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Die Zeit geht nicht
Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist die Karawanserei,
Wir sind die Pilger drin.
Ein Etwas, form- und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf und nieder taucht,
Bis wieder ihr zerrinnt.
Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.
Es ist ein weisses Pergament
Die Zeit, und jeder schreibt
Mit seinem roten Blut darauf,
Bis ihn der Strom vertreibt.
An dich, du wunderbare Welt,
Du Schönheit ohne End',
Auch ich schreib' meinen Liebesbrief
Auf dieses Pergament.
Froh bin ich, dass ich aufgeblüht
In deinem runden Kranz;
Zum Dank trüb' ich die Quelle nicht
Und lobe deinen Glanz.
Gottfried Keller
(1819-1890)
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In deinem Aug' erscheint mein Angesicht,
In meinem deins, die reinen Herzen zeigend;
Zwei bessre Hemisphären fand man nicht:
Ohn' kalten Nord, und nicht nach Westen neigend.
Was ungleich war gemischt, muß Tod erleiden -
Ist unsre Liebe eins nur, und wir beiden
Gleich liebend: nie kann eins ermatten noch verscheiden
John Donne (1572-1631) |
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Siehe, ich wußte es sind
solche, die nie den gemeinsamen Gang
lernten zwischen den Menschen;
sondern der Aufgang in plötzlich
entatmete Himmel
war ihr Erstes. Der Flug
durch der Liebe Jahrtausende
ihr Nächstes, Unendliches.
Eh sie noch lächelten
weinten sie schon vor Freude;
eh sie noch weinten
war die Freude schon ewig.
Frage mich nicht
wie lange sie fühlten; wie lange
sah man sie noch? Denn unsichtbare sind
unsägliche Himmel
über der inneren Landschaft.
Eines ist Schicksal. Da werden die Menschen
sichtbarer. Stehn wie Türme. Verfalln.
Aber die Liebenden gehn
über der eignen Zerstörung
ewig hervor; denn aus dem Ewigen
ist kein Ausweg. Wer widerruft
Jubel?
Rainer Maria Rilke
(1875 - 1926) |
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Warum ist alles so rätselhaft?
Hier ist das Wollen, hier ist die Kraft;
Das Wollen will, die Kraft ist bereit,
Und daneben die schöne lange Zeit.
So seht doch hin, wo die gute Welt
Zusammenhält!
Seht hin, wo sie auseinanderfällt!
Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832) |
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Weder Hände noch Steine
ein verschlossener Garten ist
meiner Schwester Braut,
eine offene Weite die See, seltsam
gefaltetes, seltsam zusammengehaltenes
Bindegewebe. jedem bräutiger Prasselraum.
in den Kellern die guten Jahrgänge.
in den Kronen ständige Kenterstimmung.
und Sturztiere Schwestern,
die, wenn sie Lachmöwen sind,
Sepiaköpfe haben. ihre Grillentöne
schrill, sollte ein Fremder wagen,
Kusshände oder Schlusssteine
in ihren Garten zu werfen.
Ron Winkler
(*1973) |
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