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Blaue Augen












da bin ich durch zufall draufgestossen...


Kind II und wie es die Welt sieht...


Als ich am Abend Kind II eine kleine Portion Gemüse und Reis appetitlich auf dem Kindertellerchen anrichte, wendet sie mir ihre verschwollenen blauen Augen (durch die flaschenbodendicken Nickelbrillengläser monströs vergrößert) empört aber auch angeekelt zu. „Mama (der Ton ist spitz, anklagend und vorwurfvoll, aber auch ein wenig im Sinne von… du gehirnamputierter Depp, weißt du es immer noch nicht…) was ist das? Sind da Zwiebeln drin?“ Dank eines winzig kleinen Teiles der befreundeten Verwandtschaft mit einer ausgeprägten Zwiebel- und Knoblauchphobie, essen Kind I und Kind II an ungerade Tagen in Schaltjahren mit ohne Sonnenfinsternis auch keine mehr (Standardfrage: Was möchtest du denn essen? Nudeln mit Tomatensoße aber die Soße ohne alles… (gönnerhaft) Salz darfst du reinmachen)? „Sind das Pilze? Ich mag aber keine Pilze? Ich esse das nicht. Das ist eklig.“ Kind I lenkt mich ab. Nach aufeinanderliegenden und dabei zappelnden Erwachsenen sind wir dabei zu klären wie den die Babys aus dem Bauch kommen. Kind I doziert über operative Eingriffe mit und ohne Betäubung. Kind II lauscht fasziniert und stopft sich dabei Reis mit Gemüse in den Mund.
Die Natur hat Kind II nicht nur weitsichtige, schielende Augen, Nasenpolypen,schubweise Neurodermitis, Pollen- und Tierhaarallergien und einen für Infekte aller Art anfälligen winzig kleinen Körper geschenkt hat, sondern dazu engelsgleiches, gelocktes, blondes Haar, das sich sanft um ein püppchengleiches Gesichtchen ringelt, ein wie chirurgisch manipuliert wirkendes Näschen und einen allerliebsten kleinen Mund ( aus dem unendliche viele Scheußlichkeiten kommen können). Am aller liebsten ber sagt sie „Nie wieder/mehr.“ Wenn man am Morgen das Anlegen der Kleidung forcieren möchte…: „Ich ziehe mich nie mehr an“… „Ich gehe nie mehr in den Kindergarten“ … „Ich esse nie wieder etwas“, im Laufe eines Tages ergänzt durch: „Ich schlafe nie wieder.“ „Ich fahre nie wieder Bus/U-Bahn.“ „Ich räume nie wieder auf“ … „Ich setze nie mehr meine Brille auf.“… „Ich inhaliere nie mehr.“ … „Ich bin nie mehr lieb mir dir“ ... dabei werden Ober- und Unterlippe fest aufeinandergepresst. Wenn man sich einen lustigen Tag machen möchte, kann man solcherlei Reaktionen auch geschickt provozieren.
Selbstverständlich gibt es in unserer kleinen Familie einige, wenige eiserne Regeln. Regel Nr.1 morgens immer Hausschuhe und Pullover anziehen, Regel Nr.2 vor 5.30h wird nicht aufgestanden (ausser im Falle von Schichtarbeit), Regel Nr.3 um 5.30h ganz leise ins Wohnzimmer schleichen, Türe geräuschlos schließen und absolut lautlos spielen, Regel Nr.4 mich niemals beim Telefonieren stören…
„Mama, mit wem telefonierst du da?“, „Das geht dich nix an, stör mich nicht.“, „Darf ich auch mal sprechen?“, „Nein, geh weg.“ „Mama, wenn du nicht lieb bist, dann schneide ich dir die Augen raus, dann kannst du nichts mehr sehn.“
Kind II, nach Tagen der häuslichen Einsamkeit leicht hospitalisiert, telefoniert sehr gerne, stellt das Telefon doch die einzige Chance dar, mit geistig gesunde Menschen Kontakt aufzunehmen. Um sicher stellen zu können, das auch wirklich niemand vor ihr abhebt, trägt sie das Telefon den ganzen Tag mit sich herum bzw. legt es in Reichweite ab (aufgrund einer praktisch nicht vorhadenen Armlänge immer direkt auf dem Schoß). Läutet es, brüllt sie „Telefon. Ich geh ran.“ …Hustenanfall. Nase hochziehen. „Hallo hier ist Kind II wer ist dran? Nein, die Mama ist nicht da (diese Antwort scheint ein Reflex zu sein und hat ihr den Namen „die menschliche Firewall“ eingebracht, ich bin ihr sehr dankbar und streiche, während sie eben dieses sagt, gerne einmal liebevoll über ihren vernarbten Handrücken).
Der autistische, hyperintelligente alter des Kindes speichert aus jeder Unterhaltug kleine, aber gesprächsintensive Details (erzählen sie nichts von Familienmitgliedern, Freunden, Haustieren sonstigen Vorlieben, sagen sie am besten gar nix, seien sie hart, legen sie einfach auf) und spült sie im Bedarfsfall an die Oberfläche. Käuchend und lungerasselnd werden antwortintensive Fragen in den Telefonhörer gezischt. Versucht der Mensch am anderen Ende der Leitung mit dem Satz „ich rufe dann später noch mal an“ (verzweifelt) das Gespräch zu beenden, bellt sie:“Warum nicht gleich, gleich geht schneller als später.“


...einzelne Passagen könnten durch minderwertigen Medikamenten und wahnhaften Fieberschüben in ihrem Wahrheitsgehalt beeinflußt sein. Die Autorin übernimmt keine Gewähr und entschuldigt sich bei Kind I, Kind II, ihren Eltern und Gott. Möge man höherer Stelle über sie richten.
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