Die Unsterblichkeit des Geistes


Ein Auszug aus dem Buch "Beantwortete Fragen"

Kapitel 61, Die Unsterblichkeit des Geistes, Teil I

"Nachdem Wir gezeigt haben, daß es den menschlichen Geist gibt (Kapitel 48), wollen Wir seine Unsterblichkeit beweisen.

Die Unsterblichkeit des Geistes wird in den heiligen Büchern erwähnt; sie ist die wesentliche Grundlage der göttlichen Religionen. Nun heißt es, daß es zwei Arten von Bestrafung und Belohnung gibt. Erstens, die Belohnungen und Bestrafungen dieser Welt; zweitens, diejenigen der anderen Welt. Aber Paradies und Hölle des Daseins sind in allen Welten Gottes zu finden, ob in dieser Welt oder in den geistigen himmlischen Welten. Diese Belohnungen zu verdienen heißt das ewige Leben gewinnen. Darum sagte Christus: »Handelt so, daß ihr ewiges Leben ererbt und daß ihr aus Wasser und Geist geboren werdet, damit ihr ins Reich Gottes kommt.«

Die Belohnungen dieses Lebens sind die Tugenden und Vollkommenheiten, die die Wirklichkeit des Menschen schmücken. Zum Beispiel war der Mensch unaufgeklärt und wird erleuchtet, er war unwissend und wird weise, er war unachtsam und wird wachsam, er schlief und wird erweckt, er war tot und wird lebendig, er war blind und wird sehend, er war taub und wird hörend, er war weltlich und wird himmlisch, er war materiell und wird geistig. Durch diese Belohnungen wird er geistig geboren und ein neues Geschöpf. Er wird zur Offenbarung des Verses im Evangelium, wo von den Jüngern gesagt wird, daß sie nicht von dem Geblüt noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind (Johannes 1:13); das heißt, sie wurden von den tierischen Merkmalen und Eigenschaften, die die Kennzeichen der menschlichen Natur sind, befreit und mit den göttlichen Eigenschaften, die die Gabe Gottes sind, ausgezeichnet; dies ist die Bedeutung der zweiten Geburt. Für solche Menschen gibt es keine größere Qual, als von Gott fern zu sein, und keine schmerzlichere Strafe als Lasterhaftigkeit, schlechte Eigenschaften, niedrige Gesinnung und Verstrickung in sinnliche Genüsse. Wenn sie durch das Licht des Glaubens von der Dunkelheit dieser Laster befreit, durch das Strahlen der Sonne der Wirklichkeit erleuchtet und mit allen Tugenden geadelt werden, so halten sie dies für die größte Belohnung und wissen, daß es das wahre Paradies ist. In gleicher Weise betrachten sie es als geistige Bestrafung, das heißt als Qual und Strafe des Daseins, der natürlichen Welt unterworfen zu sein, Gott fern zu sein, roh und unwissend zu sein, fleischlichen Gelüsten zu unterliegen und von sinnlichen Schwächen gefesselt zu sein; mit schlechten Eigenschaften, wie Falschheit, Herrschsucht, Grausamkeit und Abhängigkeit von den Dingen der Welt behaftet und voll teuflischer Gedanken zu sein - für sie sind dies die größten Strafen und Qualen.

Und so sind die Belohnungen der anderen Welt das ewige Leben, das in allen heiligen Büchern deutlich erwähnt wird, die göttlichen Vollkommenheiten, die immerwährenden Gnadengaben und unvergängliche Glückseligkeit. Die Belohnungen der anderen Welt sind die Vollkommenheiten und der Friede, die nach Verlassen dieser Welt in den geistigen Welten erlangt werden, während die Belohnungen dieses Lebens die wahrhaftigen, strahlenden Vollkommenheiten sind, die in dieser Welt verwirklicht werden. Sie sind die Ursache des ewigen Lebens, denn sie sind der wahre Fortschritt des Daseins. Es ist wie der Mensch, der von der embryonalen Welt zur Stufe der Reife schreitet und der zur Offenbarung dieser Worte wird: »Gepriesen sei Gott, der herrlichste Schöpfer.« Die Belohnungen der anderen Welt sind Friede, geistige Tugenden, verschiedene geistige Gaben im Reiche Gottes, Erfüllung der Wünsche von Herz und Seele und Begegnung mit Gott in der Welt der Ewigkeit. In gleicher Weise bestehen die Strafen der anderen Welt, das heißt ihre Qualen, im Beraubtsein der besonderen göttlichen Segnungen und vollkommenen Gnadengaben und im Herabsinken auf die niedrigste Stufe des Seins. Jeder, der von diesen göttlichen Gunstbezeigungen ausgeschlossen ist, wird, obwohl er nach dem Tode weiterbesteht, vom Volk der Wahrheit als tot angesehen.

Der logische Beweis für die Unsterblichkeit des Geistes ist, daß von einem nicht existierenden Ding kein Zeichen ausgehen kann; das heißt, es ist unmöglich, daß aus reinem Nichtsein Zeichen erscheinen, denn Zeichen sind die Wirkung eines Daseins, und die Wirkung hängt vom Dasein der Ursache ab. So kann von einer nicht existierenden Sonne kein Licht ausstrahlen, können keine Wellen aus einem nicht vorhandenen Meer erscheinen, und aus einer nicht existierenden Wolke fällt kein Regen; ein nicht vorhandener Baum trägt keine Früchte, und ein nicht existierender Mensch kann weder etwas kundtun noch hervorbringen. Solange also Zeichen eines Daseins erscheinen, sind sie ein Beweis dafür, daß es einen Eigner des Zeichens gibt.

Bedenke, daß das Königreich Christi noch heute besteht. Wie könnte von einem nicht existierenden König ein Reich von solcher Größe errichtet werden? Wie können aus einem nicht vorhandenen Meer die Wogen sich so hoch erheben? Wie können von einem nicht existierenden Garten solch wohlriechende Düfte hervorgebracht werden? Beachte, daß von keinem Dasein, sei es ein Mineral, eine Pflanze oder ein Tier, irgendein Zeichen, eine Wirkung oder ein Einfluß zurückbleibt, nachdem seine Teile zerstreut und seine Elemente aufgelöst sind. Nur die menschliche Wirklichkeit und der menschliche Geist sind es, die auch nach dem Zerfall der Teile, der Zersetzung der Elemente und der Auflösung der Zusammensetzung fortbestehen, weiterhandeln und Kräfte besitzen.

Diese Frage ist sehr tiefgründig, denke genau über sie nach! Es ist ein verstandesmäßiger Beweis, den Wir geben, damit ihn die Klugen auf der Waage der Einsicht und Gerechtigkeit prüfen. Wenn aber der menschliche Geist sich am Reiche Gottes erfreut und zu ihm hingezogen wird, wenn sich die innere Sicht auftut, das geistige Hören erstarkt und die geistigen Gefühle vorherrschen, dann wird er die Unsterblichkeit des Geistes so deutlich wie die Sonne erkennen und die frohen Botschaften und Zeichen Gottes werden ihn umfassen.

Morgen werden Wir weitere Beweise geben." Abdu'l Baha
Kapitel 62, Die Unsterblichkeit des Geistes, Teil II

"Gestern sprachen Wir über die Unsterblichkeit des Geistes. Wisse, daß Kraft und Fassungsvermögen des menschlichen Geistes von zweierlei Art sind, das heißt, es gibt zwei verschiedene Weisen des Wahrnehmens und Handelns. Der eine Weg ist mittels Werkzeugen und Organen: Mit diesem Auge sieht er, mit diesem Ohr hört er, und mit dieser Zunge spricht er. Auf diese Weise erfolgt die Tätigkeit des Geistes und die Wahrnehmung der Wirklichkeit des Menschen mit Hilfe von Organen. Mit anderen Worten, der Geist ist durch die Augen der Sehende, durch das Ohr ist er der Hörende und durch die Zunge ist der Geist der Sprechende.

Die andere Äußerung der Kräfte und Handlungen des Geistes erfolgt ohne Werkzeuge und Organe. Zum Beispiel sieht er im Zustand des Schlafes ohne Augen, ohne ein Ohr hört er, ohne eine Zunge spricht er und ohne Füße läuft er. Kurz, diese Handlungen sind jenseits der Mittel von Werkzeugen und Organen. Wie oft kommt es vor, daß der Geist in der Welt des Schlafes einen Traum sieht, dessen Bedeutung erst zwei Jahre später durch entsprechende Ereignisse sichtbar wird. Und wie oft geschieht es, daß ein Problem, das man in der Welt des Wachseins nicht lösen kann, in der Welt der Träume gelöst wird. Im Wachsein sieht das Auge nur auf eine kurze Entfernung, in den Träumen aber sieht der, welcher sich im Osten befindet, den Westen. Im Wachen sieht er die Gegenwart, im Schlafe die Zukunft. Im Wachsein kann er mit schnellen Verkehrsmitteln höchstens zwanzig Parasange in der Stunde (persisches und türkisches Längenmaß, das zwischen 7 und 10 km schwankt) reisen, im Schlaf durchmißt er in einem Augenblick den Osten und den Westen. Denn der Geist reist auf zwei verschiedene Arten: ohne Mittel was gleich geistigem Reisen, und mit Hilfsmitteln, was gleich körperlichem Reisen ist, wie Vögel, die fliegen, und solche, die getragen werden.

Im Schlafe ist der Körper wie tot; er sieht und hört nicht, fühlt nicht und hat weder Bewußtsein noch Wahrnehmung, das heißt, die Kräfte des Menschen ruhen, aber der Geist ist lebendig und tätig. Ja, sein Einfluß ist stärker, sein Flug höher und seine Erkenntnis größer. Anzunehmen, daß der Geist nach dem Tod des Körpers zugrunde gehe, ist wie die Vorstellung, daß ein Vogel in einem Käfig umkäme, wenn der Käfig zerbrochen wird, obwohl ja der Vogel von der Zerstörung des Käfigs nichts zu fürchten hat. Unser Körper ist dem Käfig und der Geist dem Vogel zu vergleichen. Wir sehen, daß ohne den Käfig dieser Vogel in der Welt des Schlafes fliegt; wenn daher der Käfig zerbricht, wird der Vogel unversehrt weiterleben; seine Empfindungen werden sogar tiefer, seine Wahrnehmungen weiter und sein Glück größer sein. Er ist wahrlich von der Hölle zu einem Paradies der Freuden aufgestiegen, weil es für die dankbaren Vögel kein schöneres Paradies als die Freiheit vom Käfig gibt. Darum eilen auch die Märtyrer in höchster Freude und Glückseligkeit zur Stätte der Hingabe.

Im Wachsein sieht das menschliche Auge höchstens auf eine Wegstunde Entfernung, weil durch die Vermittlung des Körpers die Kraft des Geistes so begrenzt wird; mit der inneren Sicht und dem geistigen Auge aber sieht er Amerika, kann wahrnehmen, was dort ist, dortige Zustände entdecken und Angelegenheiten beeinflussen. Wenn nun der Geist mit dem Körper identisch wäre, müßte die Kraft der inneren Schau auch im selben Verhältnis stehen. Es ist also klar, daß dieser Geist etwas anderes ist als der Körper, daß der Vogel etwas anderes ist als der Käfig und daß Kraft und Einfluß des Geistes ohne das Werkzeug des Körpers größer sind. Auch wenn das Werkzeug weggelegt wird, handelt der Besitzer des Werkzeugs weiter. Wenn zum Beispiel die Feder niedergelegt oder zerbrochen wird, so bleibt der Schreiber lebendig und gegenwärtig; wenn ein Haus niedergerissen wird, ist doch der Besitzer da und am Leben. Dies ist einer der logischen Beweise für die Unsterblichkeit der Seele.

Es gibt aber noch einen anderen: Dieser Körper wird schwach oder schwerfällig, krank oder wieder gesund; er wird müde oder ist ausgeruht; manchmal werden Hand oder Bein amputiert, oder seine physische Kraft wird geschwächt; er wird blind, taub oder stumm; seine Glieder können gelähmt werden; kurz, der Körper kann alle Unvollkommenheiten haben. Der Geist jedoch bleibt immerfort und ewig in seinem ursprünglichen Zustand und in seinem eigenen geistigen Wahrnehmungsvermögen; er wird weder von Unvollkommenheit noch von Lähmung befallen. Wenn aber der Körper von Unglück und Krankheit völlig beherrscht wird, geht er der Gaben des Geistes verlustig, einem Spiegel gleich, der, wenn er zerbrochen, schmutzig oder staubig ist, die Strahlen der Sonne nicht zurückwerfen und nicht länger ihre Gaben zeigen kann.

Wir haben schon früher erklärt, daß der Geist des Menschen nicht im Körper ist, weil er von Eintreten und Ausgehen als körperlichen Vorgängen frei und geheiligt ist. Die Verbindung des Geistes mit dem Körper ist wie die der Sonne mit dem Spiegel. Kurz, der menschliche Geist ist in einheitlichem Zustand; er wird weder durch die Krankheit des Körpers krank noch durch dessen Gesundheit geheilt; er wird weder verdorben noch schwach oder elend, weder mager noch leicht oder klein. Das heißt, er wird durch die Schwächen des Körpers nicht beeinträchtigt und zeigt keinerlei Wirkung, auch wenn der Körper schwach wird oder Gehör und Gesicht verliert, oder gar Hände und Füße und Zunge abgenommen werden. Es ist also klar und gewiß, daß der Geist etwas anderes ist als der Körper und daß sein Fortleben von dem des Körpers unabhängig ist; der Geist herrscht im Gegenteil mit größter Erhabenheit über die Welt des Körpers, und seine Macht und sein Einfluß sind wie die Gaben der Sonne im Spiegel sichtbar und offenkundig. Doch wenn der Spiegel staubig wird oder zerbricht, hört er auf, die Strahlen der Sonne zurückzuwerfen." Abdu'l Baha
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"Die Trübsale dieser Welt gehen vorüber, und was uns bleibt, ist das, was wir aus unserer Seele gemacht haben." Shoghi Effendi