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Religion und Wissenschaft












Wahrer Agnostizismus

Die Baha'i-Lehre stimmt mit Wissenschaft und Philosophie in der Erklärung überein, daß die Wesenheit Gottes völlig außerhalb des menschlichen Fassungsvermögens steht. So nachdrücklich, wie Thomas Huxley und Herbert Spencer lehren, daß das Wesen der „großen ersten Ursache“ unerkennbar ist, lehrt Baha'u'llah: „Gott umfaßt alles. Er kann nicht umfaßt werden.“ Zur Erkenntnis der göttlichen Wesenheit ist „der Weg versperrt und die Straße unbegehbar.“ Denn wie kann das Endliche das Unendliche begreifen? Wie kann ein Tropfen den Ozean enthalten oder ein im Sonnenschein tanzendes Stäubchen das Weltall umfassen? Und dennoch spricht das ganze Weltall von Gott. In jedem Wassertropfen sind Weltmeere von Bedeutung verborgen, und in jedem Sonnenstäubchen ist ein ganzes Weltall von Bedeutsamkeiten eingeschlossen, weit über den Gesichtskreis des gelehrtesten Wissenschaftlers reichend. Der Chemiker und der Physiker sind in Verfolg ihrer Forschungen nach der Natur der Dinge fortgeschritten von der Masse zu den Molekülen, von den Molekülen zu den Atomen, von den Atomen zu den Elektronen und zum Äther, aber mit jedem Schritt wachsen die Schwierigkeiten der Forschung, bis auch der tiefgründigste Verstand nicht weiter vordringen kann und sich in stiller Ehrfurcht beugen muß vor dem unbekannten Unendlichen, das immer in unerforschliches Geheimnis gehüllt bleiben wird.

„Blume in der rissigen Mauer,
ich pflücke dich aus dem Spalt.
Ich halte dich hier, Wurzel und alles, in meiner Hand,
kleine Blume ; doch wenn ich verstehen könnte,
was du bist, Wurzel und alles, alles in allem,
so würde ich wissen, was Gott und der Mensch ist.“
(Tennyson)

Wenn die Blume in der rissigen Mauer, wenn selbst ein einziges Atom des Stoffes Geheimnisse zeigen, die der tiefgründigste Verstand nicht zu lösen vermag, wie ist es dann für den Menschen möglich, das Weltall zu begreifen? Wie darf er sich erdreisten, die unendliche Ursache aller Dinge zu bestimmen oder zu beschreiben? Alle theologischen Spekulationen über die Natur von Gottes Wesen werden auf diese Weise als töricht und nichtig abgetan.
Gotteserkenntnis

Wenn auch das Wesen Gottes nicht erkennbar ist, so sind doch die Offenbarungen seiner Güte allüberall zu finden. Wenn die erste Ursache auch nicht begriffen werden kann, so werden doch Ihre Wirkungen allen unseren Sinnen klar. Gerade wie die Kenntnis des Gemäldes eines Malers dem Kenner einen wahren Begriff von dem Künstler gibt, so ist die Kenntnis des Weltalls von jedem Gesichtspunkte aus Erkenntnis über die Natur oder über die menschliche Natur, über sichtbare oder unsichtbare Dinge, Erkenntnis von Gottes Werk, und sie übermittelt dem Sucher nach göttlicher Wahrheit wirkliches Erkennen seiner Herrlichkeit.

„Die Himmel erzählen die Ehre Gottes;
und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.
Ein Tag sagt's dem andern
und eine Nacht tut's kund der andern.“
Psalm 19:1-2

Die göttlichen Manifestationen

Alle Dinge tun die Gnade Gottes kund mit größerer oder geringerer Klarheit, wie alle dem Sonnenlicht ausgesetzten gegenständlichen Dinge dieses Licht in größerem oder geringerem Grade widerstrahlen. Ruß gibt eine ganz geringe Widerspiegelung, ein Stein schon etwas mehr, ein Stück Kreide noch mehr, aber bei keiner dieser Widerstrahlungen können wir die Form und die Farbe der herrlichen Sonne finden. Ein vollkommener Spiegel dagegen strahlt die wahre Form und Farbe der Sonne derart wider, daß ein Blick in ihn einem Blick in die Sonne selbst gleichkommt. In gleicher Weise reden die Dinge zu uns von Gott. Der Stein kann uns etwas über die göttlichen Eigenschaften sagen, die Blume etwas mehr, und das Tier mit seinen wunderbaren Sinnen, Instinkten und seiner Bewegungsfähigkeit noch mehr. Im geringsten unserer Mitmenschen können wir wundervolle Fähigkeiten entdecken, die uns von einem herrlichen Schöpfer künden. Im Dichter, im Heiligen, im Genie finden wir eine noch höhere Offenbarung, aber die großen Offenbarer und Religionsstifter sind die vollkommenen Spiegel, durch welche die Liebe und Weisheit Gottes auf die übrige Menschheit widergespiegelt werden. Die Spiegel der andern Menschen sind durch die Flecken und den Staub der Selbstsucht und der Vorurteile getrübt, aber jene sind rein und ohne Makel, völlig ergeben dem Willen Gottes. So werden sie die größten Erzieher der Menschheit. Die göttlichen Lehren und die Macht des Heiligen Geistes, der durch sie spricht, waren und sind die Ursache des Fortschritts der Menschheit, denn Gott hilft den Menschen durch andere Menschen. Jeder Mensch, der auf der Stufenleiter des Lebens höher steht, ist eine Hilfe für die, die niedriger stehen, und die am höchsten über allen Stehenden sind die Helfer für alle Menschen. Es ist, als ob alle Menschen durch dehnbare Bänder miteinander verbunden wären. Wenn ein Mensch sich nur ein wenig über den allgemeinen Stand seiner Mitmenschen erhebt, straffen sich die Bänder. Seine alten Gefährten sind bestrebt, ihn zurückzuziehen, aber mit gleicher Kraft zieht er sie aufwärts. Je höher er steigt, desto mehr fühlt er das Gewicht der ganzen Welt, die ihn zurückzieht, und desto mehr ist er auf die göttliche Hilfe angewiesen, die ihm von wenigen noch höher stehenden zukommt. Am höchsten von allen stehen die großen Offenbarer und Erlöser, die göttlichen „Manifestationen“, jene vollkommenen Menschen, die in Ihrer Zeit alle einsam, ohne einen Gleichgestellten oder Gefährten waren und die Last der ganzen Welt trugen, allein von Gott gestützt ... „Die Last unserer Sünden lag auf Ihm“, traf auf jeden von Ihnen zu.- Jeder war „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ für seine Anhänger. Jeder war der Kanal der Gnade Gottes für jedes Herz, das sich nach ihr sehnte. Jeder hatte seinen Teil zu erfüllen in dem großen göttlichen Plan zur Hebung der Menschheit.
Schöpfung

Baha'u'llah lehrt, daß das Weltall keinen zeitlichen Anfang hat. Es ist ein fortwährendes Entströmen aus der großen ersten Ursache. Der Schöpfer hatte immer Seine Schöpfung und wird sie immer haben. Welten und Weltensysteme mögen kommen und vergehen, aber das Weltall bleibt bestehen. Alle Dinge, die eine Verbindung eingegangen sind, unterziehen sich im Laufe der Zeit auch einmal der Trennung, jedoch die Elemente, welche die Zusammensetzung bilden, bleiben bestehen. Die Erschaffung einer Welt, einer Blume oder eines menschlichen Körpers ist nicht „ein Erschaffen aus Nichts“, sie ist vielmehr ein Zusammenfügen von Elementen, die vorher getrennt waren, ein Sichtbarmachen von etwas, das zuvor verborgen war. Nach und nach mögen die Elemente getrennt werden, die Form mag verschwinden, aber nichts ist wirklich verloren oder vernichtet. Immer neue Verbindungen und Formen werden aus den Trümmern des Alten hervorgehen. Baha'u'llah bestätigt die Gelehrten, die nicht sechstausend, sondern Millionen und Milliarden von Jahren für die Geschichte der Erschaffung der Erde annehmen. Die Theorie der Evolution (Entwicklung) verneint keineswegs eine schöpferische Macht, sie bemüht sich nur, die Art und Weise ihrer Sichtbarwerdung zu beschreiben, und die wundersame Geschichte des materiellen Weltalls, die der Astronom, der Geologe, der Physiker und der Biologe nach und nach vor uns ausbreiten, ist, wenn richtig bewertet, bei weitem fähiger, die tiefste Anbetung und Verehrung wachzurufen, als es die dürftige und primitive Schilderung der Schöpfung vermag, wie sie die hebräischen Schriften wiedergeben. Die älteste Kunde im ersten Buche Moses hat jedoch den Vorzug, in wenigen kühnen sinnbildlichen Strichen die wesentliche geistige Bedeutung der Geschichte aufzuzeichnen, wie ein meisterhafter Maler, der mit wenigen Pinselstrichen Gesichtszüge hinwirft, die der Stümper in angestrengtester Bemühung um die Einzelheiten ganz unmöglich wiedergeben kann. Wenn die materiellen Einzelheiten uns für die geistige Bedeutung blind machen, so wären wir besser ohne sie, aber wenn wir die wesentliche Bedeutung des ganzen Plans einmal fest erfaßt haben, dann wird die Kenntnis von den Einzelheiten unserem Verständnis einen weit höheren Reichtum und Glanz verleihen und wird uns statt eines einfachen Entwurfs ein herrliches vollendetes Bild zeigen.

Abdu'l-Baha sagt:

„Wisse, daß es eine der am schwierigsten zu verstehenden geistigen Wahrheiten ist, daß die Welt des Daseins, das heißt dieses unendliche Weltall, keinen Anfang hat ... Wisse, daß ... ein Schöpfer ohne ein Geschöpf unmöglich wäre und ein Versorger ohne Versorgte nicht ausgedacht werden könnte; denn alle göttlichen Namen und Eigenschaften setzen das Dasein von Geschöpfen voraus. Sich eine Zeit vorzustellen, in der es überhaupt keine Geschöpfe gegeben habe, hieße die Göttlichkeit Gottes leugnen. Überdies kann völliges Nichtsein nicht zum Dasein werden. Wenn die Geschöpfe überhaupt nicht existiert hätten, wäre Dasein nicht ins Leben getreten. Weil nun das innerste Wesen der Einheit, das göttliche Sein, von aller Ewigkeit her besteht und immerwährend ist, das heißt weder Anfang noch Ende hat, darum hat sicherlich diese Welt des Daseins, dieses unendliche Weltall, weder Anfang noch Ende. Es mag wohl sein, daß ein Teil des Weltalls, zum Beispiel einer der Himmelskörper, ins Dasein tritt oder verfällt, aber die anderen, unendlich vielen Himmelskörper bestehen weiter ... Da das einzelne Gestirn einen Anfang hat, muß es auch ein Ende haben, denn jede Zusammensetzung, im verband oder im einzelnen, muß notwendigerweise aufgelöst werden; der einzige Unterschied ist, daß einige schnell und andere langsamer aufgelöst werden, aber es ist unmöglich, daß etwas Zusammengesetztes sich schließlich nicht auflöst.“
Die Entwicklung der Menschen

Baha'u'llah bestätigt auch den Biologen, der für den menschlichen Körper eine Geschichte entdeckt, die Jahrmillionen in der Entwicklung der Arten zurückreicht. Ausgehend von einer ganz einfachen, augenscheinlich unbedeutenden Form, wird der menschliche Körper beschrieben, wie er im Verlauf von ungezählten Generationen sich Stufe für Stufe empor entwickelt, wie er immer vielgestaltiger wird, sich besser und besser organisiert, bis der Mensch des heutigen Tages erreicht ist. Jeder einzelne menschliche Körper entwickelt sich durch solch eine Reihe von Stufen, vom winzigen Keim aus gallertartiger Masse bis zum voll entwickelten Menschen. Wenn dies auf das Einzelwesen zutrifft, was niemand leugnet, warum nimmt man dann an, daß es unter der menschlichen Würde sei, eine ähnliche Entwicklung seiner Art zuzugestehen? Dies ist doch sehr verschieden von der Behauptung, daß der Mensch vom Affen abstamme. Der menschliche Embryo mag in einem gewissen Stadium einem Fisch mit Kiemen und Schwanz ähnlich sehen und ist dennoch kein Fisch. Er ist ein menschlicher Embryo. So mag die menschliche Art in den verschiedenen Stufen ihrer langen Entwicklung äußerlich dem Auge wie verschiedene Arten von niederem Getier erschienen sein, und doch war es immer die menschliche Art, im Besitz der geheimnisvoll verborgenen Kraft der Entwicklung zum Menschen, wie wir ihn heute sehen, mehr noch, der künftigen Entwicklung zu noch weit Höherem, wie wir fest vertrauen.
Abdu'l-Baha sagt:

„Diese Erdkugel aber, das ist klar, hat ihre jetzige Gestalt nicht auf einmal angenommen, sondern dieses umfassende Dasein hat allmählich verschiedene Phasen durchwandert, bis es die heutige Vollendung erreicht hat ... Der Mensch zu Beginn seines Daseins und im Schoß der Erde - ähnlich dem Embryo im Mutterschoß - wuchs (allmählich) und entwickelte (sich), (schritt) von einer Form zur anderen, bis er in höchster Schönheit und Vollendung erschien. Es ist gewiß, daß er im Anfang nicht diese Anmut, Lieblichkeit und Feinheit hatte, sondern nur schrittweise diese Gestalt, diese Form, diese Schönheit und Anmut erlangte ... Ebenso währt das menschliche Dasein auf dieser Erde von Anbeginn, bis es die heutige Verfassung, Gestalt und Stufe erreicht, notwendigerweise eine lange Zeit und schreitet durch viele Seinsweisen, bis es diese Erscheinungsform erreicht. Aber von allem Anfang seines Daseins an ist der Mensch eine besondere Art ... Wenn wir auch zugeben, daß Spuren verschwundener Organe wirklich vorhanden sind, so ist dies noch kein Beweis gegen die Beständigkeit und Ursprünglichkeit der Arten. Es beweist höchstens, daß Form, Gestalt und Organe des Menschen Fortschritte gemacht haben. Der Mensch war immer eine besondere Art, kein Tier, sondern ein Mensch.“

Über die Geschichte von Adam und Eva sagt Er:

„Wenn wir diese Geschichte nach der äußeren Bedeutung ihrer Worte nehmen, wie es allgemein üblich ist, klingt sie höchst seltsam. Der Verstand kann sie nicht annehmen, bestätigen oder sich vorstellen; denn solche Geschehnisse, Einzelheiten, Gespräche und Vorwürfe stehen vernünftigen Menschen fern, um wieviel mehr Gott, der dieses unendliche Weltall in der vollkommensten Gestalt und seine unzähligen Bewohner mit unübertrefflicher Ordnung, Kraft und Vollendung eingerichtet hat ... Diese Geschichte von Adam und Eva, die vom Baum der Erkenntnis aßen, und von ihrer Vertreibung aus dem Paradies, muß deshalb einfach als Gleichnis verstanden werden. Sie enthält göttliche Geheimnisse und umfassende Bedeutungen und steht wunderbaren Erklärungen offen.“
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