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Welche Moral gilt im Krieg? Welche Werte haben Bestand? Die Geschichte von Joshua Key, einem ehemaligen US-Soldaten im Irak-Krieg, erzählt vom mörderischen, Menschen verachtenden Krieg. Key, der als Patriot in den Irak auszog, kehrte als Deserteur zurück und musste mit seiner Familie nach Kanada flüchten. Loslassen kann er trotzdem nicht.
"Ich habe Alpträume, Halluzinationen und Angstattacken", gesteht Joshua Key. "Ich war bei Therapeuten, Psychiatern und Ärzten. Ich habe verschiedene Medikamente genommen, die ich inzwischen alle abgesetzt habe. Ich glaube, dass ich meine Probleme nicht mit Pillen lösen kann. Ich muss damit klarkommen, was ich getan habe."
Eine typische US-Armee-Karriere: Raus aus der Armut
Joshua Key war acht Monate lang Soldat im Irak-Krieg. Dann ist er weggelaufen, desertiert. Seitdem ist er auf der Flucht. Seit 2005 irrt er mit seiner Familie durch Kanada. Sein Antrag auf Asyl wurde abgelehnt. Er hofft auf die zweite Instanz. Für die US-Armee, selbst für viele in seiner Familie, ist Joshua Key ein Verräter - dabei ist er als Patriot in diesen Krieg gezogen. "Da, wo ich herkomme, ist jeder patriotisch", so Key. "Was die Regierung sagt, ist heilig. Und wenn sie Krieg führt, dann nur zum Wohle des Volkes. Überall weht die amerikanische Flagge. Schon als Kind war ich sehr patriotisch." Joshua Key kommt aus Oklahoma, einem US-Staat, der traditionellerweise Hochburg der Republikaner ist. In seiner Heimatstadt Guthrie haben fast alle für Bush und den Krieg gestimmt - auch er. Oklahoma, das ist John Steinbecks verlorenes Land: Armut und Elend. Joshuas Kindheit ist ein Höllenritt: Die Familie ist arm und lebt in einem Wohnwagen. Früh kreuzen die Anwerber der Armee auf.
"Sie kommen an deine Schule, zu dir nach Hause, sie rufen dich an", erläutert Joshua Key. "Wenn du arm bist, stehst du auf ihrer Liste. Und obwohl wir weit draußen auf dem Lande lebten, kamen sie laufend und wollten mit unseren Eltern reden. Meine Mutter war immer dagegen. Sie hat ihnen stets die Tür vor der Nase zugeknallt, mit den Worten: 'Verschwinden Sie von meinem Grundstück.'" Von einer Karriere bei der Armee hat Joshua Key nie geträumt, aber nach der High School findet er einfach keinen Job. Als er mit Anfang 20 bereits zum dritten Mal Vater wird, unterschreibt er einen Dreijahresvertrag als Berufssoldat. Zu verlockend sind die Aussichten auf eine Krankenversicherung und ein geregeltes Einkommen für die Familie. Nach der Grundausbildung wird er sofort in den beginnenden Irak-Krieg geschickt. Key zieht mit Überzeugung in den Krieg, und am Anfang machen ihm die Hausdurchsuchungen bei irakischen Bürgern sogar Spaß.
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"Wir waren die eigentlichen Terroristen geworden"
"Es ist ein unglaublicher Adrenalinkick", gesteht er. "Du weißt nie, was dich im Haus erwartet. Du trittst die Tür eines fremden Hauses ein oder sprengst sie auf, und hoffst, dass keiner auf dich schießt. Das ist unbeschreiblich. Am Anfang waren wir völlig skrupellos. Ja, skrupellos - anders kann man es wohl nicht nennen. Wir haben ihre Sachen mutwillig zerstört und gestohlen, was uns gefiel: Geld, Wertsachen, Schmuck, Fernseher." Im Umgang mit den Irakis sind die US-Soldaten oft brutal. Und der Obergefreite Key macht mit. Auch bei Fotos, die denen von Abu Ghraib in nichts nachstehen. Warum er für solch ein Foto posiert hat, weiß er heute nicht mehr. Der Krieg wird immer brutaler, doch von Terroristen oder Massenvernichtungswaffen findet sich keine Spur. Ganz langsam beginnt Key, an seiner Mission zu zweifeln.
Dann hat er nachts auf einer Patrouille in Ramadi ein Schlüsselerlebnis. "Auf dem Weg zum Ufer des Euphrat bogen wir rechts ab", berichtet der ehemalige Soldat. "Direkt hinter der Kurve sah ich auf der linken Seite vier tote Iraker liegen - Zivilisten, enthauptet. Wir hielten an und haben uns im 360-Grad-Winkel einen Überblick über die Situation verschafft. Mein Sergeant hielt an und befahl mir, festzustellen, ob es einen Schusswechsel gegeben hätte. Auf einmal sah ich rechts direkt neben mir einen amerikanischen Soldaten, umgeben von zwei anderen. Er brüllte herum: 'Die sind völlig durchgedreht'. Ich war total benommen, immerhin hatte ich gerade vier enthauptete Menschen gesehen und dachte, er bezieht sich darauf. Doch dann sehe ich links auf einmal zwei amerikanische Soldaten, die die Köpfe der Irakis wie Fußbälle herumkicken. Das war nicht der einzige Wendepunkt für mich, aber der Moment, in dem ich begriff: Wir sind hier die Bösen - und nicht Befreier. Wir waren die eigentlichen Terroristen geworden."
Die Stimme des Gewissens wurde stärker
Seine Vorgesetzten vertuschen den Vorfall. Doch Key sieht den Krieg nun mit anderen Augen, sieht immer stärker das Leid der Irakis und nimmt die Feinde als Menschen wahr. Der Soldat Joshua Key funktioniert nicht mehr. "In der Armee sollst du nicht auf dein Gewissen hören, du sollst Befehle ausführen", sagt Key. "Ich sehe die Dinge so: Ich konnte die Stimme meines Gewissens nicht länger überhören. Das war einfach nicht mehr Joshua Key, der Mann, der eine Frau und drei Kinder hat." Joshua Key sieht nur noch einen Ausweg: Fahnenflucht. Er taucht unter, die Armee ist ihm stets auf den Fersen. Schließlich landet er mit seiner Familie im kanadischen Toronto. Der Verein Kanadischer Kriegsgegner vermittelt ihm eine Wohnung und Rechtsbeistand. Sein Anwalt Jeffry House ist selbst Amerikaner. Er ist einst vor dem Vietnamkrieg nach Kanada geflüchtet und vertritt heute zahlreiche Deserteure aus dem Irak-Krieg.
"Wenn Joshuas Antrag auf Asyl endgültig scheitern sollte, kann er immer noch Duldung in Kanada aus humanitären Gründen beantragen", sagt Jeffrey House. "Ich hoffe sehr, dass es nicht so weit kommt, aber falls doch, glaube ich, werden wir den öffentlichen Druck erhöhen. Die kanadische Regierung muss wissen, dass sie einen sehr hohen Preis zahlen würde, sollte sie Menschen wie ihn zurück in die USA ins Gefängnis schicken." Wenn Kanada ihn abschiebt, muss Joshua Key in den USA hinter Gitter. Doch er hat Amerika längst verloren, denn in seine Heimat kann er nie wieder zurückkehren. "Ich weiß, dass ich moralisch das Richtige getan habe", davon ist Joshua Key zutiefst überzeugt. "Aber für Amerikaner zählt das nicht: Aus ihrer Sicht habe ich mein Land im Stich gelassen. Sie werden mich immer als Deserteur brandmarken. Sie werden meine Kinder brandmarken. In Amerika würde ich mein Leben für das verurteilt werden, was ich getan habe." Inzwischen ist Joshua Key zum vierten Mal Vater geworden. Doch echtes Familienglück kennt er nicht. In seiner Heimat Oklahoma liegt seine Mutter im Sterben. Er wird sie niemals wieder sehen.
Es soll auch vorkommen, daß Soldaten, die aus dem irakischen Krieg zurück kamen, zu Hause ihre Ehefrauen ermordeten. Weil für das Töten zur Routine wurde. Das sind die Auswirkungen, mit denen Amerika fertig werden muß - mit der zunehmenden Gewalt - es ist wie ein Bumerang - was ich aussende, holt mich ein.
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