Warum man keine Vorstellung von Gott haben darf


Religion und Schrift

Hallo,

Dr. Michael Blume hat in seinem Vortrag zur Generalversammlung der Görres-Gesellschaft
an der Universität Regensburg am 25.09.2006 eine m.E. hochinteressante These der Habitilation von Prof. D. Linke 1995, eines Zusammenhangs zwischen Schrift und Religion, aufgezeigt.

Linke ging von seinem Habilitationsthema, der Lateralität des Gehirns aus - also der Spezialisierung der beiden Gehirnhälften auf unterschiedliche Tätigkeiten bei komplexeren Tieren bis hinauf zum Menschen.
Unser Lesen werde bei Rechtshändern überwiegend in der linken Hemisphäre bearbeitet, die zuerst vom rechten Auge über Kreuz bedient wird. Entsprechend tendieren wir, so Linke, Schrift von links nach rechts zu erfassen.
Eine Besonderheit aber bilden laut Linke vokalarme Alphabete, wie zum Beispiel Hebräisch.(Anm.: oder syro-aramaeisch
Zur Lesung der Konsonanten habe hier eine intensive, bildhafte Assoziierung der Vokale zu erfolgen, die vor allem auf der rechten Gehirnhälfte erfolge.
Entsprechend tendiere das linke Auge zur Führungsrolle, die Schriftrichtung weise von rechts nach links. Vor allem aber werde jetzt eine zusätzliche Konfrontation mit Bildern als rechtshemisphärische Überlastung empfunden - der Leser eines Konsonantenalphabetes werde Bilder (oder auch Musik) daher tendenziell zu meiden lernen.

Die weitere Verbreitung eines nichtvokalisierten Alphabetes sollte daher mit einer zunehmenden Bilderfeindlichkeit einhergehen - einer Verringerung der Götterzahl und Darstellung bis schließlich zur Bildlosigkeit des Eingottes.
Erst der Verzicht auf jede Bildlichkeit führe zur wieder gleichmäßigen Beanspruchung des gesamten Gehirns („Tanz“, „Wohlbefinden“), deren Herleitung und Umschreibung bei Linke an das psychologischen „Flow“-Konzept erinnern.

Eine religionshistorisch entscheidende Phase sieht Linke aber ab dem Moment, ab dem die hebräische Bibel ins Griechische übersetzt wurde, in die Septuaginta. Im vokalisierten Griechisch werde die rechte Gehirnhälfte einerseits vom Einfügen der Vokale entbunden - gerade deswegen aber erfolge keine gleichmäßige Beanspruchung mehr. Der griechisch Lesende mag den bildlosen Eingott und die Bibel schätzen und lieben wie sein hebräisch lesender Zeitgenosse, wird aber gerade dann umso mehr darunter leiden, dass der Buchstabe allein anstrengend und tot bleibt.
Laut Linke traf aus diesem Grund Passionsgeschichte, Botschaft und später Bild des Gekreuzigten, die „Inkarnation des Wortes“ auf große Resonanz vorwiegend unter griechisch lesenden Juden und dann auch Heiden. Sie ging mit realen, positiven Erfahrungen einher.
...
Linkes These passt genau zur arabischen Antwort auf die Evangelien, den Koran, der vokalarm und von rechts nach links gelesen wird, nur in Arabisch gültig rezitiert werden kann und im Bezug auf Gott und Jesus wieder strikt Gottesinkarnation, Passionserzählung und jede Bilddarstellung ablehnt.

Nach wie vor können wir weltweit miterleben, wie hebräische und arabische Schriftrezitation in den Originalsprachen Menschen in einen Flow versetzt, während sich die vokalisierte Bibellesung im Regelfall in der Landessprache oder doch einer späteren Übersetzung durchsetzt und mit Bildern, Musik, Liturgie und komplexen Spekulationen ergänzt.
Auch Christen mit größter Liebe zur Heiligen Schrift müssen sich nach wenigen Stunden „Bibelmarathon“ ablösen lassen, wogegen Juden und Muslime allein über einer langen Lesung in (religioese) Verzückung geraten können.

Würde die Form des verwendeten Alphabetes keinerlei Rolle spielen, so sollte doch wenigstens eine der vielen christlichen Kirchen die entsprechenden Rezitationstechniken entfaltet oder übernommen haben.

Womöglich könnte dies dann aber auch bedeuten, dass Leser von Vokalalphabeten stärker ständig nach Neuem hungern, sich emotionale Wirkung immer wieder an neuen Texten und Ideen erringen müssen, wogegen die versenkende Flow-Erfahrung zur stets beglückenden, voranalytischen Wiederholung -sogar ohne Textverstehen- locken kann.
...
Steht das Entfalten der jüdischen und islamischen Mystik nur zufällig mit der teilvokalisierenden Masorierung bzw. Punktierung der Texte in zeitlichem und mit Regionen mehrerer Schriftkulturen in auch räumlichen Zusammenhang?
Kann das als Überleben jedes ägyptischen und äthiopischen Christentums damit zusammenhängen, dass sich bereits zum Zeitpunkt der arabisch-islamischen Expansion vokalisierte Schriftsprachen entwickelt und verbreitet hatten?
Ist es Zufall, dass ebenjener Pharao Echnaton, der die etablierte Göttervielfalt Ägyptens im Namen des Aton proto-monotheistisch attackierte, auch eine proto-alphabetisierende Schriftreform durchführte und -in Kontrast zu pharaonischen Traditionen vor und nach ihm- seine gesamte Familie samt Töchtern mit Schreibtafeln abbilden ließ?

Überzeugt hat mich schließlich eine Studie des Darmstädter Kognitionspsychologen Reinhard Leichner, die ohne jeden Bezug zu Religion, Linke o.ä. konzipiert war.
Leichner hatte Probanden Fotos von Personen nach Sympathie bewerten lassen und sie gleichzeitig per Kopfhörer links-, rechts- oder beidhemisphärisch mit Musik beschallt.
Das Ergebnis entsprach völlig der Linkeschen These: bei stärkerer Doppelbeanspruchung der rechten Hemisphäre wurden die Bilder tendenziell negativer wahrgenommen, bei ausgleichender Beanspruchung der linken Hemisphäre tendenziell positiver.

(Stark gekuertzte Mitschrift Quelle: http://tobias-lib.ub.uni-tuebingen......senschaftlicher_Sicht.pdf)

LG
Martin
Ich meine, man sollte sich bei einer Vorstellung eben bewusst machen, dass es eine Vorstellung ist.
Wir Menschen neigen dazu uns von Dingen ein Bild zu machen.
Wir neigen ebenfalls dazu Dingen Eigenschaften anzuheften.
So behalten wir über alles einen gewissen Überblick.

Ist unsere Vorstellung von Gott zu sehr festgelegt,
und haben wir diese gar (ausschließlich) von anderen Menschen oder Schriften übernommen, dann steht diese einer unvoreigenommenen eigenen Erfahrung im Wege.
Aber eine wirklich eigene Erfahrung kann überhaupt dann nur stattfinden,
wenn sie unvoreingenommen ist.
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Sind wir denn wirklich die heiligsten Wesen auf Erden?
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Stimmt! Ich darf Gott nicht aus meinem begrenzten Denken heraus begrenzte Eigenschaften zuschreiben.
Sind Eigenschaften eine Begrenzung?
Wenn man davon ausgeht, dass ein Schöpfergott alles erschuf, es ist ja sichtbar, dass die ganze Welt erfüllt ist von Formen und belebte wie auch unbelebte Objekte haben Eigenschaften, warum sollte also das einzige Formlose und Eigenschaftslose in dieser Existenz Gott Selbst sein, von dem die ursprüngliche Idee für alle erschaffenen Dinge stammt?
Wie der Maler so das Gemälde.
Gott ist Alles in Allem und unendliche Wertschätzung mit nicht eingrenzbaren Eigenschaften, denn er umfasst alle Personen und Dinge.
@all!

Gott ist Liebe und Wahrheit in allen Erscheinungsformen, so auch im Menschen.

Alles Liebe

Erich
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Es leitet mich die reine Liebe, die frei von Ego und frei von Konditionierungen ist!
Papa Loooo hat folgendes geschrieben:
Ich meine, man sollte sich bei einer Vorstellung eben bewusst machen, dass es eine Vorstellung ist.


So möchte ich das auch ausdrücken.
Über die Eigenschaften Gottes können wir nur durch seine Gesandten etwas erfahren.
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»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten
Vielleicht einfach überraschen lassen, wie Gott sich Einem, eines schönen Tages zeigen wird
Zitat:
Vielleicht einfach überraschen lassen, wie Gott sich Einem, eines schönen Tages zeigen wird


Genau! So werden wir es machen
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»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten
Es ist nicht unbedingt leicht, Gesandte dieser Art zu erkennen.

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