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Können wir uns auf alle schriftlichen Zeugnisse verlassen oder müssen wir sie anders deuten ?
Verschiedene Wurzeln der Jungfrauengeburt
Im Vorangehenden hatten wir gesehen, dass Christen durch die Geburt Jesu aus einer Jungfrau die als Verleumdung gemeinte Version der vorehelichen, illegitimen Geburt Jesu beantworteten. An dieser Stelle will ich die oben aufgeschobene Frage klären, wie dies religionsgeschichtlich möglich war, und werde dies unter der Überschrift „Gottessohnschaft - Geistzeugung - Jungfrauengeburt tun.
Christen griffen dabei auf Vorstellungen zurück, die in der religiösen Umwelt schon lange zuvor ausgebildet worden waren. Begünstigt wurde die Übertragung dieser Vorstellungen auf Jesus insbesondere durch das Bekenntnis, Jesus sei der Sohn Gottes. Als solcher wurde Jesus bereits in der Urgemeinde bezeichnet: Gemäß der Röm 1,3f zugrunde liegenden judenchristlichen Tradition erfolgte seine Einsetzung zum Gottessohn durch die Auferstehung. In diesem Sinn wird die Gottessohnschaft Jesu auch in einer alten Formel verstanden, die Lukas in Apg 13,32f wiedergibt: "Und wir verkündigen euch die Verheißung, die an die Väter ergangen ist, dass Gott sie uns, ihren Kindern, erfüllt hat, indem er Jesus auferweckte; wie denn im zweiten Psalm geschrieben steht: 'Du bist mein lieber Sohn, heute habe ich dich gezeugt' (Ps 2,7)." Im MkEv ist dagegen eine Überlieferung enthalten, welche die Gottessohnschaft Jesu gewissermaßen vorverlegt: Jesus wird hier bereits im Zusammenhang mit der Taufe zum Sohn Gottes (Mk 1,11).
Eben diese Bezeichnung "Gottessohn" war nun aber auch in der hellenistischen Welt geläufig - freilich mit einem ganz anderen Bedeutungsinhalt. Was darunter verstanden wurde, wenn z.B. Herakles, Pythagoras, Platon, diverse Pharaonen, Alexander der Große, Ptolemäus, Scipio Africanus Maior und Kaiser Augustus als Gottessöhne bezeichnet wurden, zeigt sich an der damit hauptsächlich verbundenen Vorstellung: Der Gottessohn ist durch einen Gott gezeugt.
Ertrag: Die Vorstellung, dass Jesus vom heiligen Geist gezeugt und von einer Jungfrau geboren worden sei, geht auf die Umdeutung zurück, die der Titel "Gottessohn" in dem Moment erfuhr, ja, erfahren musste, als das hellenistische Judenchristentum den Gottessohn Jesus in einer hellenistischen Umwelt heimisch machte. Die Gottessohnschaft war aufgrund derselben Terminologie eine ideale Verständigungshilfe zwischen Judenchristen und Hellenisten - obwohl jeweils etwas ganz Verschiedenes damit gemeint war. Während man andere Titel, welche die Bedeutsamkeit Jesu aussagten, nicht mehr verstand und entweder fortließ ("Menschensohn" findet sich in den paulinischen Gemeinden nicht mehr) oder umbildete (der Titel "Messias" wird in der griechischen Form "Christus" zum Eigennamen), bekam die Bezeichnung "Sohn Gottes" einen völlig neuen Inhalt: "Sohn Gottes" wird nun nicht mehr als Titel Jesu, sondern als eine Aussage über seine naturhafte Beschaffenheit verstanden, d.h. in einem physischen Sinn ausgelegt. Von der Legende wurde er dann mit einer Jungfrau in Verbindung gebracht, die allein als Gottes würdig galt.
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