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Eine kleine Geschichte zum Dialog












[quote="Wu"]Lieber Bert,

auch die hier von Dir angeführten Definitionen von 'Religion' scheinen mir etwas einseitig - ich stelle ihnen zwei Texte gegenüber, den ersten aus dem klassischen 'Wörterbuch der philosophischen Begriffe' von Kirchner/Michaelis (Wiss. Buchgesellschaft 1998):
Zitat:
Religion, lat. religio, wahrscheinlich abgeleitet von lat. religere 'wiederholt durchgehen' ['nochmals lesen' - ich deute das eher als 'hinterfragen'], oder von religare 'zurückbinden' [in diesem Fall hieße aber das zugehörige nomen 'religatio']; 'gewissenhaft beachten', urspr. Gewissensscheu; erscheint dt. zuerst 1517 statt des sonst geltenden 'Glaube', 'Bekenntnis', im allg. die => Weltanschauung aus dem => Glauben und die Lebensführung aus dem Verbundenheits-, Abhängigkeits- und Verpflichtungsgefühls gegenüber => Gott, Göttern, Geistern oder anderen geheimnisvollen, haltgebenden oder zu verehrenden obersten Mächten (=> Allmacht) oder auch kosmischen Prinzipien. Als 'natürliche' oder auch 'Vernunft'-R. im Sinne der => Aufklärung und I. Kants (Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, 1793) bez. man auch eine Glaubenshaltung, die theoretisch nur von der Forderung eines moralischen Pflichtbewußtseins ausgeht (=> Postulat, => kategorischer Imperativ). Im sonstigen Sprachgebrauch versteht man unter R. ('positive' R.) zumeist die Überzeugung einer übernatürlichen => Offenbarung auf der Gefühlsgrundlage gläubiger Gottesfurcht und -liebe; sie äußert sich nicht nur individuell, sondern auch in gemeinschaftlicher kultischer Gottesverehrung.

und einen von Wittgenstein, der mir sehr zentral geworden ist:
[quote]Es kann nicht oft genug wiederholt werden, daß nicht jede Form von Religion notwendigerweise mit religiösen Aussagen verbunden ist. Daß wir kein Kriterium haben, um zwischen wahren und falschen religiösen Aussagen unterscheiden zu können, trifft zu.
Wenn eine Aussage sich überprüfen läßt, wissen wir schon, daß sie keine religiöse Aussage ist. Es trifft aber nicht zu, daß religiöse Aussagen völlig willkürlich sind, weil sie auf je vorfindliche, bestimmte religiöse Bedürfnisse antworten müssen. Diese hängen eng zusammen mit der Lebensform und Lebensgeschichte des jeweiligen Menschen und sind darum verschieden von Kultur zu Kultur, von Epoche zu Epoche, ja selbst zwischen Angehörigen ein und derselben Kulturepoche.

Salut Wu
Ich kenne zwar Wittgenstein nicht, aber ich stimme dir zu.
Meine Familie ist gross und von der Strucktur her ,kommt mir beim Lesen deines Zitates ,das Bild von Patchworkdecke in den Sinn.
Patchwork deshalb , weil Verwandschaft und Bekanntschaft jeweils aus
unterschiedlichen religioesen , sozialen , und auch sprachlichen Regionen
stammt.Was jedoch nichts daran aendert, dass wir eine Familie sind.
Ohne Dialog geht da gar nichts.Und wenn jeder nur auf seinen Meinungen beharren wuerde oder es tut , dann geraet alles ins Stocken.
Ich bin katholisch erzogen worden und fuer mich ist Christus der Weg
zu Gott, aber eben der "Innere Christus" der in allen Menschen wohnt ohne Unterschied der Religionen.Ein kleines Kind das weder Bibel noch Koran noch die Tora kennt , kann mir Gottes Geist offenbaren, in jedem Moment meines Lebens wenn es Gott gefaellt.Genauso tut es auch jede
Schrift, wenn ich darin den Heiligen Geist erkenne.
In diesem Sinne , wuensch ich dir einen schoenen Tag

Ellen
Ps: Ich finde euer Forum toll. Eins der besten das ich in letzter Zeit besucht habe .Viele tiefgehende , interessante Themen , und die Antworten stehen dem in nichts nach.
Hallo Ellen!

Schön dass es Dir hier gefällt... Das mit dem 'Patchwork' sehe ich so: der religiöse Zugang
- und damit die Religion - eines Menschen ändert sich mit seinem Denken, und das Denken
mit Sprache, Gesellschaft und Weite des Horizonts... Und je mehr Gesellschaften und
Sprachen man kennenlernt, desto mehr weitet sich der Horizont (hoffentlich ) und desto
'dialogtauglicher' wird man...

Ich denke das kommt auch in dem Text von Reb Anderson zum Ausdruck, den ich unter
'Buddhismus' 'reingestellt habe. Die Sache mit dem Kind - ja, die erinnert mich an einen
Ausspruch von Chao-chou, einem der großen chinesischen Zen-Meister des 9. Jh.:
"Wenn ein Kind von fünf Jahren mich belehren kann, werde ich das demütig annehmen;
und wenn ich einen 90-jährigen Weisen belehren kann, dann werde ich das demütig tun."

Ja, irgendwie ist der heilige Geist in allen heiligen Schriften zu erkennen; wenn mir das
nicht gelingt, dann sollte ich zuerst mal mich selbst hinterfragen...
Nochmal Hallo

Danke fuer deine Antwort Wu.Ich sehe wir verstehen uns.
Ich werd mir die Texte zum Buddhismus auch durchlesen

Lieben Gruss
Ellen
Wu hat folgendes geschrieben:
...
Darum geht es nicht; es geht darum, dass in verschiedenen Kulturen grundlegend
verschiedene Denkweisen und Denkmodelle sich in Jahrtausenden entwickelt haben,
in denen die Denkmodelle der Anderen nicht so ohne Weiteres implantiert werden
können. Eine buddhistische Freundin aus Ostasien hat mich mal (allen Ernstes) gefragt,
was denn das Wort 'Gott' im Westen eigentlich genau bedeute - sie hätte viel darüber
gelesen, habe aber immer noch keine rechte Vorstellung davon... Ich habe mehrere
Stunden lang versucht, ihr den monotheistischen Gottesbegriff zu erklären, bin aber
höchst unsicher, ob ich damit viel Erfolg hatte. Das war kein Problem der Sprache
(sie hält ihre Vorlesungen an der Uni in ausgezeichnetem Deutsch), sondern ihres
'Denkhintergrundes'.
Von meinem ersten Zen-Lehrer, P. Enomiya-Lassalle SJ, weiß ich, dass ihm dieselbe
Frage bei einem interreligiösen Kongress von einer tibetischen Nonne gestellt wurde...


Hi Wu,

das ist ein beeindruckendes Erlebnis, von dem Du da berichtest.

Hm, solange wir uns allein auf der Ebene des Verstandes bewegen, kann ich das Problem nachvollziehen. Aber wie steht es, wenn wir die Bewegung des Herzens einbeziehen? Werden die Menschen von völlig unterschiedlichen Dingen angezogen oder sind es im Wesenskern dieselben Quellen geistiger Liebe, nur dass wir uns aus unterschiedlichen Richtungen darauf zu bewegen?

Ich erlebe es fast täglich als Bahá´í, dass es mir in Worten schwerfällt, dem anderem nahezukommen. Spüre ich aber geistige Liebe in ihm, empfinde ich ganz natürlich eine Verbundenheit, die ein stabiles Fundament bildet, auf der allmählich ein gemeinsames Verständnis der Dinge, also gewissermaßen eine gemeinsame Sprache wächst.

Wer weiß, vielleicht müssen wir erst lernen, zu lieben und erleben dann, dass all die sprachlichen, bzw. verständnismäßigen Hürden nur Schatten der alten Kulturen sind, die nach und nach vergehen?

Liebe Grüße,

Herzlich
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