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Die letzten Jahre
Während des Winters von 1919 auf 1920 hatte der Verfasser das große Vorrecht, zweieinhalb Monate als Gast von Abdu'l Baha in Haifa zu weilen und aus nächster Nähe Sein tägliches Leben beobachten zu dürfen. Zu jener Zeit war Er, obgleich annähernd sechsundsiebzig Jahre alt, noch bemerkenswert rüstig und bewältigte täglich eine beinahe unglaubliche Menge von Arbeit. Obgleich oft sehr müde, bewies Er wundervolle Kraft, sich wieder zu erholen, und Seine Dienste standen immer denen zur Verfügung, die ihrer bedurften. Seine unerschöpfliche Geduld, Gütigkeit, Freundlichkeit und Sein Feingefühl machten Seine Gegenwart zu einem Segen. Er war gewohnt, einen großen Teil der Nacht im Gebet und in Andacht zuzubringen. Vom frühen Morgen bis zum Abend, eine kurze Mittagsruhe nach dem Essen ausgenommen, war Er rastlos beschäftigt, Briefe aus vielen Ländern zu lesen und zu beantworten und auf die zahlreichen Angelegenheiten des Haushaltes und des Glaubens zu achten. Nachmittags gönnte Er sich gewöhnlich eine kleine Erholung in Form eines Spaziergangs oder einer Spazierfahrt; aber auch hier hatte Er meist einen oder zwei Begleiter bei sich oder eine Gesellschaft von Pilgern, mit denen Er sich über geistige Dinge unterhalten konnte; oder Er fand auf dem Wege Gelegenheit, einige Arme zu besuchen und für sie zu sorgen. Nach der Rückkehr berief Er die Freunde zur gewöhnlichen Abendversammlung in Sein Zimmer. Beim zweiten Frühstück wie bei der Hauptmahlzeit pflegte Er eine Anzahl Pilger und Freunde zu bewirten und Seine Gäste sowohl mit frohen und lustigen Geschichten als auch mit köstlichen Gesprächen über die verschiedensten Dinge zu erfreuen. "Mein Heim ist das Heim der Freude und des Frohsinns", erklärte Er. Und es war in der Tat so. Er freute sich, wenn Er Menschen der verschiedenen Rassen, Farben, Nationen und Religionen in Einigkeit und herzlicher Freundschaft um Seinen gastlichen Tisch versammeln konnte. Er war in der Tat ein liebender Vater nicht nur für die kleine Gemeinschaft in Haifa, sondern auch für die Baha'i-Gemeinschaft in der Welt.
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Der Heimgang Abdu'l Bahas
Abdu'l Bahas mannigfaltige Tätigkeiten dauerten, wenn auch langsam abnehmend, trotz wachsender körperlicher Schwäche und Müdigkeit bis zum zweitletzten oder letzten Tag seines Lebens. Am Freitag, dem 25. November 1921, wohnte Er noch dem Mittagsgebet in der Moschee in Haifa bei und verteilte nachher Almosen an die Armen mit eigener Hand, wie Er gewohnt war. Nach dem zweiten Frühstück diktierte Er einige Briefe. Als Er geruht hatte, erging Er sich im Garten und unterhielt sich mit dem Gärtner. Abends erteilte Er Seinen Segen und seinen Rat einem geliebten, glaubenstreuen Diener des Haushalts, der am selben Tage geheiratet hatte, und später hielt Er die übliche Versammlung der Freunde in Seinem eigenen Zimmer ab. Kaum drei Tage später, eineinhalb Stunden nach Mitternacht, am Montag, dem 28. November, ging Er so friedevoll heim, daß es den zwei an Seinem Bett wachenden Töchtern schien, als ob Er sich ruhig schlafen gelegt habe.
Die traurige Nachricht verbreitete sich bald in der ganzen Stadt und wurde in alle Teile der Welt gedrahtet. Am nächsten Morgen (Dienstag, 29. November) fand das Begräbnis statt,
"ein Begräbnis, wie es in Haifa, ja in ganz Palästina sicherlich noch nie dagewesen ist ... so tief war das Gefühl, das so viele Tausende von Trauernden, Vertretern von vielen Religionen, Rassen und Sprachen zusammenführte."
"Der englische Hohe Kommissar, Sir Herbert Samuel, der Gouverneur von Jerusalem, der Gouverneur von Phönizien, die höchsten Staatsbeamten der Regierung, die Konsuln der verschiedenen Länder, die in Haifa wohnten, die Oberhäupter der verschiedenen religiösen Gemeinschaften, die angesehensten Persönlichkeiten Palästinas, Juden, Christen, Moslems, Drusen, Ägypter, Griechen, Türken, Kurden und eine Menge Seiner amerikanischen und europäischen Freunde, und Freunde aus Seinem eigenen Lande, Männer, Frauen und Kinder von hohem und niederem Stand, ... sie alle, etwa zehntausend an der Zahl, beweinten den Verlust ihres Geliebten ... ‘O Gott, Du unser Gott!’ jammerte das Volk einstimmig, ‘Unser Vater hat uns verlassen, unser Vater hat uns verlassen!’ ..."
"Sie schritten langsam den weg zum Karmel, dem Weinberge Gottes hinan ... Nach zweistündigem, langsamem Gang erreichten sie den Garten am Grabe des Bab ... Als sich die große Menschenmenge ringsum drängte, Vertreter der verschiedenen Glaubensrichtungen, Moslems, Christen und Juden, alle Herzen erfüllt von glühender Liebe zu Abdu'l Baha, erhoben manche im Impuls des Augenblicks, andere auch vorbereitet, die Stimme in Lob und Schmerz. Sie brachten ihre letzte Ehrenbezeugung und ihr Lebewohl ihrem Geliebten dar. Sie waren in ihrer Trauer noch so verbunden mit Ihm, dem weisen Erzieher und Berater der Menschen in dieser wirren und traurigen Zeit, daß es schien, als bliebe den Baha'i nichts mehr zu sagen übrig."
Neun Redner, alle hervorragende Vertreter der muhammadanischen, christlichen und jüdischen Gemeinschaften, bezeugten beredt und bewegend ihre Liebe und Bewunderung für das reine und edle Leben, das nun zu Seinem Ende gekommen war. Dann wurde der Sarg langsam zu seinem einfachen und geheiligten Ruheplatz verbracht.
Wahrlich, hier wurde der gebührende Tribut dem Andenken eines Menschen gezollt, der Sein ganzes Leben lang gearbeitet hatte für die Einheit der Religionen, der Rassen, der Sprachen, ein Tribut und zugleich ein Beweis dafür, daß Sein Lebenswerk nicht vergebens war, daß die hohen Gedanken von Baha'u'llah, von denen Er Seine Inspirationen erhalten hatte, oder vielmehr, die Sein wahres Leben dargestellt hatten, bereits begannen, die Welt zu durchdringen und die Schranken der Sekten und Kasten niederzureißen, die jahrhundertelang Muhammadaner, Christen, Juden und die andern verschiedenen Gruppen, in die die Menschenfamilie gespalten war, gegenseitig entfremdet hatten.
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Schriften und Ansprachen
Die Schriften von Abdu'l Baha sind sehr zahlreich, und man findet sie meist in der Form von Briefen an Gläubige und Fragesteller. Eine große Menge Seiner Gespräche und Reden wurden ferner in Berichten wiedergegeben, und viele wurden veröffentlicht. Viele der Tausende von Pilgern, die Ihn in Akka und Haifa besuchten, schrieben Schilderungen ihrer Eindrücke, und viele dieser Berichte stehen jetzt gedruckt zur Verfügung. Seine Lehren sind auf diese Weise sehr vollständig erhalten, und sie erstrecken sich auf eine sehr lange Reihe von Themen. Mit vielen der Probleme sowohl des Ostens wie des Westens befaßte Er sich eindringlicher, als es Sein Vater getan hatte, und gab dabei mehr ins einzelne gehende Anwendungen für die von Baha'u'llah allgemein niedergelegten Grundsätze. Ein Teil Seiner Schriften ist bis jetzt noch nicht in eine abendländische Sprache übersetzt worden, aber es sind bereits genügend davon zugänglich, um eine tiefe und vollkommene Kenntnis von den wichtigeren Grundsätzen Seiner Lehre zu vermitteln.
Er sprach persisch, arabisch und türkisch. Auf Seinen Reisen im Westen wurden Seine Gespräche und Reden immer übersetzt, wobei sie sichtlich viel von ihrer Schönheit, Beredsamkeit und Kraft verloren, aber die Macht des Geistes, die Seine Worte begleitete, war derartig, daß sie auf alle, die Ihn hörten, den tiefsten Eindruck machten.
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Die Stufe Abdu'l Bahas
Die einzigartige Stufe, die Abdu'l Baha durch die Gesegnete Vollkommenheit zugewiesen wurde, wird von Ihm selbst durch folgende Stelle bezeichnet:
"Wenn das Meer Meiner Gegenwart verebbt und das Buch des Ursprungs beendet ist, dann wendet euch Ihm zu (Abdu'l Baha), den Gott bestimmt hat - Ihm, der dieser Altehrwürdigen Wurzel entsprungen ist."
Und wiederum:
" ... wendet euch in allem, was ihr im Buche nicht versteht, an Ihn, der ein Zweig dieses mächtigen Stammes ist."
Abdu'l Baha selbst schrieb:
"Im Einklang mit dem ausdrücklichen Wortlaut des Kitab-i-Aqdas hat Baha'u'llah den Mittelpunkt des Bündnisses zum Ausleger Seines Wortes gemacht - ein so festes und mächtiges Bündnis, wie es seinesgleichen seit Anbeginn aller Zeit bis zum heutigen Tag keine religiöse Sendung hervorgebracht hat."
Die vollkommene Dienstbereitschaft, mit der Abdu'l Baha den Glauben von Baha'u'llah in Ost und West verbreitete, führte seitens der Gläubigen bisweilen zu unklaren Auffassungen hinsichtlich Seiner Stufe. Unter dem Eindruck der Reinheit des Geistes, der Seine Worte und Taten beseelte, umgeben von religiösen Einflüssen, die den Niedergang ihrer althergebrachten Lehren bedeuteten, glaubte eine Anzahl von Baha'i, Abdu'l Baha zu ehren, wenn sie Ihn mit einer Manifestation verglichen oder Ihn als die Wiederkunft Christi begrüßten. Nichts verursachte Ihm so großen Kummer wie dieser Mangel an der Erkenntnis, daß Seine Fähigkeiten im Dienste Baha'u'llahs von der Reinheit des der Sonne der Wahrheit zugewandten Spiegels und nicht von der Sonne selbst herrührten.
Überdies hat der Glaube Baha'u'llahs im Unterschied zu früheren Sendungen das Wirkungsvermögen auf die gesamte Menschheit in sich. Während Abdu'l Bahas Wirken, das sich über die Zeit von 1892 bis 1921 erstreckte, hatte der Glaube auf dem Wege zu einer wahren Weltordnung verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen. Seine Entwicklung erforderte ununterbrochene Führung und ins einzelne gehende Anweisungen durch Abdu'l Baha, der allein die Fülle dieser neuen, mächtigen Inspiration kannte, die in diesem Zeitalter in die Welt gekommen war. Bis zur Eröffnung des eigenen "Willens und Testaments" nach dem Hinscheiden Abdu'l Bahas, und bis dessen Bedeutung durch Shoghi Effendi, den Hüter des Glaubens, dargelegt wurde, maßen die Baha'i der Führung durch ihren geliebten Meister beinahe unvermeidlich einen Grad von geistiger Autorität bei, welcher dem einer Manifestation gleichkommt.
Die Wirkungen einer solch naiven Begeisterung werden innerhalb der Baha'i-Gemeinschaft nicht weiter empfunden; aber bei tieferem Eindringen in das Mysterium jener unvergleichlichen Ergebenheit und Dienstbereitschaft können die Baha'i heute um so bewußter die einzigartige Natur der Sendung erfassen, welche Abdu'l Baha vollbrachte. Der Glaube, der im Jahre 1892 durch die leibliche Verbannung und Einkerkerung seines Vorbildes und Auslegers so schwach und hilflos schien, hat seitdem mit unwiderstehlicher Macht Gemeinden in vielen Ländern aufgerichtet und steht der Schwäche einer absterbenden Zivilisation mit einem Gefüge von Lehren gegenüber, die allein die Zukunft einer verzweifelnden Menschheit entschleiern können.
Das Buch "Wille und Testament" von Abdu'l Baha stellt an sich mit völliger Klarheit das Geheimnis der Stufen des Bab, Baha'u'llah's und Seiner eigenen Sendung dar:
"Die Glaubensgrundlage des Volkes Bahas - möge ihm mein Leben als Opfer dienen - ist diese: ‘Seine Heiligkeit der Erhabene (der Bab) ist die Offenbarung der Einheit und Einzigkeit Gottes und der Vorläufer der Ewigen Schönheit. Seine Heiligkeit die Abha-Schönheit - möge mein Leben ein Opfer für Ihre standhaften Freunde sein - ist die höchste Offenbarung Gottes und der Aufgangsort Seines höchst göttlichen Wesens. Alle anderen sind Seine Diener und befolgen, was Er gebietet.’"
Durch diese und zahlreiche andere Feststellungen, in denen Abdu'l Baha mit Nachdruck die Wichtigkeit betonte, die Erkenntnis des Glaubens auf Seine allgemeinen Tablets zu gründen, wurde ein Fundament für die Einheit des Glaubens gelegt, mit dem Ergebnis, daß die Verschiedenartigkeit der Auffassungen, verursacht durch Hinweise auf Seine Tablets an einzelne, worin der Meister persönliche Fragen beantwortete, rasch verschwanden. Vor allen Dingen übertrug die Begründung einer endgültigen Verwaltungsordnung mit dem Hüter an ihrer Spitze jede Autorität, die früher einzelne Baha'i in den verschiedenen örtlichen Gruppen durch Ansehen und Einfluß innehatten, auf administrative Einrichtungen.
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Vorbild des Baha'i-Lebens
Baha'u'llah war vor allem der Offenbarer des Wortes. Seine vierzigjährige Einkerkerung gab Ihm nur beschränkte Gelegenheit zum Verkehr mit Seinen Mitmenschen. Abdu'l Baha fiel daher die bedeutsame Aufgabe zu, ein lebendes Beispiel der Offenbarung zu werden, der Vollbringer des Wortes, das große Vorbild des Baha'i-Lebens in wirklicher Berührung mit der Welt von heute, in den verschiedensten Phasen ihrer tausenderlei Tätigkeiten. Er zeigte, daß es immer möglich ist, mitten im Trubel und der Hast des modernen Lebens, inmitten der Eigenliebe und des Ringens nach äußerem Wohlstand, das überall herrscht, das Leben mit vollkommener Ergebenheit in Gott und im Dienste an den Mitmenschen zu leben, wie es Christus und Baha'u'llah und alle Offenbarer von den Menschen gefordert haben. In Prüfungen und Wechselfällen, Schwierigkeiten und Verrat auf der einen Seite, in Liebe, Lobpreis, Ergebenheit und Verehrung auf der andern Seite, stand Er einem Leuchtturm gleich, gegründet auf einen Felsen, um den Winterstürme wüten und das sommerliche Meer spielt, wobei Sein Gleichmaß und Seine Ruhe immer fest und unerschüttert blieben. Er lebte ein Leben des Glaubens und forderte Seine Nachfolger auf, es hier und jetzt nachzuleben. Er hißte inmitten einer kriegerischen Welt das Banner der Einheit und des Friedens, die Standarte einer neuen Zeit, und Er verhieß denen, die sich zu ihrem Dienste versammeln, daß sie durch den Geist des neuen Tages inspiriert werden. Es ist derselbe Heilige Geist, der die Offenbarer und die Heiligen alter Zeiten beseelte, aber es ist eine neue Ausgießung dieses Geistes, angepaßt den Bedürfnissen der neuen Zeit.
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