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Religion und Wissenschaft












Auszug aus dem Buch "Baha'u'llah und das Neue Zeitalter, John E. Esslemont, erschienen im Baha'i Verlag.

Zitat:
„Ali, der Schwiegersohn Muhammads, sagte: ‘Was mit der Wissenschaft übereinstimmt, ist auch mit der Religion in Einklang’. Was immer die Intelligenz des Menschen nicht zu begreifen vermag, sollte auch von der Religion nicht angenommen werden. Die Religion geht mit der Wissenschaft Hand in Hand, und jede Religion, die der Wissenschaft widerspricht, ist nicht die Wahrheit.“ Abdu’l Baha
Streit kommt aus Irrtum

Es ist eine der grundlegenden Lehren von Baha'u'llah, daß wahre Wissenschaft und wahre Religion immer miteinander in Einklang stehen müssen. Die Wahrheit ist eine. Wenn aber ein Streit aufkommt, so rührt dieser nicht von der Wahrheit, sondern vom Irrtum her. Zwischen sogenannter Wissenschaft und sogenannter Religion gab es zu allen Zeiten heftige Streitigkeiten. Blickt man auf diese aber im Lichte wirklicher Wahrheit zurück, so können wir sie jederzeit auf Unwissenheit, Vorurteil, Eitelkeit, Gier, Engherzigkeit, Unduldsamkeit, Eigensinn und dergleichen zurückführen - alles dem wahren Geist sowohl der Religion als der Wissenschaft fremd, denn beider Geist ist einer. so sagt uns Huxley: „Die großen Taten der Philosophen waren nicht so sehr Früchte ihres Verstandes, als vielmehr der Leitung dieses Verstandes durch eine hervorragend religiöse Haltung des Geistes. Die Wahrheit trat mehr durch ihre Geduld, ihre Liebe, ihre Herzenseinfachheit und ihre Selbstverleugnung zu Tage als durch ihren logischen Scharfsinn.“ Der Mathematiker Boole versichert uns, daß „geometrische Folgerung im wesentlichen ein Vorgang des Gebets ist, ein Ruf des endlichen Geistes an das Unendliche um Licht über endliche Begriffe“. Von den großen Propheten der Religion und der Wissenschaft klagte niemals einer den andern an. Es sind die unwürdigen Anhänger dieser großen Weltlehrer gewesen, Anbeter des Buchstabens und nicht des Geistes ihrer Lehre, welche immer die Verfolger der nachherigen Offenbarer und die bittersten Gegner des Fortschritts waren. Sie haben das Licht der besonderen Offenbarung, die sie heilig hielten, studiert, und haben ihre Eigentümlichkeiten und Besonderheiten, wie sie es mit ihrem begrenzten Gesicht sehen können, mit der äußersten Sorgfalt und Genauigkeit festgestellt. Dies bedeutet dann für sie das einzig wahre Licht. Wenn Gott in seiner unendlichen Güte ein vollkommeneres Licht aus einer andern Himmelsrichtung sendet, und die Fackel der Eingebung aus einem neuen Leuchter heller brennt als bisher, so werden sie ärgerlich und beunruhigt, anstatt das neue Licht zu bewillkommnen und den Vater alles Lichts in neuer Dankbarkeit anzubeten. Dieses neue Licht stimmt nicht mit ihren Begriffsbestimmungen überein. Es hat keine rechtgläubige Färbung und leuchtet nicht aus einem rechtgläubigen Ort. Deshalb muß es um jeden Preis ausgelöscht werden, damit es die Menschen nicht irreführe auf den Weg der Ketzerei! Viele Feinde der Propheten sind von solcher Art, blinde Führer der Blinden, welche sich der neuen und vollkommeneren Wahrheit widersetzen, im vermeintlichen Interesse dessen, was sie für die Wahrheit halten. Andere sind unedler und lassen sich von eigensüchtigen Vorurteilen verführen, gegen die Wahrheit zu kämpfen, oder sie verstellen durch ihre geistige Leblosigkeit und Trägheit den Weg zum Fortschritt.
Verfolgung der Offenbarer

Die großen Offenbarer der Religionen wurden immer bei Ihrem Kommen von den Menschen verachtet und verworfen. sie sowohl wie Ihre ersten Jünger haben ihre Rücken den Geißelknechten ausgesetzt und ihre Besitztümer und ihr Leben auf dem Pfade Gottes geopfert. Dies geschah wieder in unserer Zeit. Seit 1844 wurden in Persien viele tausend Babi und Baha'i für ihren Glauben grausam gemordet, und noch viele mehr aus ihrer Schar ertrugen Gefangenschaft, Verbannung, Armut und Entehrung. Die letzte der großen Religionen wurde mehr mit „Blut getauft“ als ihre Vorgängerinnen, und dieses Märtyrertum dauert bis zur Gegenwart an.

Mit den Propheten der Wissenschaft ereignete sich dasselbe. Giordano Bruno wurde im Jahre 1600 n.Chr. als Ketzer verbrannt, weil er unter anderem lehrte, daß die Erde sich um die Sonne drehe. Der alte Philosoph Galilei mußte einige Jahre später, um demselben Schicksale zu entgehen, auf den Knien derselben Lehre abschwören. Später wurden Darwin und die Pioniere der modernen Geologie heftig angegriffen, weil sie mutig der Lehre der Heiligen Schrift widerstritten, die Welt sei vor weniger als 6000 Jahren in sechs Tagen erschaffen worden. Der Widerstand gegen eine neue wissenschaftliche Wahrheit trat aber nicht allein von der Kirche aus auf. Die rechtgläubigen Wissenschaftler sind dem Fortschritt gerade so feindlich gesinnt gewesen wie die rechtgläubig Religiösen. Kolumbus wurde von den sogenannten Gelehrten seiner Zeit verlacht und verspottet, die zu ihrer eigenen Genugtuung bewiesen, daß, wenn es Schiffen gelingen sollte, bis zu unseren Antipoden auf der andern Seite der Erdkugel zu fahren, es ihnen unbedingt unmöglich sei, wieder zurückzufahren. Galvani, der Schrittmacher der Wissenschaft die Elektrizität, wurde von seinen gelehrten Amtsgenossen verlacht und der „Froschtanzlehrer“ genannt. Harvey, der den Kreislauf des Blutes entdeckte, wurde von seinen Berufsgenossen wegen seiner Ketzerei lächerlich gemacht, verfolgt und von seinem Lehrstuhl abgesetzt. Als Stephenson seine Lokomotive erfand, verharrten europäische Mathematiker seiner Zeit jahrelang dabei, zu ihrer Genugtuung zu beweisen, daß eine Maschine auf glatten Schienen niemals eine Last ziehen könne, da die Räder sich einfach rundherum drehen und der Zug nicht vorwärts zu bewegen sein werde, statt ihre Augen zu öffnen und die Tatsachen festzustellen. Solche Beispiele könnte man in unbeschränkter Zahl aus der alten und neuen Geschichte und selbst aus der gegenwärtigen Zeit anführen. Dr. Zamenhof, der Erfinder des Esperanto, mußte für seine wundervolle Welthilfssprache gegen denselben Spott, dieselbe Verachtung und verständnislose Gegnerschaft ankämpfen, die Kolumbus, Galvani und Stephenson entgegentraten. Selbst Esperanto, das der Welt erst vor so kurzer Zeit im Jahre 1887 geschenkt wurde, hat seine Märtyrer gehabt.
Das Dämmern der Aussöhnung

Während des letzten halben Jahrhunderts trat jedoch eine Änderung im Geiste des Zeitalters zu Tage, ein neues Licht der Wahrheit war aufgegangen, das die Streitfragen des letzten Jahrhunderts als sonderbar rückständig erscheinen ließ. Wo sind die Priester, die alle, die ihre Glaubensformeln nicht annahmen, so dreist für das Feuer der Hölle und die Qualen der Verdammnis bestimmten? Der Widerhall ihres Geschreis ist noch hörbar, aber ihre Zeit ist zu Ende und ihre Lehren geraten in Verruf. Heute können wir sehen, daß die Lehren, um die sich die Streitfragen am schärfsten drehten, weder echte Wissenschaft noch echte Religion waren. Welcher Gelehrte dürfte im Lichte der modernen Seelenforschung noch behaupten, daß „das Gehirn den Gedanken ausscheidet, so wie die Leber die Galle absondert“? oder daß der Verfall des Körpers notwendigerweise begleitet wird vom Verfall der Seele? Wir sehen jetzt, daß der Gedanke, um wahrhaft frei zu sein, sich zu den Reichen der seelischen und geistigen Erscheinungen erheben muß und sich nicht nur auf das Stoffliche beschränken darf. Wir verstehen, daß das, was wir von der Natur jetzt wissen, gleichsam nur ein Tropfen im Ozean ist demgegenüber, was der Entdeckung noch harrt. Wir geben deshalb gerne die Möglichkeit von Wundern zu, aber freilich nicht in dem Sinn, daß sie die Naturgesetze brechen, sondern als Offenbarungen der Wirkung feinster Kräfte, die uns noch unbekannt sind, wie es die Elektrizität und die Röntgenstrahlen unsern Vorfahren waren. Welcher von unseren führenden Religionslehrern würde andererseits noch behaupten, daß man, um erlöst zu werden, glauben müsse, die Welt sei in sechs Tagen erschaffen worden, oder die Beschreibung der Plagen in Ägypten, die im zweiten Buch Mose verzeichnet sind, sei wörtlich wahr, oder daß die Sonne stillestand am Himmel (d.h., daß die Erde aufhörte sich zu drehen), damit Josua seine Feinde verfolgen konnte? oder daß, wenn man das Glaubensbekenntnis des heiligen Athanasius nicht annimmt, man „ohne Zweifel in Ewigkeit verdammt“ sei? Solche Glaubenssätze mögen noch der Form wegen wiederholt werden, aber wer nimmt sie in ihrem wörtlichen Sinn und ohne Vorbehalt hin? Sie hörten schon lange auf oder werden bald aufhören, der Menschen Herz und Verstand zu beschäftigen. Die religiöse Welt schuldet den Männern der Wissenschaft großen Dank, die solche abgenutzten Glaubenssätze und Dogmen zunichte machen, und die der Wahrheit zum Siege verhelfen. Die wissenschaftliche Welt aber schuldet einen noch größeren Dank den wahren Heiligen und Mystikern, die sich in guten und bösen Tagen an die Lebenswahrheiten geistiger Erfahrung hielten und einer ungläubigen Welt bewiesen, daß das Leben mehr fordert als Nahrung, und daß das Unsichtbare größer ist als das sichtbare. Diese Gelehrten und Heiligen glichen Bergesgipfeln, die die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne auffingen und sie widerspiegelten auf die tiefer liegende Welt. Jetzt aber ist die Sonne aufgegangen und ihre Strahlen erhellen die Welt. In den Lehren von Baha'u'llah besitzen wir eine herrliche Offenbarung der Wahrheit, die Herz wie Verstand befriedigt, in der Religion und Wissenschaft eins sind.
Forschen nach Wahrheit

Völlige Übereinstimmung mit der Wissenschaft ist in der Baha'i-Lehre bezüglich des Weges, auf dem wir die Wahrheit zu suchen haben, selbstverständlich. Der Mensch muß sich frei machen von allen Vorurteilen, so daß er unbehindert nach Wahrheit forschen kann.

Abdu'l-Baha sagt:

„Um die Wahrheit zu finden, müssen wir von unseren Vorurteilen, unseren eigenen kleinlichen, alltäglichen Vorstellungen lassen; ein offener, empfänglicher Sinn ist nötig. Wenn unser Kelch vom Ich erfüllt ist, so ist in ihm kein Raum mehr für das Wasser des Lebens. Die Tatsache, daß wir meinen, selber im Recht zu sein, und jeden anderen für im Unrecht halten, ist das größte aller Hindernisse auf dem Weg zur Einheit, und Einheit ist nötig, wenn wir zur Wahrheit kommen wollen, denn die Wahrheit ist nur eine ... Keine Wahrheit kann einer anderen Wahrheit widersprechen. Das Licht ist gut, in welcher Lampe es auch brennen mag, eine Rose schön, in welchem Garten sie auch blühen mag. Ein Stern hat den gleichen Glanz, ob er aus dem Osten oder aus dem Westen scheint. Seid vorurteilsfrei, so werdet ihr die Sonne der Wahrheit lieben, an welchem Punkte des Horizontes sie auch aufgeht! Ihr werdet erkennen, daß das göttliche Licht der Wahrheit, wenn es in Jesus Christus schien, dann auch in Moses und in Buddha leuchtete. Der ernsthaft Suchende wird zu dieser Wahrheit finden ... Sie bedeutet auch, daß wir gewillt sein müssen, alles beiseite zu legen, was wir früher gelernt haben und was unsere Schritte auf dem Weg zur Wahrheit hindern könnte. Wir dürfen nicht davor zurückschrecken, nötigenfalls unsere Erziehung von vorne zu beginnen. Wir dürfen unser Auge nicht durch die Liebe zu irgendeiner Religion oder Person derartig blenden lassen, daß uns der Aberglaube in Fesseln schlägt. Wenn wir uns von allen diesen Banden lösen und mit ungebundenen Sinnen suchen, so werden wir auch fähig sein, ans Ziel zu gelangen.“
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