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Hallo Leute! Ich habe hier einen interssanten Artikel, der ein von vielen schon seit langem erkanntes Problem anspricht. Vielleicht möchte jemand dazu seine Meinung sagen oder einfach nur einen kurzen Kommetar abgeben. Ich habe an sich keine Fragen, die ich mir nicht selber beantworten kann. Für mich bleibt zu hoffen, dass dieser reduktionistische Wahn bald ein Ende haben wird.
Die moderne Wissenschaft macht den Menschen zur Maschine und raubt ihm alle kantische Freiheit und Würde Von Francis Fukuyama
Kant unterscheidet zwischen einem „aufgeklärten Zeitalter“, in dem die Menschheit im Ganzen gesehen fähig ist, sich des eigenen Verstandes sicher zu bedienen, um in religiösen Angelegenheiten zu urteilen, und einem „Zeitalter der Aufklärung“, in dem die Hindernisse, die der Aufklärung entgegenstehen, ausgeräumt werden. Das Letztere sah er bereits im Preußen von Friedrich dem Großen entstehen. Liest man Kants großen Aufsatz erneut, dann erstaunt es außerordentlich, wie gründlich seine Vision von einem Zeitalter der Aufklärung verwirklicht worden ist, und es frappiert zugleich, wie weit wir noch davon entfernt sind, in einem aufgeklärten Zeitalter zu leben.
Es war der große Kampf zwischen Religion und Wissenschaft, der Kant zu diesem Aufsatz bewog. Aufklärung ist Kant zufolge nichts, was einem einzelnen Individuum zugeschrieben werden kann, sondern was aus dem Zusammenwirken debattierender Menschen entsteht, die fähig sind, eigenständig zu denken. Das Grundproblem der Zeit war die Beherrschung durch kirchliche Autorität, die zum einen durch eine formale Trennung von religiöser und politischer Autorität und zum anderen durch die geistige Befreiung der Individuen aus den Denkgewohnheiten, die von der institutionalisierten Religion befördert wurden, erlangt werden sollte.
Dieser Wandel war so vollständig und hat die Institutionen und Gewohnheiten des modernen liberalen Westens so gründlich geprägt, dass er heute nicht mehr sichtbar ist, sondern für selbstverständlich gehalten wird. Keine Frage, die kirchliche Autorität existiert nach wie vor, der Papst gibt immer noch Erklärungen zur Abtreibung oder Außenpolitik ab und erwartet Gehorsam von den Gläubigen. Aber seine Stimme ist nur eine unter vielen in einer Kakofonie der Stimmen. Kants Behauptung, Gehorsam gegenüber religiöser Autorität stelle eine Art selbst verschuldeter Unmündigkeit dar, sei eine Folge von Faulheit oder Feigheit, hat heute etwas Kurioses und Altmodisches.
Wir haben uns seitdem so weit davon entfernt, dass der Weg des geringsten Widerstandes für den Faulen mittlerweile in einer unkritischen Übernahme der säkularen Weltanschauung besteht. Gibt es im modernen Westen irgendjemanden, der heute noch ernsthaft über den Konflikt zwischen Vernunft und Offenbarung nachdenkt? Die Vereinigten Staaten haben zwar ihre „Kreationisten“, die Einfluss darauf nehmen möchten, wie die Evolutionstheorie unterrichtet wird, doch sie sind eine marginale Kraft. In den meisten Staaten des Westens braucht es heute mehr Mut, für die Religion einzutreten, als sich dagegen auszusprechen.
Das Auftreten muslimischer Selbstmordattentäter und heiliger Krieger als maßgebliche Akteure der Weltpolitik zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht dazu in keinem Widerspruch. Kants alte Streitfrage ist für sie sehr lebendig: Gerade die Unterlassung, die politische Macht mit ihrer Religion zu vereinen, ist ihnen am liberalen Westen so verhasst. Sie stellen jedoch eine als Gegenreaktion formierte Bewegung dar, die eher aus Schwäche denn aus Stärke agiert.
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Der moderne, liberale, auf kantische Prinzipien gegründete Westen hat eine Zivilisation geschaffen, deren Reichtum, Macht und Einfluss beispiellos ist. Die radikalen Islamisten mögen beanspruchen, im Namen ihrer muslimischen Brüder zu sprechen, doch diese stimmen mit den Füßen ab, indem sie versuchen, in die modernen Gesellschaften auszuwandern. Sie wissen, dass keine islamische Theokratie wirtschaftlich, technisch oder kulturell mit dem Westen konkurrieren kann. In Ländern wie dem Iran oder Afghanistan, wo der politische Islam in den vergangenen Jahrzehnten erprobt wurde, scheiterte er.
Das Leben in einer Welt, die Max Weber „entzaubert“ nannte, hat allerdings völlig andere Konsequenzen als die von Kant vorausgesehenen. Ein „aufgeklärtes Zeitalter“, in dem die moderne Naturwissenschaft im Dienst der Universalisierung eines tiefen Verständnisses alles Humanen tätig ist und von einem Respekt für die Menschenwürde getragen ist, gerät nicht in Sicht. Die moderne Wissenschaft ist vielmehr vielmehr zur Gegnerin einer kantischen Moralauffassung geworden.
Kants Schriften wie die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten und die Kritik der praktischen Vernunft waren der großen Aufgabe gewidmet, die moralischen Einsichten der christlichen Religion auf einen wissenschaftlichen Boden zu stellen. Er wollte zeigen, dass die christliche Sicht des Menschen als eines nach dem Bilde Gottes geschaffenen Wesens mit freiem Willen auch ohne Bezug auf die Offenbarung rational verstanden werden könne. Was aus dieser Einsicht hervorging, war eine säkulare politische Ordnung, die solche Wesen als Zwecke statt als Mittel behandelte und Rechte all jenen zubilligte, die dieses zentrale Charakteristikum menschlicher Würde teilten.
Wir leben in Gesellschaften, die weiterhin ein Lippenbekenntnis zu Menschenwürde und universellen Menschenrechten ablegen, ohne jedoch eine intellektuelle Begründung für diese Überzeugung zu haben. Kants Metaphysik enthält einen Dualismus zwischen dem Reich der Natur und dem Reich der Freiheit, ein Umstand, der vom Reduktionismus moderner Wissenschaft strikt geleugnet wird. Letztere interpretiert das, was der Mensch sei, in gänzlich materiellen Begriffen, mit denen das Endprodukt als Folge einer Reihe von Kausalketten erklärt werden kann, die auf einfache Vorläufer zurückzuführen sind.
Für die modernen Naturwissenschaften ist das menschliche Gehirn bloß ein „nasser“ Computer mit einem hohen Komplexitätsniveau, das eines Tages von Computern erreicht werden wird. An diesem Punkt der Entwicklung werden die Maschinen dann über menschliche Fähigkeiten wie Bewusstsein und Gefühl verfügen. Die Entwicklung eines Menschen unterliegt der Steuerung durch das DNA-Molekül, einem zugegebenermaßen komplexen Programm, dessen mechanische Grundlage eines Tages gleichwohl komplett geklärt sein wird. Das menschliche Verhalten ist lediglich Ergebnis der Evolution unserer animalischen Ahnen, die sich an die Lebensbedingungen der afrikanischen Savanne anpassten. Es kann aus dem materiellen Substrat des Gehirns biologisch und chemisch abgeleitet werden. Und Verhaltensweisen, die biologisch nachvollziehbar sind, lassen sich dann auch biologisch manipulieren, ob nun wie heute durch Drogen oder durch Eingriffe in die Keimbahn.
Die zeitgenössische Wissenschaft streitet genau das ab, was Kants sittlicher Ordnung zugrunde lag: die Möglichkeit einer genuin menschlichen Freiheit, die nicht den physikalischen Gesetzen unterworfen und deshalb nicht auf jene Gesetze reduzierbar war. Allein diese Freiheit machte menschliche Wesen zu Zwecken an sich und bildete die Grundlage für Menschenwürde. In Ermangelung eines philosophisch begründeten Glaubens an menschliche Würde bleibt uns entweder nur ein schlechter Relativismus oder vonseiten der modernen Wissenschaft eine utilitaristische Moral, die auf einer in hohem Maße reduktionistischen Auffassung des Menschen beruht.
Ohne eine einmütig anerkannte säkulare Basis für ein Verständnis der Menschenwürde kennt die von der modernen Wissenschaft als Nebenprodukt erzeugte Technik keine Grenzen, was die machbaren Veränderungen des menschlichen Verhaltens oder des Menschen überhaupt angeht. Sie sieht keine menschliche Essenz und deswegen auch keine Grenzen der technischen Selbstveränderung des Menschen. Das ist zwar eine Interpretation menschlicher Freiheit, nicht aber die von Kant. Das „aufgeklärte Zeitalter“, das Kant mit dem Sieg über die aufklärungsfeindliche Religion vorhersah, liegt daher in ebenso weiter Ferne wie zur Zeit Friedrichs des Großen.
Aus dem Englischen von Karin Wördemann
http://www.zeit.de/2004/02/Kant_2fFukuyama?page=all
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