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Habilitationsthema












... Es handelt sich hierbei um eine Theorie, die der Neurowissenschaftler Detlef Linke bereits 1995 an der Universität Bonn präsentierte und die so bestürzend einfach klingt, dass man intuitiv skeptisch reagiert. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum seit über zehn Jahre es niemand gewagt hat, sie ernsthaft zu überprüfen. Ich habe mir erlaubt, sie auf eigene Verantwortung zu bebildern.

Linke ging von seinem Habilitationsthema, der Lateralität des Gehirns aus - also der Spezialisierung der beiden Gehirnhälften auf unterschiedliche Tätigkeiten bei komplexeren Tieren bis hinauf zum Menschen. Unser Lesen werde bei Rechtshändern überwiegend in der linken Hemisphäre bearbeitet, die zuerst vom rechten Auge über Kreuz bedient wird.
Entsprechend tendieren wir, so Linke, Schrift von links nach rechts zu erfassen.

Eine Besonderheit aber bilden laut Linke vokalarme Alphabete, wie zum Beispiel Hebräisch (Anm.: oder arabisch).
Zur Lesung der Konsonanten habe hier eine intensive, bildhafte Assoziierung der Vokale zu erfolgen, die vor allem auf der rechten Gehirnhälfte erfolge. Entsprechend tendiere das linke Auge zur Führungsrolle, die Schriftrichtung weise von rechts nach links.
Vor allem aber werde jetzt eine zusätzliche Konfrontation mit Bildern als rechtshemisphärische Überlastung empfunden - der Leser eines Konsonantenalphabetes werde Bilder (oder auch Musik) daher tendenziell zu meiden lernen.

Die weitere Verbreitung eines nichtvokalisierten Alphabetes sollte daher mit einer zunehmenden Bilderfeindlichkeit einhergehen - einer Verringerung der Götterzahl (Anm.: Monotheismus) und Darstellung bis schließlich zur Bildlosigkeit des Eingottes. Erst der Verzicht auf jede Bildlichkeit führe zur wieder gleichmäßigen Beanspruchung des gesamten Gehirns („Tanz“, „Wohlbefinden“), deren Herleitung und Umschreibung bei Linke an das psychologischen „Flow“-Konzept (Csikszentmihalyi et al.) erinnern.

Eine religionshistorisch entscheidende Phase sieht Linke aber ab dem Moment, ab dem die hebräische Bibel ins Griechische übersetzt wurde, in die Septuaginta.

Im vokalisierten Griechisch werde die rechte Gehirnhälfte einerseits vom Einfügen der Vokale entbunden - gerade deswegen aber erfolge keine gleichmäßige Beanspruchung mehr.
Der griechisch Lesende mag den bildlosen Eingott und die Bibel schätzen und lieben wie sein hebräisch lesender Zeitgenosse, wird aber gerade dann umso mehr darunter leiden, dass der Buchstabe allein anstrengend und tot bleibt.

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Linkes These passt genau zur arabischen Antwort auf die Evangelien, den Koran, der vokalarm und von rechts nach links gelesen wird, nur in Arabisch gültig rezitiert werden kann und im Bezug auf Gott und Jesus wieder strikt Gottesinkarnation, Passionserzählung und jede Bilddarstellung ablehnt. Nach wie vor können wir weltweit miterleben, wie hebräische und arabische Schriftrezitation in den Originalsprachen Menschen in einen Flow versetzt, während sich die vokalisierte Bibellesung im Regelfall in der Landessprache oder doch einer späteren Übersetzung durchsetzt und mit Bildern, Musik, Liturgie und komplexen Spekulationen ergänzt. Auch Christen mit größter Liebe zur Heiligen Schrift müssen sich nach wenigen Stunden „Bibelmarathon“ ablösen lassen, wogegen Juden und Muslime allein über einer langen Lesung in Verzückung geraten können. Würde die Form des verwendeten Alphabetes keinerlei Rolle spielen, so sollte doch wenigstens eine der vielen christlichen Kirchen die entsprechenden Rezitationstechniken entfaltet oder übernommen haben.
Womöglich könnte dies dann aber auch bedeuten, dass Leser von Vokalalphabeten stärker ständig nach Neuem hungern, sich emotionale Wirkung immer wieder an neuen Texten und Ideen erringen müssen, wogegen die versenkende Flow-Erfahrung zur stets beglückenden, voranalytischen Wiederholung -sogar ohne Textverstehen- locken kann....
Überzeugt hat mich schließlich eine Studie des Darmstädter Kognitionspsychologen Reinhard Leichner, die ohne jeden Bezug zu Religion, Linke o.ä. konzipiert war. Leichner hatte Probanden Fotos von Personen nach Sympathie bewerten lassen und sie gleichzeitig per Kopfhörer links-, rechts- oder beidhemisphärisch mit Musik beschallt. Das Ergebnis entsprach völlig der Linkeschen These: bei stärkerer Doppelbeanspruchung der rechten Hemisphäre wurden die Bilder tendenziell negativer wahrgenommen, bei ausgleichender Beanspruchung der linken Hemisphäre tendenziell positiver.

Aus http://tobias-lib.ub.uni-tuebingen......senschaftlicher_Sicht.pdf

LG
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