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Auszug aus dem Buch "Baha'u'llah und das Neue Zeitalter, John E. Esslemont, erschienen im Baha\'i Verlag.
„O Volk Gottes! sei nicht mit dir selbst beschäftigt. Befasse dich mit der Besserung der Welt und der Erziehung der Nationen.“ (Baha’u’llah)
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Die Religion als Grundlage der Zivilisation
Nach der Baha'i-Anschauung sind die Probleme des menschlichen Lebens, sowohl die des einzelnen als die der Gesellschaft, derart unbegreiflicher und verwickelter Art, daß sie der gewöhnliche menschliche Verstand von sich aus nicht richtig zu lösen vermag. Nur der Allwissende kennt den Sinn der Schöpfung vollkommen und weiß, wie dieser Sinn erfüllt werden kann. Durch die Offenbarer zeigt Er der Menschheit das wahre Ziel des menschlichen Lebens und den rechten Weg zum Fortschritt. Der Aufbau einer wahren Zivilisation hängt davon ab, daß man sich gläubig an die Führung der prophetischen Offenbarung hält. Baha'u'llah spricht:
„Die Religion ist das vortrefflichste Mittel für die Ordnung der Welt und für die Ruhe aller lebenden Wesen. Die Schwäche der Pfeiler der Religion hat die Unwissenden ermutigt und sie dreist und anmaßend gemacht. Wahrlich, Ich sage, was immer die erhabene Stellung der Religion erniedrigt, wird die Widerspenstigkeit der Gottlosen vermehren und hat schließlich Anarchie zur Folge ...“
„Betrachtet die Zivilisation der Menschen im Westen, wie sie Erregung und Aufruhr unter dem Volk der Welt verursacht hat. Hölleninstrumente wurden ersonnen und solche Greuel haben sich ausgebreitet in der Zerstörung des Lebens, wie Ähnliches nie gesehen wurde vom Auge der Welt noch gehört vom Ohr der Nationen. Es ist unmöglich, diese heftigen, überwältigenden Übel zu ändern, es sei denn, die Völker der Welt einigen sich auf einen sicheren Ausweg oder im Schatten einer Religion ...“
„O Volk Bahas! Jedes der geoffenbarten Gebote ist eine starke Festung für den Schutz der Welt.“
Der gegenwärtige Zustand Europas und der Welt im allgemeinen bestätigt beredt die Wahrheit dieser Worte, die schon so viele Jahre zuvor geschrieben wurden. Die Nichtbeachtung der Gebote der Offenbarer und das Vorherrschen der Religionslosigkeit wurden begleitet von Unordnung und Zerstörung schrecklichster Art, und ohne Wandlung der Herzen und Ziele, was das wesentliche Kennzeichen wahrer Religion ist, scheint die Erneuerung der menschlichen Gesellschaft eine völlige Unmöglichkeit zu sein.
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Gerechtigkeit
In dem Büchlein Verborgene Worte, worin Baha'u'llah kurz das Wesentlichste der prophetischen Lehren gibt, bezieht sich sein erster Rat auf das Leben des einzelnen: „Besitze ein reines, gütiges und strahlendes Herz.“
Der nächste Rat zeigt uns das Hauptprinzip des wahren Gemeinschaftslebens:
„O Sohn der Geistes! Gerechtigkeit ist in Meinen Augen das Kostbarste; wende dich nicht von ihr ab, wenn du nach Mir verlangst, und mißachte sie nicht, damit Ich dir vertrauen kann. Durch ihre Hilfe wirst du mit deinen eigenen Augen und nicht mit denen anderer sehen und durch die eigene Erkenntnis und nicht durch die deines Nächsten Wissen erlangen. Erwäge in deinem Herzen, wie du sein solltest. Wahrlich: Gerechtigkeit ist Meine Gabe an dich und das Zeichen Meiner liebenden Güte. Halte sie dir immer vor Augen.“
Das Wesentlichste für das Gemeinschaftsleben ist, daß der einzelne fähig wird, das Wahre vom Falschen und das Recht vom Unrecht zu unterscheiden, und daß er die Dinge stets in ihrem richtigen Verhältnis sieht. Die Selbstsucht ist die größte Ursache geistiger und sozialer Blindheit und der größte Feind gemeinschaftlichen Fortschritts. Baha'u'llah spricht:
„O ihr Söhne der Einsicht! Das dünne Augenlid verhindert das Auge, die Welt und das, was in ihr ist, zu sehen. Denkt nun aber, wie es sein wird, wenn der Vorhang der Gier das Gesicht des Herzens bedeckt!“
„O Menschen! Die Finsternis der Gier und des Neides verdunkelt das Licht der Seele, wie die Wolke das Durchdringen der Sonnenstrahlen verhindert.“
Lange Erfahrung überzeugt den Menschen schließlich von der Wahrheit der prophetischen Lehren, daß selbstsüchtige Anschauungen und Taten unvermeidlich zu sozialem Unheil führen, und daß jeder, wenn die Menschheit nicht schimpflich umkommen will, auf das, was seines Nebenmenschen ist, mit demselben Nachdruck sehen muß wie auf seinen eigenen Vorteil, daß er überhaupt seinen eigenen Nutzen dem der Menschheit als eines Ganzen unterordnen muß. In dieser Weise wird zuletzt der Nutzen eines jeden und aller am besten gewahrt. Baha'u'llah spricht:
„O Sohn des Menschen! Würdest du Barmherzigkeit beachten, dann würdest du nicht auf deinen eigenen Nutzen, sondern auf den Nutzen der Menschheit sehen. Würdest du Gerechtigkeit beachten dann würdest du für andere nur wählen, was du für dich selbst erwählst.“
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Regierung
Die Lehren von Baha'u'llah enthalten zwei verschiedene Arten von Hinweisen auf die Frage wahrer sozialer Ordnung. Ein Vorbild ist in den Sendschreiben erläutert, die an die Könige offenbart sind, die es mit dem Problem der Regierung zu tun haben, wie sie in der Welt während Baha'u'llahs Erdenleben bestanden hat. Die anderen Hinweise sind für die neue Ordnung, die in der Baha'i-Gemeinschaft selbst zu entwickeln ist. Hierdurch entsteht der scharfe Gegensatz zwischen solchen stellen:
„Der eine, wahre Gott - erhaben sei seine Herrlichkeit - hat immer die Herzen der Menschen als seinen eigenen, ausschließlichen Besitz angesehen und wird dies immer tun. Alles andere, ob zu Land oder zur See, ob Reichtum oder Ruhm, hat Er den Königen und Herrschern der Erde gegeben“
und:
„Heute geziemt es allen Menschen, sich an den Größten Namen zu klammern und die Einheit der ganzen Menschheit zu errichten. Außer Ihm gibt es keinen Ort, wohin man fliehen, und keine Zuflucht, die man suchen könnte.“
Die scheinbare Unvereinbarkeit dieser beiden Gesichtspunkte ist beseitigt, wenn wir den Unterschied beachten, den Baha'u'llah zwischen dem „Geringeren Frieden“ und dem „Größten Frieden“ macht. In seinen Sendschreiben an die Könige fordert sie Baha'u'llah auf, zusammenzukommen und Maßnahmen zur Verwirklichung des politischen Friedens, der Beschränkung der Kriegsrüstungen und der Beseitigung der Belastung und Unsicherheit der Schwachen zu ergreifen. Jedoch lassen seine Worte vollkommen klar erkennen, daß ihr Nichteingehen auf die Erfordernisse der Zeit Kriege und Aufstände zur Folge haben würden, die zum Untergang der alten Ordnung führen würden. Daher sagt Er einerseits:
„Heute muß die Menschheit Gehorsam gegenüber den Mächtigen erzeigen ...“
und andererseits:
„Die Menschen, die den Tand und Zierrat der Erde angehäuft und sich verächtlich von Gott abgewandt haben, haben sowohl diese als auch die kommende Welt verloren. Bald wird ihnen Gott mit mächtiger Hand ihre Besitztümer nehmen und sie des Gewandes seiner Güte berauben ...“
„Wir haben eine festgesetzte Frist für euch, o Völker! Wenn ihr verfehlt, euch zu jener bestimmten Stunde Gott zuzuwenden, wird Er euch wahrlich gewaltsam erfassen und schreckliche Not von allen Seiten über euch kommen lassen ...“
„Die Zeichen drohender Schwäche und des nahen Chaos sind heute zu erkennen, da die bestehende Ordnung bejammernswert unvollkommen erscheint ...“
„Wir haben Uns gelobt, deinen Sieg auf Erden zu sichern und Unsere Sache über alle Menschen zu erheben, selbst wenn sich kein König fände, der dir seinen Blick zuwendete.“
„In dem Wunsche, die Vorbedingungen für den Frieden und die Ruhe der Welt und für den Fortschritt ihrer Völker zu offenbaren, hat das Erhabene Wesen geschrieben: Die Zeit muß kommen, da die gebieterische Notwendigkeit zur Abhaltung einer ausgedehnten und allumfassenden Versammlung der Menschen universal erkannt wird. Die Herrscher und Könige der Erde müssen ihr unbedingt beiwohnen und, an ihren Beratungen teilnehmend, solche Wege und Mittel erwägen, die den Grund zum Größten Weltfrieden unter den Menschen legen. Ein solcher Friede erfordert, um der Ruhe der Völker der Erde willen, daß die Großmächte sich zu völliger Versöhnung untereinander entschließen. Sollte ein König die Waffen gegen einen anderen ergreifen, so müssen sich alle vereint erheben und ihn daran hindern.“
Durch solchen Ratschlag offenbarte Baha'u'llah die Bedingungen unter denen die öffentliche Verantwortlichkeit an diesem Tage Gottes erfüllt werden muß. Indem Er auf der einen Seite den internationalen Zusammenschluß forderte, warnte Er die Herrscher nicht weniger deutlich, daß die Fortdauer des Streites ihre Macht vernichten würde. Wie die neue Geschichte diese Warnung ja bestätigt: in dem Anschwellen jener zwangsläufigen Bewegungen, die in allen zivilisierten Nationen solche zerstörende Kraft erreicht haben, und in der Entwicklung des Kriegswesens bis zu dem Grade, daß der Sieg nicht mehr von irgendeinem Beteiligten erreichbar ist.
„Da ihr den Allergrößten Frieden zurückgewiesen habt, haltet euch nun fest an diesen, den Geringeren Frieden, damit ihr bis zu einem gewissen Grade wenigstens eure eigene Lage und die eurer Untertanen bessert ...“
„Was der Herr als höchstes Mittel und mächtigstes Werkzeug für die Heilung der ganzen Welt bestimmt hat, ist die Vereinigung aller ihrer Völker in einer allumfassenden Sache, einem gemeinsamen Glauben. Das kann nicht anders erreicht werden als durch die Kraft eines erfahrenen, allgewaltigen und erleuchteten Arztes.“
Mit dem Geringeren Frieden ist eine politische Staateneinheit gemeint, während der Größte Friede eine Einheit ist, die sowohl geistige als auch politische und wirtschaftliche Faktoren umfaßt.
„Bald wird die heutige Ordnung aufgerollt und eine neue an ihrer statt entfaltet werden.“
In früheren Zeiten konnte eine Regierung sich mit äußerlichen Fragen und materiellen Angelegenheiten beschäftigen, heute aber verlangt die Regierungstätigkeit die Eigenschaften des Führertums, der Heiligung und der geistigen Erkenntnis, die nur für diejenigen möglich ist, die sich Gott zugewandt haben.
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Politische Freiheit
Obschon Baha'u'llah als idealen Zustand eine repräsentative Regierungsform, örtlich, national und international, befürwortet, lehrt Er doch, daß diese nur dann möglich ist, wenn die Menschen einen genügend hohen Grad individueller und sozialer Entwicklung erreicht haben. Dem noch unerzogenen, von selbstsüchtigen Begierden beherrschten Volk, das in der Führung der öffentlichen Angelegenheiten noch keine Erfahrung hat, plötzlich eine völlige Selbstregierung zu geben, würde unheilvoll sein. Es ist nichts gefährlicher als Freiheit für Menschen, die nicht tauglich sind, diese weise zu gebrauchen. Baha'u'llah schreibt im Buch Aqdas:
„Betrachte die Kleingeistigkeit der Menschen! Sie verlangen nach dem, was ihnen schadet, und verwerfen, was ihnen nützt. Sie gehören in der Tat zu denen, die weit vom rechten Weg abgeirrt sind. Wir finden Menschen, die nach Freiheit verlangen und stolz darauf sind. Solche Menschen befinden sich in den Tiefen der Unwissenheit.“
„Freiheit muß letzten Endes zum Aufruhr führen, dessen Flammen niemand löschen kann. Also warnt euch der Fordernde, der Allwissende. Wisse, daß die Verkörperung der Freiheit und ihr Sinnbild das Tier ist. Was dem Menschen ziemt, ist die Unterwerfung unter solche Gesetze, die ihn vor seiner eigenen Unwissenheit beschützen und ihn vor dem Schaden der Unheilstifter bewahren. Freiheit veranlaßt den Menschen, die Grenzen des Angemessenen zu überschreiten und die Würde seiner Stufe zu verletzen. Sie drückt ihn auf die Ebene äußerster Verderbtheit und Gottlosigkeit herab.“
„Seht die Menschheit als eine Schafherde an, die einen Hirten zu ihrem Schutze braucht. Dies ist die Wahrheit, die unumstößliche Wahrheit. Wir billigen die Freiheit unter gewissen Umständen und verwerfen es, sie unter anderen gutzuheißen. Wahrlich, Wir sind der Allwissende.“
„Sprich : Wahre Freiheit besteht in der Unterwerfung des Menschen unter Meine Gebote, so wenig ihr es auch begreifen mögt. Würden die Menschen das befolgen, was Wir aus dem Himmel der Offenbarung auf sie herniedersandten, so würden sie sicherlich vollkommene Freiheit erringen. Glücklich ist der Mensch, der die Absicht Gottes in allem erkannt hat, was Er aus dem Himmel seines Willens, der alles Erschaffene durchdringt, offenbarte. Sprich: Die Freiheit, die euch nützt, findet ihr nur in vollkommener Dienstbarkeit unter Gott, der Ewigen Wahrheit. Wer ihre Süße gekostet hat, wird es verschmähen, sie gegen alle Herrschaft der Erde und des Himmels einzutauschen.“
Für die Hebung der Lage unentwickelter Rassen und Nationen sind die göttlichen Lehren das vornehmste Heilmittel. Wenn sowohl Volk als Politiker sich um diese Lehren bemühen und sie annehmen, dann werden die Völker von allen ihren Fesseln befreit.
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