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(6) Der Koran enthält keine Angaben darüber, wo und wie, wann und in welchem Alter Jesus stirbt. Deshalb und auf Grund ihrer Implikationen für die Eschatologie ist die Frage nach Jesu Tod muslimischerseits höchst umstritten. Eindeutig ist der Koran nur insofern, dass Jesus als Mensch sterblich ist. Denn Gott hat keinem Menschen Unsterblichkeit verliehen (Sure 21:34, f). Die eindeutigste Aussage zum selbstverständlichen Sterbenmüssen Jesu findet sich in Sure 19:33, wo Jesus von sich selber sagt: »Friede sei über mir am Tag, da ich geboren wurde, und am Tag, da ich sterbe, und am Tag, da ich wieder zum Leben erweckt werde.« An zwei anderen Stellen aus medinischer Zeit ist nicht vom »Sterben« Jesu, sondern von seinem »Abberufenwerden« die Rede (Sure 3:55; 5:117). Diese Wendung kann unterschiedlich verstanden werden. Ent-weder so, dass Gott (den schlafenden) Jesus unmittelbar ergreift und von der Erde wegnimmt, sodass Jesus lebend zu Gott erhöht wird, ohne vorher gestorben zu sein. Diese klassisch islamische Deutung steht unter der dogmatischen Voraussetzung, dass Jesus derzeit im Himmel weilt, um eines Tages wiederzukommen und erst nach Erfüllung seiner endzeitlichen Mission zu sterben (worüber aber der Koran selber nichts Eindeutiges sagt). Oder Jesus wird in dem Sinne »abberufen«, dass Gott Jesus aus der Todes-gefahr befreit und ihn erst nach Ablauf seiner Lebensfrist eines natürlichen Todes sterben lässt, um daraufhin allein seine Seele - wie die aller gläubig Gestorbenen - zu sich zu nehmen. Die unbestreitbare Stärke dieser zweiten Inter-pretation ist, dass sie weder von dogmatischen Voraus-setzungen noch vom Streben nach Harmonisierung mit christlichen Auffassungen beeinflusst ist, sondern primär den koranischen Sprachgebrauch berücksichtigt. Der Ausdruck »abberufen werden« meint sachlich nichts anderes als »sterben lassen«, aber so verstanden, dass der Mensch nicht einfach stirbt, sondern Gott als der Herr über seine Lebenszeit ihn sterben lässt und ihn in diesem Sinne zu sich abberuft. Dieser Deutung ist zusammen mit zahlreichen zeitgenössischen islamischen Kommentatoren der Vorzug zu geben. Jesu »Abberufung« und »Erhöhung« hat im Koran nichts mit Auferstehung, Entrückung oder Himmelfahrt zu tun, sondern beschreibt lediglich, dass Jesus wie alle übrigen Geschöpfe am Ende zu Gott, dem Ursprung des Lebens, zurückkehrt.
( Jesu Auferweckung geschieht dem Koran zufolge und anders als nach christlicher Auffassung nicht schon in der Zeit, sondern erst am Ende der Zeiten, im Kontext des Tages des Jüngsten Gerichts. Jesus kommt gleichwohl eine besondere Würde zu, nicht nur in der irdischen, sondern auch in der himmlischen Welt. Er ist ein Angesehener, ein Herrlicher, ein Geehrter in Gottes Nähe (Sure 3:45). Jesus ist dem Koran zufolge nicht etwa Richter zur Rechten Gottes - eine Auffassung, die sicher auch der historische Jesus zurückgewiesen hätte. Vielmehr ist er der eschatologische »Zeuge« (shahîd) Gottes in Bezug auf die Christen, wie auch die anderen Glaubensgemeinschaften ihre eigenen Zeugen haben. Sure 4:159 sagt von Jesus: »Am Tag der Auferstehung wird er über sie Zeuge sein.« Darüber hinaus gehört zur Prophetologie des Koran, dass Gott im Endgericht von seinen Gesandten Rechenschaft fordert (Sure 33:7, f). Jesu Funktion im Endgericht wird bestimmt von seiner Rechenschaftspflicht Gott gegenüber für sein Wirken als Dessen Gesandter. Davon handelt Sure 5:116-119: ausführlich wird ein Gespräch Gottes mit Jesus, des Sendenden mit dem Gesandten, zitiert, das sich im Zusammenhang des Endgerichts oder bereits unmittelbar nach Jesu Tod abspielt. Es zeigt gewisse Ähnlichkeit mit Joh 17,1-8 (Abschiedsgebet Jesu)! Die letzten Worte Jesu in diesem Dialog mit Gott sind ebenso wie die ersten Worte Jesu als Kind eine Zusammenfassung seiner Botschaft. Diese ist wie die aller Propheten ausschließlich auf Gott bezogen. Er und keiner sonst ist Herr und König, Mächtiger und Weiser. Jesu Größe hängt nicht vom Erfolg seiner Sendung ab. Sie besteht in seiner gehorsamen Treue gegenüber Gottes Auftrag und in der Wahrhaftigkeit, mit der er sich Ihm unterordnet.
(9) Jesus ist ganz und gar der Mensch Gottes und als solcher in seinem Sein, Tun und Reden ein Gotteszeichen. Man kann die theozentrische Christologie des Koran eine Zeichen Christologie nennen. Als solche gehört sie in den größeren Kontext der koranischen Zeichen-Theologie, die für den Bereich der Natur derselben Intention folgt wie die Prophetologie im Kontext der Geschichte, sind doch Natur und Geschichte dem Koran zufolge gleichermaßen Bereiche der Offenbarung Gottes. Die Zeichen-Theologie besagt, dass die gesamte Schöpfung voller »Zeichen« (âyât) ist, die auf Gottes Güte und Allmacht verweisen. Alles, was ist, ist ein Fingerzeig auf Gott hin, damit der Sehende sehe, damit der Hörende höre, damit der Verständige seine Vernunft gebrauche, damit der Mensch anhand dieser Zeichen Glaube und Dankbarkeit lerne. Die koranische Christologie kann in diese natürliche Zeichen-Theologie eingeordnet werden. Explizit wird Jesus dreimal ein göttliches »Zeichen« (âya) für die Welt bzw. die Menschen genannt (Sure 19:21; 21:91; 23:50). Jesus hat nicht nur Wunder als Zeichen der Allmacht und Güte Gottes vollbracht, sondern er selbst in seiner ganzen Person ist ein Zeichen dieser Allmacht und Güte. Jesus ist ein »Fingerzeig« Gottes. Aber eben Gottes! Jesus weist stets, wie es im Wesen des Zeichens und auch des Gesandten begründet liegt, von sich selber weg, hin auf Gott. Jesus - der Zeigefinger hin auf Gottes Güte und Allmacht, so möchte ich die Pointe der koranischen Christologie zusammenfassen. Mit Rainer Maria Rilke zu sprechen (in: Der Brief des jungen Arbeiters): »Da wäre ja sonst das Alte Testament noch besser dran, das voller Zeigefinger ist auf Gott zu, wo man es aufschlägt, und immer fällt einer dort, wenn er schwer wird, so grade hinein in Gottes Mitte. Und einmal habe ich den Koran zu lesen versucht, ich bin nicht weit gekommen, aber so viel verstand ich, da ist wieder so ein mächtiger Zeigefinger, und Gott steht am Ende seiner Richtung. (...) Christus hat sicher dasselbe gewollt. Zeigen.«
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