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Wahre Zivilisation












Die Frauen und das neue Zeitalter

Wenn die Betrachtungsweise der Frauen gebührende Beachtung findet und es der Frau erlaubt wird, ihren Willen in der Handhabung der sozialen Angelegenheiten in angemessener Weise zum Ausdruck zu bringen, dann dürfen wir große Fortschritte in den Dingen erwarten, die unter der alten Regierungsform männlicher Vorherrschaft oft sehr vernachlässigt wurden. Dazu gehören Gesundheitspflege, Mäßigkeit, Friede und Hochschätzung des Wertes individuellen Lebens. Eine Besserung in dieser Hinsicht wird sehr weitreichende und segensreiche Wirkung haben.

Abdu’l Baha sagt:

„In der Vergangenheit wurde die Welt durch Gewalt regiert, und der Mann herrschte aufgrund seiner stärkeren und mehr zum Angriff neigenden körperlichen und verstandesmäßigen Eigenschaften über die Frau. Aber schon neigt sich die Waage, Gewalt verliert ihr Gewicht, und geistige Regsamkeit, Intuition und die geistigen Eigenschaften der Liebe und des Dienens, in welchen die Frau stark ist, gewinnen an Einfluß. Folglich wird das neue Zeitalter weniger männlich und mehr von den weiblichen Leitbildern durchdrungen sein, oder genauer gesagt, es wird ein Zeitalter sein, in dem die männlichen und weiblichen Elemente der Kultur besser ausgeglichen sein werden.“
Gewaltsame Methoden sind aufzugeben

Auch bei der Durchführung der Befreiung der Frauen, wie in andern Angelegenheiten, rät Baha'u'llah seinen Anhängern, gewaltsame Maßnahmen zu vermeiden. Ein ausgezeichnetes Bild der Baha'i-Methode sozialer Reformen haben uns die Baha'i-Frauen in Ägypten und Syrien gezeigt. In diesen Ländern ist es Brauch der muhammadanischen Frauen, außerhalb ihres Hauses verschleiert zu gehen. Der Bab wies darauf hin, daß die Frauen im neuen Zeitalter von diesem lästigen Zwang befreit werden. Aber Baha'u'llah empfiehlt seinen Gläubigen, sofern keine wichtige Frage in bezug auf die Moral mitspielt, lieber sich den herrschenden Bräuchen zu fügen, bis das Volk aufgeklärt wird, als Anstoß und unnötigen Widerstand unter ihren Mitmenschen zu erregen. Obschon sich die Baha'i-Frauen wohl bewußt sind, daß der veraltete Brauch des Schleiertragens für aufgeklärte Menschen unnötig und lästig ist, finden sie sich doch lieber ruhig mit dieser Unbequemlichkeit ab, als daß sie durch öffentliches Entschleiern ihres Gesichtes einen Sturm fanatischen Hasses und erbittertster Gegnerschaft heraufbeschwören. Die Anpassung an den Brauch ist keineswegs der Furcht zuzuschreiben, sondern dem sicheren Vertrauen in die Macht der Erziehung und in die umwandelnden und lebenspendenden Wirkungen wahrer Religion. Die Baha'i in jenen Ländern widmen ihre Kräfte der Erziehung ihrer Kinder, besonders der Mädchen, und der Verbreitung und Förderung der Baha'i-Ideale, denn sie sind sich dessen wohl bewußt, daß in demselben Verhältnis, wie das neue geistige Leben wächst und sich unter den Menschen verbreitet, veraltete Bräuche und Vorurteile nach und nach so natürlich und unvermeidlich fallen werden wie Knospenschalen im Frühling, wenn sich die Blätter und Blüten im Sonnenschein entfalten.
Erziehung

Erziehung - das ist Unterweisung und Führung der Menschen und die Entwicklung und Schulung der ihnen innewohnenden Fähigkeiten - war von Anbeginn der Welt das höchste Ziel aller heiligen Offenbarer, und in den Baha'i-Lehren sind die grundlegende Bedeutung und die unbegrenzten Möglichkeiten der Erziehung klar und deutlich verkündet. Der Lehrer ist die mächtigste Triebkraft der Zivilisation, und seine Tätigkeit ist die höchste, die der Mensch zu erstreben vermag. Die Erziehung beginnt im Mutterleib und ist so endlos wie das Leben des Menschen. Sie ist eine dauernde Notwendigkeit für richtiges Leben und die Grundlage der Wohlfahrt sowohl für den einzelnen wie für die Gesamtheit. Wenn die richtige Erziehung Allgemeingut wird, dann wird die Menschheit verwandelt und die Welt ein Paradies werden.

Gegenwärtig gehört ein wirklich gut erzogener Mensch zu den seltensten Erscheinungen, denn nahezu jedermann hat Vorurteile, verkehrte Ideale, irrtümliche Vorstellungen und schlechte Gewohnheiten, die ihm von Kind auf anerzogen sind. Wie wenige werden von früher Kindheit an gelehrt, Gott von ganzem Herzen zu lieben und Ihm ihr Leben zu weihen, Dienst an der Menschheit als das höchste Lebensziel aufzufassen und die Kräfte zum Besten des Allgemeinwohls zu entwickeln. Doch dies sind sicherlich die wesentlichen Bestandteile einer guten Erziehung. Bloßes Überlasten des Gedächtnisses mit Daten der Arithmetik, Grammatik, Geographie, mit Sprachen usw. hat verhältnismäßig wenig Wirkung in der Gestaltung eines edlen und nutzbringenden Lebens. Baha'u'llah sagt, daß die Erziehung allumfassend sein muß:

„Es wird verordnet, daß jeder Vater seinen Söhnen und Töchtern eine gute Schulbildung, sowie alles, was in dem Tablet verordnet ist, angedeihen lassen muß. Wird dies von jemand vernachlässigt, so ist es Pflicht der Vertrauensmänner des Hauses der Gerechtigkeit, den für die Erziehung seiner Kinder erforderlichen Betrag von ihm, sofern er bemittelt ist, einzuziehen. Andernfalls soll die Angelegenheit dem Haus der Gerechtigkeit anheimfallen. Wahrlich, Wir haben es (das Haus der Gerechtigkeit) zu einem Zufluchtsort für die Armen und Bedürftigen geschaffen.“¹

„Wenn jemand seinen Sohn oder Kinder eines anderen erzieht, so ist es, als habe er Meine Kinder erzogen.“

„Männer und Frauen müssen einen Teil ihres Einkommens aus Gewerbe, Landwirtschaft oder anderen Berufen in die Hand eines vertrauenswürdigen Menschen geben, damit er für Erziehung und Unterricht der Kinder verwendet wird. Diese Beträge müssen im Einvernehmen mit den Treuhändern des Hauses der Gerechtigkeit für die Erziehung der Kinder angelegt werden.“
Angeborene Unterschiede in der Natur

Nach der Baha'i-Anschauung ist die Natur des Kindes nicht wie Wachs, das nach dem Willen des Lehrers unbekümmert um seine eigene Form gestaltet werden kann. Nein, jedes einzelne der Kinder hat seine eigene, ihm von Gott verliehene Wesensart und Eigentümlichkeit, die nur in einer besonderen Weise zu seinem besten Wohle entwickelt werden kann, und dieser Weg ist in jedem Fall einzig in seiner Art. Nicht zwei Menschen haben genau dieselben Fähigkeiten und Talente, und der wahre Erzieher wird nie versuchen, zwei Naturen in eine und dieselbe Form zu zwingen. In der Tat, er wird nie den Versuch machen, irgendeine Natur in irgendeine Form zu pressen, sondern er wird vielmehr die sich entwickelnden Kräfte des jungen Wesens ehrfurchtsvoll pflegen, sie ermutigen, beschützen und ihnen die nötige Nahrung und Hilfe zukommen lassen. Seine Arbeit gleicht der eines Gärtners, der verschiedene Pflanzen pflegt. Eine Pflanze liebt den strahlenden Sonnenschein, die andere den kühlen Schatten; die eine liebt das Bachufer, die andere die dürre Bergesspitze; die eine gedeiht am besten auf sandigem Boden, die andere in fettem Lehm. Jede muß die ihrer Natur angemessene Pflege haben, andernfalls kann ihre Vollendung nicht völlig zum Ausdruck kommen. Abdu’l Baha sagt:

„Die Offenbarer bestätigen, daß die Erziehung eine große Wirkung auf die menschliche Rasse ausübt, aber sie erklären, daß Geist und Begriffsvermögen der Menschen ursprünglich verschieden sind. Wir sehen, daß gewisse Kinder desselben Alters, derselben Heimat und derselben Rasse, ja derselben Familie, unter der Aufsicht desselben Lehrers im Geist und in der Fassungskraft verschieden sind. Die Muschel mag beliebig lang poliert werden, eine glänzende Perle kann sie niemals werden. Der schwarze Stein wird nicht zum weithin leuchtenden Edelstein. Der stachelige Kaktus kann durch Pflege und Entwicklung niemals zum gesegneten Baume werden. Das heißt, die Erziehung verändert das Wesen der Natur des menschlichen Edelsteins nicht, aber sie bringt eine wunderbare Wirkung hervor. Durch diese gestaltende Kraft werden alle in der menschlichen Wirklichkeit verborgenen Tugenden und Fähigkeiten ans Licht gebracht.“
Charakterbildung

Das allerwichtigste in der Erziehung ist die Charakterbildung. Hierbei wirkt das Vorbild mehr als die Vorschrift. Das Leben und der Charakter der Eltern, der Lehrer und die Umwelt sind Faktoren von allergrößter Wichtigkeit.

Die Manifestationen Gottes sind die großen Erzieher der Menschheit, und Ihre Ratschläge und Ihre Lebensgeschichte sollten dem Geiste der Kinder nahegebracht werden, sobald sie dazu aufnahmefähig sind. Besonders wichtig sind die Worte des erhabenen Lehrers Baha'u'llah, der die Hauptgrundsätze offenbarte, auf denen die Zivilisation der Zukunft aufgebaut werden muß. Er sagt:

„Lehrt eure Kinder, was durch die Feder der Herrlichkeit geoffenbart wurde. Unterrichtet sie in dem, was vom Himmel der Größe und Macht herabkam. Laßt sie die Tablets des Barmherzigen auswendig lernen und mit herrlich melodischen Stimmen in den Hallen des Mashriqu'l-Adhkar singen.“

Kunst, Wissenschaft, Gewerbe

Die Erziehung in Kunst, Wissenschaften, Gewerbe und nützlichen Berufen wird als wichtig und notwendig betrachtet. Baha'u'llah sagt (Tajalliyat):

„Wissen ist wie ein Flügelpaar des Menschseins und wie eine Leiter zum Aufstieg. Sich Wissen anzueignen ist allen zur Pflicht gemacht. Es sollen dies aber solche Wissenschaften sein, die dem Volke der Erde nützen, und nicht solche, die nur mit Worten beginnen und mit Worten endigen. Wer Wissenschaften und Künste beherrscht, hat ein großes Vorrecht bei dem Volk der Welt ... In der Tat, der wirkliche Schatz des Menschen ist sein Wissen. Wissen ist der Weg zu Ehre, Wohlstand, Freude, Frohsinn, Glück und Jubel.“
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