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Interview mit dem Islamgelehrten Amr Khaled: "Für einen Teil der Gelehrten endet die Botschaft des Islam beim Gebot das Kopftuch zu tragen - das ist falsch"
"Muslime sollen nicht nehmen ohne zu geben. In der Abkapselung zeigt sich, dass du schwach bist"
Das Jahrestreffen der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), welches am Wochenende stattfand, war sicherlich einer der Höhepunkte muslimischer Aktivität in Deutschland (wir berichteten darüber). Über 4000 Besucher kamen aus ganz Deutschland nach Leverkusen angereist, um vor allem einen ganz bestimmten Mann aus dem arabischen Raum wieder zu sehen und zu feiern: Der Gelehrte Amr Khaled (3 .
Er ist besonders für die muslimische Jugend Integrationsfigur und Hoffnungsträger. Seine Botschaften begeistern via arabische und englische Fernsehkanäle seit Jahren ein Millionenpublikum. "Die Zeit" beschreibt ihn jüngst in einem überraschend ausgeglichenen Artikel doppeldeutig als "Pop-Islamisten". Der doppelte Boden - Pop ist positiv besetzt und Islamist eine negative Stereotype - kommt nicht von ungefähr. Viele hiesige Kommentatoren wissen zurzeit nicht genau, ob sie Khaled nun loben sollen wegen seine Brückenkopffunktion zwischen islamischer und westlicher Welt, oder verreißen sollten, eben wegen seiner Brückenkopffunktion zur islamischen Welt.
islam.de sprach mit ihm exklusiv vor der IGD-Veranstaltung. Das in Englisch und Arabisch geführte Interview ist nachfolgend ins Deutsche übersetzt. Das Gespräch führte Humaam Mazyek.
islam.de: Wie geht es Ihnen?
Amr Khaled: Gut. Alhamdulillah (Gott sei Dank)!
islam.de: An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?
Amr Khaled: Wir arbeiten an zwei Hauptprojekten. Ersteres ist für Jugendliche und Frauen im Nahen Osten. Wir schauen nach einer besseren Zukunft der Jugend in diesem Gebiet, wie man die Situation verbessern kann, wie man Entwicklung weiter bringen kann. Wir wollen die Jugendlichen bestärken arbeiten zu gehen, sich zu entwickeln. Dies bezieht sich auf die arabischen Länder.
Hier im Westen haben wir eine andere Message. Wir diskutieren, wie wir Brücken bilden können zwischen den Muslimen und dem Westen. Unsere Botschaft handelt von positiver Integration. Daran arbeiten wir, wie auch z.B. auf dieser Konferenz (Anm. der Redaktion: IGD-Jahrestreffen 2005) gibt es viele Konferenzen mit gleicher Überschrift, die für eine bessere Zukunft arbeiten. Ich begann mit dieser Arbeit mit meiner Wohltätigkeitsorganisation, die ich in London mitbegründet habe. Wir haben Partner in jedem europäischen Land. Wir wollen diese Botschaft vermitteln und Projekte positiver Integration aufzeigen.
islam.de: In Ihren Programmen sprechen Sie viel davon, dass insbesondere die Jugend proaktiv sein soll (vital), was verstehen Sie darunter?
Khaled: Dies ist vor allem an die Muslime im Westen adressiert. Warum sind die Muslime damals in die westlichen Länder gegangen? Um von den Vorteilen zu profitieren wie Bildung, Wohlstand, Geldverdienen and andere Gründe. Aber sie dürfen nicht nehmen ohne zu geben. Also sprechen wir von positiver Integration, denn der Islam achtet die Bürgerpflichten und weil der Westen uns auch achten sollte.
islam.de: ...Wie können wir geben ohne uns in der Gesellschaft zu engagieren?
Khaled: Wir möchten, dass der Westen den Islam respektiert. Wir kommen nicht nur in seine Länder um zu nehmen. Und wie man weiß, sagte der Prophet Muhammad: "die gebende Hand ist besser als die nehmende Hand". Wir wollen nicht nur zu der nehmenden Sorte gehören, wir brauchen Muslime die zur "gebenden Hand" gehören.
Außerdem, eine negative Einstellung zur Gesellschaft und Abkapselung zeigt, dass du schwach bist. Starke Leute können sich problemlos mit anderen auseinandersetzen - und gleichzeitig ihre Identität behalten. Du musst positiv integriert sein und gleichzeitig selbstbewusst in Bezug auf den Islam sein.
islam.de: Sie sprechen viel über den Dialog mit der Mehrheitsgesellschaft; brauchen wir nicht genauso den Dialog unter den Muslimen, unter den muslimischen Gelehrten, angesichts dieser Probleme, angesichts der Meinungsverschiedenheiten?
Khaled: Nun, das ist eine gute Frage... Ein Teil der Gelehrten, traditionell, lehrt uns, dass wir verschlossen bleiben sollen, ablehnend und nicht mit anderen (Nichtmuslimen) verkehren sollen. Ihre Botschaft stoppt bei dem Gebot zu beten und Kopftuch zu tragen. Punkt. Das ist nicht richtig. Wie kann in unseren Ländern Weiterentwicklung stattfinden, ohne sich mit anderen in der Welt auszutauschen?
Während der Konflikte mit den Quraish (Anm. d. Red: Volk in Mekka, damals Muhammad feindlich gesinnt) sagte der Prophet, wenn die Quraish ihn nach "7ilf al-fudul" fragen würden (Anm. d. Redaktion: vorislamisches Abkommen, bei dem sich Vertragspartner einigen sich gegenseitig zu unterstützen falls einer Partei Unrecht widerfährt), würde er es tun um der Gerechtigkeit willen.
So müssen wir miteinander diskutieren, mit offenen Ohren und uns fragen, was unsere Botschaft an die Jugendlichen und Frauen ist. Wir müssen zusammenarbeiten, mit islamischem Selbstbewusstsein, und unsere Rechte einfordern. Der Westen hat einige Probleme in unseren Ländern verursacht, es gibt große Ungerechtigkeiten. Aber nein, wir haben diese nicht vergessen. Das heißt, wir brauchen Zusammenarbeit, auch für unsere eigene Sicherheit in unseren Ländern und in dieser Welt, um in Frieden zu leben, nicht in einem Krieg. Gleichzeitig bestehen wir auf unsere Rechte aber fordern sie mit den richtigen Mitteln.
islam.de: ...wie sieht dies mit dem Kopftuchstreit in Europa aus?
Khaled: Ich möchte den Europäern sagen, dass wir die Jugendlichen aufrufen, ein Teil der Gesellschaft zu sein und wie bereits erwähnt positiv integriert zu sein. Es ist kein Problem, ein Muslim zu sein und gleichzeitig ein deutscher Staatsbürger, beides muss respektiert werden. Es gibt keinen Konflikt zwischen beidem. Dies versuchen wir den Jugendlichen beizubringen.
Was in Frankreich passiert ist, bringt uns in eine schwierige Lage. Die Jugendlichen werden gezwungen, ein guter Staatsbürger oder, nach Meinung vieler Mädchen, eine gute Muslima zu sein. Der Westen muss die Werte der Muslime respektieren und wir müssen seine Werte respektieren.
Muslimische Frauen erleben viele Ungerechtigkeiten, leider sagen einige Gelehrte, dass manches sogar islamisch legitim sei. Die Frauen brauchen viel mehr Rechte, dies fordert der Islam.
Macht das Kopftuch nicht zu dem 'Problem der muslimischen Frauen im Westen'!
An den Westen gerichtet sage ich: Wenn die Muslime in diese Konflikte gedrängt werden, verlieren will alle.
islam.de: Sie sprachen mal darüber, die verschiedenen Fesseln, die die Jugend hat, zu sprengen, welchen Appell wollen sie der muslimischen Jugend zurufen?
Khaled: Viele Jugendliche haben keine Ziele, sie lassen alles vor sich herlaufen, ohne irgendeine Mission. Dies ist eine der Fesseln. Viele andere Probleme existieren, wenige haben Eigeninitiative, sind nicht stolz auf ihre Geschichte, achten nicht den Wert der Zeit, denken nicht nach. Diese Fesseln verhindern eine gute Zukunft.
islam.de: Eine persönliche Frage: Wenn man so bekannt ist wie Sie, wer holt einen dann wieder runter? Wer sagt Ihnen in Ihrem Umfeld auch mal die Meinung?
Khaled: (lacht) Ich arbeite hart. Meine Aufgabe nimmt jeden Teil meines Körpers ein. Aber zwei Sachen helfen mir: Erstens, mein Sohn...
islam.de: ... wie alt ist er?
Khaled: ...Vier Jahre alt. Er hilft, mit der Arbeit aufzuhören, und dann gehe ich mit ihm Fußball spielen. Das hilft mir runterzukommen.
islam.de: ...und auf der "intellektuellen Ebene"?
Khaled: Ich habe mehrere Ratgeber. Ich höre sorgfältig zu und akzeptiere ihre Meinung, sollte sie auch von jungen Person kommen. Wenn man will, dass andere einem zuhören, muss man ihnen zuhören. Ich glaube, dass ich fähig bin, mich zu verbessern. Dies ist ein wichtiger Faktor, in diesem Leben erfolgreich zu sein.
islam.de: Amr Khaled, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.
Khaled: Ich danke auch.
Quelle: http://www.islam.de/4257.php
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