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Eine kleine Geschichte zum Dialog












Lieber Bert!
Zitat:
gibt es ein arabisches, christliches oder jüdisches Denken? Ist nicht Denken von Verstand
und Vernunft abhängig und dann von Sprache?

Sind Verstand und Vernunft unabhängig von der Sprache? Wer sich mit Philosophie und
Psychologie der Sprache beschäftigt hat, wird bestätigen, dass das nicht der Fall ist.
Zitat:
Wenn ich einen Gedanken nicht ausdrücken kann, erfinde ich doch eine neues Wort, eine
neue Zusammensetzung oder übernehme ein Wort aus einer anderen Sprache.

Darum geht es nicht; es geht darum, dass in verschiedenen Kulturen grundlegend
verschiedene Denkweisen und Denkmodelle sich in Jahrtausenden entwickelt haben,
in denen die Denkmodelle der Anderen nicht so ohne Weiteres implantiert werden
können. Eine buddhistische Freundin aus Ostasien hat mich mal (allen Ernstes) gefragt,
was denn das Wort 'Gott' im Westen eigentlich genau bedeute - sie hätte viel darüber
gelesen, habe aber immer noch keine rechte Vorstellung davon... Ich habe mehrere
Stunden lang versucht, ihr den monotheistischen Gottesbegriff zu erklären, bin aber
höchst unsicher, ob ich damit viel Erfolg hatte. Das war kein Problem der Sprache
(sie hält ihre Vorlesungen an der Uni in ausgezeichnetem Deutsch), sondern ihres
'Denkhintergrundes'.
Von meinem ersten Zen-Lehrer, P. Enomiya-Lassalle SJ, weiß ich, dass ihm dieselbe
Frage bei einem interreligiösen Kongress von einer tibetischen Nonne gestellt wurde...

Zitat:
Hegel sieht die "orientalischen" (er meinte damit die indischen und chinesischen)
Religionen von Anfang an mit Weisheit, Philosophie verknüpft.

Man unterscheidet ja heute noch zwischen 'Weisheits-' und 'Schriftreligionen'...

Dass viele 'Religiosen' - also religiöse Lehrer, Priester, Mönche, Theologen etc. -
'in die eigene Tasche wirtschaften' wie Du schreibst, also in irgendeiner Form
zumindest potentiell 'Druck ausüben' [können] wollen, liegt in der menschlichen
Natur - und es ist m.E. auch nicht zu verurteilen. Wenn ich schon der Meinung
bin, ich hätte sozusagen den einzigen 'Schlüssel zum Himmelreich' in Händen,
dann werde ich selbstverständlich im besten Willen alles daransetzen, diese
Wohltat auch Anderen nahezubringen und sie von Irrwegen fernzuhalten...

Nein, Du überfährst mich nicht - das ist ein Gebiet, in dem ich seit langer Zeit
zu Hause bin - und ich verstehe Deinen Standpunkt recht gut, denke ich; und
ich weiß auch was mit Kirche, Geistlichkeit und Theologie gemeint ist -
nur scheinst Du mir das Paradigma der abrahamitischen Religionen etwas
übereilt absolut zu setzen.
Zu meinem Hintergrund - aufgewachsen bin ich im katholischen Raum, habe
mich aber schon als Kind zum Buddhismus hingezogen gefühlt. Später war ich
lange Jahre überzeugter Katholik, bis mir dann an der Uni die Begrenzung nicht
nur der Sprache[n], sondern des Denkens und der Denkmodelle überhaupt klar
geworden ist. Nach einigem (inneren) Kampf habe ich dann aufgehört, mich
einem bestimmten Denkmodell (und auch Konfessionen sind nichts Anderes)
zugehörig zu fühlen, und wende das Werkzeug an, das mir zum jeweiligen
Problem am ehesten zu passen scheint - das sind allerdings recht häufig die
Werkzeuge des Buddhismus und Taoismus, so dass ich oft als Buddhist oder
Taoist durchgehen mag - obwohl es eigentlich nicht zutrifft
robinson hat folgendes geschrieben:
Liebe Freunde

Könntest du mir bitte näher erklären was du unter nicht greifen einiger rel. Definitionen verstehst.
Die Tragödie mit der Geistlichkeit ist ja in der Bahai-Religion äußerst elegant gelöst denke ich. Auch finde ich es bemerkenswert wenn Jesus sagt „an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“.
Alles Liebe


Lieber Robinson,

anbei ein Link, womit ich mir die Hin/ und Herkopiererei erspare:
http://dialog.foren-city.de/topic,9.....itionen-von-religion.html .
Die Definition möchte ich weiterhin so stehen lassen, allerdings möchte ich
jetzt mehr betonen, dass Gott wesentlich Geist ist und Geist in dieser Welt als Vernunft erscheint.
Dialog ist vernünftiges Tun, die Ethik enthält vernünftige Gebote, also hat die Bahai-Religion teil an der Welt des Geistes, aber so einfach möchte ich es mir nicht machen.

Liebe Grüsse
Bert
Wu hat folgendes geschrieben:
Lieber Bert!

............. -
nur scheinst Du mir das Paradigma der abrahamitischen Religionen etwas
übereilt absolut zu setzen.
Zu meinem Hintergrund - aufgewachsen bin ich im katholischen Raum, habe
mich aber schon als Kind zum Buddhismus hingezogen gefühlt. Später war ich
lange Jahre überzeugter Katholik, bis mir dann an der Uni die Begrenzung nicht
nur der Sprache[n], sondern des Denkens und der Denkmodelle überhaupt klar
geworden ist. Nach einigem (inneren) Kampf habe ich dann aufgehört, mich
einem bestimmten Denkmodell (und auch Konfessionen sind nichts Anderes)
zugehörig zu fühlen, und wende das Werkzeug an, das mir zum jeweiligen
Problem am ehesten zu passen scheint - das sind allerdings recht häufig die
Werkzeuge des Buddhismus und Taoismus, so dass ich oft als Buddhist oder
Taoist durchgehen mag - obwohl es eigentlich nicht zutrifft


Lieber Wu,

natürlich ist der Hintergrund und mein Ausgangspunkt ein Paradigma der sogenannten "christlich-abendländischen Kultur". Allah ist ein eher abstrakter (gegenüber dem Christentum), wenn auch attributiver Gott.
Der christliche Gott ist auch attributiv und personalisiert. Jahwe ist für die Israeliten eher ein Gott des Jenseits, wenn ich das so pauschal und vereinfacht sagen darf.
Gott der wesentlich Geist ist, ist anders. Gott ist in diesem Sinne nur ein Name.
Als ich bei Küng (Hinduismus) über Brahman (objektiver Geist) und Atman (subjektiver Geist) las, dachte ich hoppla (!), Hegel schon vor drei-viertausend Jahren, oder mehr, in Indien?
Als ich bei Bloch (Prinzip Hoffnung) las, wurde mir schlagartig klar, dass der Marxismus eine a-theistische Religion ist.
Natürlich ist meine Begrifflichkeit auch von den abrahamitischen Religionen geprägt aber meine Priorität für diese Religionen ist temporär und zeitbedingt. Ich bin sicher, dass ich mir die anderen Religionen auch erschliessen kann. Es freut mich, dass ich dich kennenlernen durfte und darf dich hoffentlich "missbrauchen" auf meinem weiteren Weg.

Ich bin evangelisch-lutherisch erzogen und in einem a-theistischen Elternhaus aufgewachsen, nach einer gottlosen Phase (Marxist, Anarchist, Nihilist) wurde ich Mitglied der katholischen Kirche. Nach dieser Konvertierung las ich intensiv Luther, ich studierte ca 2-3 Jahre die Bibel.
Ich hatte einen emphatischen Glauben auf emotionaler Basis. Eines Morgens wachte ich auf und fand diesen wunderbaren Kristallpalast als einen Haufen feinster Scherben wieder. Ich fing an Hegel zu studieren, eine Ironie des Schicksals ist, dass meine "gottlose" Zeit auch mit Hegel anfing, von dem ich damals nichts begriff (Hegel gehört dem Geist und nicht den Linken). Nach 9 Monaten begriff mein Geist die wahre Unendlichkeit und ich weiss nicht wie es geschah; nach dieser euphorisierenden punktuellen Erfahrung lag ich wieder am Boden. Jetzt nach 3-4 Jahren fange ich an Hegel inhaltlich zu verstehen, Hegel, der Philosoph, ist Vermittler, Übersetzer zwischen Verstand und Vernunft.
Und jetzt bin ich ausgezogen, den Geist in den anderen Religionen zu suchen, um den meinen zu komplettieren.
Ich lehne mich manchmal stark an die Begrifflichkeit Hegels an, aber das ist nur Ausdruck des Noch-Unselbständigen und des Noch-Nicht-Entwickelten.

Übrigens, Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte beginnen mit China, gehen nach Indien und über Persien nach Westasien (Israel, Phönizien, Syrien), danach folgt Ägypten, Griechenland.

Vor meiner intensiven Glaubensgeschichte habe ich mich mit Buddhismus (Thich Nhat Hanh) beschäftigt, ich habe damals nichts vom Wesen des Buddhismus begriffen. Seit neuestem benutze ich eine Meditation, die ich selbst zuerst "Nichts", dann "Leere" nannte, d.h. ich mache meinen Kopf leer, trenne den Körper, das Ich, das Selbst, die Welt, Verstand von meinem Geist, damit Vernunft in mir denken kann.
Ich habe zwei Ichs, das natürliche Selbstbewusstsein, das Selbst und ein geistiges Selbstbewusstsein (Ich denke, also bin ich; das andere ist vergänglich).

http://dialog.foren-city.de/topic,2.....-muhammad-al-ghazali.html

Du schreibst, je nach Problem (ich denke geistiger Art) wendest du diese oder jene Methode an, welche Probleme sind das und warum bietet einmal die eine Methode eine Lösung und ein andermal die andere?

Liebe Grüsse

Bert
Lieber Bert,

auch die hier von Dir angeführten Definitionen von 'Religion' scheinen mir etwas einseitig - ich stelle ihnen zwei Texte gegenüber, den ersten aus dem klassischen 'Wörterbuch der philosophischen Begriffe' von Kirchner/Michaelis (Wiss. Buchgesellschaft 1998):
Zitat:
Religion, lat. religio, wahrscheinlich abgeleitet von lat. religere 'wiederholt durchgehen' ['nochmals lesen' - ich deute das eher als 'hinterfragen'], oder von religare 'zurückbinden' [in diesem Fall hieße aber das zugehörige nomen 'religatio']; 'gewissenhaft beachten', urspr. Gewissensscheu; erscheint dt. zuerst 1517 statt des sonst geltenden 'Glaube', 'Bekenntnis', im allg. die => Weltanschauung aus dem => Glauben und die Lebensführung aus dem Verbundenheits-, Abhängigkeits- und Verpflichtungsgefühls gegenüber => Gott, Göttern, Geistern oder anderen geheimnisvollen, haltgebenden oder zu verehrenden obersten Mächten (=> Allmacht) oder auch kosmischen Prinzipien. Als 'natürliche' oder auch 'Vernunft'-R. im Sinne der => Aufklärung und I. Kants (Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, 1793) bez. man auch eine Glaubenshaltung, die theoretisch nur von der Forderung eines moralischen Pflichtbewußtseins ausgeht (=> Postulat, => kategorischer Imperativ). Im sonstigen Sprachgebrauch versteht man unter R. ('positive' R.) zumeist die Überzeugung einer übernatürlichen => Offenbarung auf der Gefühlsgrundlage gläubiger Gottesfurcht und -liebe; sie äußert sich nicht nur individuell, sondern auch in gemeinschaftlicher kultischer Gottesverehrung.

und einen von Wittgenstein, der mir sehr zentral geworden ist:
Zitat:
Es kann nicht oft genug wiederholt werden, daß nicht jede Form von Religion notwendigerweise mit religiösen Aussagen verbunden ist. Daß wir kein Kriterium haben, um zwischen wahren und falschen religiösen Aussagen unterscheiden zu können, trifft zu.
Wenn eine Aussage sich überprüfen läßt, wissen wir schon, daß sie keine religiöse Aussage ist. Es trifft aber nicht zu, daß religiöse Aussagen völlig willkürlich sind, weil sie auf je vorfindliche, bestimmte religiöse Bedürfnisse antworten müssen. Diese hängen eng zusammen mit der Lebensform und Lebensgeschichte des jeweiligen Menschen und sind darum verschieden von Kultur zu Kultur, von Epoche zu Epoche, ja selbst zwischen Angehörigen ein und derselben Kulturepoche.
Man muß zwischen zwei grundlegend verschiedenen Arten von Religion unterscheiden. Man könnte die primäre Form die 'Glaubenslose Religion' nennen. Wer auf die glaubenslose Art religiös ist, ist entweder zu religiösen Aussagen noch gar nicht vorgestoßen, oder er hat sie schon wieder abgeworfen. Die glaubenslose Religion kann als solche nur aufrechterhalten werden, wenn die Vernunft das wie mit Gewalt zum Wort Hindrängende gar nicht zum Wort kommen läßt.
Die Handlungen (alle vorprädikativen Reaktionen) des menschlichen Geistes sind das Material, aus welchem die Sprache gefertigt ist. Wenn aber die vorprädikative zum Wort hindrängende Religion zum Wort gelassen wird, dann konstituieren sich religiöse Aussagen, bildet sich ein religiöser Glaube. Ihres prädikativen Überbaues wegen hat die Glaubensreligion die Eigenschaft, viel zu reden und viel von sich reden zu machen. Die glaubenslose Religion hingegen ist sprachlos und wirkt ganz im Stillen, weswegen sie in der Regel als Religion weder erkannt noch anerkannt wird. Legitimitätsprobleme hat nur die Glaubensreligion, und je weniger sie grammatisch aufgeklärt ist, desto virulenter sind diese Probleme.

Ich persönlich denke, man sollte die Begriffe 'Religion' und 'Konfession' ein wenig auseinanderhalten - 'Konfession' als Bekenntnis zu einer Meinung, und 'Religion' als grundsätzliche Haltung gegenüber dem zu Sehenden...

[P.S. zu Deinem anderen posting später mal - ich bin nicht der Schnellste, und auch in anderen Foren unterwegs - aber sehr interessiert - ich habe den Eindruck, mit Dir ist gut reden ]
Wu hat folgendes geschrieben:
Lieber Bert,

Ich persönlich denke, man sollte die Begriffe 'Religion' und 'Konfession' ein wenig auseinanderhalten - 'Konfession' als Bekenntnis zu einer Meinung, und 'Religion' als grundsätzliche Haltung gegenüber dem zu Sehenden...



Lieber Wu,

ich denke schon, dass ich da differenziere. Glaube ist in einer Konfession möglich, aber es gibt für mich keinen "katholischen" (Doppelsinn, die Katholiken sehen das anders, im Sinne von rkK), "evangelischen", usw. Glauben.
Den Wittgenstein überlasse ich dir gerne, willst du darauf hinaus, dass Buddhismus eine "glaubenslose" Religion sei?

Liebe Grüsse
Bert
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