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Hallo,
Hier die Absage an die Vernunft:
Gustave Le Bon - Psychologie der Massen
Orig.:Psychologie des foules (1895)
Übersetzung: Rudolf Eisler, 1911
§ 4. Die Vernunft
Bei der Aufzählung der Faktoren, die imstande sind, die Massenseele zu erregen, könnten wir uns die Erwähnung der Vernunft ersparen, wenn man nicht den negativen Wert ihres Einflusses aufzeigen müßte.
Wir haben bereits festgestellt, dass die Massen durch logische Beweise nicht zu beeinflussen sind und nur grobe Ideenverbindungen begreifen.
Daher wenden sich auch die Redner, die Eindruck auf sie zu machen verstehen, an ihr Gefühl und niemals an ihre Vernunft.
"Die gewöhnlichen mathematischen Schlüsse, ..., sind notwendig", schreibt ein Logiker ... "Ihre Notwendigkeit würde selbst die Zustimmung einer anorganischen Masse erzwingen, wenn sie den Identitätsketten folgen könnte."
Gewiß; aber die Menge ist ebensowenig imstande ihnen zu folgen oder sie auch nur zu verstehen wie die anorganische Masse.
Man mache z. B. den Versuch, primitive Wesen, Wilde oder Kinder, durch ein logisches Urteil zu überzeugen, und man wird einsehen, wie wenig Wirkung diese Beweisführung hat.
...Man braucht nicht einmal bis zu den primitiven Wesen hinabzusteigen, um die völlige Ohnmacht der Logik im Kampf gegen Gefühle festzustellen. Erinnern wir uns nur daran, wie hartnäckig sich viele Jahrhunderte hindurch die religiösen Vorurteile gehalten haben, die der einfachsten Logik widersprechen.
Fast zweitausend Jahre lang beugten sich die aufgeklärtesten Geister unter ihre Gesetze, und erst in der modernen Zeit war es überhaupt möglich, ihre Wahrheiten anzuzweifeln.
Das Mittelalter und die Renaissance hatten genug aufgeklärte Köpfe, aber nicht ein einziger war darunter, dem die Vernunft die kindischen Seiten seines Aberglaubens enthüllt und auch nur einen leisen Zweifel an den Bosheiten des Teufels oder an der Notwendigkeit der Hexenverbrennungen wachgerufen hätte.
...Es war unglaubhaft, dass ein unwissender Zimmermann aus Galiläa zweitausend Jahre hindurch zu einem allmächtigen Gott werden konnte, in dessen Namen die bedeutendsten Kulturen gegründet wurden;
unglaubhaft war es auch, dass einige arabische Horden, die ihre Wüste verließen, den größten Teil der alten griechisch-römischen Welt erobern konnten;
unglaubhaft war es endlich, dass in einem sehr gealterten und in Rangordnungen festgelegten Europa ein einfacher Artillerieleutnant es zuwege brachte, über eine große Anzahl von Völkern und Königen zu herrschen.
Überlassen wir also die Vernunft den Philosophen, aber verlangen wir nicht von ihr, dass sie sich allzuviel in die Regierung der Menschen einmische. Nicht vermöge, sondern oft trotz der Vernunft bildeten sich Gefühle wie Ehre, Entsagung, religiöser Glaube, Ruhmes- und Vaterlandsliebe, die bis heute die großen Triebfedern aller Kultur gewesen sind.
LG
Martin
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