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Mashriqu'l-Adhkar (Haus der Andacht)
Baha'u'llah hinterließ Anweisungen, daß Tempel zur Gottesverehrung von seinen Anhängern in jedem Land und in jeder Stadt gebaut werden sollten. Diesen Tempeln gab er den Namen „Mashriqu'l-Adhkar“, was „Dämmerungsort von Gottes Lobpreis“ bedeutet. Der Mashriqu'l-Adhkar soll ein neunseitiger Bau sein, überragt von einer Kuppel, und so herrlich wie möglich in Entwurf und Ausführung. Er soll in einem großen Garten stehen, der geschmückt ist mit Brunnen, Bäumen und Blumen, und umgeben sein von einer Anzahl ergänzender Bauten, die erzieherischen, wohltätigen und sozialen Zwecke dienen, damit die Anbetung Gottes im Tempel immer innig verbunden sein möge mit andächtiger Freude an den Schönheiten der Natur und der Kunst und mit praktischer Arbeit für die Verbesserung der sozialen Zustände.
In Persien war den Baha'i bisher der Bau von Tempeln zur Öffentlichen Andacht verwehrt, und so wurde der erste große Mashriqu'l-Adhkar in 'Ishqabad, Rußland (Turkmenistan), gebaut. Zum zweiten Baha'i-Haus der Andacht legte Abdu'l-Baha während seines Besuches in Amerika 1912 den Grundstein am Michigansee, wenige Meilen nördlich von Chicago.
In verschiedenen Tablets schreibt Abdu'l-Baha bezüglich dieses „Muttertempels“ des Westens folgendes:
„Preis sei Gott, daß augenblicklich aus jedem Land der Welt im Verhältnis zu den unterschiedlichen Mitteln unausgesetzt Beiträge gesandt werden zum Baufonds des Mashriqu'l-Adhkar in Amerika ... seit den Tagen Adams bis heute ist so etwas unter den Menschen nicht vorgekommen, daß vom fernsten Lande Asiens Beiträge nach Amerika gehen. Dies geschieht durch die Macht des Bündnisses Gottes. Wahrlich, für die Menschen, die nachdenken, ist dies eine staunenswerte Sache. Hoffentlich zeigen die Gläubigen Gottes Großherzigkeit und bringen eine große Summe für den Bau auf ... Ich wünsche, daß es jedermann überlassen bleibe, frei zu handeln, wie er will. Wenn jemand sein Geld zu anderen Zwecken verwenden will, so laßt ihn dies tun. Mengt euch nicht in irgendeiner Weise darein, aber seid versichert, daß das Wichtigste in dieser Zeit der Bau des Mashriq'l-Adhkar ist.“
„Das Mysterium des Baus ist groß und kann jetzt noch nicht enthüllt werden, aber seine Errichtung ist das wichtigste Werk dieses Tages. Der Mashriqu'l-Adhkar hat wichtige Ergänzungsgebäude, welche bei der Gründung schon mit in Rechnung gezogen werden. Dies sind: ein Waisenhaus, ein Krankenhaus und eine Apotheke für die Armen, ein Heim für die Arbeitsunfähigen, eine Hochschule für höhere wissenschaftliche Bildung und ein Fremdenheim. In jeder Stadt muß nach diesem Befehl ein großer Mashriqu'l-Adhkar gegründet werden. Im Mashriqu'l-Adhkar werden jeden Morgen Gottesdienste gehalten. Eine Orgel wird im Mashriqu'l-Adhkar nicht sein. In den Nebenbauten werden Feste, Gottesdienste, Zusammenkünfte, öffentliche Versammlungen und geistige Versammlungen gehalten werden, aber im Tempel werden Lied und Gesang unbegleitet sein. Öffnet die Tore des Tempels allen Menschen.“
„Wenn diese Einrichtungen, Hochschule, Hospital, Fremdenheim und Krankenhaus für Unheilbare, Universität zum Studium höherer Wissenschaften und zur Fortbildung und andere der Menschheit dienende Bauten, erstellt sein werden, so werden die Tore allen Nationen und Religionen offen stehen. Es wird durchaus keine Trennungslinie gezogen werden. Ihre Wohltaten werden ungeachtet der Farbe oder Rasse erwiesen werden. Ihre Tore werden dem Menschengeschlecht weit offen stehen. Vorurteile gegen niemanden, Liebe für alle. Der Hauptbau wird Gebet und Andacht geweiht sein. Auf diese Weise ... wird Religion mit Wissenschaft in Einklang gebracht und die Wissenschaft zur Dienerin der Religion werden, und beide werden ihre materiellen und geistigen Gaben auf die ganze Menschheit strömen lassen.“
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Leben nach dem Tod
Baha'u'llah sagt uns, daß das Leben im Körper nichts anderes ist als ein embryonaler Zustand unseres Daseins, und daß das Entrinnen aus dem Körper einer neuen Geburt zu vergleichen ist, durch die der menschliche Geist in ein volleres, freieres Leben eintritt. Er schreibt:
„Wisse, daß die Seele nach der Trennung vom Leibe weiter fortschreitet, bis sie die Gegenwart Gottes in einer Beschaffenheit und Daseinsstufe erreicht, die weder der Umbruch der Zeiten und Jahrhunderte noch die Glücks- und Wechselfälle dieser Welt ändern können! Sie wird solange bestehen wie das Reich Gottes, seine Herrschaft, Hoheit und Macht. Sie wird die Zeichen und Eigenschaften Gottes offenbaren und seine liebende Güte und Huld enthüllen. Meine Feder stockt, wenn sie die Höhe und Herrlichkeit einer so erhabenen Stufe gebührend zu beschreiben sucht. Mit solcher Ehre wird die allgnädige Hand die Seele bekleiden, daß sie keine Zunge gebührend schildern noch ein anderes irdisches Mittel beschreiben kann. Gesegnet die Seele, die bei ihrer Trennung vom Leibe über den leeren Wahn der Weltmenschen geheiligt ist! Eine solche Seele lebt und wirkt im Einklang mit dem Willen ihres Schöpfers und geht in das höchste Paradies ein. Die Himmelsdienerinnen, Bewohnerinnen der erhabensten Stätten, werden sich um sie scharen und die Offenbarer und Erwählten Gottes ihre Gesellschaft suchen. Mit ihnen wird die Seele frei verkehren und ihnen berichten, was sie auf dem Wege zu Gott, dem Herrn aller Welten, erdulden mußte. Wenn ein Mensch erführe, was in den Welten Gottes, der in der Höhe und hienieden auf Erden thront, dieser Seele zugewiesen wurde, so würde sein ganzes Wesen augenblicklich in großem Verlangen entflammen, diese erhabenste, geheiligte und glänzende Stufe zu erreichen ...“
„Das Wesen der Seele nach dem Tode läßt sich niemals beschreiben, noch ist es angemessen und zulässig, ihren vollen Charakter den Augen der Menschen zu enthüllen. Die Manifestationen und Boten Gottes wurden nur herabgesandt, um die Menschen auf den geraden Weg der Wahrheit zu führen. Ihre Offenbarung hatte den Zweck, alle Menschen zu erziehen, damit sie in ihrer Todesstunde in äußerster Reinheit und Heiligkeit und in völliger Loslösung zum Thron des Höchsten aufsteigen möchten. Das Licht, das diese Seelen ausstrahlen, bestimmt den Fortschritt der Welt und die Höherentwicklung ihrer Bewohner. Sie sind wie der Sauerteig, der die Welt des Daseins durchdringt. Sie bilden die Lebenskraft, durch welche die Künste und Wunder dieser Welt zustande kommen. Durch sie regnen die Wolken ihre Segensgabe auf die Menschen nieder und bringt die Erde ihre Früchte hervor. Alle Dinge haben zwangsläufig eine Ursache, eine treibende Kraft und eine Lebensquelle. Diese Seelen und Sinnbilder der Loslösung liefern der Welt des Daseins jetzt und in Zukunft den stärksten bewegenden Antrieb. Das Jenseits ist so verschieden vom Diesseits, wie diese Welt von der Welt des Kindes, das noch im Mutterleibe ruht.“
Ähnlich schreibt Abdu'l-Baha :
„Die Geheimnisse, die der Mensch in dieser irdischen Welt nicht beachtet, wird er in der himmlischen Welt entdecken, und dort wird ihm das Geheimnis der Wahrheit kund. Wieviel mehr noch wird er Personen, mit denen er zusammen gewesen ist, wieder erkennen oder entdecken! Ohne Zweifel werden die heiligen Seelen, die zu reinem Schauen gelangen und mit Einblick begnadet sind, im Königreich des Lichts mit allen Geheimnissen vertraut, und sie werden nach der Gabe trachten, die Wirklichkeit jeder großen Seele zu bezeugen. Ja, sie werden die Schönheit Gottes in jener Welt deutlich schauen. Ebenso werden sie alle Freunde Gottes aus alten und jüngsten Zeiten in der himmlischen Versammlung vorfinden ...“
„Die Verschiedenheit der Art und der Stufe wird bei allen Menschen naturgemäß wahrgenommen, wenn sie aus dieser sterblichen Welt gegangen sind. Sie bezieht sich jedoch nicht auf den Raum, sondern auf die Seele und ihr Bewußtsein. Das Königreich Gottes ist über Raum und Zeit geheiligt; es ist eine andere Welt und ein anderes Weltall. Aber den heiligen Seelen ist die Gabe der Vermittlung verheißen. Wisse mit Bestimmtheit, daß in den göttlichen Welten die geistig Geliebten einander erkennen und Vereinigung miteinander suchen werden - eine geistige Vereinigung. Ebenso wird eine Liebe, die jemand für einen andern gehegt hat, in der Welt des Königreiches nicht vergessen werden. Desgleichen wirst du dort das Leben, das du in dieser irdischen Welt geführt hast, nicht vergessen.
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Himmel und Hölle
Baha'u'llah und Abdu'l-Baha betrachten die Beschreibungen von Himmel und Hölle, wie sie in manchen der älteren Religionsschriften gegeben werden, als sinnbildlich, gleich der biblischen Erzählung von der Schöpfung, und nicht als buchstäblich wahr. Nach Ihnen ist der Himmel der Zustand der Vollkommenheit und Hölle der Zustand der Unvollkommenheit. Himmel ist Einklang mit Gottes Willen und mit unseren Mitmenschen, und Hölle ist das Fehlen dieses Einklangs. Himmel ist der Zustand geistigen Lebens, Hölle des geistigen Todes. Ein Mensch kann im Himmel oder in der Hölle sein, während er sich noch im Körper befindet. Die Freuden des Himmels sind geistige Freuden, und die Qualen der Hölle bestehen darin, dieser Freuden beraubt zu sein.
Abdu'l-Baha sagt:
„Wenn (die Menschen) durch das Licht des Glaubens von der Dunkelheit dieser Laster befreit, durch das Strahlen der Sonne der Wirklichkeit erleuchtet und mit allen Tugenden geadelt werden, so halten sie dies für die größte Belohnung und wissen, daß es das wahre Paradies ist. In gleicher Weise betrachten sie es als geistige Bestrafung, das heißt als Qual und Strafe des Daseins, der natürlichen Welt unterworfen zu sein, Gott fern zu sein, roh und unwissend zu sein, fleischlichen Gelüsten zu unterliegen, von sinnlichen Schwächen gefesselt zu sein und mit schlechten Eigenschaften ... behaftet ... zu sein - für sie sind dies die größten Strafen und Qualen ... Die Belohnungen der anderen Welt sind die Vollkommenheiten und der Friede, die nach Verlassen dieser Welt in den geistigen Welten erlangt werden ... (sie) sind Friede, geistige Tugenden, verschiedene geistige Gaben im Reiche Gottes, Erfüllung der Wünsche von Herz und Seele und Begegnung mit Gott in der Welt der Ewigkeit. In gleicher Weise bestehen die Strafen der anderen Welt, das heißt ihre Qualen, im Beraubtsein der besonderen göttlichen Segnungen und vollkommenen Gnadengaben und im Herabsinken auf die niedrigste Stufe des Seins. Jeder, der von diesen göttlichen Gunstbezeigungen ausgeschlossen ist, wird, obwohl er nach dem Tode weiterbesteht, vom Volk der Wahrheit als tot angesehen ...“
„Der Reichtum der anderen Welt ist die Gottnähe. Folglich ist es gewiß, daß jene, die dem göttlichen Hof nahe sind, Fürsprache einlegen dürfen, und diese Fürsprache wird von Gott gebilligt ...“
„Es ist sogar möglich, daß die Lage derer, die in Sünde und Unglauben gestorben sind, geändert werden kann; das heißt, sie mögen zum Gegenstand der Verzeihung durch die Gnade Gottes, nicht durch seine Gerechtigkeit, werden; denn Gnade gibt ohne Verdienst, Gerechtigkeit aber gibt nach Verdienst. Wie wir hier die Kraft haben, für diese Seelen zu beten, so werden wir die gleiche Kraft auch in der anderen Welt, die das Reich Gottes ist, besitzen. Darum können sie auch in jener Welt Fortschritte machen. Wie sie hier durch ihre demütigen Bitten Licht empfangen können, so können sie auch dort um Vergebung flehen und durch Bitten und Beten Licht erlangen ...“
„Sowohl vor als auch nach dem Ablegen dieser irdischen Gestalt gibt es in der Vollkommenheit Fortschritt, aber nicht in der Stufe. Es gibt kein höheres Geschöpf als den vollkommenen Menschen. Aber der Mensch kann, wenn er diese Stufe erreicht hat, in der Vollkommenheit noch Fortschritte machen, nicht aber in der Stufe, denn eine höhere als die des vollkommenen Menschen - die für ihn erreichbar wäre - gibt es nicht. Auf der Stufe der Menschheit allein macht er Fortschritte, denn die menschlichen Vollkommenheiten sind unbegrenzt. Wie gelehrt zum Beispiel ein Mensch auch sein mag, wir können uns immer einen noch gelehrteren vorstellen. Weil die menschlichen Vollkommenheiten unbegrenzt sind, darum kann der Mensch auch nach Verlassen dieser Welt Fortschritte in den Vollkommenheiten machen.“
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Einheit der zwei Welten
Wie von Baha'u'llah gelehrt, umfaßt die Einheit der Menschheit nicht nur die Menschen, die noch im Körper wandeln, sondern alle menschlichen Wesen, ob sie noch im Körper oder körperlos sind. Nicht nur alle Menschen, die noch auf der Erde leben, sind Teile eines und desselben Organismus, sondern auch alle in den geistigen Welten, und diese zwei Teile sind eng voneinander abhängig. Geistige Gemeinschaft der einen mit der anderen ist nicht unmöglich oder unnatürlich. Sie ist vielmehr beständig und unvermeidlich vorhanden. Die, deren geistige Fähigkeiten noch unentwickelt sind, sind sich dieser lebendigen Verbindung nicht bewußt, aber wie sich des Menschen Fähigkeiten entwickeln, wird er sich der Verbindung mit den im Jenseits Befindlichen nach und nach mehr bewußt und klar. Den Offenbarern und Heiligen ist diese geistige Gemeinschaft so vertraut und wirklich wie das gewöhnliche Schauen und der gewöhnliche Verkehr den übrigen Menschen.
Abdu'l-Baha sagt:
„Die Visionen der Propheten sind keine Träume; nein, sie sind geistige Entdeckungen und haben Wirklichkeit. Sie sagen zum Beispiel: ‘Ich sah ein Wesen von bestimmter Gestalt, ich sagte ihm dies, und es antwortete mir jenes’. Diese Vision erfolgt in der Welt des wachen Bewußtseins und nicht in der des Schlafes. Es ist vielmehr eine geistige Entdeckung ... Unter geistigen Seelen gibt es geistiges Verstehen und Entdecken, eine Verbindung, die von Einbildung und Wahn geläutert ist, und eine Vereinigung, die über Zeit und Raum geheiligt ist. So steht im Evangelium, daß auf dem Berge Tabor Moses und Elias zu Christus kamen, und es ist offenkundig, daß dies keine körperliche Begegnung war. Es war ein geistiges Geschehen ... Diese (Visionen) sind Wirklichkeit, sie erzielen wunderbare Ergebnisse in den Köpfen und Gedanken der Menschen und bewirken, daß ihre Herzen angezogen werden.“
Während Er die Wirklichkeit ‘übernormaler’ seelischer Fähigkeiten bestätigt, wehrt Er von Versuchen ab, ihre Entwicklung vorzeitig zu erzwingen. Diese Fähigkeiten werden sich naturgemäß zur rechten Zeit entfalten, wenn wir nur dem Pfade geistigen Fortschritts folgen, den die Offenbarer uns vorgezeichnet haben. Er sagt:
„Sich mit übersinnlichen Kräften abzugeben, während man auf dieser Welt weilt, wirkt störend auf den Zustand der Seele in der nächsten Welt. Diese Kräfte sind wirklich, treten aber normalerweise auf dieser Ebene nicht in Tätigkeit. Das Kind im Mutterleib hat seine Augen, Ohren, Hände, Füße usw., aber sie treten nicht in Tätigkeit. Der ganze Zweck des Lebens in der materiellen Welt ist, hindurchzudringen zur Welt der Wirklichkeit, wo diese Kräfte dann in Tätigkeit treten. sie gehören jener Welt an.“
Verkehr mit dem Geist Abgeschiedener sollte nicht um seiner selbst oder um eitler Neugierde willen gesucht werden. Es ist aber sowohl ein Vorrecht wie eine Pflicht für die, die sich auf der einen Seite des Schleiers befinden, die auf der andern Seite zu lieben, ihnen zu helfen und für sie zu beten. Gebete für die Toten sind den Baha'i zur Pflicht gemacht. Abdu'l-Baha sagt:
„Die Gnade wirkungsvoller Fürbitte ist eine der Vollkommenheiten, die die vorgeschrittenen Seelen wie auch die Manifestationen Gottes haben. Jesus Christus hatte die Macht, um Vergebung für seine Feinde zu bitten, als Er auf Erden weilte, und sicherlich hat Er diese Macht jetzt noch. Abdu'l-Baha erwähnt niemals den Namen einer verstorbenen Person ohne zu sagen: ‘Möge Gott ihm vergeben!’ oder Worte gleicher Art. Auch Anhänger der Offenbarer haben diese Kraft des Gebetes um Vergebung für Seelen. Wir dürfen daher nicht denken, daß manche Seelen, die in völliger Unkenntnis Gottes hinübergegangen sind, zum Dauerzustand des Leidens und des Untergangs verdammt sind. Die Kraft wirksamer Fürbitte für sie ist immer vorhanden ...“
„Wer in der andern Welt reich ist, kann dem Armen helfen, wie hier der Reiche dem Armen helfen kann. In allen Welten sind alle die Geschöpfe Gottes. Sie sind immer von Ihm abhängig. Sie sind nie unabhängig und können es nie sein. Weil sie Gottes bedürfen, werden sie desto reicher, je mehr sie flehen. Was ist ihr Handelsgut, was ihr Wohlstand? Was ist in der andern Welt Hilfe und Beistand? Es ist Fürbitte. Unentwickelte Seelen müssen den Fortschritt vor allem durch die Gebete der geistig Reichen zu gewinnen suchen. Hernach können sie auch durch ihre eigenen Gebete Fortschritte machen.“
Ferner sagte Er:
„Die Hinübergegangenen haben Eigenschaften, die sich von denen derer, die noch auf Erden sind, unterscheiden, doch gibt es hier keine wirkliche Trennung. Im Gebet gibt es eine Verschmelzung der Stufe, eine Verschmelzung des Zustands. Bete für sie, wie sie für dich beten.“
Auf die Frage, ob es möglich sei, durch Glauben und Liebe die neue Offenbarung zur Kenntnis der Abgeschiedenen zu bringen, die nicht bei Lebzeiten von ihr gehört haben, erwiderte Abdu'l-Baha:
„Ja sicherlich! Weil aufrichtiges Gebet immer seine Wirkung hat, und es hat einen großen Einfluß in der andern Welt. Wir sind nie abgeschnitten von jenen, die dort sind. Der wahre und wirkliche Einfluß liegt nicht in dieser, sondern in der anderen Welt.“
Andererseits schreibt Baha'u'llah:
„Wer dem entsprechend lebt, was für ihn vorgesehen wurde, für den werden die himmlischen Heerscharen und das Volk des allerhöchsten Paradieses und jene, die im Dome der Größe wohnen, beten, nach einem Befehl Gottes, des Köstlichsten, des Preiswürdigsten.“
Als Abdu'l-Baha gefragt wurde, wie es zugehe, daß sich das Herz öfters instinktiv an Freunde wende, die in das nächste Leben eingegangen sind, antwortete Er:
„Es ist ein Gesetz in Gottes Schöpfung, daß sich der Schwache an den Starken lehnt. Die, zu denen du dich wendest, mögen Vermittler der göttlichen Kraft für dich sein, wie wenn sie auf Erden wären. Aber es ist der eine Heilige Geist, der allen Menschen Kraft verleiht.“
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Nichtdasein des Übels
Nach der Baha'i-Philosophie folgt aus der Lehre von der Einheit Gottes, daß es so etwas, wie unbedingtes übel, nicht geben kann. Es kann nur eine Unendlichkeit geben. Gäbe es im Weltall irgendeine andere Kraft außerhalb des Einen oder entgegengesetzt dem Einen, dann würde der Eine nicht unendlich sein. Wie Dunkelheit nur das Fehlen oder ein geringerer Grad von Licht ist, so ist Übel nichts als das Fehlen des Guten oder ein geringerer Grad davon, der unentwickelte Zustand. Ein schlimmer Mensch ist ein Mensch, bei dem die höhere Seite seiner Natur noch unentwickelt ist. Wenn er eigensüchtig ist, so liegt das übel nicht in seiner Liebe zum eigenen selbst - alle Liebe, selbst Eigenliebe, ist gut, ist göttlich. Das übel liegt darin, daß er eine arme, unangebrachte, mißleitete Liebe zum eigenen Selbst und einen Mangel an Liebe für die andern und für Gott hat. Er blickt auf sich, als ob er allein eine höhere Art von Geschöpf wäre, und hätschelt seine niedere Natur, wie man sein Schoßhündchen hätschelt - mit schlimmeren Folgen in seinem Fall als in dem des Hundes.
In einem seiner Briefe schreibt Abdu'l-Baha:
„Was deine Bemerkung anbetrifft, daß Abdu'l-Baha zu verschiedenen der Gläubigen gesagt hat, daß es nie ein übel gäbe, daß es vielmehr nichtexistent sei, so ist dies nur Wahrheit, weil es ja das größte übel ist, daß die Menschen vom richtigen Weg abweichen und für die Wahrheit verhüllt sind. Irrtum ist Mangel an Führung, Dunkelheit ist Fehlen von Licht, Unwissenheit ist Mangel an Erkenntnis, Falschheit ist Mangel an Wahrhaftigkeit, Blindheit ist Mangel an Gesicht und Taubheit ist Mangel an Gehör. Daher sind Irrtum, Blindheit, Taubheit und Unwissenheit nichtbestehende Dinge.“
Ferner sagt Er:
„In der Schöpfung gibt es nichts Böses; alles ist gut. Gewisse Eigenschaften und Charakterzüge, die manchen Menschen angeboren und scheinbar tadelnswert sind, sind es nicht in Wirklichkeit. Zum Beispiel kann man bei einem Säugling schon von Anfang seines Lebens an die Zeichen von Begierde, Ärger und Zorn bemerken. Es könnte also gesagt werden, Gut und Böse seien der Wirklichkeit des Menschen angeboren und dies stehe im Widerspruch zum reinen Gutsein der Natur und Schöpfung. Die Antwort darauf ist, daß Begierde, die ja ein Verlangen nach Mehr bedeutet, eine lobenswerte Eigenschaft ist, vorausgesetzt, daß sie am rechten Platz angewandt wird. Wenn also ein Mensch begierig ist, sich Wissen und Kenntnisse zu erwerben oder mitfühlend, großmütig und gerecht zu werden, so ist dies sehr anerkennenswert. Wenn er seinen Ärger und Zorn gegen blutdürstige Unterdrücker, die wilden Tieren gleichen, richtet, so ist dies ebenfalls sehr lobenswert; wenn er aber diese Eigenschaften nicht in der richtigen Weise anwendet, so sind sie zu tadeln ... Ebenso ist es mit allen natürlichen menschlichen Eigenschaften, die das Kapital des Lebens bilden; wenn sie auf unrechte Weise sich zeigen und angewandt werden, werden sie tadelnswert. Es ist daher klar, daß die Schöpfung absolut gut ist.“
Ein Übel ist immer Mangel an Leben. Wenn die niedere Seite der menschlichen Natur unverhältnismäßig stark entwickelt ist, so ist das Heilmittel nicht weniger Leben für diese Seite, sondern mehr Leben für die höhere Seite, auf daß das Gleichgewicht wieder hergestellt werde. Christus sprach: „Ich bin gekommen, damit ihr Leben habt, und damit ihr es im Überfluß habt“. (Joh.10:11) Das ist es, was wir alle brauchen, Leben, mehr Leben, das Leben, das in der Tat Leben ist! Die Botschaft von Baha'u'llah ist die gleiche wie die von Christus. Er spricht: „Heute ist dieser Diener wirklich gekommen, die Welt zu beleben“. Und zu seinen Anhängern sprach Er „Folget Mir nach, damit Wir euch zu Lebensspendern der Menschheit machen.“
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