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Quell des Mitgefühls












AC: Welche Beziehung ist zwischen Bewusstsein und Mitgefühl?

MJ: Mit Bewusstsein fängst du an, dich zu lösen und plötzlich geht es nicht mehr um dich. Dann fließt ein riesiger Quell des Mitgefühls durch dich hindurch. Wenn du bewusst bist, erkennst du, dass es in deinem Leben keinen Platz für ein Anhaften gibt.

AC: Weil?


MJ: Wenn du bewusst bist, weißt du, dass alles, was wir haben, vergänglich ist. Swami Nityananda hat mich über Chidakash gelehrt, den Herzraum über dem Kopf. Und in diesen Raum gehe ich. In diesem Raum verschwinde ich. Es geht nicht um mich. Deshalb fängt das Mitgefühl und ich war immer stolz darauf, das zu haben sogar noch mehr an zu fließen und ich erkenne: „Oh mein Gott! Ich hätte das Milliardenfache davon haben können.” Bewusstsein führt zur Losgelöstheit, die wiederum zu größtmöglichem Mitgefühl führt. Und wenn ich „Losgelöstheit” sage, dann meine ich nicht Gleichgültigkeit. Ganz im Gegenteil, ich meine Fürsorglichkeit in einer größeren, schöneren und tiefer gehenden Weise.

AC: Bewusstsein führt zu Losgelöstheit, aber was ist dann die Beziehung zwischen Losgelöstheit und Mitgefühl?

MJ: Weil es nicht um mich geht. An diesem Ort der Losgelöstheit muss ich Mitgefühl für andere Menschen haben. Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen. Ich erhalte einen Anruf, dass da ein AIDS-krankes junges Mädchen auf der Straße liegt, das gerade ein Kind geboren hat. Sie liegt auf der Straße. Sie ruft nach Ma. Ich gehe zu der Straße. Ich habe an dem Tag gerade selbst eine persönliche Tragödie erlebt. Okay? Was gebe ich jetzt? Was habe ich noch zu geben? Wie kann ich dieses Kind anschauen? Ihr Leid haftet an meinem Leid. Deshalb gehe ich zu jenem Ort der Losgelöstheit. Es geht nicht um mich. Und ich bin für ein junges Mädchen da, ohne Urteil. Mitgefühl kann nur ohne Urteil gegeben werden ohne Urteil, weil es nicht um mich geht. Und ich drücke das Mädchen dicht an mich, bis die Ambulanz kommt und sie mitnimmt. In diesem Augenblick bin ich verschwunden, weil ich nicht in meinem eigenen Schmerz bin. Und wenn ich nicht selbst leide, dann bin ich so offen für ihr Leid, dass das Mitgefühl fließt.

AC: Ich stelle Ihnen diese Frage deshalb, weil manche Menschen Angst vor Losgelöstheit haben; denn sie befürchten, dass sie mit Gleichgültigkeit reagieren, wenn sie sich erlauben, Losgelöstheit zu erfahren.

MJ: Ich kenne das. Die meisten Menschen haben Angst vor Losgelöstheit. Aber ich lebe sie. Nicht nur ich, sondern auch Tausende meiner Schüler leben sie. Ich habe einen kleinen Ashram in Kalifornien, und dort gibt es ein Programm mit dem Namen „Unter den Brücken und auf den Straßen”, im Rahmen dessen Tausende von Menschen jeden Monat ernährt werden. Weil sie losgelöst sind, feuert sie das, was sie sehen, dazu an weiterzumachen und noch mehr zu dienen. Okay, ich habe noch eine Geschichte. Das ist keine hübsche Geschichte, also hören Sie einfach nur, was ich zu sagen habe.

AC: Ich höre zu.

MJ: Ich habe ein junges Kind. Sie ist seit sechs Jahren bei mir. Dieses Kind war ein schönes junges Mädchen. Ihr Vater hat sie gezwungen, Drano (chem. Abflussrohr-Reiniger; Anm. d. Ü.) zu trinken.

AC: Oh, mein Gott.

MJ: Ich habe Sie gewarnt. Wenn ich nicht zum Ort der Losgelöstheit gegangen wäre, glauben Sie, ich hätte ein paar Tage nach dem Vorfall in das Zimmer treten können? Ich musste dahin gehen, wo ich nicht anhaften würde. Und das Mitgefühl floss. Sie ist seit etwa sechs Jahren bei mir und geht jetzt zur Schule. Sie hat kein Gesicht mehr. Ein schönes Kind, und jetzt stirbt sie. Von Anhaftung kommt was? Wut. Wie könnte ich diesem Kind dann helfen?

AC: Wie alt ist sie jetzt?

MJ: Dreizehn. Das ist Losgelöstheit. Heißt das, dass ich sie nicht liebe? Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen, da stünden Ihnen die Haare zu Berge. Und weshalb das alles? Wegen des Anhaftens der Menschen. „Ich hänge an meinem Raum. Ich habe meinen weißen Lattenzaun. Ich habe meinen Ehemann, meine Kinder. Ich sehe es im Fernsehen, aber ich will nicht hingehen und es mir anschauen.” Und ich sage: „Seid losgelöst und kümmert euch um Mädchen wie Melissa, deren Vater ihr Drano eingeflößt hat.” Wenn ich anhaften würde, könnte ich in hunderttausend Jahren nicht das tun, was ich tue. Ich würde zusammenbrechen, wenn ich anhaften würde. Ich würde in meinen eigenen Tümpel des Selbstmitleids fallen.

AC: Da ist ein Geheimnis an all dem, dennwie Sie schon gesagt haben, und viele große spirituelle Meister haben auch darüber gesprochendurch Loslassen finden wir Liebe und Fürsorge.

MJ: Genau. Und Junge, das macht Angst. Es ist beängstigend. Wenn du loslässt, entsteht das wahre Mitgefühl der Liebe, weil du genau im Moment lebst. Plötzlich sind dir deine Kinder nahe, dein Geliebter oder deine Geliebte ist dir nahe, weil du nicht mehr deine Krallen in den Nacken des anderen schlägst. Ich besitze dich nicht. Ich genieße dich. Und ich schaue mich nicht um, um zu sehen, wer meine Liebe wegnimmt. Das ist das größte Geheimnis. Das ist meiner Meinung nach ein weit größeres Geheimnis als der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Weil du tatsächlich etwas mit deinem eigenen Wesen tun musst.

AC: Wie meinen Sie das?


MJ: Man muss tatsächlich etwas mit seinem eigenen Wesen tun, um etwas für jemand anderen tun zu können. Man kann nicht wutschnaubend herumlaufen: „Dieser Bastard hat dem Kind Drano gegeben!” und das Kind ohne Hoffnung da liegen lassen. Man muss also sagen: „Ich kann das schaffen. Ich kann losgelöst genug sein, um mir das anzuschauen.” Erst einmal muss man es sich anschauen, und dann muss man sich um die Situation kümmern. Man scheut keinerlei Verantwortung, und das ist das Geheimnis. Und so jemand kommt im nächsten Leben voller Liebe zurück, weil er oder sie nicht einsam in Agonie und Schmerz sterben musste. Das Geheimnis ist, dass jeder von uns egal wer wir sind, wirklich jeder von uns die Fähigkeit hat, losgelöst zu sein und sich um das zu kümmern, worum man sich kümmern muss.

AC: Was ist die Quelle Ihrer Leidenschaft und Ihres Mitgefühls?

MJ: Nun, meine Mutter, die auf der Sozialstation des Krankenhauses von Coney Island gestorben ist, hat mir wirklich gezeigt, wie man sich um Menschen kümmert. Eines Tages sagte ich zu ihr: „Mama, warum musst du so viel leiden?” Eine Brust war entfernt worden, dann die andere, dann die Niere, dann die Lunge das war in den späten 40er Jahren. Sie drehte sich um zu mir und gab mir eine Ohrfeige: „Frag niemals warum!” Und dann habe ich sie angeschaut und gefragt: „Warum?” Da hat sie gelacht und mir noch eine Ohrfeige gegeben. Sie sagte: „Weil dir niemand eine Antwort geben wird. Wer soll dir darauf schon antworten?” Daran habe ich mich mein Leben lang erinnert. Und das lehre ich. Anstatt warum zu fragen, tu einfach was. Wir alle sind fähig, etwas zu tun. Ich bin kein Straßenprediger. Wäre ich das, dann hätte ich keine Zeit, das zu bewältigen, was ich alles in meinem Leben bewältigt habe. Sehen Sie, ich will Veränderung. Ich will in den von Leid getrübten Augen eines Kindes eine Veränderung sehen. Ich weiß, wenn wir einem menschlichen Wesen helfen, dann berührt das die ganze Welt. Das muss es. Ich weiß vielleicht nicht, wie, aber ich weiß, dass es so ist. Ich tue und alle, die mit mir sind, ebenso. Es ist unglaublich, wie viele Kinder heranwachsen, und zwar nicht nur, weil ein Mensch sich darum kümmert, sondern weil ich viele gelehrt habe, sich zu kümmern. Und wenn ich in dieser Sekunde sterben würde, heute, dann kommen nach mir viele, viele Kinder, Schüler, Studenten und Chelas, die sich kümmern. Ich werde mich nicht verstecken. Ich werde nicht nur Zeugnis ablegen. Ich bin aus Brooklyn. Ich gehe kämpfend unter.
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