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Arabische Kultur des Todes












Quelle:
http://blog.zeit.de/joerglau/2007/0.....sche-kultur-des-todes_606


Die arabische Kultur des Todes

Mein saudischer Held Turki Al-Hamad, hier schon öfter präsentiert, hat wieder zugeschlagen in Asharq Alawsat.

Ich übersetze seinen Text hier in Auszügen, damit deutlich wird, in welcher Härte manche arabischen Intellektuellen den selbstkritischen Diskurs führen:

“Überall in der Welt bewegen und entwickeln sich die Dinge dahin, dass jedermann zum Glück der Menschheit beizutragen versucht, während in der arabischen Welt eine Kultur des Todes propagiert wird, die jedermann Tod und Verderben wünscht, der von ihren Regeln abweicht. In der arabischen Welt wird alles vernichtet, das eine Bedeutung hat; das Schöne und Lebendige in den Menschen wird getötet durch sinnlosen Streit und skandalöses Verhalten. Diese Kultur ist für unsere Verwandlung in einen Schandfleck der menschlichen Geschichte verantwortlich.

Turki_al-Hamad.jpg

Während die Welt auf eine Kultur setzt, die Zukunftshoffnung, Menschenrechte, den Wert eines menschlichen Lebens und des Glücks betont, huldigen einige Teile der arabischen Welt einer Kultur der Todesverherrlichung, Verzweiflung, Rache und Vergangenheitsfixierung. Sie glauben, dass der Mensch nur zum Sterben geboren sei, und dass sein einziger Lebenszweck darin bestehe, ein Opfer zu werden, dessen Blut auf irgendeinem Altar vergossen werden soll.



Für uns ist die Welt nichts als eine Erfahrung, in der es darum geht, ob man gewürdigt oder beschimpft wird. Wir sehen sie nicht als den Ort von Gottes Schöpfung, so dass auch wir aufgerufen sind, das Leben zu verbreiten und das Geheimnis des Lebens neu zu entzünden. Denn unsere Kultur tötet jede Freude, verachtet das Lächlen und begräbt den Lebensgeist. Wir sind Pessimisten, was Freude und Lebensglück angeht, aber Optimisten, wenn es um Krisen und Katastrophen geht….

Von Gott heißt es im Koran, er sei “der Erbarmer, der Barmherzige”, “vergebend” und “gutmütig”. Und doch hat der Mensch in unserer Kultur keinen Wert..

Der heutige Mensch ist beschäftigt mit der Frage, was er aus der Revolution in der Biologie und der Genetik, aus den Entdeckungen der Chemie und Physik machen kann, während wir uns den Kopf zerbrechen, wer Fußball spielen darf, was von der Religion erlaubt und verboten ist, und ob Erwachsene durch Stillen zu Milchgeschwistern werden.
Beziehungen zwischen Mann und Frau werden nur in einem sexuellen Licht betrachtet, so dass Männer im Verhältnis zu Frauen wie Raubtiere angesehen werden.

Wir klagen die sexuelle Freiheit des Westens an und seinen “moralischen Niedergang”, während sich bei uns alles, was Männer und Frauen angeht, um Sex dreht.
Die Welt sorgt sich um Atomenergie, Umweltverschmutzung und das Ozonloch, doch bei uns erregt man sich über die Frage, ob Frauen den Führerschein machen dürfen, ob wir koedukative Schulen haben sollten und gemischte Unis, Krankenhäuser, Moscheen und Arbeitsplätze.


Die Welt hat die Zeit der Inquisition hinter sich gelassen… Doch manche wollen uns in dieses Zeitalter zurückführen…
Als Europa jene kreuzigte und verbrannte, die es der Häresie für schuldig hielt, versammelte der Kalif Al-Mamun die Vertreter verschiedener Religionen und bat sie, die Dinge zu debattieren, ohne ihre Ideologien den anderen aufzuzwingen.
Doch diese Tage sind vorbei, und nun werden wir von denen geplagt, die offenbar im mittelalterlichen Europa ein Vorbild sehen. All dies im Namen eines gekidnappten ‘Islam’…

Dieser falsche Islam hat nichts zu tun mit der Religion des Propheten, der als Botschafter und als Gnade in unsere Welt geschickt worden war. Die Kidnapper seiner Religion haben ihn getötet, und sie haben Mohammeds Religion getötet.

Wann, wann können wir wahre Muslime sein?”
Jörg Lau | 12:51


Diskussion :


38 Leserbriefe und Trackbacks


1.

Appell an meine Glaubensbrüder: Setzt dem Terror ein Ende!

Ein ehemals radikaler britischer Islamist stellt sich gegen die Ideologie des Glaubenskriegs

Der 27-jährige Hassan Butt wurde als Sohn pakistanischer Eltern in Manchester geboren und war in der radikalen islamistischen Gruppierung Al-Muhajiroun aktiv. Letztes Jahr wandte er sich vom religiösen Extremismus ab. Jetzt reagierte er im «Observer» mit dem folgenden Aufsatz auf die jüngsten Attentate in Grossbritannien.

http://www.nzz.ch/2007/07/05/fe/articleFBFJS.html

———————————————-


Jetzt - nach den geplanten und teilweise realisierten Anschlägen in London und Glasgow - fordert Butt die Abkehr vom Terrorismus. Dabei geht er deutlich weiter, als dies nur aus humanitären Erwägungen zu begründen wäre. Er verwirft ein bekanntes Erklärungsmodell oder relativiert es zumindest: dass nämlich die neuen Gotteskrieger vor allem aus Frustrationen über ihre soziale und kulturelle Situation im Westen einerseits, über den Tod ihrer Gefährten im «Krieg gegen den Terror» anderseits zu den Waffen griffen. Hassan Butt geht vielmehr aufs Ganze. Die politische Theologie des Islams bildet für ihn die tiefste Quelle jener Militanz - also eine Lehre, die streng und folgenreich zwischen Gläubigen und Ungläubigen unterscheidet und daraus ihre revolutionäre Utopie gewinnt: das Reich des Propheten endlich ohne Kompromisse der Welt einzupflanzen.


http://www.nzz.ch/2007/07/05/fe/articleFBJ83.html
Kommentar von Tuotrams | 05.07.2007 | 1:30

2.

Danke, Herr Lau, dass Sie diesen Teil übersetzt haben! Ich kann diesem Text uneingeschränkt in jedem Satz und Gedanken zustimmen.

Ich finde die Aussagen gar nicht hart - dieser Begriff ist eher mit Radikalität in Verbindung zu bringen -, sondern enorm klar und auf den Punkt gebracht.

Ich bin deswegen sehr gespannt, wo jemand das Haar in der Suppe oder gar den Dolch im Gewandte des Verräters entdecken wird und was ich nicht erkannt habe als Attacke gegen den Westen.
Kommentar von Lebeding | 05.07.2007 | 2:00

3.

Schön, dass mal einer etwas Nettes schreibt.

Zwei Bemerkungen:

1. Von Liebe, Nächstenliebe schreibt er nichts (Agape). Das wäre die Goldene Regel, und das wäre wohl etwas viel verlangt.

2. Zur Zeit von Al-Mamoun wurden in Europa keine Hexen verbrannt. So weit war unsere Gesellschaft noch nicht entwickelt.
Nach Al-Mamoun war dann Sense mit der grossen Zeit - das Ende der Mutazili und den Versuchen, die Logik und die griechische Philosopie einzuführen und den Koran als Buch zu verstehen, nicht als Offenbarung. Zwar gab’s noch hie und da etwas, das man (zumindest als Jude) als Goldene Zeit bezeichnen konnte, aber nur kurz, und nicht institutionell oder als Teil einer langfristigen Entwicklung.
Man sollte (in der Zeit von Google) schon etwas besser recherchieren, bevor man sich mit dem Westen vergleicht.

Fazit. Für mich ist der Artikel ein Schuss in den Ofen. Aber immerhin keiner in den Rücken. Lieber viel Staub als viel Blut.
Kommentar von FreeSpeech | 05.07.2007 | 3:45

4.

FreeSpeech, man kann wirklich nicht die ganze Welt von Sokrates bis Rousseau und Kant bis zu Ihnen in einem kurzen Abschnitt abhandeln. Schön wär’s, dann bräuchte man nicht so viele Bücher zu lesen.
Deswegen ist es nämlich nicht verkehrt, dass man - Moslime insbesondere - versucht, wieder dort anzuknüpfen, was Sie zu Recht als untergegangen sehen: bei den frühen Philosophen des aufklärenden Islams, die meistens im Kerker endeten.

Ihr gefundenes Härchen ist mir noch zu klein.
Kommentar von Lebeding | 05.07.2007 | 3:52

5.

Den folgenden Text habe ich in ähnlichem Zusammenhang bereits zitiert. Dann also noch einmal hier:

>>Die griechischen Wissenschaften fanden durch Übersetzungen aus dem Griechischen und Syrischen Eingang in die islamische Welt.[22] In der letzten Phase des ummayadischen Kalifats wurden zunächst Werke aus pragmatischen bzw. semipragmatischen Disziplinen, wie Medizin, Alchemie und Astrologie übersetzt. Während des ‘abbâsidischen Kalifats wurde diese Übersetzungstätigkeit ausgeweitet, und unter dem Kalifen al-Mansûr (137-159/754-775) wurde schließlich auch die Philosophie rezipiert. Den größten Einfluss auf die islamische Kultur nahm die Philosophie fast 50 Jahre später, unter dem Kalifen al-Ma’mûn (196-218/812-833). In dem von ihm gegründeten Institut, dem bait al-Hikma (Haus der Weisheit) wurde eine große Anzahl von Büchern übersetzt und kopiert. Unter seiner Herrschaft trat auch der erste eigenständige islamische Philosoph auf: Ya’qûb al-Kindî (ca. 185-252/801-866). Diesem folgte eine Anzahl von Philosophen im 9., 10. und 11. Jahrhundert, wie ar-Râzî, in Europa als Rhazes bekannt, (gest. 313/926), al-Fârâbî (gest. 339/950) und Ibn Sînâ (gest. 370-428/980-1037), der in Europa als Avicenna bekannt wurde. Die beiden letzteren wurden besonders einflußreich. Ihre Lehren waren teilweise von Aristoteles beeinflusst, teilweise von Plotinus, und ihre politische Philosophie beruhte in weiten Teilen auf Plato, weshalb man auch vom ‘islamischen Neoplatonismus’ spricht. Das von islamischen Philosophen wie al-Fârâbî und Ibn Sînâ entwickelte eigenständige System wurde von den ‘Ulamâ’ kaum wahrgenommen, nur manche, wahrscheinlich auch al-Dschuwainî, hatten einige philosophische Bücher gelesen.[23]<<
http://www.al-sakina.de/inhalt/stud.....losophie/philosophie.html

Vielleicht kann man sich also jetzt noch einmal mit diesen frühen Philosophen des Islams beschäftigen.
Kommentar von Lebeding | 05.07.2007 | 4:02

6.

s. auch zu Al-Farabi: http://de.wikipedia.org/wiki/Ab%C5%....._al-F%C4%81r%C4%81b%C4%AB
Kommentar von Lebeding | 05.07.2007 | 4:06

7.

@ Lebeding

Zu Ihrem ersten Kommentar wollte ich gerade eine bitterböse Replik einstellen, und Sie auffordern, Ihre weinerliche Vorwurfsrhetorik zu unterlassen … da stürzte mein Computer ab!
Ich bin ganz froh darüber, weil Sie nämlich soeben bestätigt worden sind, durch den Beitrag von Free Speech.
Wie jemand bei Turki al-Hamad noch ein Haar in der Suppe finden kann, das ist mir ein Rätsel.
Kommentar von iceman | 05.07.2007 | 4:09

8.

@ FreeSpeech: Ich finde, wir risikolosen Blogger sollten uns mit unserer kostenlosen Klarheit hier nicht so dicke tun gegenüber jemand, der trotz mehrerer Fatwas, die ihn als Apostaten zur Hinrichtung freigeben, immer noch in Riad lebt. Man macht sich ein bisschen lächerlich mit so viel Gratismut.
Kommentar von Jörg Lau | 05.07.2007 | 4:13

9.

@Lebeding betr. FreeSpeech

Gemach, gemach, werter Lebeding,

FreeSpeech ist (zurecht) etwas aufgebracht, aber nicht so weit weg vom Treffenden….

So sehr ich die (wahrhaftig mutige! - in Saudi-Arabien kann ihm dafür enorme Gefahr drohen) Stellungnahme von Turki Al-Hamad hochschätze, so sehr ist doch zu bemerken, daß auch er aus bestimmten Denkmustern nicht hinauskommt.

Doch das soll keine Haarspalterei sein, werter Lebeding!

Was FreeSpeech anspricht, und leider auch “bei uns” im “Westen” vor allem in bestimmten Milieus zum unausrottbaren Klischee festgebrannt ist, sind bestimmte Vorstellungen über die Entwicklung unserer und anderer Gesellschaften.

Zu diesen unausrottbaren Vorstellungen gehört auch die des “finsteren, dunklen, unbeweglichen Mittelalters” (ein Klischee mittelprächtiger Romanautoren des 19. Jahrhunderts). Das Mittelalter war aber nicht “dunkel”, und es war schon gar nicht unbeweglich: es gehört zu den dynamischsten Epochen der europäischen Geschichte.

Ich will mich gar nicht groß bei den “materiellen”, wirtschaftlichen und technischen Leistungen des Mittelalters aufhalten:
- Rodung riesiger (Wald-)Flächen, Besiedelung unserer heutigen Kulturräume
- Trockenlegungen und Urbarmachung riesiger Landstriche (neue Be- und Entwässerungstechnik)
- neue Bergbautechnik (Begründung unserer modernen Mechanik)
- Massenhafte Stadtgründungen, gerade auch in Mittel- und Mittelosteuropa - das heutige Städte- und Siedlungsnetz hat da seinen Ursprung
- Entwicklung völlig neuer Architektur- und Kunstformen (Malerei, völlig neue Plastik, die die “starre” Antike hinter sich ließ)

Allein die infrastrukturelle Leistung des Mittelalters war überwältigend (oder wollen Sie dem Mittelalter jetzt zum Vorwurf machen, daß sie noch nicht mit PCs oder Dampfmaschine gearbeitet haben?)

Aber auch das sozial-kulturelle:
Damals wurden alle Grundlagen unserer modernen Gesellschaftsverfassung gelegt. Als da wären:

- neue Vorstellungen über “legitime Herrschaft” - in Gegensatz zum antiken “Recht des Stärkeren” (daraus folgend: Widerstandsrecht bei Herrschaftsusurpation durch “Illegitime” - dieses Widerstandsrecht nahm vor allem der Adel für sich in Anspruch, bzw. setzte es um)
- Ehe- und Familienrecht (nicht mehr als Unterwerfungsverhältnis der Frau unter den Mann, sondern als Bündnis von tendenziell Gleichen, auch wenn der Mann “die Familie” nach außen repräsentiert und führt)
- neue Rechtsformen des sozialen Zusammenlebens, der Stiftung von Loyalität und Gehorsam (Rechtsstaat)
- Entwicklung des Bürgertums nicht nur im Sinne eines “Stadtbewohners”, sondern auch als Rechtszustand (lesen Sie mal Max Weber zum Unterschied der europäischen Stadt zu allen anderen Stadtformen der Weltgeschichte)
- neue höfische Kultur (der Ritter), die soziale Werte des Mitleids und der Barmherzigkeit (christliches Ritterideal) mit Tatkraft, Bildung und Tapferkeit zu verbinden suchte - darauf beruht noch heute unsere ganze “Höflichkeit”
- Neue Wirtschaftsformen
- Abschaffung der Sklaverei (Bauern sind zwar großteils hörig, aber nicht mehr persönliches Eigentum ihrer Herrn)

Natürlich würde ich mir auch eine solche Entwicklungsdynamik für den Islam wünschen - nur, und da hat FreeSpeech einen Punkt: warum hat es sie noch nicht gegeben, bzw. wenn es sie (angeblich) gab, warum konnte sie FÜR IMMER gestoppt werden?

DAS IST TATSÄCHLICH DIE ZENTRALE PROBLEMATIK ÜBER DIE WIR HIER DIE GANZE ZEIT STREITEN!
Kommentar von Molinocampo | 05.07.2007 | 4:17

10.

@ Molinocampo

Aber es gibt sie doch irgendwie, und gerade jetzt, die von Ihnen vermisste Dynamik im Islam: Der islamistische Terrorismus ist die Aufkündigung (nahezu?) aller traditionellen Loyalitäten. Wir kennen das Ergebnis dieser Dynamik nicht. Worauf immer sie aber hinaus laufen mag, sie zielt auf die Abschaffung der überkommen aktuellen Ordnung. Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir im islamistischen Terrorismus eines Tages ein (krasses) Modernisierungsphänomen erkennen müssen.
Kommentar von EJ | 05.07.2007 | 4:57

11.

@EJ
Die totalitären Ideologien des 20. Jhd. waren auch modern. Na und? Enden mussten sie dennoch. Tatsächlich orientierten sich Al-Banna und Maududi an totalitären Bewegungen.

Ich gehe davon aus, daß die islamistische Bewegung erst am Anfang ihres Aufstiegs steht. Mittelfristig wird sie vielleicht einige Staaten im “Krisenbogen” und Enklaven in Europa regieren, die dann irgendwann auch den Krieg gegen den Westen bekommen werden, den sie sich so sehr wünschen. Und danach werden die Überlebenden genug vom Islamismus haben. Jede totalitäre Weltanschauung hat ihren 8. Mai.
Kommentar von Wachtmeister | 05.07.2007 | 5:07

12.

Tuotrams hat eingangs einen sehr guten Kommentar geschrieben, und zwei prima Links eingestellt.
Den NZZ-Artikel “Appell an meine Glaubensbrüder” habe ich gerade gelesen - er ist ganz hervorragend.

Islamisten haben zwei gute Charakterzüge.
Zum einen ein gewisses ´standing´, eine Charakterstärke.
Zum anderen denken sie die Dinge logisch konsequent zuende - wenn auch nur im Rahmen religiöser Irrationalität.

Will man den Islamismus und Djihadismus überwinden, so sollte man ihm die rationale Basis entziehen.
Hassan Butt ist das sehr gut gelungen.
Auch wenn das durch den Artikel nicht ganz klar wird, so glaube ich doch, dass Hassan Butt nicht nur kein “Djihadist” mehr ist, sondern auch kein “Islamist” mehr (jedenfalls nach meiner Definition).
Denn dadurch, dass Hassan Butt die Inhalte des Koran nicht mehr als unmittelbar determinierend ansieht, hat er sich von der orthodoxen Auslegung des Koran bereits verabschiedet.

So schreibt er:
“Es gibt aber noch ein weiteres Argument, das mir und anderen vormaligen Radikalen, die sich inzwischen vom Islamismus abgewandt haben, grundlegender und schlagkräftiger scheint, denn es impliziert den Schritt hinaus aus dem dogmatischen Paradigma und hinein in die heutige Realität:
Die Muslime leben ganz einfach nicht mehr in der bipolaren Welt des Mittelalters.”

Nun, soweit ist die Beweisführung noch recht dünn, aber dann kommt´s:
“Aber es reicht nicht zu sagen, dass die Muslime, weil sie sich hier nun einmal zu Hause fühlen, die Passagen im Koran einfach überblättern sollen, die zum Töten der Ungläubigen aufrufen (wichtige Nebenbemerkung: hier wird also auch von einem Gemässigten nicht in Abrede gestellt, dass es diese Aufforderungen überhaupt gibt - was unsere ´Gutis´ ja oft abstreiten!).
Wenn man sich um die Auseinandersetzung mit diesen jahrhundertealten Postulaten drückt, dann wird die Kluft zwischen der islamischen Theologie und der modernen Welt jeden Tag tiefer.”

In der Folge weist Butt noch einmal darauf hin, wie wichtig eine “solide argumentative Basis” für viele Muslime ist, und er fordert, dass islamische Rechtsgelehrte die Rechte und Verantwortlichkeiten von Muslimen neu und zeitgemäss definieren (also eine Art neuer Katechismus).

Hier endet dann Butts Artikel, aber den Schlüssel zur Lösung hat er bereits abgeliefert.
Für Hassan Butt - so ist zu vermuten - bleibt der Islam weiterhin ein Glaubenssystem mit unveränderlichen Werten, aber er hält die p r a k t i s c h e Auslegung für veränderbar, da sie sich orientieren muss an den vorherrschenden Standards und Sitten, die sich in einem entwicklungsfähigen System zwangsläufig mit verändern.

Eine gute Religion oder Ethik ermahnt den Anhänger, sich nicht exzessiv zu verausgaben, und spirituelle oder humanistische Werte mit etwas Selbstdisziplin zu üben.
Als Beispiel könnte man hier die “Schamhaftigkeit” anführen.
Eine gewisse Zügelung ist sicher sinnvoll, aber w a s als “schamhaft” empfunden wird, das kann sich im Zuge der Zeit dramatisch verändern.
Entscheidend ist immer nur die innere Haltung, und ohne Zweifel bricht Hassan Butt mit der starren Haram-Halal-Konvention.
Darin besteht die Chance zur Veränderung.
Theoretisch bis zu dem Punkt, an dem man FKK-Nudisten nicht mehr als etwas “Obszönes” wahrnimmt, weil sich das Erregungspotential aufgelöst hat, im erotischen wie im moralischen Sinne.
Zur Zeit Mohammeds wären die Männer beim Anblick einer Frau im Bikini durchgedreht, heute ist es normal.
Wir duschen nackt nach dem Sport, wir sehen schon als Kinder unsere Eltern halbnackt über den Campingplatz schlurfen, und einige schliessen gar nicht mehr ab, wenn sie zur Toilette gehen.
Und wer erinnert sich nicht an die eindrucksvolle Szene in “American Pie”, in der der liberale Hausvater seinen Sohn beim (…) des Apfelkuchens erwischt - auch das kein Drama.

Islamisten besitzen keine Moralität im Sinne einer tugendhaften Innerlichkeit, sondern eher eine der tugendhaften Äusserlichkeit.
Das “Anstössige” wird zu sehr an physischen Erscheinungen festgemacht, und zuwenig an der Herausbildung empathischer Kompetenzen wie universelles Mitgefühl.
Ein Islamist würde wahrscheinlich behaupten, dass b e i d e s möglich ist, aber als Buddhist bin ich zutiefst davon überzeugt, dass die Kultivierung des einen Faktors zulasten des anderen geht.
Hass ist etwas zutiefst irrationales.
Und es ist nicht möglich, Mitgefühl (und damit Frieden) zu kultivieren, indem man andere für´s Anderssein verabscheut, sei es aufgrund ihres Glaubens, ihres Aussehens oder ihrer Kleidung.
Insofern m u s s die Vorstellung, bei universeller Ausbreitung des Islam gäbe es universellen Frieden, immer eine Illusion bleiben, da es i m m e r individuelle Merkmale geben wird.
Hassan Butt hat das sehr gut verstanden, und in dem Masse, indem diese Einsicht wächst, werden sich Konflikte mit der islamischen Welt von selbst erledigen.

Davon abgesehen gilt aber umgekehrt das gleiche:
Eine Abkehr von übertriebener Äusserlichkeit, also von Kopftüchern, Burkinis oder Segregation, kann man als Nichtmuslim nur dann glaubwürdig einfordern, wenn man selbst keiner übertriebenen Äusserlichkeit anhaftet - wie das in der Oberflächlichkeit des westlichen Konsumdenkens sicher der Fall ist.
Schade ist, dass diese selbstkritische Reflektion (im Westen) dadurch blockiert wird, dass wir uns derzeit so sehr mit den Strukturen des Islam beschäftigen müssen.
Dadurch bleibt auch bei uns vieles unerledigt, und wir waren schon mal weiter.
Kommentar von iceman | 05.07.2007 | 5:15

13.

@iceman
“Islamisten besitzen keine Moralität…”

So ist es! Moral ist die Fähigkeit, richtiges und falsches Verhalten anhand universeller Regeln unterscheiden zu können.

Islamisten setzen an die Stelle von moralischer Erkenntnis Kataloge von Regeln, die jeden Aspekt des Lebens regeln, und setzten diese Regeln auch in den privatesten Bereich durch.

Islamisten verwechseln Moral mit Gesetz.

An die Stelle sittlicher Disziplin des Mannes setzen sie die Verschleierung der Frau. Sie leugnen somit individuelle Verantwortung, welche die Grundlage jeder Moral ist: Jeder Mensch ist für sein Handeln und dessen Konsequenzen verantwortlich. Für den Islamisten ist die Frau für die Moral des Mannes verantwortlich.

Islamisten sind somit im wahrsten Sinne des Wortes antimoralisch.

In einem islamischen Staat sind die Menschen nicht moralischer, sondern nur besser beaufsichtigt.
Kommentar von Wachtmeister | 05.07.2007 | 5:22

14.

@ Iceman: Hier können Sie Butt auf “60 minutes” sehen:
http://www.youtube.com/watch?v=odr2pJeSMqU
Kommentar von Jörg Lau | 05.07.2007 | 5:22

15.

Wachtmeister: “Die totalitären Ideologien des 20. Jhd. waren auch modern. Na und? Enden mussten sie dennoch.”

Richtig. Aber weniger analytisch als mehr fatalistisch gedacht.
Kommentar von EJ | 05.07.2007 | 5:33

16.

@iceman, versuchen Sie doch bitte, nicht “bitterbös” zu reagieren, sondern Ihre hochgeschätzte kritische Betrachtungsweise sachlich einzubringen. Ich finde nämlich persönlich, dass dem Islam als Philosophie heute angesichts des Islam. Terrors Unrecht getan wird und dass dieses auch von diversen christlichen Kräften so gewollt ist (wie das allerdings zustande kam, ist immens komplex und mit wenigen Sätzen wohl nicht analysierbar - daher kann man es auch lassen). Mit Weinerlichkeit hat meine (noch-)Auffassung nichts zu tun. Der Sufismus bleibt auch heute noch eine mystische und nicht eine politische Bewegung innerhalb des Islams, die allerdings schweigt. So hat z.B. Hermann Keyserling in seinen Reisetagebüchern, 1920 - anders als Schopenhauer - sehr wohl auch geistig Inspirierendes im Islam finden können.

Ebenso möchte ich auf M. Iqbal hinweisen, der 1922 von der britischen Krone geadelt wurde, und dem sicher kein hintergründiger Islamismus zu unterstellen ist:
http://www.h-net.msu.edu/~bahai/dig...../Iqbal/metaphys/iqbfn.pdf
Da dieser Text in Englisch ist, habe ich ihn nicht wirklich lesen können. Ich gehe aber mal davon aus, dass er lesenswert ist, auch wenn man darin dann entsprechende Suppen bei den Haaren finden würde.

Wenn man Haare finden will, findet man sie, und wenn man die Sonne finden will, findet man sie sogar hinter den zurzeit trüben dunklen Wolken am Himmel.

Es ist in der Tat eine Frage des Wollens, ob man die Welt kurz vor dem Untergang stehend sehen will oder ob man die chaotische Zeit heute auch als Herausforderung zum Neubeginn einer geistigen Betrachtung der Welt - besser allerdings m.E. jenseits von Religion - annehmen will.

Also, @molinocampo, man muss auch fragen, warum jene Kräfte, aus denen sich der Islamismus rekrutieren konnte, so immens stark werden konnten und die Seele des Islams (ich weiß, manch einer wird darüber lachen, aber ich sehe sie halt noch hier und da durchschimmern, wenngleich auch sehr schwächelnd) unterdrücken konnten und noch unterdrücken wollen.

Ob das nur mit jenen aggressiv destruktiven, hier schon oft zitierten Koran-Versen zu tun hat, gilt es zu untersuchen. Ich denke - lapidar - es hat auch damit zu tun, dass der Islam einerseits nicht zwischen Religion und Staat unterscheidet (ähnlich ja auch die kath. Kirche die ganze Erde und Menschheit zum Reiche Gottes machen will, s. 2. Konzil, richtig: mit friedl. Mitteln! und symbolisch!) und andererseits diese Religion keine kirchlich organisierte je war und ist, sondern ein Glaube ist, der auf der individuellen Subjektivität zwischen Gläubigem und Gott aufbaut.

Die heute bestehenden Organisationen sind unterschiedlich und nicht wie Kirchen untereinander verknüpft. Da gibt es eben noch viel Arbeit zu leisten - oder man schafft - lapidar gesagt - alles religiöse ab. Das wäre theoretisch am einfachsten, aber nicht realisierbar in absehbarer Zeit….

Es ist immer wieder ein Abenteuer, hier etwas Positives zum Thema Islam zu posten. Daher: alles sehr spannend.
Kommentar von Lebeding | 05.07.2007 | 5:40

17.

@iceman, während ich schrieb, schrieben auch Sie, daher werde ich Ihren Post erst noch lesen. Kurz überflogen aber gefällt er mir jetzt schon.
Kommentar von Lebeding | 05.07.2007 | 5:45

18.

@iceman et al

Ich war anfangs auch ganz begeistert von Butt’s Artikel in der NZZ, und dann sah ich die 2 hier referierten Artikel hier, da hat’s halt klick gemacht.

Siehe
http://nebeldeutsch.blogspot.com/2007/07/quadruvial.html

Was ich zur Aufzählung der Liste von Molinocampo noch anfügen wollte:
-im Westen hat sich auch die Logik stark weiterentwickelt, und damit die Diskursive Methode.
Darum auch das dauernde Interesse an Aristoteles, darum die Reisen nach Byzanz und die spätere Rezeption der Kommentare des Averroes.
Kommentar von FreeSpeech | 05.07.2007 | 5:46

19.

Werter Lebeding,

Sie sprechen da ein wichtige Sache an: die “Philosophie” des Islam und verweisen auf Strömungen wie z.B. dem Sufismus, der in der Tat etwas andere Zielrichtungen anstrebt, als dies im (weit dominierenden) Sunnitischen Mehrheitsislam der Fall ist.

Tatsächlich hat es in der islamischen Geschichte nicht an Beispielen gefehlt, wo versucht wurde, das platte “wortwörtlich” der Koran-Auslegung zu überwinden, den Koran, wie man modern sagen würde, zu “historisieren”, und so flexiblere Deutungsmöglichkeiten zu erhalten.

Leider, und das ist nun einmal bezeichnend und NICHT ZU IGNORIEREN - sind alle diese Versuche der letzten 1500 Jahre gescheitert. Entweder wurden die entsprechenden (Vor-)Denker ignoriert, meist aber gleich umgebracht, und wo diese eine bedeutendere Nachfolgerschaft um sich sammeln konnten, wurde diese bis zur Vernichtung verfolgt.
Schauen Sie sich einmal die Geschichte der Bahai an! Diese Strömung ist letztlich aus dem fehlgegangenen Versuch eines “Reformislam” hervorgegangen.
Bezeichnend ist übrigens, daß der Schwerpunkt solcher spirituell-theologischer Neudeutungen des Islam seit jeher in Persien lag - eine weitere Spielart mögen die Alewiten repräsentieren, und es dürfte kein Zufall sein, daß diese Glaubensrichtung in den Regionen des URCHRISTENTUMS ihre Heimat hat (”Paulikianer”). Allderdings werden Alewiten (und zwar von Sunnis wie Schiiten) nicht als “richtige” Muslime anerkannt.

Das gilt übrigens auch für die von Ihnen so geschätzten Sufis - auch diese waren immer wieder Verfolgungen ausgesetzt, und können selbst in der HEUTIGEN Türkei nicht sicher an die ÖFFENTLICHKEIT treten.

Woher also, soll die Dynamik für den Mehrheitsislam dann kommen?
Kommentar von Molinocampo | 05.07.2007 | 6:03

20.

Um das von mir oben zur spezifischen Dynamik von Religionen gesagte noch einmal von anderer Seite unterstreichen zu lassen,

füge ich hier einen Blog-Beitrag an, den thogos verfasste, und der mir ausnehmend gut gefiel:

Der Beitrag der englischen Guardian-Autorin zeigt deutlich, dass bei den “letzten Fragen” nach Gott und Religion leider allzu oft weniger reflektiert, dafür aber umso mehr polemisiert wird. Die gesamte Argumenatation (wenn eine solche hier überhaupt vorliegt) geht darin auf, vorzurechnen, was “Religionen” an Schaden verursacht haben, während die Aufklärung ausschließlich Segen und Wohlfahrt schenken. Da es nicht lohnt, auf dieses Niveau einzusteigen und vorzurechnen, wie viele Tote der Inquisition und Kreizzügen den Toten Stalins gegenüber stehen, ist ein tieferer Blick zuträglicher. Um den “Wert” des Glaubens (wenn ein solcher überhaupt dem Begriff Religion ihres Selbstverständnisses nach gerecht wird) zu ermessen, müssen wir uns klarmachen, dass unsere Unterscheidung von “gut” und “böse” bzw. die darauf beruhende säkularisierte Unterscheidung von “Recht” und “Unrecht” ihre Wurzeln in relgiösen Vorstellungen hat. Die Vorstellung der Menschenwürde beruht auf dem Begriff der Person und der Personengedanke wiederum ist in den christologischen Streitigkeiten der ersten vier Jahrhundert errungen worden. Dass die chritliche Relgion nun im Laufe ihrer Geschichte die Personalität des Menschen mit Füßen getreten hat, ist freilich noch kein Argument gegen die Einsicht, dass es die Vorstellung vom Menschen als Person ohne das Christentum in dieser Form nichtr geben würde. Anachaulich lässt sich erfahren, wie sehr wir von diesen originär christlichen Begriffen noch immer, wenn auch unthematisch, geprägt sind, wenn man in den asiatischen Kulturraum blickt - dort ist die Vorstellung des Menschen als Person kutlurgeschichtlich nicht gewachsen, sodass dort Moral ganz anders begründet werden muss.
Das Problem ist also nicht, dass Religionen so viel Schlechtes verursacht hätten (bekanntlich hat auch die franz. Revolution ihre “gottlosen” Kinder gefressen), ohne Religon resp. Christentum hätten wir gar keine Begriffe von schlecht, gut, richtig oder falsch. Diese moralischen Termini wurden in der Menschheitsgeschichte immer erst religiös bgründet, bevor sie ihres relgiösen Gewandes entkleidet und schließlich nicht mehr metaphysisch, sondern innerweltlich erklärt wurden. In dem Maße aber, in dem die originären, begründenen Traditionen wegfallen, erodiert auch die Plausibilität der Werte bzw. dessen, was über Jahrhunderte als solche gegolten hat. So ist es kein Zufall, dass Zeit-online just heute über eine Unterhaltungsshow in den Niederlanden(!) berichtet: Jetzt können wir per SMS abstimmen, welche Todkranken eine Spenderniere erhält und wer leer ausgeht…
Es bleibt abzuwarten, wie sich unsere Auffassungen von Würde und Werten weiter entwickeln wird, wenn Relgion nur noch vor dem Hintergrund ihrer Verfehlungen gesehen wird, anstatt sie in ihrer kulturschaffenden und existentiell orientierenden Dimension zu beschreiben.
Kommentar von Molinocampo | 05.07.2007 | 6:06

21.

@Jörg Lau

Ihr Argument mit den Fatwas in Ehren.
Ich kann mir vorstellen, dass er weiter denkt als er schreiben kann. Aber das bleibt genauso spekulativ wie das Gegenteil.
Kommentar von FreeSpeech | 05.07.2007 | 6:10

22.

Molinocampo: >Das gilt übrigens auch für die von Ihnen so geschätzten Sufis - auch diese waren immer wieder Verfolgungen ausgesetzt, und können selbst in der HEUTIGEN Türkei nicht sicher an die ÖFFENTLICHKEIT treten.

Woher also, soll die Dynamik für den Mehrheitsislam dann kommen?<

Eben daher, dass wir sie - also eher solche Leute wie Laus saudischen Helden (schöner Titel) - mehr und mehr bemerken und in der Öffentlichkeit als Gegenpart zum Islamismus zu Worte kommen lassen und diskutieren. Die Sufis allerdings werden da wohl selbst nicht mitmachen, alldieweil sie eher so etwas wie ein Geheimbund immer waren und lieber im Hinterkämmerlein mystisch als politisch auf dem Campus tätig wären. Aber wer weiß?

Ich denke auch, dass es wichtig ist, nicht immer wieder einem aus dem Islam, der sich strikt gegen den Terror wendet, Hinterhältigkeit zu unterstellen, wie dies im Statement von @FreeSpeech angedeutet ist. Denn “weiter denken” kann ja auch positiv sein.

@iceman, Ihrem Text stimme ich voll zu. Aber der Aspekt der sexuellen Toleranz wird so schnell nicht einlösbar sein, weil die Prüderie oder Puritanität nicht nur den Moslems, sondern sogar auch manchen Leuten aus dem freien Westen zu eigen ist. Also daran sollte man doch besser nicht die Aufgeklärtheit von Moslimen messen.
Kommentar von Lebeding | 05.07.2007 | 7:13

23.

@ EJ

Oh, es haben schon andere versucht, den Nationalsozialismus als einen “leider etwas aus der Kontrolle geratenen” Versuch einer extram nachholenden Entwicklung zu deuten - ich persönlich halte davon nichts - der Nazismus hatte eigentlich gar kein positives, konstruktives Programm - er war nihilistisch und todessüchtig von Anfang an.

Und genau hier wird der Vergleich mit dem heutigen Islam interessant (und deckt sich mit dem von Turki Al-Hamad so treffend ausgeführten).

Der Islamismus ist ein KRISENPHÄNOMEN der Islamischen Welt, der Desorientierung: deshalb schreiben Sie völlig richtig, EJ, daß er durchaus alte Bindungen löst - nur um neuentworfene “pseudo-Stammesbindungen” zu knüpfen. Es gibt im Islamismus keine zukunftsfrohe Dynamik des Neuen. Bei anderer Gelegenheit schrieb ich zum gleichen Thema:

genauso wie die völlige politisch-kulturelle Desorientierung der deutschen Mehrheitsgesellschaft nach dem 1. Weltkrieg den Aufstieg und die schließliche Machtergreifung durch eine radikale Minderheit ermöglicht hat, so ist der Islamismus einerseits Produkt dieser Desorientierung des Mainstreamislam, und erhält andererseits durch diese Desorientierung seine Chance zur Deutungshoheit (und Machtergreifung).

Die Tragödie der islamischen Welt liegt in den entscheidenden UNTERSCHIEDEN eines solchen Vergleiches:

der NATIONALSOZIALISMUS war ein DEUTSCHES PHÄNOMEN und PROBLEM, der ISLAMISMUS ist aber ein PHÄNOMEN der GESAMTEN MUSLIMISCHEN WELT - UND NICHT ETWA NUR DES IRAN, ALGERIENS, PAKISTANS, AFGHANISTANS ODER SAUDI-ARABIENS.

Der NAZISMUS war im KERN EINE SÄKULARE IDEOLOGIE (UND DAHER SEHR ZEITGEBUNDEN), der ISLAMISMUS nimmt aber explizit Bezug auf den ISLAM ALS RELIGION - UND DAMIT AUF DIE FUNDAMENTALSTEN GRUNDLAGEN DER ISLAMISCHEN ZIVILISATION

- DESHALB WIRD DER ISLAMISMUS DEN ISLAM (als Kultur und Lebensform) FÜR IMMER ZERSTÖREN….
Kommentar von Molinocampo | 05.07.2007 | 7:27

24.

Zugegeben, Lebeding,

der Gedanke, diese Strömungen im Islam zu stärken und als Richtschnur einer Erneuerung zu nehmen ist naheliegend - aber leider praktisch wohl kaum durchführbar: das wäre so, als wenn Sie der katholischen Kirche empfehlen wollten, sich an irgendwelchen obskuren evangelikalen Sekten für eine innere Erneuerung zu orientieren (wobei dieser Vergleich dahingehend hinkt, daß das Verhältnis der theologischen Glaubensinhalte zwischen Katholizismus und Evangelikalen genau umgekehrt ist wie zwischen Mehrheitsislam und Sufismus: mit seinem mystischen Gehalt stünde der Sufismus dem Katholizismus näher, während die Evangelikalen dem Mehrheitsislam entsprächen).
Kommentar von Molinocampo | 05.07.2007 | 7:39

25.

@ Molinocampo

Ich hoffe nur, Sie haben recht. Ihr Wort in Gottes Ohr. Sic!
Kommentar von Riccardo | 05.07.2007 | 7:44

26.

@ Lebeding

Die Ablehnung von Säkularität oder Gleichberechtigung von anderen Religionen wird von den Trägern kaum als Hinterhältigkeit gesehen.
Auch die Kairoer Erklärung der Menschenrechte wird von ihnen wohl als normal angesehen - das würde ich sogar von Laus Helden annehmen.
Staat über Scharia ist aber sicher für alle drei Autoren undenkbar, sonst würden sie anders anrgumentieren.
Ebenso bleibt die Goldene Regel aussen vor.

Der NZZ-Autor schreibt ja ausdrücklich von Koexistenz (lies: Parallelgesellschaft) und der Gueardian-Autor hat bloss Angst vor weiteren Kontrollen.

Das schleckt keine Geiss weg, wie man bei uns sagt.
Kommentar von FreeSpeech | 05.07.2007 | 8:16

27.

Und nicht vergessen: Der zitierte Al-Mamun war Mutazilit. (http://de.wikipedia.org/wiki/Mu%27tazila)
Diese gibt es seit 1000 Jahren nicht mehr!

Turki Al-Hamad muss mann einfach mögen.
Kommentar von Sebastian Dietrich | 05.07.2007 | 8:18

28.

@Molinocampo

1) Die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus ist ein Blödsinn (Peter Scholl Latour)

2) Die Vorschriften des Islam sind Mittel zum Zweck. Sie sind identitätsstiftend, disziplinierend und unter dem Gesichtspunkt der demographischen Ausbreitung sehr produktiv.

3) Die Logik des Islam ist der Sieg des Islam. Momentan feiert der Islam seine einzigen Erfolge durch die demographische Ausbreitung im Westen. Die Muslime haben Geduld. Es leuchtet jedem Muslim ein, daß bei fortschreitendem Geburtenüberschuß und weiterer Einwanderung irgendwann einmal die Mehrheit winkt. Der Islam ist also nicht desorientiert oder in einer Krise, der Islam ist kurz davor nach Byzanz auch Rom zu erobern.

Muammar Gaddafi ist nicht der Dümmste. Er hat inzwischen dem Terror abgeschworen, weil die andere Strategie viel besser funktioniert:

http://en.wikiquote.org/wiki/Gaddafi
We have four million Muslims in Turkey and Albania. There are signs that Allah will grant Islam victory in Europe – without swords, without guns, without conquests. The fifty million Muslims of Europe will turn it into a Muslim continent within a few decades. Europe is in a predicament, and so is America. They should agree to become Islamic in the course of time, or else declare war on the Muslims.

Der Islam wird sich dann ändern, wenn er auf dem Boden liegt. Früher war der Islam bezeichnenderweise viel weniger radikal, weil er es sich nicht leisten konnte. Wenn sich der Islam jetzt ändert dann verspielt er alles. Deshalb wehrt man sich mit Händen und Füßen, deshalb verläßt man die Integrationskonferenz, weil man keine minderjährigen Importbräute mehr holen darf.

Der Islam hat als Ideologie keine Chance, zumindest bei nicht islamisch sozialisierten Menschen, es sei denn bei Hardcore-Masochisten.

Die Strategie muß also sein, den Moslems jede Hoffnung zu nehmen jemals in Europa die Macht übernehmen zu können. Dann bleibt ihnen nur noch die Möglichkeit ihre eigenen Länder zu reformieren. Und dann beginnt die Arbeit, die nur ohne den Islam als prägende Kraft gelingen kann.
Kommentar von zensierter | 05.07.2007 | 8:38

29.

@Molinocampo, der Vergleich Islamisten/Evangelikale vs Katholizismus und Sufitum ist gar nicht so falsch. Die christlichen Mystiker, wie Meister Ekkehard, Seuse, Böhme u.v.a. lassen sich mit Sufis sogar auf eine Ebene stellen. Sie waren von der Kirche tlw. nicht anerkannt und gar exkommuniziert worden wie Ekkehard.

Die großen christl Kirchen haben aber Sektenbeauftragte und wenden sich durchaus gegen Extremisten wie Evangelikale. Aussteiger werden zuvor beraten und später - so gewollt - auch wieder auf genommen.

Ein entscheidender Punkt bleibt die Macht: Christentum als Kirche und Islam als Staat. Das ist zwar inhaltlich absolut verschieden, aber strukturell nicht. Wer kritisiert, wie Drewermann (ein Chaot zwar, aber immerhin ein Kritiker) oder Küng (ein großer Denker!) u.a. sind nicht exkommuniziert worden, weil sie gegen Christus ketzten o.ä., sondern weil sie sich den verkrusteten Denkstrukturen der Kirche und den Machtstrukturen dort wiedersetzten. Liest man z.B. die Auseinandersetzungen und Briefwechsel der bd. o.g. Herren mit den Bischöfen und dem Papst, wird es einem schon ganz anders und man spürt die Macht der Institution, die die Erneuerung von Innen heraus zu verhindern sucht. Denn freie Menschen im Glauben, wie sie Drewermann und auch Küng sich wünschen sind nicht mehr so leicht zu “manipulieren”, um das zu verkürzen … und die Kirchenmitglieder werden geringer …
Kommentar von Lebeding | 05.07.2007 | 8:46

30.

@zensierter:
“Der Islam wird sich dann ändern, wenn er auf dem Boden liegt. Früher war der Islam bezeichnenderweise viel weniger radikal, weil er es sich nicht leisten konnte. ”

Wenn Sie sich doch nur etwas weniger radikal ausdrücken würden. Inhaltlich Recht haben Sie allerdings:

Der Islamwissenschaftler Majid Khadduri schrieb 1955 in “War and Peace in the Law of Islam” über den Islam:

“The state which is regarded as the instrument for universalizing a certain religion must perforce be an ever expanding state. The Islamic state, whose principal function was to put God’s law into practice, sought to establish Islam as the dominant reigning ideology over the entire world. It refused to recognize the coexistence of non-Muslim communities, except perhaps as subordinate entities, because by its very nature a universal state tolerates the existence of no other state than itself. …The jihad was therefore employed as an instrument for both the universalization of religion and the establishment of an imperial world state.”

Muslim würden dies allerdings nicht mehr praktizieren, da:

“The Muslim states, however, are quite aware that at the present it is not possible to revive the traditional religious approach to foreign affairs, nor is it in their interests to do so, as the circumstances permitting the association of religion in the relations among nations have radically changed … Islam has at last accepted, after a long period of tension and friction with Christendom, its integration into a world order which, although originating in western Europe, now tends to encompass the entire world.”

Kurz gesagt: Ideologisch wurde das Selbstverständnis des Islam als imperialer Ideologie von den relevanten Strömungen im Islam nie aufgegeben. Dieses Selbstverständnis wurde irgendwann jedoch als unrealistisch aufgegeben. Vor dem Hintergrund jüngster Erfolge wurde es wiederbelebt.

Die bittere Wahrheit: Solange die wesentlichen Strömungen im Islam sind nicht theologisch reformieren, ist nur ein schwacher Islam ein toleranter und friedlicher Islam.
Kommentar von Wachtmeister | 05.07.2007 | 8:50

31.

Den von Jörg Lau eingestellten You-Tube-Link mit Hassan Butt habe ich mir jetzt mindestens 20 x angesehen.
Der Mann ist hundertprozentig authentisch.
Er äussert sich spontan und unverkrampft über das Hadullah-System, über die Finanzierung durch Drogengeschäfte, die als Kampf gegen den Westen verstanden werden (”poisoninig slowly”)
und über die Verbindungen und Bargeldtransporte nach Pakistan.

Er spricht davon, wie junge Männer von den Imamen mit Heiratsversprechen geködert werden, und anschliessend langsam indoktriniert werden, und wie sie mit eigenen Freizeitaktivitäten unterhalten und kontrolliert werden.
Attentäter bezeichnet er ausdrücklich als “terrorists”.
“Unschuldige” Opfer werden nicht abstrakt beklagt, sondern ganz konkret in den Kontext dieser “terrorist attacks” gesetzt.
Die Formulierung “innocent men, women and children” könnte auch an einem früher angelernten Sprachmuster liegen, das hier aber ehrlich verwendet wird.
Letzte Sicherheit verschafft die Mimik an dieser Stelle.
An der Stelle 03:07 bis 03:10 achte man auf die Augenbewegung!
Eine fliessende und schnelle Dynamik im Gesicht, vor allem um die Augen herum, es sind mehrere Muskelgruppen beteiligt, die man nicht bewusst steuern kann.
Das geht nicht, es sei denn man ist ein Weltklasseschauspieler.
Das Gesicht hat über 40 Muskeln, und der normale Mensch kann ihr Zusammenspiel überhaupt nicht kontrollieren.
Wenn Leute Empathie simulieren, dann wirkt das sehr viel primitiver, so in der Art von “Dackelblick”.
Das ist hier nicht der Fall.

An anderer Stelle zeigt sich die Ehrlichkeit sogar noch deutlicher, und das hat bei mir den allerletzten Zweifel beseitigt:
In einer Sequenz erklärt Butt, dass die Islamisten niemanden dazu drängen, an Kampfausbildungen im Ausland teilzunehmen.
Der Grund dafür sei, dass ein zuverlässiger Soldat nur einer sein könne, der sich freiwillig dazu meldet.
“The network never pushes people that way.”
Dieser Aussage verleiht er mimischen Nachdruck.
Aber eben nicht wie Bill Clinton (Lippen zusammenpressen, mit dem Kopf nicken, und die Stirn runzeln), sondern unbewusst und fast u n m e r k l i c h .
Gerade daran erkennt man die Authentizität.
An der Stelle 03:36 bis 03:37 achte man auf das rechte Auge von Butt (links vom Betrachter), das sich leicht verengt.
Das ist nicht bewusst gesteuert.

Ganz allgemein ist die Mimik sehr locker und unangestrengt, nur wenig bewusste Kontrolle.
Bei Lügnern verhärten sich an den kritischen Stellen die Gesichtszüge, die Mimik friert ein, und der Blick wird starr.
Davon ist hier nichts zu sehen.
Die Augen sprechen sowieso für sich, von Anfang an.
Hassan Butt ist ein hochgradig sympathischer und empathischer Mensch, und es gibt überhaupt keinen Grund, an ihm zu zweifeln.
Wenn wir solchen Leuten kein Vertrauen schenken, dann gibt es keine Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben!
Kommentar von iceman | 05.07.2007 | 9:10

32.

Danke iceman, ich werde mir das ansehen.
Kommentar von FreeSpeech | 05.07.2007 | 10:01

33.

@Jörg Lau
Zu Beginn des Interviews mit Hassan Butt wird von einem “Deal” zwischen den britischen Behörden und den Jihadis gesprochen. Der Inhalt des “Deals” soll gewesen sein, das die Jihadis alles machen dürfen also inklusive den Jihad in anderen Ländern betreiben, solange sie nicht zu Anschlägen auf britischem Boden aufrufen.
So in etwa dürfte das auch hierzulande gelaufen sein. Und vielleicht läuft es immer noch so. Wir brauchen uns nicht zu wundern wenn sich die Jihadis in Europa versammeln und die hiesige (muslimische?) Jugend rekrutieren.
Kommentar von J.S. | 06.07.2007 | 12:17

34.

können Sie, @iceman, auch mal Herrn Bush so genau analysieren! Und dann bitte auch Achmadinedschad! Danke! Und Merkel und .. Und haben Sie auch berücksichtigt, dass möglicherweise die Mimik bei Arabern anders zu deuten ist als bei Europäern? So nicken bspw. die Inder - auch arabischer Herkunft - mit dem Kopf, wenn sie etwas verneinen und schütteln ihre Häupter, so sie etwas bejahen. Vielleicht quetschen die Araber ja die Lippen zusammen, wenn sie die Wahrheit aussprechen?

Hier kann man ihm, Herrn Butt, auch persönlich schreiben:
http://observer.guardian.co.uk/comment/story/0,2115832,00.html
Kommentar von Lebeding | 06.07.2007 | 12:18

35.

@J.S.: Wir haben den Deal hierzulande nach dem 11/9 aufgekündigt. Etwas zu spät. Hizb ut-Tahrir wurde Januar 2003 verboten, ist aber weiter - und seit kurzem wieder aggressiver - aktiv.
Kommentar von Joerg Lau | 06.07.2007 | 12:29

36.

@Joerg Lau
So ganz glaube ich das nicht. Denn es sind doch ein paar Verdächtige problemlos ausgereist. z.B. Muhammad Haidar Zammar der im Oktober 2001 Deutschland verlassen hat. Was wäre wenn der den nächsten Anschlag verübt hätte? Ähnlich der Fall der Kontaktperson des Djerba Attentäters (Chritian G. ein Konvertit). Der war sogar in den deutschen Medien bekannt und hat das Land ebenfalls verlassen können und wurde dann später von den Franzosen wegen der Vorbereitung eines Anschlags verhaftet.
Also zumindest das “Sankt Florians Prinzip” wurde weiter angewendet.
Der Fall Reda Seyam deuten ebenfalls darauf hin das man den Jihadis nicht wirklich auf die Füße treten will. Und was nützt es wenn man die Hizb ut-Tahrir lautstark verbietet aber praktisch weg sieht?
Was ist denn bei Schillys “Anti-Terror-Wrestling” heraus gekommen?
Kommentar von J.S. | 06.07.2007 | 12:55

37.

wenn das Wörtchen “wenn” nicht wäre. Oh J.S., Ihre Hätt’ste-wenn’ste-Denke oder auch intellektueller Konfusionismus (nicht zu verwechseln mit Kunfuzianismus) will spalten um jeden Preis. Das ist gut so für Ihren privaten subjektiven Frieden und für die Ordnung Ihrer geistigen Welt… Wo wird man eigentlich unterrichtet im Denken der „Achse-des-Bösen“? Denn Ihre Erklärung (Plural kann man hier nicht wählen, weil Sie immer die selbe Erklärung und Logik haben à la Cato: Islamum esse delendum) der Weltgeschichte ist sehr professionell.

Aber so simpel gestrickt ist die Welt nicht, wie Sie sie gerne hätten. Und Ihre Denke von links-rechts-hättste-wennste bringt in der Realität nichts! Wenn im WTC zur Anschlagszeit alle Menschen, die vortags dort gewesen waren, dort gewesen wären als es tödlich krachte, hätte man noch mehr Tote zu beklagen gehabt. Manchmal meint es der Liebe Gott (zumindest meiner) doch gut mit den Menschen. Und auch die rechtsstaalich möglichen Gesetze werden noch geschrieben werden, die sogar Anschläge verhindern: Der CIA bildet ja schon Gedankenleser aus, wie neulich in einem Film (war halt nur ein Krimi) erzählt wurde …
Kommentar von Lebeding | 06.07.2007 | 10:45

38.

@iceman
Ich habe das Video angesehen. Es überzeugt mich nicht.
Wegen der Körpersprache (und weil er den Grund für seine Gesinnungsänderung sehr abstrakt erzählt).
Kommentar von FreeSpeech | 06.07.2007 | 12:14
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