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Abdu'l Baha (1844-1921) ist der älteste Sohn Baha'u'llahs, des Stifters der Baha'i-Religion. Mit Ihm teilte Abdu'l Baha seit seinem achten Lebensjahr für seinen Glauben Verbannung, Haft und Kerker. Erst sechsundfünfzig Jahre später sollte er als gealterter, von Entbehrungen gezeichneter Mann im Jahre 1908 wieder die Freiheit erlangen. Trotz aller eigenen Not wurde Abdu'l Baha bekannt als Helfer der Armen. Unablässig warb er für Toleranz und Verständigung unter den Religionen. Er war zu Gast in Moscheen, in Synagogen und Kirchen. Zu den Juden spach er von Christus, zu den Christen von Muhammad. Unermüdlich warb er für Frieden und Aussöhnung. Die Beisetzung Abdu'l Bahas im Jahre 1921 wurde zur bislang volkreichsten Demonstration gemeinsamer Betroffenheit und Trauer sämtlicher Religions- und Bevölkerungsgruppen Palästinas.
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Auszug aus dem Buch "Baha'u'llah und das Neue Zeitalter, John E. Esslemont, erschienen im Baha\'i Verlag.
Abdu'l Baha: Der Diener Gottes (1844-1921)
"Wenn das Meer Meiner Gegenwart verebbt und das Buch des Ursprungs beendet ist, dann wendet euch Ihm (Abdu'l Baha) zu, den Gott auserwählt hat - Ihm, der dieser altehrwürdigen Wurzel entsprungen ist." Baha'u'llah
Geburt und Kindheit
Abbas Effendi, der später den Titel Abdu'l Baha (d.h. Diener von Baha) annahm, war der älteste Sohn von Baha'u'llah. Er wurde in der Nacht zum 23. Mai 1844, kurz vor Mitternacht, in Tihran geboren, in der gleichen Nacht, da der Bab Seine Sendung verkündete.
Abbas Effendi war neun Jahre alt, als sein Vater, dem er schon damals ergeben anhing, in Tihran in das Gefängnis geworfen wurde. Ein Volkshaufe plünderte ihr Haus, und die Familie wurde von ihren Besitzungen vertrieben und der Not ausgeliefert. Abdu'l Baha erzählt, wie ihm eines Tages erlaubt wurde, den Gefängnishof zu betreten, um seinen geliebten Vater zu sehen, wie Er zur täglichen Bewegung ins Freie kam. Baha'u'llah war erschreckend angegriffen und so krank, daß Er kaum gehen konnte. Sein Haar und Sein Bart waren verwirrt, Sein Nacken wundgescheuert und geschwollen vom Druck eines schweren stählernen Halseisens, Sein Körper gebeugt vom Gewicht Seiner Ketten, und der Anblick machte einen unvergeßlichen Eindruck auf das Gemüt des empfänglichen Knaben.
Während der ersten Jahre ihres Aufenthalts in Bagdad, zehn Jahre vor der öffentlichen Erklärung Seiner Sendung durch Baha'u'llah, führte seine scharfe Einsicht Abdu'l Baha, der damals erst neun Jahre alt war, bereits zu der überwältigenden Entdeckung, daß sein Vater in der Tat der Verheißene sei, dessen Manifestation alle Babi erwarteten. Etwa sechzig Jahre später beschreibt er den Augenblick, da diese Überzeugung plötzlich von seinem ganzen Wesen Besitz ergriff, wie folgt.
"Ich bin der Diener der Gesegneten Vollkommenheit. In Bagdad war ich ein Kind. Damals und dort verkündigte Er mir das Wort und ich glaubte an Ihn. Sobald Er mir das Wort verkündete, warf ich mich zu Seinen heiligen Füßen und bat und flehte zu Ihm, mein Blut als Opfer auf Seinem Pfade anzunehmen. Opfer! Wie köstlich finde ich dieses Wort! Es gibt keine größere Gnade für mich als diese! Welch größeren Ruhm könnte ich mir denken, als diesen Nacken in Ketten gelegt um Seinetwillen, diese Füße gefesselt für Seine Liebe, diesen Körper verstümmelt oder in die Tiefen des Meeres geworfen zu sehen für Seine Sache! Wenn wir Ihn in Wahrheit aufrichtig lieben, wenn ich in Wahrheit Sein aufrichtiger Diener bin, dann muß ich mein Leben, mein Alles an Seiner gesegneten Schwelle opfern."
Während dieser Zeit fing er an, von seinen Freunden "das Geheimnis Gottes" genannt zu werden, ein Titel, der ihm von Baha'u'llah gegeben wurde und unter dem er während der Zeit des Aufenthalts in Baghdad gemeinhin bekannt war. Als sein Vater sich für die Dauer von zwei Jahren in die Wildnis zurückzog, wollte Abbas das Herz brechen. Sein einziger Trost bestand im Abschreiben und im Auswendiglernen der Tablets des Bab, und viel Zeit brachte er in einsamer Gebetsandacht zu. Als schließlich sein Vater zurückkehrte, war der Knabe von Freude überwältigt.
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Jugend
Von dieser Zeit an wurde Abbas Effendi seines Vaters vertrautester Gefährte und sozusagen sein Beschützer. Obgleich erst ein Jüngling, zeigte er doch bereits staunenswerte Klugheit und Scharfsinn, und er übernahm die Aufgabe, den zahllosen Besuchern, die ununterbrochen zu seinem Vater kamen, Rede und Antwort zu stehen. Wenn er merkte, daß es sich um wirkliche Wahrheitssucher handelte, geleitete er sie in die Gegenwart seines Vaters, andernfalls aber erlaubte er nicht, daß Baha'u'llah gestört wurde. Bei vielen Gelegenheiten half er seinem Vater beim Beantworten von Fragen und bei der Behebung von Schwierigkeiten dieser Besucher. Als z.B. einer der Sufi-Führer, namens Ali Shawhat Pasha, um eine Auslegung des Wortes bat:
"Ich war ein verborgenes Geheimnis"
das in einer wohlbekannten muhammadanischen Überlieferung vorkommt, wandte Baha'u'llah sich an das "Geheimnis Gottes", Abbas, und bat ihn, die Auslegung niederzuschreiben. Der Jüngling, der damals fünfzehn oder sechzehn Jahre alt war, schrieb darauf eine bedeutende Abhandlung, die eine so erleuchtende Auslegung enthielt, daß der Pasha erstaunte. Diese Epistel ist jetzt unter den Baha'i weit verbreitet und ist auch manchem dem Baha'i-Glauben Fernstehenden bekannt.
Während dieser Zeit war Abbas ein eifriger Besucher der Moscheen, wo er theologische Themen mit den Lehrern und Gelehrten besprach. Er besuchte nie eine Schule oder eine Universität, sein einziger Lehrer war sein Vater. Seine beliebteste Erholung bestand im Reiten, woran er große Freude zeigte.
Nach der Erklärung von Baha'u'llah in dem Garten außerhalb Baghdads wurde Abdu'l Bahas Ergebenheit seinem Vater gegenüber größer denn je. Auf der langen Reise nach Konstantinopel behütete er Baha'u'llah Tag und Nacht, ritt neben Seinem Wagen und wachte bei Seinem Zelt. So weit wie möglich hielt er alle häuslichen Sorgen und Verantwortung von seinem Vater ab und wurde so die Hauptstütze und der Trost der ganzen Familie.
Während der in Adrianopel verbrachten Jahre wurde Abdu'l Baha jedermann teuer. Er lehrte viel und wurde allgemein bekannt als "er Meister". In Akka, als nahezu alle Gefährten an Typhus, Malaria und Ruhr krank lagen, wusch er die Patienten pflegte sie, gab ihnen das Essen, wachte bei ihnen, wobei er sich keine Ruhe schenkte bis er selbst aufs äußerste erschöpft, sich die Ruhr zuzog und dabei etwa einen Monat in lebensgefährlichem Zustand schwebte. In Akka wie in Adrianopel lernten ihn alle Volksschichten, vom Gouverneur bis zum elenden Bettler, lieben und achten.
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Heirat
Die folgenden Einzelheiten über die Heirat von Abdu'l Baha wurden dem Verfasser freundlicherweise von einem persischen Geschichtsschreiber der Baha'i-Religion zur Verfügung gestellt:
"Während der Jugendzeit Abdu'l Bahas war begreiflicherweise die Frage einer passenden Heirat für ihn von großem Interesse für die Gläubigen, und viele Leute kamen mit dem Wunsche, sich diese Ehrenkrone für ihre Familie zu sichern. Lange aber zeigte Abdu'l Baha keine Neigung zur Heirat, und niemand verstand die Weisheit hiervon. Später wurde dann bekannt, daß ein Mädchen lebte, das bestimmt war, Abdu'l Bahas Frau zu werden; ihre Geburt entsprang einem Segen des Bab, den Er ihren Eltern in Isfahan erteilt hatte. Ihr Vater war Mirza Muhammad Ali, der Onkel des ‘Königs der Märtyrer’ und des ‘Geliebten der Märtyrer’, und sie gehörte zu einer der großen und vornehmen Familien von Isfahan. Als sich der Bab in Isfahan aufhielt, besaß Mirza Muhammad Ali keine Kinder, aber seine Frau sehnte sich nach einem Kind. Als der Bab davon vernahm, gab Er ihm von Seiner Speise und hieß ihn, diese mit seinem Weib gemeinsam zu verzehren. Nachdem sie diesen Bissen gegessen hatten, wurde bald offenbar, daß ihre langersehnten Hoffnungen auf Elternschaft sich zu erfüllen im Begriff waren, und zur gegebenen Zeit wurde ihnen eine Tochter geboren, die den Namen Munirih Khanum erhielt. Später ward dann noch ein Sohn geboren, dem man den Namen Siyyid Yahya gab, und in späteren Jahren bekamen sie noch weitere Kinder. Im Laufe der Zeit starb Munirihs Vater, ihre Vettern erlitten durch Zillu's-Sultan und die Mullas den Märtyrertod, und über die Familie kam große Not und bittere Verfolgung, da sie Baha'i waren. Baha'u'llah erlaubte dann Munirih und ihrem Bruder Siyyid Yahya in Seinen Schutz nach Akka zu kommen. Baha'u'llah und Seiner Gemahlin Navvab, der Mutter von Abdu'l Baha, erzeigte Munirih solche Freundlichkeit und Liebe, daß die andern verstanden, warum sie wünschten, daß sie die Gemahlin von Abdu'l Baha werden sollte. Der Wunsch seines Vaters und seiner Mutter wurde auch der Wunsch von Abdu'l Baha. Er empfand warmes Liebesgefühl und herzliche Zuneigung für Munirih, die von Herzen erwidert wurden, und binnen kurzem vereinigte sie die Ehe."
Diese Ehe gestaltete sich außerordentlich glücklich und harmonisch. Von den ihnen geborenen Kindern haben vier die Schrecken der langen Einkerkerung überlebt und sind durch ihr wundervolles Leben im Dienen allen teuer geworden, die den Vorzug hatten, sie kennenzulernen.
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Mittelpunkt des Bündnisses
Baha'u'llah tat auf verschiedene weise kund, daß Abdu'l Baha Sein Nachfolger sein sollte. Viele Jahre vor Seinem Tod erklärte Er dies verhüllt in Seinem Kitab-i-Aqdas. Er verwies auf Abdu'l Baha bei verschiedenen Gelegenheiten als auf den "Mittelpunkt des Bündnisses", "den größten Ast", "den Ast aus der altehrwürdigen Wurzel". Er sprach von Ihm gewöhnlich als dem "Meister" und forderte von Seiner ganzen Familie, daß alle mit Ihm in betonter Hochachtung verkehrten; und in Seinem Willen und Testament hinterließ Er ausdrückliche Anweisungen, daß sich alle zu Ihm hinwenden und Ihm gehorchen sollten.
Nach dem Tode der "Gesegneten Schönheit" (wie Baha'u'llah allgemein von Seiner Familie und den Gläubigen genannt wurde) trat Abdu'l Baha in die Stellung ein, die Sein Vater ausdrücklich für Ihn bestimmt hatte, als Haupt des Glaubens und als bevollmächtigter Ausleger der Lehren; aber dies rief den Groll gewisser Verwandter und anderer Personen hervor, die in der gleichen bitteren Gegnerschaft zu Abdu'l Baha standen wie Subh-i-Azal zu Baha'u'llah. Sie bemühten sich, Uneinigkeit unter die Gläubigen zu tragen, und als ihnen dies nicht glückte, gingen sie dazu über, verschiedene falsche Beschuldigungen gegen Abdu'l Baha bei der türkischen Regierung zu erheben.
Im Sinne der Anweisungen, die Abdu'l Baha von Seinem Vater erhalten hatte, errichtete Er einen Bau am Abhang des Berges Karmel, oberhalb Haifa, der bestimmt war, der dauernde Ruheplatz für die Gebeine des Bab zu sein, und auch eine Anzahl Räume für Versammlungen und Gottesdienste enthalten sollte. Sie stellten nun den Behörden vor, dieser Bau habe den Zweck, als Festung zu dienen, und Abdu'l Baha und Seine Anhänger hätten die Absicht, sich hier zu verschanzen, der Regierung Trotz zu bieten und nach dem Besitz des angrenzenden Gebiets von Syrien zu streben.
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