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@Jade
Nur bei einem Bruchteil der gebärenden Frauen ist überhaupt ein Arzt anwesend, geschweige denn dass sie die Möglichkeit haben, in ein Krankenhaus zu gehen. Von daher kommt Geld auch nicht unbedingt dort an, wo es gebraucht wird.
Die medizinische Versorgung ist zwar da und auch eigentlich ausreichend - aber erstens unerschwinglich und zweitens mit vielen Vorbehalten behaftet. Krankenhaus wird mit Sterben assoziiert. Wird bei einer Operation Blut benötigt, wird die Verwandtschaft zur Ader gelassen - im wahrsten Sinne des Wortes.
Geldspenden - Hilfsprojekte - das alles sind sicher gutgemeinte Dinge, die aber vor Ort nicht ankommen. Das Land ist unendlich reich, der Staat ist reich. Es ist ein Land nach einer Generation Bürgerkrieg - alles noch ein wenig durcheinander, aber voller Hoffnung und Freunde, daß die Zeit des Tötens vorbei ist.
Was ich direkt an Leid mitbekomme, kann ich für den Augenblick lindern und tue es auch, und wenn das Kind, das am Auto bettelt, von mir nur einen Keks in den Mund geschoben kriegt.
Ich habe vorher Angst gehabt, daß ich mit dem Leid nicht umgehen könnte, aber dadurch, daß ich persönlich direkt helfen kann ist es für mich doch soweit befriedigend, daß ich mich für meinen "Wohlstand" nicht zu schämen brauch.
Astrella
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das ist schön, wenn man etwas Leid lindern kann! Dann fühlt man sich nicht so ohnmächtig!
Jade
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Hilfsprojekte hin oder her - es gibt 'Hilfs'-projekte, die mehr Schaden anrichten, als dass sie nützen. Meist nur Projektionen der eigenen Ohnmächtigkeit. Es macht diese Menschen langfristig stärker, wenn sie sich selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen und die Voraussetzungen dafür scheinen ja da zu sein.
Es geht ums Selbstvertrauen und wie soll jemand sich selbst vertrauen lernen, wenn andere ihm das Ruder aus der Hand nehmen?
Hier gibt es sehr viele Menschen, die betteln. Ich kann nicht jedem etwas geben, da ich selbst knapp bei Kasse bin. (Eine andere Frage ist, ob ihnen das wirklich hilft... in Dt. hat sich seit kurzem eine richtige Bettelmafia entwickelt, hier ist sie Tradition.)
Dann geh ich nach Gefühl, wenn das sagt: "gib der Frau einen Peso", mach ich das.
Habe aber so meine Grundsätze: ich kaufe Kindern nichts ab, weil ich gegen Kinderarbeit bin. 1. Meistens versäuft es der Vater, 2. Wenn die nix verdienen würden, würden sie nicht zum Arbeiten oder Betteln geschickt. Finde es darum gut, dass du ihnen Kekse statt Münzen gibst, Astrella.
Ich bin eher bereit Menschen etwas zu geben, wenn sie etwas dafür tun. Bei Leuten, die singen und Gitarre spielen, werd ich immer besonders schwach. Oder die Jugendlichen, die einem im Super die Sachen einpacken... denen steck ich auch gerne mal was.
Aber materiell hab ich der Welt leider nicht viel zu bieten. Ich seh dann eher zu, dass ich den Menschen in meinem Dunstkreis helfe sich weiterzuentwickeln. Und diskutiere mit dem Eisverkäufer rum, der sich vor mich hinstellt und 500 Pesos will (wofür eigentlich?).
"Du hast doch dein Geschäft."
"Das gehört nicht mir."
"Dann sparst du eben solange, bis dir der Wagen gehört."
"Aber du hast viel mehr Geld. Das zeigt doch allein die Tatsache, dass du dir den Flug hierher leisten kannst!"
"Viel mehr als den Flug kann ich mir auch nicht leisten."
"Ich bin total arm!" Zeigt mir das Loch in seinem Shirt.
Ich zeig ihm ein Loch in meinem Shirt und sag: "Hehe, sowas hab ich auch...!"
"Du kannst dir ein neues kaufen."
"Und du kannst deins zunähen. Gib mir noch ein Eis, dann hast du was für's Nähzeug."
Der Mann hätt sich ja noch mehr schämen müssen in seinem Innersten, wenn ich ihm die 500 Pesos tatsächlich gegeben hätte...
LG
Lisken
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*zustimm*
Ich sehe auch zu, daß die Leute das Gefühl haben, etwas zurückgeben zu können, erstens bewahren sie sich ihre Würde und zweitens verhindert es diese Mentalität des passiven Handaufhaltens.
Als einem unserer Wächter das Haus wegschwamm und wir ihn finanziell unterstützen (alles im Rahmen von 100$), "musste" er es "abarbeiten", indem er mit mir über 2 Monate täglich Portugiesisch übte.
Hier sind die Leute sehr einfallsreich im Anbieten von allen möglichen Dienstleisungen - Einkauswagen schieben, Schuhe putzen (bei Sandalen *grins*), vor dem Haus den Müll wegräumen und fegen - es gibt nichts was es nicht gibt. Eine Bettelindustrie gibt es hier zum Glück nicht, es sind vor allem Menschen mit Kriegsverletzungen, Blinde oder anderen Behinderungen (Kinderlähmung ist hier leider noch sehr verbreitet). Und da habe ich auch keine Probleme zu geben, weil die schon mit umgerechnet 10 Cent zufrieden sind...
Astrella
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*nick*
Leider grassiert diese Mentalität ganz immerns - ich weiss nicht, wem das mehr zu danken ist: der Historie oder den vielen Westlern voller Mitgefühl, die ihr eigenes Gewissen etwas erleichtern möchten...
Meine Freundin erzählte mir, dass ihr in Gambia sämtliche Kinder hinterhegerannt sind, "Tubaab" geschrieen und die Hände aufgehalten haben. Ich hab hier ähnliches erlebt - ich guck aus dem Fenster, unten geht eine Mum mit Kind vorbei, man grüsst sich freundlich - 30 Sekunden später kommt das Kind zurück und fragt nach 20 Pesos. Die Leute sind gut angezogen, haben Schuhe an den Füssen und sehen gut genährt aus... und trotzdem... arh, in solchen Momenten weiss ich nicht, wie ich mich fühlen soll. Wo ist der Stolz dieser Leute geblieben?
Und dann begegne ich Leuten, wie diesem Taxifahrer, der mich anderthalb Stunden durch die Gegend gefahren hat um den Ort zu finden, an den ich wollte, wissend, dass ich nur 50 Pesos in der Taschen habe... die Fahrt wäre min. 100 wert gewesen. Er hat mir geholfen, weil ich fremd war und Hilfe brauchte und sich keine Minute geärgert.
Das ist so unterschiedlich - man kann die Leut einfach nicht über einen Kamm scheren. Am Anfang hatte ich immer so ein komisches Gefühl der Überlegenheit und damit einhergehend ein schlechtes Gewissen und viel Mitleid, aber mittlerweile hat sich das gelegt... Die meisten Menschen hier haben ein härteres Leben und mit mehr Schwierigkeiten zu kämpfen, doch auf der anderen Seite sind sie Menschen geblieben und das kann man von vielen in Dt. nicht behaupten - sie fühlen nicht hin, sie lassen nicht mit sich reden. (So wie der Vermieter, der meiner Mum eine Kündigungsfrist von 9 Monaten aufs Auge drücken wollte und es war ihm egal, ob er damit vielleicht ihre Existenz gefährdet...)
Mir ist gerade beim Lesen deines Beitrags ein Vorfall eingefallen. Ich sitze in der Sauna und es werden nach dem Aufguss Früchte auf einem Tablett gereicht - die meisten nehmen sich einfach ne Scheibe mit den Fingern, nur ein dicker Schwabe meckert, dass das ja voll unhygienisch sei und wir seien ja hier nicht in Afrika... Gott sei dank. Es gebe aber auch schöne Orte in Afrika, gebe ich ihm zu bedenken... Wir würden aber nicht über die schönen Orte reden, dröhnt er... Schon klar, meine ich, wir reden hier über Vorurteile. Da war er plötzlich ruhig.
Und doch gibt es viel, was die meisten Menschen im Westen nicht zu sehen kriegen. Und wenn sies doch mal zu sehen kriegen, ergreifen sie die Flucht. Ich rede gerade mit einem Kumpel, der sehr unruhig ist, weil er weg will (obwohl er alles hat, was man sich wünschen kann)... Abenteuer erleben und er hat das Prob, das die meisten haben: er will sich dabei nicht in Gefahr begeben. Das ist nur vernünftig.
Aber was ist es denn, was uns fehlt?
LG
Lisken
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