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jeder seines Schicksals Schmied












@Astrella:

Willkommen im Club. Ich bin gerade in Mexburg (Mexico City), genauer gesagt in Neza, ohne fliessend Wasser und das, was da ist, davon kann man auch krank werden (besonders mit unserem Immunsystem).
Darf ich fragen in welchem Land in Afrika du dich gerade befindest? Afrika ist ja bekanntlich sehr gross und es gibt sehr unterschiedliche Orte mit sehr unterschiedlichen Lebensumständen.
Ich war noch nie dort (werde aber nicht drumherum kommen mal hinzufahren).
Mein Wissen stammt dennoch aus zuverlässiger Quelle: my sister ist mit einem Afrikaner verheiratet.
Und ja, du hast recht, meine Ansichten sind nicht leicht verdaulich, bisweilen scheinen sie grausam, man muss jedoch bedenken, dass sie dies nur von einem bestimmten Standpunkt aus sind.
Also legen wir los:
Nenn mir eine Familie in Deutschland, deren Mitglieder komplett gesund sind. Die gibt es nicht. Besonders psychische Erkrankungen, Stresserkrankungen sind typisch. Die gibt es hier und in Afrika gibt es Cholera und Malaria als typische Krankheiten. Ich weiss nicht, was schlimmer ist, weisst du's?
Die Familien waren in Europa auch mal grösser, entsprechend gab es mehr Kindersterblichkeit. In Dt. sind sie kleiner, also die gleiche Anzahl von Kindern (so im Prinzip gesehen) und dafür mehr Abtreibungen. Was in Dt. als sehr schlimm angesehen wird: der Tod eines Kindes, war dort früher einmal _normal_ und in bestimmten Gegenden ist es immer noch _normal_. (Lass dir das mal auf der Zunge zergehen. Die Menschen dort haben nicht deine Vorstellungen von dem, wie es sein sollte.) Mal abgesehen davon, dass es dir wehtut das zu sehen (manches hier tut meinen Augen auch weh, aber ich habe bis zu einem gewissen Grad gelernt es mit den Augen der Einheimischen zu sehen und deren Sichtweise hat weniger Mitleid und mehr Kraft in sich.). Es spielt ausserdem keine Rolle wie lange ein Mensch lebt, Leben ist Leben und ein kurzes Leben hat für eine Seele den gleichen Wert wie ein langes. Wir "Westler" haben eine Todesphobie. Der Tod ist etwas sehr schlimmes für uns und muss um jeden Preis verhindert werden. Jeder Mensch hat (unserer Ansicht nach) ein Anrecht darauf, dass alles nur Mögliche getan wird um seinen Tod hinauszuschieben. Das geht uns so, aber nicht allen. Es soll noch Völker auf der Welt geben, die den Tod als etwas normales sehen: jederzeit kann er jedeman treffen und wird auch dich uns mich irgendwann holen. Der Tod gehört zum Leben und in gewisser Weise gibt es (so wie alles Leben gleichwertig ist) keinen gerechteren oder ungerechteren Tod. Tot ist tot.
Für Afrika im Speziellen gilt ausserdem folgendes: Es gab dort (bevor die Kolonialisten eingefallen sind) eine lange Heilertradition, die teilweise immer noch besteht, aber vielerorts auch fast komplett ausgerottet wurde. Und da hab ich schon die krassesten Dinge darüber gehört. Rheuma: geheilt. Asthma: geheilt. (Und nicht nur unterdrückt, wie es die westliche, angeblich ach so überlegene Medizin normalerweise tut.) Es soll dort Menschen geben, die können dir einen Zahn entfernen, ohne ihn dir rauszureissen! Sie drehen den Zahn raus und es blutet nichtmal. Ich weiss nicht, was davon wahr ist (mal abgesehen davon, dass es aus zuverlässiger Quelle stammt, die Leute, die es mir erzählte, sahen es mit eigenen Augen, spürten es am eigenen Leib und die erzählen keinen Scheiss, ziemlich bodenständiges Volk).
Fest steht, dass dort, wo dieses Wissen nicht ausgerottet wurde, die Leute sehr wohl Zugriff haben auf medizinische Versorgung und natürlich erfahrene Hebammen. Dort hingegen, wo es ausradiert wurde und kein Ersatz geschaffen wurde... da hast du Recht dich zu empören. Da haben unsere kolonialisierenden Vorfahren ziemlichen Mist gebaut.
Aber davon auszugehen, dass die Medis hier, den traditionellen Medis dort haushoch überlegen sind, ist Schwachsinn. (Wieviele Frauen sind im Kindbett gestorben, in Europa bis die "neuen" naturwissenschaftlichen Ärzte rausgefunden haben, dass man sich die Hände waschen sollte nach dem Sezieren einer Leiche, bevor man eine gebärenden Frau anfasst? Hunderttausende. Und bis heute gibt es elementare Fehler - einer Freundin von mir haben sie mit Gewalt die Nachgeburt rausgerissen und ihr fast die Gebärmutter kaputtgemacht, weil sie Feierabend haben wollten. Ein Fehler, den nicht mal ein Tierarzt machen würde.)

Nein... die Ungerechtigkeiten und Dummheiten dieser Welt sind nicht leicht zu schlucken. Aber das Leben hat mich gelehrt, vorsichtig damit zu sein, welche Massstäbe ich an das Leben (und den Tod) anlege.

LG
Lisken
Hi Lisken,
ich bin zur Zeit in Angola.
Es gab lange Bürgerkrieg hier, viele Flüchtlinge hier. Das Volk ist mehr oder weniger entwurzelt. Die Leute wohnen nicht mehr da, wo sie geboren und aufgewachsen sind.
Es gibt natürlich einen Unterschied im Umgang mit dem Tod, gerade weil er hier so alltäglich ist. Ich weiß aber nicht, ob es nicht einfach eine "Verrohung" durch den vielen Schmerz ist, den die Leute hier ertragen. Die Leute haben keine Zeit, ihre Wehwechen zu pflegen wie in der "1. Welt", aber nichts desto trotz werden sie auch bei schlimmen Erkrankungen einfach allein gelassen und fügen sich, einfach aus Unwissenheit und mangel an Alternativen. Gewissen Krankheiten brechen über sie hinein, für uns als Europäer mit unserem Wissen um die Linderung und Heilbarkeit dieser Krankheiten ist das schwer zu ertragen und auszuhalten.
Mir scheinen die Menschen hier auch glücklicher - auf den ersten Blick. Wenn ich genauer hinschaue: Die Frauen nicht. Die Frauen sind ernst. Sie werden hier zum Glück nicht religiös unterdrückt. Aber sie tragen die Last. Sie gebähren die Kinder, sorgen für den Lebensunterhalt, machen den Haushalt - einfach alles. Ich sehe sie hier bei 40 Grad im Schatten mit Tonnen von Zeugs auf dem Kopf, hochschwanger, Baby auf dem Rücken, und das bei 90% Luftfeuchte. Ich würde schon bei 2 dieser Sachen am Rande meiner Leistungsfähigkeit sein.
Ich weiß nicht, wie viele unter dieser Last seelisch zusammengebrochen sind. Aber die Frauensterblichkeit hier ist so enorm, daß es hier zu einem "Politikum" geworden ist.
Nun, das es in Deutschland keine komplett "gesunde" Familie gibt - es ist immer eine Sache des Maßstabes, da gebe ich Dir recht. Hier in Afrika ist eineAllergie keine Krankheit, und selbst mit meiner Angina letzte Woche habe ich mich geschämt, ins Krankenhaus zu gehen.
Für die Afrikaner sind wir allerdings Vorbild. Unsere Imfungen - davon können die meisten hier nur träumen. Unser Kinderarzt hier sagte, es schäme sich, daß "sein" Land es nicht allen Kindern anbieten kann, und ich sehe hier immer noch Kinder mit Hungerbäuchen.
Ich möchte nicht tauschen.
Denn ich habe immer noch eine Alternative - eine Wahl - kann an meiner Situation etwas ändern, kann mich entwickeln. Mir ist es jetzt mehr bewußt denn je.
Hier - die Menschen können sich anpassen an ihre Situation.
Astrella
Hola Astrella,

Das ist wahr, Menschen, die lange unterdrückt wurden, neigen dazu sich zu unterwerfen: unter die Regierung, die Umstände, Krankheiten... wir, die wir es gewohnt sind unsere Ansprüche zu verteidigen, etwas, was uns nicht gefällt entweder zu ändern oder dafür zu sorgen, dass es geändert wird, können das wohl am wenigsten verstehen.
Viele Leute hier gucken wie Autos, wenn ich ihnen erzähle, was ich alles durch blosses Insistieren erreicht habe (die meisten würden es nicht mal versuchen und wissen gar nicht, was möglich ist, wenn man sich stur stellt und auf seinem Ding besteht).
Was du über die Situation der Frauen schreibst, geht mir an die Nieren. Frauen gehören respektiert. Und eine Regierung, die Frauen dermassen vernachlässigt, wird über kurz oder lang schwer an den Konsequenzen tragen (ich denke, die wissen das auch, zumindest fangen sie an zu reden).
Dass du deine Privilegiertheit erkannt hast und jetzt mehr den je zu schätzen weisst, das ging mir genauso. Andererseits weiss ich jetzt kleine Dinge oder die Basis auch viel mehr zu schätzen. Ich denk z.B. nicht: "Verdammt, ich will einen Kühlschrank!" Ich denk: "Gut, dass so viel Essen da ist und auch vom guten."
Man kann es in beide Richtungen gewaltig übertreiben: überhöhte Ansprüche und totale Anspruchlosigkeit (bis zur Selbstaufgabe), aber genau das ist die Vielfalt der Welt. Es ist genauso die grosse Aufgabe der Menschen in Dt. bescheidener zu werden, wie es die Aufgabe der Menschen in Angola ist, ihren Stolz wiederherzustellen und den Glauben, dass sie an ihrer Lage etwas ändern können. (Denn das ist die Voraussetzung, dass sie tatsächlich etwas ändern können.) Das kann Jahrzehnte dauern, aber wenn es gelingt, geht es in die Geschichte ein und bringt die Menschheit als Gesamtheit weiter. (Wir entwickeln uns, wie ein grosser Organismus.) Ich habe darum kein Mitleid, sondern grossen Respekt vor allen Völkern, die vor solchen Aufgaben stehen. Und ich glaube, dass wir diese nur gemeinsam lösen können, indem wir uns gegenseitig etwas davon abgeben, was der eine hat und dem anderen fehlt.
Es ist darum wichtig, dass du dort bist und ich hier. Es fehlt an Brücken zwischen den Welten. 'Botschafter' sind enorm wichtig.

Darf ich fragen, was du in Angola machst?

LG
Lisken
@Lisken
Klar darfst Du.
Mein Mann arbeitet für einer Industrie, die sich - natürlich gaaaanz selbstlos - hier im Wiederaufbau engagiert (Infrastruktur etc)
Die Firma hat hier eine Zweigniederlassung gegründet und da mein Mann Spezialist ist - voila - sind wir hier mit unsere 4 Kleinkindern.
Die Situation der Frauen - immerhin ist es schon ein Politikum und wird nicht totgeschwiegen. Der hiesige Staat hat nicht soviel Einfluß auf die Menschen, nur auf die Lebensumstände, und da Frauen nun mal dazu neigen, sich immer hintenan zu stellen, sind sie auch die ersten, die "hinten runter fallen".
Mitleid ist vielleicht auch das falsche Wort - Mitgefühl trifft es wohl eher.

Ich persönlich - möchte nicht wieder in Deutschland leben. Geordnete Verhältnisse und Sicherheit in allen Ehren - Deutschland ist mir einfach zu "alt". Ich komme mir vor als wäre ich aus einem Altersheim ausgebrochen.
Die Menschen hier sind nicht unbedingt glücklicher - aber lebendiger auf alle Fälle. Und vor allem - nicht einsam.
Einsamkeit halte ich persönlich für das größte Unglück.

Astrella
Zitat:
Warum nicht ohne Arzt eine Erkrankung überstehen?
beim grünen Star, z.b. erblindest du ohne Tropfen, weil der Druck den Sehnerv irreparabel schädigt-nur als ein Beispiel von einer Betroffenen.

@Astrella ich habe einmal einen Fernsehbericht über die Frauensterblichkeit in Angola gesehen, dass junge Frauen nach Geburten wegsterben, weil nicht genügend sterile Mittel und Medikamente vorhanden sind. Ich wollte daraufhin eine Hilfsaktion starten, aber viele Menschen wollten nicht mitmachen...leider.

In Südafrika war ich auch einmal und konnte so manches Kindesleid kaum ertragen auf einer Seite Ferienhäuser mit allem Luxux (der allerdings Arbeitsplätze bietet für Reinigunskräfte usw...) und gegenüber Slums...die hatten nur Staub...

Jade
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