiten Kunden dazu“, scherzt der Leibwächter, der hier Mehmet heißen soll, und der Barbier nickt und strahlt.
Nicht alle Nachbarn nehmen den protestantischen Pastor und seine Kirche so entspannt: Maschendraht vor den Fenstern des Gemeindehauses soll das Gebäude vor Steinen und Molotowcocktails schützen. Izmit Protestan Kilise – Protestantische Kirche Izmit – steht über dem Eingang des kleinen Gemeindehauses. Die Kirche, die einzige in der 200000 Einwohner starken Industriestadt am Marmarameer, will für sich und ihre Botschaft werben. Gleich neben dem Schriftzug ist seit den Morden von Malatya aber auch eine Sicherheitskamera angebracht.
Hädes ohnehin winzige Gemeinde ist seit dem Massaker von Malatya noch weiter geschrumpft. Von den 20 bis 30 Gemeindemitgliedern sind etliche seither weggeblieben. Ob sie sich mehr vor ultranationalistischen Mörderbanden fürchten, vor den Nachbarn oder vor dem Staat, ist schwer zu sagen, aber wahrscheinlich spielt alles mit hinein: Vom Zerfall des Osmanischen Reiches ist weiten Teilen der türkischen Gesellschaft bis heute die Wahnvorstellung geblieben, dass es sich bei den Christen im Land um die U-Boote eines feindlichen Auslands handele, die die Türkei unterwandern und zerstören wollten.
Den schwersten Stand haben dabei die Protestanten, weil sie – im Gegensatz zu den alteingesessenen orthodoxen Christen – in der Regel vom Islam übergetreten sind. „Der Abfall vom Islam wird hierzulande noch immer als Schande, als Verrat am eigenen Land empfunden“, sagt Häde. Trotzdem gibt es die kleine Gemeinde in Izmit nun schon fast zehn Jahre. Ihre Kosten bestreitet sie aus ihren Kollekten, den Lebensunterhalt des Pastors und seiner Familie finanziert Hädes Heimatkirchengemeinde in Hessen.
Der spanische Pastor, der die Kirche in Izmit als Ablegerin seiner evangelischen Gemeinde in Istanbul gründete, war es, der Wolfgang Häde vor sechs Jahren den Weg wies. Damals war Häde auf der Suche. „Gott, gib mir eine Lebensaufgabe“, betete er jahrelang. Eine Urlaubsreise in die Türkei und ein Besuch bei einer Missionarsfamilie brachten ihn auf die Spur. „Bei der Weiterreise hatte ich das Gefühl, dass Gott mich so geführt hat.“
Zurück im Gemeindehaus schaltet Wolfgang Häde den Bildschirm ein, der die Aufnahmen der Sicherheitskamera zeigt. Mehmet wacht im Foyer. Oft kommt Hädes Ehefrau Janet im Gemeindehaus vorbei. Sie ist eine treibende Kraft der Gemeinde, eine tiefgläubige Christin. Den Glauben braucht sie in diesen Tagen mehr denn je: Ihre Schwester Semse Aydin ist die Witwe von Necati Aydin, dem protestantischen Pastor von Malatya, der im Frühjahr ermordet wurde.
Auf Hädes Bildschirm geraten die grauen Schatten plötzlich in Bewegung – ein später Besucher, der fortgeschickt wird. Brandanschläge, Steine durch die Fenster, Drohbriefe und Psycho-Terror sind auch der Gemeinde in Izmit nicht fremd; mindestens ein halbes Dutzend solcher Angriffe auf die Kirche hat es in den vergangenen drei Jahren gegeben.
Nichts von alledem hatte die Christen aber auf das Grauen von Malatya vorbereiten können. Die fünf Täter hatten sich in die Gemeinde eingeschlichen, indem sie Interesse am Christentum bekundeten. Beim Bibelgesprächskreis zogen die Männer plötzlich ihre Messer und metzelten die anwesenden Christen hin. Stundenlang dauerte das Martyrium von Hädes Schwager Necati Aydin, dem türkischen Christen Ugur Yüksel und dem deutschen Gemeindemitglied Tilman Geske, bis die Mörder ihnen schließlich die Kehlen durchschnitten. Am kommenden Montag wird der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder fortgesetzt.
„Pastor Wolfgang in Izmit“, so sagten die Täter von Malatya im Polizeiverhör aus, wäre das nächste Opfer gewesen. Warum, versteht Wolfgang Häde bis heute nicht. Schließlich sind in der Türkei mehrere hundert evangelistische Christen aus aller Welt im Einsatz; die meisten kommen aus Amerika und Südkorea. Manche haben größere Gemeinden als Wolfgang Häde, aber nennenswerten Erfolg haben sie in der Türkei alle nicht: In der Bevölkerung von 70 Millionen Menschen gibt es kaum mehr als 2500 türkische Protestanten.
Trotzdem beschwören Nationalisten bis hinauf ins Parlament die Gefahr für die Nation, die von den Missionaren ausgehe. Die Behörden prüfen bei Arbeitsgenehmigungen für Ausländer routinemäßig, ob es sich bei den Antragstellern um „Missionare, Spione oder Prostituierte“ handelt – obwohl die Missionarstätigkeit in der Türkei nicht verboten ist. Auf der Straße wird von aufgewiegelten Jugendlichen entsprechend gehandelt: So meinte auch der 16-Jährige, der letztes Jahr in Trabzon den katholischen Priester Andrea Santoro ermordete, einen Missionar vor sich zu haben. In Izmit verhaftete die Polizei im vergangenen Sommer eine Bande, die ein Attentat auf Häde vorbereitet haben soll.
Auf Schritt und Tritt wird der deutsche Pastor deshalb von Mehmet begleitet, dem Personenschützer. Die Angst kann aber auch der nicht völlig vertreiben, räumt Häde ein. „Ich bin nicht besonders heldenhaft und habe manchmal auch Angst.“ Izmit zu verlassen, kommt für ihn trotzdem nicht in Frage: Wenn er türkische Gemeindemitglieder ermutige, zu Jesus Christus zu stehen, „dann kann ich als Pastor nicht einfach abhauen. Solange ich weiß, dass Gott mich hier hingestellt hat, werde ich hier bleiben.“
Quelle: http://www.kn-online.de/artikel/2285849
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Hallo Pax,
schön von dir zu hören.
Ich habe den Bericht auch in einem anderen Forum gelesen.
Finde ich wirklich mutig, dass er da bleibt.
Traurig finde ich, dass man als sowas einen Bodyguard braucht! wegen den gefährlichen Islamisten.
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Naja, Mut oder einfach nur Dummheit ?
Führen wir uns das Ganze mal vor Augen:
Der Herr Pastor Häde geht in einer der wirtschaftlich wirklich schwächsten Städte der Türkei, wo übrigens so gut wie keine einzige Frau ohne Kopftuch herumläuft und wo wirklich jeder die ultra-nationalistische Partei MHP wählt.
Dann wird er auf völlig absehbarerweise mit Attentaten und Morddrohungen von lokalen Kriminellen konfrontiert und sieht dann darin eine Berufung von Gott weiterhin zu bleiben !
Ich hoffe ich bin nicht der einzige hier, der darin einen klaren Denkfehler sieht.
Er selber begibt sich in eine Situation, die klar von vornhinein absehbar war und möchte jetzt Mut und Standfestigkeit in seinem Glauben zeigen.
Vorallem ist er selber Evangelikal und glaubt daran, dass alle Menschen ausser er selbst seelisch verloren sind und mit solch einer Prämisse begibt er sich in eine Stadt, wo jeder fünfmal so fanatisch denkt wie er selber.
Es tut mir wirklich im Herzen weh, wie fanatisch die Menschen in Malatya sind und wie dumm und naiv diese evangelikalen Missionare sein können.
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| Ich finde es auch eher dumm, sich wissentlich in Gefahr zu begeben und dann das ganze noch als heldenhaft darzustellen ist schon absurd. Mir KKK-Uniform durch New Orleans zu gehen ist dann wohl ebenso mutig. Jaja ich weiß, ich darf einen Pastor nicht mir einem KKK vergleichen....
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| Leer, das machen Evangelikale leider sehr oft. Ein Kumpel von mir, ein Ex-Evangelikaler, meinte so letztens seine ältere Schwester werde sich demnächst für Missionierungsjahre in den Sudan, Chad und Kongo begeben. Das sind halt die "aufgeklärtesten" Länder der Welt.
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