|
|
|
| "My body is caught but my soul is outlawed"
|
|
|
|
Liebe Freunde
Wenn ich mir über „Selbstfindung“ Gedanken mache, so spielt dabei der Begriff „älter werden“ eine vorrangige Rolle. Zwar muss es nicht zwangsläufig eine Rolle spielen, ob man mit höherem Alter auch mehr im Stande ist dem Leben einen erfüllenden Sinn zu geben, aber ich hatte das große Vergnügen, von eher älteren Menschen etliche Vorträge über Bahai – Themen z. B. Musik, Heilung, Einheit der Religionen, -der Menschheit, Erziehung u. s. w. erleben zu dürfen. Dabei fiel mir auf, dass es sich bei den Vortragenden um „geistige Berge“ handelte. Das zeigt mir deutlich die Möglichkeiten auf, die in jedem von uns schlummern. Dadurch strahlen solche Menschen enorme Zuversicht, Menschlichkeit, Gewissheit, Heiterkeit, Hoffnung, Schaffenskraft u.s.w. aus.
Wenn ich das dann mit dem Durchschnitt der alten Menschen in meiner Umgebung vergleiche, so empfinde ich großes Mitleid mit vielen Menschen. Ihre Lebenskraft wird nur all zu oft auf totale Oberflächlichkeiten und Gejammer vergeudet. Wenn dann zuletzt auch noch eine (weitverbreitete) Glaubensschwäche dazukommt, dann bleibt eigentlich für alle Beteiligten nur noch eine trübe Hoffnungslosigkeit zurück. Es verwundert dann nicht, wenn die jungen Menschen orientierungsschwach sind, kaum an die Menschheit, die Familie, die Religionen und die kraft der Liebe glauben und sich in reinen Oberflächlichkeiten verlieren. Dabei ist das Vorbild der älteren Menschen so wertvoll.
Alles Liebe
|
|
|
|
Lieber Robinson,
da hast Du sicher recht - je länger man Zeit hat, zu sich selbst zu finden,
desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man auch was findet -
unbeschadet der Tatsache, dass es auch junge Menschen gibt, die zu
einer tiefen Selbsterkenntnis und Verwirklichung gelangt sind.
Was ich vielleicht noch anmerken würde - es gibt auch eine Bewegung
in die Gegenrichtung... Gerade bei Menschen, die sich in eine religiöse
Idee vertiefen (und besonders solchen, die - wie Priester und Mönche -
vom Alltagsleben abgeschottet sind), entwickelt sich mit der Zeit häufig
eine Art 'Betriebsblindheit', in der Alles als verdächtig und als Gefahr
gesehen wird, was nicht genau dem eigenen Fahrwasser entspricht.
Beispiele dafür gibt es wohl in allen Religionen - und die wirken dann
auf Jüngere vielleicht noch abschreckender als die Hoffnungslosigkeit.
|
|
|
|
Dazu - und zum 'Nicht-heranlassen' - eine alte Zen-Geschichte
Vorzeiten lebte in China eine alte Frau, die 20 Jahre für einen Mönch gesorgt hatte.
Sie hatte für ihn eine kleine Hütte gebaut und ihn mit Nahrung versorgt, während er
meditierte. Schließlich wollte sie wissen, welche Fortschritte er in der ganzen Zeit
gemacht hatte. Sie bat ein junges Mädchen, das als begehrlich und leidenschaftlich
bekannt war, ihn zu besuchen. "Geh und umarme ihn," sagte sie, "und dann frage ihn
'was nun?'"
Das Mädchen ging zu dem Mönch, setzte sich kurzerhand auf seinen Schoß, küsste
und liebkoste ihn, und fragte dann, was nun zu tun sei.
"Ein alter Baum wächst auf einem kalten Felsen im Winter," antwortete der poetisch,
"weit und breit keine Wärme."
Das Mädchen ging wieder zurück und berichtete der alten Frau, was sie erlebt hatte.
"Wenn ich bedenke, dass ich den Kerl 20 Jahre lang gefüttert habe!" rief die aus.
"Er hat keine Rücksicht auf deine Not genommen, keinen Versuch gemacht, deine
Lage zu verstehen. Er hätte deine Leidenschaft ja nicht erwidern müssen, aber
Mitgefühl zu zeigen wäre seine Pflicht gewesen." Sie ging auf der Stelle zu der Hütte
des Mönchs und brannte sie nieder.
|
|
|
|
Liebe Freunde
Lieber Wu
Die Geschichte mit dem Mönch beschreibt sehr treffend die Möglichkeit der Weltentfremdung von Menschen die sich vom Leben abkoppeln und nur in der „Innenwelt“ nach ihrem eigenen Fortschritt suchen. In der Bahai-Religion ist Askese und jeder geistliche Stand abgeschafft. So hatte ich das Glück eben nur Vorträge von Menschen zu genießen, die mit beiden Beinen fest am Boden stehen und oft auch im Beruf und auch aus der Sicht ihrer Familienangelegenheiten durchaus sehr erfolgreich sind. Also nicht mit dem erhobenen Zeigefinger auf ihre Mitmenschen blicken. Von solchen „geistigen Bergen“ wie ich sie genannt habe ist es dann aber wirklich beeindrucken, über die großen geistigen Dinge der Menschheit mehr zu erfahren. Es scheint mir also besonders darauf anzukommen, ob jemand im Herzen Jung geblieben ist und die Nähe zum täglichen Leben nicht verloren hat. Sonst besteht wirklich die Gefahr, dass man im Alter zu einem Grießgram wird mit dem den Mitmenschen und letztlich ihm selbst kein Dienst erwiesen ist. Ja die Vernünftigen sogar vertrieben werden. Siehe Kirchen.
Alles Liebe
|
|
|