Frauen im Irak
Täglich kämpfen sie um ihre Rechte
Der öffentliche Raum in Bagdad wird von Männern kontrolliert - auch wenn sie sich für die Rechte von Frauen einsetzen. Selbst im Theater sitzen mehr Männer als Frauen. Und: Den Tag zu Ehren der Frauen haben Männer veranstaltet. Dabei sind mehr als 60 Prozent der Bevölkerung im Irak Frauen. Im Vergleich zu Frauen anderer arabischer Länder hatten diese lange Zeit eine starke Rechtsstellung, doch davon entfernt sich der Irak immer mehr.
"Von Geburt an zieht sich eine Kette der Gewalt durch das Leben der Frauen", erklärt die Journalistin Majda Al Hariry. "Von der Kindheit über die Jugend, bis ins Alter. Du kannst zusehen, wie die Unterdrückung funktioniert: vom Vater oder dem Bruder, über den Ehemann und später den Sohn.
Majda und ihre Freundinnen wissen, wovon sie sprechen. Für ihre Gesinnung haben sie im Gefängnis gesessen. Heute arbeiten sie gegen den Abbau der Frauenrechte. "Frauen brauchen Rechte", fordert etwa Afifa Thabit. "Aber in dieser Situation, in der wir uns befinden, unter dem enormen Einfluss des Islam, den wir aus allen Richtungen auf uns zukommen sehen, können die Frauen ihre Rechte nicht wahrnehmen."
Der Druck der Religion wird immer stärker. Wer kann das aufhalten? Frauen im Parlament, gar ein Frauenministerium, haben keinerlei Einfluss, lediglich eine Alibifunktion. Shameran hat schon als junge Frau gegen Unrecht gekämpft und saß dafür im Gefängnis. Sie ist sehr enttäuscht über die derzeitige Situation in ihrem Land. "Die Frauen, die in unserem Parlament sitzen, es tut mir leid, aber ich muss das in aller Deutlichkeit sagen, wie es ist: Frauen im Parlament vertreten nur ihre eigenen Parteien und nicht die Rechte der Frauen", kritisiert sie. "Die Parteien haben sie ins Parlament gebracht und folglich müssen sie sich parteipolitischen Argumenten unterordnen."
Besonders junge Frauen haben zu kämpfen
Besonders extrem ist die Situation für junge Frauen geworden. Das ganz normale Leben ist außer Kontrolle geraten: Zur Schule gehen, studieren, arbeiten - all das unterliegt jetzt anderen Regeln. Zum Glück gibt es mutige Frauen wie Nahla, die neben ihrer Arbeit an der Universität am Nachmittag Jugendliche unterrichten. Ihr ist es zu verdanken, dass die jungen Mädchen nicht nur zuhause bleiben müssen. "Ich kam zu dieser Organisation, weil ich hier noch etwas anderes lernen kann", so die Schülerin, Lisa. "Es gibt diese Workshops, die dem Irak helfen, beispielsweise, was wir über die Menschenrechte erfahren. Das hilft uns persönlich. Aber es hilft uns auch, mit anderen Menschen besser auszukommen. Ich glaube, das ist wirklich gut, was wir hier machen."
Auch das College ist ein letzter Freiraum geworden - nicht nur um zu lernen, es ist ein Freiraum für Gefühle, Ort der Begegnungen ohne Zwang und Kontrolle. Aber die Wirklichkeit hier drinnen und die Realität draußen sind oft genug unvereinbar. "Wir sind in diesem Moment im Jahr 2007 - und ich kenne eine junge Frau, deren Cousin sie immer schon heiraten wollte", erzählt die Journalistin Majda Al Hariry. "Als sie ein junges Mädchen war, hat sie zugestimmt, als sie dann ins College kam und sich veränderte, offener wurde und freier, beanspruchte ihr Cousin sie immer noch. Sie hat keine Chance, einen anderen Mann zu lieben oder gar zu heiraten. Zehn Jahre geht das jetzt schon so, und am Ende wird sie überhaupt keiner mehr heiraten."
Für die Dichterin Samarkand ist die irakische Gesellschaft krank. "Sie kann nicht lieben. Sie hat Angst vor der Liebe und denkt, dass die Liebe sie schwach macht. Die Gesellschaft weiß nicht, dass erst die Liebe ihr Kraft gibt. Religion und Gesellschaft haben eine Mauer um die Frauen errichtet, weil sie Angst vor ihnen haben. Die Gesellschaft liebt die Frauen nicht, und sie fügt ihnen Schmerzen zu, sie erteilt nur Befehle. Es macht ihr regelrecht Spaß, Frauen als Besitz zu betrachten."
Wie können die Frauen überleben?
Die Journalistin Majda Al Hariry weiß, wie schwierig es ist, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Sie ist im Gefängnis vergewaltigt und gefoltert worden. "Es ist schlimm", sagt sie. "Bis heute sind wir nicht an dem Punkt angelangt, dass wir über das alles sprechen dürfen, was uns Frauen angetan wurde. Wir haben nicht diese Freiheit und Offenheit. Nicht wir schämen uns, darüber zu reden, aber wir schämen uns für unsere Regierung und die Verhältnisse, in denen wir zur Zeit leben." Der Krieg auf der Straße und die zunehmende Macht der Religion sind dafür verantwortlich, dass die Frauen im Irak ihre Rechte verlieren. "Gerade ist eine Dokumentation herausgekommen, die zeigt, dass der Irak dasjenige Land ist, in dem fünf Millionen Frauen ihre Männer verloren haben. Diese Zahl ist erschreckend. Wie können diese Frauen überleben?", fragt die Journalistin.
Was bedeutet es, wenn fünf Millionen Frauen ohne den Schutz ihrer Männer leben müssen - in einer Gesellschaft, die den Frauen verbietet, ihre Rechte allein wahrzunehmen? Wenn Politik und Religion die Frauen aus dem öffentlichen Leben vertreiben, wer setzt sich dann für ihre Rechte ein? |