Das Selbst ist ein wilder Löwe


Mesnevi - 1. Buch : 1350-1351 (Mevlana)


In einem schier endlosen Wald lebte einst ein wilder Löwe. Alle anderen Tiere des Waldes bebten ständig in Furcht vor dem Löwen und suchten nach einer Möglichkeit, um doch wenigstens etwas Ruhe und Sicherheit zu erlangen. Sie versammelten sich alle und hielten Rat. Vorschläge wurden geprüft und verworfen, bis man sich doch einigte und eine Abordnung zum Löwen schickte.

Als diese den Löwen fanden Sprachen sie: „O Löwe, du König der Wälder, jeden Tag ergreifst du einen von uns und frißt ihn auf. Wir können dagegen nichts sagen oder tun, aber was soll diese ganze Mühe, die du dir deswegen machst? Bleibe du nur auf deinem Throne sitzen und wir schicken dir jeden Tag einen von uns und du kannst ihn in Ruhe fressen. So können wir und du unser Leben in Ruhe verbringen.“

Dieser Vorschlag gefiel dem Löwen und er nahm ihn sofort an. Von nun an kam am Morgen eines jeden Tages ein Tier zum Löwen und ergab sich ihm.

Schließlich kam die Reihe an den Hasen und so sagten die Tiere zu ihm: „Nun was soll’s, das ist unser Schicksal. damit die meisten in Ruhe leBen können, ist es notwendig, daß einer stirbt. Auf, mache dich auf den Weg ohne mehr Zeit zu verlieren, damit der Löwe nicht ärgerlich und zornig wird.“

Doch was sie auch sagten, dem Hasen schien alles egal zu sein. Erregung ergriff die Tiere und nur mit viel Mühen und Zureden gelang es ihnen den Hasen zum Gehen zu bewegen. Der Hase trödelte rum, sprang hierhin, sprang dorthin und gelangte schließlich beim Löwen an. Natürlich war es schon sehr spät geworden.

Der Löwe war schon sehr hungrig und als er den Hasen erblickte, brüllte und fauchte er fürchterlich und schrie wutentbrannt: „wo bleibst du? Warum kommst du so spät?“

Devot und mit gespielter Erregung und unter unzähligen Verbeugungen und Beteuerungen erwiderte der Hase: „Aber mein Herr, zeihe mich nicht die regeln der Achtung und Höflichkeit verletzt zu haben. Gleich frühmorgens brach ich auf und eilte zu dir, damit du nicht Hunger leiden mußt. Aber wie erschrak ich, als mir plötzlich ein anderer Löwe gegenüberstand und was mußte ich alles erleiden, um ihm zu entkommen, du kannst es dir nicht vorstellen.“

Blind vor Zorn und wutschnaubend brüllte der Löwe: „Wer ist dieser Unverschämte? In diesem Wald gilt nur, was ich sage! Wer ist es? Sag es mir!“

Der Hase, innerlich vor Freude über die Entwicklung jubelnd, beginnt den anderen Löwen über alle Maßen zu preisen und zu loben und verletzt die Ehre und den Stolz des ohnehin schon vor Wut Tobenden. Endlich hält es dieser nicht mehr aus und ruft: „Los, gehe vor mir her und zeige mir diesen Niederträchtigen.“ Sie machen sich auf den Weg und der Hase führt den Löwen an den Rand eines Brunnens.

„Hier, mein Herrscher,“ ruft er, „hier in diesem Brunnen. Schau, wie er sich aufbläst.“

Zornig Blickt der Löwe in den Brunnen und sein Spiegelbild schaut ihm entgegen. Er beginnt zu fauchen und sein Spiegelbild ebenfalls sofort ergreift der Hase die Gelegenheit: „Siehst du mein Herr,“ stachelt er den Löwen auf, „wie er dich herausfordert?“

Der ganze Körper des Löwen bebte vor Zorn, wild verdrehte er die Augen. „In einem Land kann es nicht zwei Könige geben. Ich werde ihn zerreißen!“ murmelte er vor sich hin. Mit einem wilden Schrei stürzte er sich auf den vermeintlichen Feind imBrunnen.

Nun ist alles endlich vorbei. Und fröhlich über die grüne Wiese hoppelnd verkündet der Hase allen Tieren die frohe Botschaft ihrer Befreiung.
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* Mein Herz ruft ALLAH ALLAH,
mein Nefs schreit yallah yallah ....*

* Der Heuchler sucht nach Fehlern;
der Gläubige nach Entschuldigungen.*