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Was ist ein Baha'i?






Eine Auszug aus dem Buch "Baha'u'llah und das Neue Zeitalter" von John E. Esslemont, erhältlich beim Baha'i Verlag.

„Der Mensch muß Früchte aufweisen. Ein fruchtloser Mensch gleicht nach den Worten Seiner Heiligkeit des Geistes (Christi) einem fruchtlosen Baum, der für das Feuer bestimmt ist.“
(Baha’u’llah)

Herbert Spencer bemerkte einmal, es sei keiner politischen Alchemie möglich, ein goldenes Betragen aus bleiernen Instinkten hervorzubringen, und ebenso wahr sei, daß man durch keine politische Alchemie eine goldene Gesellschaft aus bleiernen Einzelmenschen bilden könne.

Gleich allen früheren Offenbarern verkündete Baha'u'llah diese Wahrheit und lehrte, daß, um das Königreich Gottes auf Erden aufzurichten, es zuerst in den Herzen der Menschen errichtet sein muß. Beim Erforschen der Baha'i-Lehre sollten wir daher vor allem mit den Unterweisungen beginnen, die Baha'u'llah für das Betragen des einzelnen aufgestellt hat, und sollten versuchen, uns ein klares Bild davon zu machen, was es heißt, ein Baha'i zu sein.
Das Leben zu leben

Als Abdu’l-Baha einmal gefragt wurde: „Was ist ein Baha'i?“ antwortete Er: „Ein Baha'i sein heißt einfach, die ganze Welt lieben, die ganze Menschheit lieben und sich bemühen, ihr zu dienen, für den allgemeinen Frieden und die allgemeine Brüderlichkeit zu arbeiten.“ Bei anderer Gelegenheit kennzeichnete Er einen Baha'i „als einen Menschen, der in seiner Lebensführung alle menschliche Vollkommenheit aufweist“. In einer Seiner Ansprachen in London sagte Er, ein Mensch könne ein Baha'i sein, selbst wenn er den Namen Baha'u'llah noch nie gehört habe. Er fügte hinzu:

„Der Mensch, der nach den Lehren von Baha'u'llah lebt, ist schon ein Baha'i. Andererseits kann jemand sich fünfzig Jahre lang Baha'i nennen, wenn er aber das Leben eines Baha'i nicht lebt, dann ist er kein Baha'i. Ein häßlicher Mensch mag sich selbst schön nennen, aber er täuscht niemanden, und ein schwarzer mag sich selbst weiß nennen, doch auch er vermag niemanden als sich selbst zu täuschen.“

Ein Mensch, der Gottes Botschaften nicht kennt, gleicht einer Pflanze, die im Schatten wächst. Obschon sie die Sonne nicht kennt, ist sie doch völlig von ihr abhängig. Die großen Offenbarer sind geistige Sonnen und Baha'u'llah ist die Sonne dieses „Tages“, an dem wir leben. Die Sonnen der früheren Tage haben die Welt erwärmt und belebt, und hätten diese Sonnen nicht geschienen, so würde die Erde jetzt kalt und tot sein; aber nur der Sonnenschein von heute ist imstande, die Früchte zum Reifen zu bringen, welche die Sonnen der früheren Tage ins Leben riefen.
Gottergebenheit

Um zu einem Baha'i-Leben in all seiner Fülle zu gelangen, ist eine bewußte und unmittelbare Beziehung zu Baha'u'llah so notwendig wie der Sonnenschein für die Entfaltung der Lilie oder der Rose. Der Baha'i verehrt nicht die menschliche Persönlichkeit von Baha'u'llah, sondern die Herrlichkeit Gottes, durch diese Persönlichkeit geoffenbart. Er verehrt Christus und Muhammad und alle früheren Gottgesandten an die Menschheit, aber er anerkennt Baha'u'llah als den Träger der göttlichen Botschaft für das neue Zeitalter, in dem wir leben, als den großen Weltenlehrer, der gekommen ist, um das Werk Seiner Vorgänger weiterzuführen und zu vollenden.

Verstandesmäßige Zustimmung zu einem Glaubensbekenntnis macht noch niemanden zu einem Baha'i, auch äußerliche Korrektheit im Benehmen tut dies nicht. Baha'u'llah verlangt von Seinen Anhängern eine völlige Hingabe des Herzens. Gott allein hat das Recht, dies zu verlangen; aber Baha'u'llah spricht als die Manifestation Gottes und als der Offenbarer Seines Willens. Über diesen Punkt haben die früheren Manifestationen ebenfalls klar gesprochen. Christus sagte (Markus 8:34-35):

„Wer Mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir ... Wer sein Leben verliert um Meinetwillen ... der wird es finden.“

Mit andern Worten, alle göttlichen Manifestationen stellten die gleiche Forderung an Ihre Anhänger, und die Religionsgeschichte zeigt deutlich, daß die Religion blühte, solange diese Forderung voll und ganz anerkannt und erfüllt wurde, und dies trotz aller irdischen Gegnerschaft, trotz Schwierigkeiten, Verfolgungen und Märtyrertum der Gläubigen. Wo sich aber andererseits Zugeständnisse eingeschlichen haben und „Anständigkeit“ an Stelle völliger Heiligung trat, da ist die Religion im Abstieg begriffen. Sie ist wohl Mode geworden, aber sie hat ihre Kraft, zu erlösen und zu verwandeln, ihre Kraft, Wunder zu wirken, verloren. Wahre Religion ist bis jetzt noch nie „Mode“ gewesen. Gebe Gott, daß sie es eines Tages würde. Aber wie in den Tagen Christi, so ist es heute noch wahr (Matth. 7: 14):

„Die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind ihrer, die ihn finden.“

Die Pforte der geistigen Geburt läßt gleichsam wie die Pforte der natürlichen Geburt, nur einen nach dem andern hindurch. Gelingt es in der Zukunft, daß mehr Menschen durch diese Pforte gehen als in der Vergangenheit, so wird dies nicht etwa wegen einer Erweiterung der Pforte geschehen, sondern wegen einer größeren Geneigtheit der Menschen, die „große Hingabe“, die Gott fordert, zu vollbringen, weil lange und bittere Erfahrungen sie schließlich zu der Einsicht gebracht haben, welche Torheit es ist, ihren eigenen Weg statt den Weg Gottes zu wählen.
Suche nach Wahrheit

Baha'u'llah macht allen Seinen Anhängern Gerechtigkeit zur Pflicht und erklärt diese als:

„Freiheit des Menschen von Aberglauben und Nachahmung, so daß er die Manifestationen Gottes mit dem Auge der Einheit erkennen und alle Verhältnisse mit scharfem Blick durchschauen kann.“

Es ist notwendig, daß jedermann die Herrlichkeit Gottes, geoffenbart in dem menschlichen Tempel Baha'u'llah, sieht und sie sich gegenwärtig macht, andernfalls wäre der Baha'i-Glaube für ihn nichts als ein Name ohne Bedeutung. Der Ruf der Offenbarer an die Menschheit enthielt immer die Aufforderung, sie möchten ihre Augen öffnen, nicht schließen, und ihre Vernunft gebrauchen, nicht unterdrücken. Klares Sehen und ein freies Denken sind es, nicht sklavische Leichtgläubigkeit, die den Menschen befähigen, die Wolken der Vorurteile zu durchdringen, die Fesseln blinder Nachahmungen abzuschütteln und zum Erfassen der Wahrheit einer neuen Offenbarung zu gelangen.

Wer ein Baha'i werden will, muß vor allem ein furchtloser Wahrheitsforscher sein. Er sollte aber sein Suchen nicht nur auf diese materielle Ebene beschränken. Sein geistiges Wahrnehmungsvermögen sollte ebenso wach sein wie sein physisches. Er sollte alle ihm von Gott verliehenen Fähigkeiten gebrauchen, um zur Wahrheit zu gelangen, und ohne triftigen und genügenden Grund nichts glauben. Wenn sein Herz rein und sein Geist vorurteilsfrei sind, wird der ernste Sucher nicht verfehlen, die göttliche Herrlichkeit zu erkennen, in welchem Tempel sie auch zum Vorschein kommen mag.

Baha'u'llah erklärt ferner:

„Der Mensch muß sein eigenes Ich erkennen und wissen, was zu Erhabenheit oder Gemeinheit, zu Schande oder Ehre, zu Wohlstand oder Armut führt.“

„Die Quelle aller Gelehrsamkeit ist die Erkenntnis Gottes, erhaben sei Sein Ruhm! Diese Erkenntnis kann auf keine andere Weise erlangt werden als durch die Erkenntnis Seiner göttlichen Manifestation.“

Die Manifestation ist der vollkommene Mensch, das große Vorbild für die Menschheit, die erste Frucht am Baum der Menschheit. Solange wir die Manifestation nicht kennen, kennen wir die in uns verborgenen Möglichkeiten nicht. Christus lehrt uns, wir sollen die Lilien betrachten, wie sie wachsen, und Er erklärt, daß Salomo in all seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen sei wie eine dieser Lilien. Die Lilie wächst aus einer sehr unansehnlichen Knolle hervor. Wenn wir noch nie eine blühende Lilie gesehen und niemals auf den unvergleichlichen Reiz ihrer Blätter und Blüten geblickt hätten, wie könnten wir uns darin die Wirklichkeit, welche die Knolle enthält, vorstellen? Wenn wir sie auch noch so sorgfältig zerlegen und ihr Inneres auch noch so genau erforschen würden, die in ihr schlafende Schönheit, die der Gärtner zu wecken weiß, würden wir doch nie entdecken. So ist es auch mit uns. Solange wir die Herrlichkeit Gottes, in der Manifestation geoffenbart, nicht geschaut haben, solange haben wir keine Vorstellung von der geistigen Schönheit, die in unserer eigenen Natur und in der unserer Mitmenschen verborgen liegt. Dadurch, daß wir die Manifestation Gottes erkennen und lieben und Ihre Lehren befolgen, werden wir befähigt, uns allmählich der in uns schlummernden Vollkommenheit bewußt zu werden. Dann, und nur dann, wird uns der Sinn und der Zweck des Lebens und des Weltalls klar werden.
Liebe zu Gott

Die Manifestation Gottes zu erkennen heißt, Sie auch zu lieben. Eines ist unmöglich ohne das andere. Nach der Lehre von Baha'u'llah ist der Zweck der Erschaffung des Menschen der, daß er Gott erkennen und lieben soll. In einem Seiner Tablets sagt Er:

„Die Ursache der Erschaffung aller irdischen Wesen war Liebe, wie in einer wohlbekannten Überlieferung gesagt ist: ‘Ich war ein verborgener Schatz und wünschte erkannt zu werden. Um erkannt zu werden, erschuf Ich die Schöpfung.’“

Und in den Verborgenen Worten sagt Er:

„O Sohn des Seins! Liebe Mich, damit Ich dich liebe. Wenn du Mich nicht liebst, kann Meine Liebe dich niemals erreichen. Erkenne dies, o Diener.“

„O Sohn der wunderbaren Schau! Einen Hauch Meines Geistes blies Ich dir ein, damit du Mich lieben mögest. Warum hast du Mich verlassen und einen anderen Geliebten als Mich gesucht?“

Gott wahrhaft lieben ist das einzige Lebensziel für den Baha'i; Gott als seinen nächsten Gefährten, seinen besten Freund und seinen unvergleichlichen Geliebten zu haben, in dessen Gegenwart Freude in Fülle ist. Und Gott lieben heißt alles und jedermann lieben, denn alle sind von Gott. Der wahre Baha'i wird der vollkommen Liebende sein. Mit reinem Herzen wird er jedermann innig lieben. Er wird niemanden hassen. Er wird niemanden verwerfen, denn er wird gelernt haben, das Antlitz seines Geliebten in jedem Antlitz zu sehen und Seine Spur überall zu finden. Seine Liebe wird keine Grenzen durch Bekenntnisse, Nationen, Klassen und Rassen kennen. Baha'u'llah sagt:

„Einst wurde offenbart: ‘Die Liebe zum Vaterland ist ein Grundbestandteil des Glaubens Gottes.’ Die Zunge der Größe hat indessen am Tag Ihrer Offenbarung verkündet: ‘Es rühme sich nicht der, welcher sein Vaterland liebt, sondern der, welcher die Welt liebt.’“

Ferner:

„Gesegnet ist, wer seinen Bruder sich selbst vorzieht. Ein solcher gehört zum Volke Baha.“

Abdu’l-Baha sagt uns, wir sollen sein „eine eine Seele in vielen Körpern; denn je mehr wir einander lieben, desto näher werden wir Gott sein“. Zu einer amerikanischen Zuhörerschaft sprach Er:

„Desgleichen sind die göttlichen Religionen der heiligen Manifestationen Gottes in Wirklichkeit eine, obwohl sie sich bezüglich des Namens und der Ausdrucksweise unterscheiden. Der Mensch muß das Licht lieben, gleichgültig, woher es kommt. Er muß die Rose lieben, gleichgültig, in welchem Boden sie wächst. Er muß ein Sucher nach Wahrheit sein, gleichgültig aus welcher Quelle sie fließt. Anhänglichkeit an die Lampe ist nicht Liebe zum Licht. Anhänglichkeit an die Erde ziemt sich nicht, aber Ergötzen an der Rose, die der Erde entsprießt, ist von Wert. Wertschätzung des Baumes allein ist nutzlos, aber an der Frucht teilzuhaben ist von Nutzen. Süße Früchte müssen genossen werden, gleichgültig, auf welchem Baume sie wachsen und wo man sie finden mag. Das Wort der Wahrheit muß gutgeheißen werden, gleichgültig, welche Zunge es ausspricht. Unbedingte Wahrheiten müssen angenommen werden, gleichgültig, in welchem Buche sie aufgezeichnet sein mögen. Wenn wir ein Vorurteil hegen, wird dies die Ursache von Verlust und Unwissenheit sein. Der Streit zwischen Religionen, Nationen und Rassen entsteht durch Mißverständnisse. Wenn wir die Religionen durchforschen, um die ihnen zugrundeliegenden Prinzipien zu entdecken, so werden wir sie in Übereinstimmung finden, denn ihre grundlegende Wirklichkeit ist eine und nicht vielerlei. Dadurch werden die religiösen Menschen dieser Welt zu dem Punkte der Einheit und Versöhnung gelangen.“

Und wieder sagt Er:

„Jede Seele unter den Geliebten muß die andern lieben und Besitz und Leben für sie einsetzen. Jedenfalls müssen sie sich bemühen, die andern freudig und glücklich zu machen. Aber diese andern müssen ebenfalls selbstlos und selbstaufopfernd sein. Möge dieser Sonnenaufgang die Horizonte überfluten, diese Melodie alle Menschen erfreuen und glücklich machen, diese göttliche Arznei das Allheilmittel für jegliche Krankheit sein und dieser Geist der Wahrheit die Ursache des Lebens für jede Seele werden.“
Trennung

Hingabe an Gott schließt auch Trennung von allem, was nicht von Gott ist, in sich. Trennung in diesem Sinne heißt, sich zu lösen von allen selbstischen, weltlichen, ja sogar von jenseitigen Wünschen. Der Pfad Gottes mag durch Reichtum oder Armut, durch Gesundheit oder Krankheit, durch den Palast oder den Kerker, durch den Rosengarten oder die Folterkammer führen, wie dem auch sei, der Baha'i wird sein Los mit „strahlender Ergebung“ tragen. Unter dieser Trennung ist aber nicht törichte Gleichgültigkeit seiner Umgebung gegenüber oder untätige Ergebung in schlimme Zustände gemeint; auch die Verachtung der guten Dinge, die Gott erschaffen hat, ist hierunter nicht zu verstehen. Der wahre Baha'i wird nicht abgestumpft, teilnahmslos oder asketisch sein. Auf dem Pfade Gottes wird er eine Fülle von Teilnahme, Arbeit und Freude finden, er wird aber nicht um Haaresbreite von diesem Pfade abweichen, um Vergnügungen nachzujagen, noch sich nach irgend etwas sehnen, das ihm Gott versagt hat. Wenn jemand Baha'i wird, wird Gottes Wille sein Wille, denn im Widerspruch mit Gott zu sein ist das Einzige, das er nicht zu ertragen vermag. Auf dem Pfade Gottes vermögen ihn weder Schrecken noch Schwierigkeiten zu entmutigen. Das Licht der Liebe erleuchtet seine dunkelsten Tage, verwandelt Leid in Freude und selbst Märtyrertum in Verzückung. Das Leben ist zum Heldentum erhoben, und der Tod wird zu einem frohen Ereignis.

Baha'u'llah sagt:

„Wer in seinem Herzen Liebe hat für irgend etwas außer Mir, auch wenn sie geringer wäre als ein Senfkorn, kann wahrlich nicht in Mein Königreich eintreten.“

„O, Sohn des Menschen! Wenn du Mich liebst, wende dich ab von dir, und wenn du Mein Wohlgefallen suchst, achte nicht auf deines, damit du in Mir vergehest und Ich ewig in dir lebe.“

„O Mein Diener! Befreie dich von den Banden dieser Welt und löse deine Seele aus dem Gefängnis des Selbstes. Ergreife die Gelegenheit, denn sie wird sich dir nie wieder bieten.“
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