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Hallo liebe Träumerin,
schon als Kind habe ich mich mit dem Tod beschäftigt. Ich habe damit gespielt, indem ich mich ins Bett gelegt habe mit gefalteten Händen, wie man die Toten aufbahrt, ich habe aber auch Angst vor dem Tod gehabt.
Mein ganzes Erwachsenenalter habe ich Angst vor dem Tod gehabt. Manchmal bin ich nachts aufgewacht mit dem Gefühl, etwas sehr wichtiges vergessen zu haben und dann ist mir eingefallen: sterben muss ich auch noch.
Es gibt viele Psychologen und psychologische Schulen, die sagen, alle Ängste haben ihren Ursprung in der Angst vor dem Tod. Weil wir die Angst vor dem Tod nicht aushalten, flüchten wir uns in andere Ängste.
Vor fünf Jahren habe ich Krebs bekommen. Ich war Hochrisikopatientin. Die Angst vor dem Tod hat mich fast umgebracht.
Ich habe mich seitdem sehr intensiv mit dem Tod beschäftigt. Habe alles mögliche gelesen, habe viel nachgedacht. Seit dieser Zeit nehme ich jedes Jahr an einem Sterbebegleiter-Seminar teil, dieses Jahr gehe ich zu einem buddhistischen Seminar.
Ich bin seit 1978 auf dem spirituellen Weg. Schon vor meiner Krebserkrankung habe ich viel meditiert und viel gelernt, mich auch mit dem Tod beschäftigt, meine Angst davor hatte ich aber nicht verloren.
Jetzt allerdings, durch die direkte Konfrontation mit meinem eigenen Tod, bin ich in ein anderes Bewusstsein gelangt.
Jetzt, heute, habe ich keine Angst vor meinem Tod mehr. Ich stelle es mir schön vor, mich aufzulösen in der Liebe Gottes, ganz einzugehen in ein größeres Bewusstsein, als Tropfen Teil des Meeres zu werden, doch, das stelle ich mir schön vor.
Wenn ich etwas schönes sehe, leichter Nebel morgens auf einer Waldwiese, äsende Rehe, dann ist mir bewusst, dass es diese Schönheit noch geben wird, wenn es mich schon lange nicht mehr gibt, und ich habe das Gefühl, es ist gut so.
Mir hat die Konfrontation mit dem Tod gut getan. Ich setze mich viel auseinander mit meinem Ego, das ja tatsächlich sterben wird, und stelle immer mehr fest, dass das gar nicht so wichtig ist. Ich bemühe mich, auch jetzt schon, mein Ego nicht mehr so aufzublähen, mich nicht mehr so wichtig zu nehmen. Nichts wird sich doch ändern, wenn mein Körper und mein Ego sterben: es wird Tag werden und Nacht, Sommer und Winter, es wird schön sein und häßlich und mein Selbst wird auch noch da sein, so wie der Tropfen im Meer.
Und die Liebe, die Du hast zu Menschen, die wird immer sein, auch wenn Du nicht mehr da bist. Alles wird da sein und alles wird sich ständig ändern.
Träumerin, liebe Träumerin, ich bin viel älter als Du, das macht sicher eine Menge aus. Ich habe schon viel mehr Zeit gehabt, mich mit dem Tod zu beschäftigen und mit dem Leben, denn beides gehört zusammen. Ich denke, dass es gut ist, dass Du die Todesangst so direkt erlebst und sie nicht wegschiebst wie die meisten Menschen es aus Not tun. Das heißt, dass Du stark bist.
Ich kann Dir nur einen Rat geben: konfrontiere Dich mit Deiner Angst, konfrontiere Dich mit dem Tod. Weißt Du, dass es geführte Meditationen gibt, in denen Du Deinen eigenen Tod erlebst? Dies ist ein sehr gutes Erlebnis, das Dir sehr viel über Dich selbst sagt.
Und daneben ist es gut, dass Du Therapie machst, dass Du Hilfe angenommen hast für Deinen Alltag.
Die Angst vor dem Tod treibt alle Menschen an, die meisten unbewusst. Sei froh, dass es bei Dir bewusst ist, nimm es als Antrieb für Deine Entwicklung.
Inanna
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