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Gegenprofessor












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Zum Artikel von Egon Flaig "Der Islam will die Welteroberung" (F.A.Z. vom 16. September): Warum das Feuilleton der F.A.Z. ausgerechnet einen Fachmann für europäische Antike damit betraute, ihre Leser mit einem Husarenritt durch die Geschichte des Islams zu beschenken, ist schwer verständlich. Wer weder die Fachdebatten kennt noch die Originalquellen lesen kann, muß um so vorsichtiger in der Auswahl der Sekundärliteratur sein. Egon Flaig nennt nur das hochtendenziöse, offen islamfeindliche Buch von Bat Yeor, das wissenschaftlich kaum zitierfähig ist, er zieht ein problematisches Apercu von Majid Khadduri heran, und Jacob Burckhardt und Hegel kommen auch zu Wort. Im übrigen scheint er die reiche Sekundärliteratur zu den Eroberungen der islamischen Frühzeit ebensowenig zu kennen wie die Studien über den Dschihad in der Periode des europäischen Imperialismus.

Das von Egon Flaig aufgemachte Schwarzbuch des Islams bietet ein verzerrtes Einheitsbild von Gewalt, Grausamkeit und Unterdrückung. Er behauptet ernsthaft, daß das islamische Recht mit den nationalsozialistischen Rassegesetzen in einem Atemzug genannt zu werden verdiene. Im Bestreben, die islamische Geschichte möglichst in politisch gefälligem Schwarz zu malen, insistiert er darauf, daß die Diskriminierung der Juden unter islamischer Herrschaft schlimmer gewesen sei als die im christlichen Abendland. Das Gegenteil ist richtig. So ist es historischer Konsens, daß im Mittelalter die Lage der Juden unter islamischer Herrschaft bedeutend besser war als unter christlicher Herrschaft. Die spanischen Juden, die im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert vor der katholischen Reconquista flohen, stimmten mit ihren Füßen ab: Die meisten wollten lieber als "Schutzbefohlene" unter der Herrschaft des osmanischen Sultans leben als sich in die Gewalt eines christlichen Herrschers begeben. Für die Juden war christliche Herrschaft im Hochmittelalter die einer "Verfolgungsgesellschaft" (Mark Cohen). Unter muslimischer Herrschaft waren sie nicht gleichberechtigt - ein dieser Zeit fremdes Konzept -, aber relativ frei von gewaltsamer Verfolgung. Juden waren den Muslimen nicht ebenbürtig, weil sie die Offenbarung des Propheten Muhammad nicht annahmen, aber sie waren - im Gegensatz zur Lage im christlichen Europa - eben nicht nur geduldet, sondern hatten verbriefte Rechte, die sie oft sogar vor Gericht einklagen konnten.

Die Geschichte der drei großen monotheistischen Religionen ist immer mit Gewalt verbunden gewesen, doch sieht Egon Flaig diese Gewalt vorwiegend bei den Muslimen und beim biblischen Volk Israel. In religiösen Eroberungskriegen ist viel Blut geflossen, auch bei muslimischen Eroberungen. Die heiligen Texte von Juden und Muslimen enthalten gewalttätige Passagen, sie drohen unter bestimmten Umständen mit Gewalt - nach innen und nach außen. Der Christ hat das Glück, ein im ganzen friedlicheres heiliges Buch zu besitzen. Doch ist das die Theorie. Keine andere Kultur hat sich in den vergangenen Jahrhunderten so gewalttätig gezeigt wie die europäische, die sich auf ihr abendländisch-christliches Erbe beruft und die Prozesse der Aufklärung und Säkularisierung durchlaufen hat. Die Kolonialkriege des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, die beiden Weltkriege, Holocaust und Gulag sind hierfür Zeugen.

Jedem von Flaigs vorgebrachten Beispiel muslimischer Greuel lassen sich christliche oder "westliche" Beispiele entgegenhalten - eine ganz unfruchtbare Diskussion, die in dem Masse Emotionen freisetzt, wie sie Rationalität behindert. Eine Gruppe Islam- und Nahostwissenschaftler aus Deutschland, Professor Dr. Stephan Conermann, Universität Bonn, Professor Dr. Werner Ende, Universität Freiburg, Professor Dr. Gudrun Krämer, Freie Universität Berlin, Professor Dr. Thomas Philipp, Universität Erlangen und Professor Dr. Stefan Reichmuth, Ruhr-Universität Bochum, würden gerne in der F.A.Z. bei derartig sensiblen Themen Sachkunde sehen und keine Brandschriften.

Professor em. Dr. Stefan Wild, Universität Bonn

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