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Es hat sich hier die Frage nach der Wertigkeit der Richtlinien, der 'Gebote' im Buddhismus
gestellt - ich bin gerade dabei, eine Einführung in den Buddhismus zu übersetzen, und
ich möchte den buddhistischen Standpunkt dazu gern mit einem Zitat daraus deutlich
machen, das gerade den sehr zentralen Punkt der Frage des 'Nicht-Tötens' behandelt...
| Zitat: |
Eine andere Schwierigkeit entsteht, wenn die Frage auftaucht, ob Töten
akzeptiert werden kann, wenn es vom Gesetz sanktioniert ist. Viele Buddhisten
denken dass das nicht so ist, und sie sind gegen Dinge wie die Todesstrafe,
aus dem Grund, dass dies einfach eine Tragödie durch eine andere auszugleichen
versucht, ohne etwas richtig zu stellen, und ohne Berücksichtigung des Gesetzes
des ewigen Wandels - indem sie die Möglichkeit verneint, dass selbst ein
hartgesottener Verbrecher in der Welt doch noch einen positiven Beitrag leisten
könnte.
Wie aber ist es, wenn im Rahmen eine militärischen oder Polizeiaktion jemand
getötet wird? Hier sind die Ansichten der Anhänger des Buddhismus noch mehr
geteilt; einige nehmen die Haltung des Pazifismus ein, andere halten dafür,
dass fallweise selbst so schreckliche Dinge wie Krieg nötig sein können, um
noch größere Tragödien zu verhindern.
Diese letztere Position, dass eine grundlegende Regel nicht eingehalten wird,
um größeres Leid zu vermeiden oder ein höheres Gut zu fördern, ist in der
buddhistischen Ethik häufig anzutreffen. Sie beschränkt sich auch nicht auf die
Diskussion über das Töten, sondern wird in allen möglichen Lebensrichtlinien
angewandt, die der Achtfache Pfad bereitstellt. Die verschiedenen ethischen
Prinzipien, die aus dem Pfad abgeleitet werden, haben allgemein nicht die
Qualität absoluter Gesetze; sie werden vielmehr gesehen als Beschreibungen
eines Verhaltens, das mit dem Weg in Einklang steht - anders gesagt als
Beschreibungen davon, wie es ist, erleuchtet zu leben. So gesehen sollten sie
nicht als rigide moralische Richtlinien verwendet werden, sondern als erprobte
Mittel, das höhere Gut eines friedlichen und befriedigenden Lebens für alle zu
fördern. Dieses höhere Gut - und das entsprechende Prinzip der Vermeidung
größeren Leides - wird als Standard benützt sowohl zur Interpretation der
verschiedenen ethischen Richtlinien als auch in jenen unvermeidlichen Fällen,
wo eine Richtlinie einer anderen widerspricht.
Dieser Zugang erlaubt in der buddhistischen Ethik große Flexibilität, er legt
jedoch auch die Verantwortung für alle Handlungen direkt auf die Schultern des
Individuums. Aber jedes Ding hat eine positive und eine negative Seite, und das
Prinzip der Förderung eines höheren Gutes und der Vermeidung größeren Leides
kann missbraucht werden, um alle möglichen Arten von unklugen Dingen zu tun.
Unglücklicherweise ist auch das in der Geschichte des Buddhismus manchmal
vorgekommen. Einige führende Persönlichkeiten der Schule des Buddhismus,
der ich angehöre, des japanischen Soto-Zen, haben genau das im späten 19.
und frühen 20. Jh. mit einigem Erfolg getan, indem sie die imperialistische
Expansion und Kolonisierung sowie den Eintritt in den zweiten Weltkrieg
enthusiastisch unterstützten. Das ist der Preis, den man für die Flexibilität zahlt -
gleicher oder noch größerer Schaden kann jedoch entstehen durch das Beharren
auf der rigiden und buchstäblichen Erfüllung moralischer Regeln. Angesichts dieser
Plus- und Minus-Seiten werden Buddhisten ermutigt, sich zwar vom Prinzip des
höheren Gutes leiten zu lassen, dabei aber sich selbst nicht allzu viel Raum
zuzugestehen für das schnelle und lockere Spiel mit bestimmten ethischen
Prinzipien - und vor allem die persönliche Verantwortung zu übernehmen,
was immer sie sich entscheiden zu tun. Auf diese Weise ist es nicht ungewöhnlich,
Buddhisten zu finden, die in den Streitkräften dienen, und solche die radikale
Pazifisten sind - beide können bei einer religiösen Veranstaltung nebeneinander
stehen und einander und die Ehrlichkeit der Haltung des Anderen respektieren. |
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Interessant (wohl auch etwas desillusionierend) in diesem Zusammenhang ist dieser
historisch-kritische Aufsatz von Prof. Schmithausen, Indologe an der Univ. Hamburg.
Auch die Einigung der Welt unter der gerechten Herrschaft eines Cakravartin wird hier
schon mal angesprochen...
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Lieber Wu
Habe den Aufsatz gelesen und daraus zwei für mich aussagekräftige Schlüsse ziehen können.
1. Die Geschichte des Buddhismus ist total ähnlich der Entwicklung in allen anderen Hochreligionen. Man könnte meinen es handle sich um eine Beschreibung des Christentums.
2. Der Absatz über die gerechte Weltherrschaft spricht für sich selbst, aus meiner Sicht als Bahai.
Ein anderer und deutlich utopischer Versuch der Harmonisierung von expansivem, kriegerischem Herrschaftsanspruch und buddhistischer Ethik ist das Ideal des Weltherrschers (cakravartin). Dieser, so heißt es, erobert die ganze Erde, indem er mit seinem Heer einem tausendspeichigen Rad folgt, das vor ihm herrollt. Entscheidend ist, daß sich ihm alle lokalen Herrscher kampflos unterwerfen. Und nachdem er die ganze Erde erobert hat, regiert er sie gewaltlos und gerecht. Da alle Untertanen die Normen der buddhistischen Ethik beachten, gibt es keine Verbrechen und deshalb auch keine Strafen, und da es keine äußeren Feinde gibt, gibt es auch keinen Krieg. Wesentlich ist, daß dieser Zustand zwar mit Gewalt herbeigeführt wurde, aber ohne Töten (weil sich ihm alle lokalen Herrscher ohne Gegenwehr unterwerfen). Übrigens tun sie das (nach Abhidharmakosha 185,22 ff.) je nach dem Rang des cakravartin schon im voraus oder erst, wenn er anrückt, u. U. sogar erst auf massive Gewaltandrohung hin.
Wobei ich das Wort „utopisch“ der Sicht des Verfassers verstehe. M. E. liegt diese „Utopie“ für die Menschheit in mittelbarer Zukunft durchaus nahe.
Alles Liebe
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Lieber Robinson,
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1. Die Geschichte des Buddhismus ist total ähnlich der Entwicklung in allen anderen Hochreligionen. Man könnte meinen es handle sich um eine Beschreibung des Christentums.
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Ich denke da liegt ein gewisser Mechanismus in der Entwicklung von Hochreligionen -
d.h. eigentlich allen positiv aussagenden Religionen. Eine Ausnahme wären evtl. noch die
Jaina, bei denen das Gebot der absoluten Gewaltlosigkeit so fundamental ist, dass jede
Gewaltanwendung für sie absolut ausgeschlossen ist - seit 2500 Jahren...
| Zitat: |
2. Der Absatz über die gerechte Weltherrschaft spricht für sich selbst, aus meiner Sicht als Bahai.
...
Wobei ich das Wort „utopisch“ der Sicht des Verfassers verstehe. M. E. liegt diese
„Utopie“ für die Menschheit in mittelbarer Zukunft durchaus nahe. |
Ja, Deine Sicht ist mit der des Verfassers nicht identisch - vermutlich weder für Dich
noch für ihn ein Problem . Mich hat es auch an den Baha'i-Glauben erinnert.
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