im 9. Jahrhundert kam es mit der Bewegung, die man Mutazila nennt, sogar beinahe zu einer Aufhebung der Idee von Gott. Man gab der Vernunft das Primat und versuchte zwei Ideen zu erschüttern, die damals vorherrschend waren: Zum einen eines der zentralen Dogmen des Islam, nämlich daß der Koran ein nicht geschaffenes, ewiges Werk sei, das so wie es war, vom Himmel herabgekommen ist. Die Mutazila argumentierten hingegen, vielleicht stamme der Gedanke vom Himmel, aber jede Konkretisierung der Schriften in einer irdischen Sprache müsse zwangsläufig im Augenblick der Eingebung menschengemacht sein. Die Inspiration stamme also vielleicht von Gott, aber das Werk sei aus menschlichem Handeln hervorgegangen. Dies bedeutete einen wirklich spektakulären Angriff auf eines der theologischen Dogmen des Islam. Ein weiterer Punkt ist die Ausschaltung Gottes: er wird von der Welt in das Unerkennbare, das ihn ausmacht, in eine Transzendenz so weit entfernt, daß der Mensch von der Vorsehung befreit und zum alleinigen Verantwortlichen seines Handelns werden könnte.
Mutazila war eine theologische Bewegung, die eine Zeitlang zur offiziellen Staatsideologie wurde. Es gab sogar so etwas wie eine Inquisition im Namen dieser rationalistischen Ideologie. Mit ihr wurde die damalige buchstabengetreue, puristische Schule sehr heftig bekämpft. In der Ahnenreihe des Purismus und des Willens, zur reinen Lehre zurückzukehren, wird immer eine bestimmte Figur aufgerufen. Der berühmte Ibn Hanbal (780-855), einer der Lehrmeister des Islam, wurde zu Zeiten der Mutazila sehr hart unterdrückt und gefoltert, weil er angeblich eben diesen Standpunkt einnahm, den die zur Staatsideologie gewordene rationalistische Schule kritisierte. Historisch gesehen ist diese theologische Bewegung allerdings gescheitert.
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