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http://www.8-pfad.de/theosophie/konstanz/tor/schwelle.htm
Das Geheimnis der Schwelle
Zweifellos muss bei jedem Eintritt in eine neue Lebensphase ein Etwas aufgegeben werden. Das Kind, wenn es die Mannesstufe erreicht, tut hinweg, was kindisch ist. St. Paulus zeigte mit diesen Worten und mit vielen anderen, die er uns hinterlassen hat, dass er von dem Lebenselixier gekostet hatte, dass er auf dem Wege zu dem „Goldenen Tore war. Mit jedem Tropfen des göttlichen Tranks, welcher hineinfliesst in die Schale der Freude, wird etwas aus jener Schale abgesondert, um Platz für den magischen Tropfen zu machen. Denn die Natur behandelt ihre Kinder grossmütig. Die Schale des Menschen ist stets voll bis zum Rande; wenn er sich entschliesst, von der feinen und Leben gebenden Essenz zu kosten, muss er etwas von dem gröberen und weniger empfindungsfähigen Teil seiner selbst abtun. Dies muss täglich, stündlich, in jedem Augenblick geschehen, damit der Lebenstrank stetig zunehmen kann. Um dies in unerschütterlicher Ruhe zu bewirken, muss der Mensch sein eigener Schulmeister sein, muss er erkennen, dass er immer der Weisheit bedarf, muss er immer bereit sein, der grössten Strenge sich zu unterwerfen, die Geisselrute ohne Zögern gegen sich selbst zu richten, bis er dieses Endziel gewonnen hat. Es wird jedem, der den Gegenstand ernst ins Auge fasst, klar, dass nur der Mensch, welcher die Fähigkeit sowohl zum Wollüstling wie zum Stoiker in sich vereinigt, irgend welche Möglichkeit hat, in das "Goldene Tor" einzutreten. Er muss fähig sein, jede Freude, welche die Natur zu geben imstande ist, bis zu ihrem geringsten Bruchteil zu kosten und zu schätzen; und er muss auch fähig sein, jedem Genuss zu entsagen und das ohne unter der Entsagung zu leiden. Wenn er die Entwicklung dieser doppelten Fähigkeit in sich bewerkstelligt hat, dann ist er imstande anzufangen seine Freuden zu sichten und aus seinem Bewusstsein diejenigen auszusondern, welche allein dem aus Staub geborenen Menschen angehören. Wenn diese beiseite gestellt sind, hat er sich zunächst mit den feineren Freuden zu beschäftigen. Die Beschäftigung hiermit, welche den Menschen befähigen wird, das Wesentliche des Lebens ausfindig zu machen, ist nicht die Methode, wie sie von dem stoischen Philosophen beobachtet wird.
Der Stoiker will überhaupt nicht zugeben, dass es Glück im Bereiche der Freude gibt, und verliert, indem er das eine leugnet, das andere. Aber der wahre Philosoph, der das Leben selbst studiert hat, ohne sich an irgend ein Gedanke System zu binden, sieht, daß der Kern in der Schale verborgen ist und daß man das Wesentliche eines Dinges nicht erlangt, indem man die ganze Nuß gleich einem groben und gedankelosen Gourmand zerdrückt sondern indem er die Schale aufknackt und wegwirft. Alle Gefühserregung, alle Sinnesempfindung gibt sich diesem Prozeß her, sonst könnte sie nicht ein Teil der menschlichen Entwicklung, ein Wesentliches seiner Natur sein. Denn daß Macht, Leben und Vollkommenheit vor ihm liegen, und dass er an jedem Punkte seiner Wanderschaft reichlich von Mitteln umgeben ist, die ihn zu seine Ziele verhelfen, kann nur von dem geleugnet werden, welcher sich weigert anzuerkennen, dass Leben ein von der Materie getrenntes Ding ist. Der von solchen Menschen behauptete Stani punkt ist so durchaus willkürlich, daß es nutzlos ist, demselben gegenüberzutreten, oder ihn zu bekämpfen. Die ganze Zeit hindurch drängt sie das Unsichtbare auf das Sichtbare und hat das Immaterielle das Materielle überwältigt; die gam Zeit hindurch haben Zeichen und Merkmale von dem, was jenseits der Materie ist, gewartet, daß in der Materie lebenden Menschen sie prüfen und abwägen möchten. Diejenigen, welche das tun wollen, haben sich willkürlich einen Stillstand erkoren; man kann nichts weiter tun, als sie dort ungestört zu belassen, wo sie jene Tretmühle weiter treten, die sie für die wichtigste Tätigkeit des Lebens halten.
Zweifellos muß ein Mensch sich selbst erziehen, um das wahrnehmen zu können, was jenseits der Materie liegt, gerade wie er sich selbst erziehen muß, um das wahrzunehmen, was in der Materie liegt. Jeder weiß, daß das frühe Leben des Kindes ein langer Prozeß der Arpassung ist, bis es den Gebrauch der Sinne verstehen gelernt hat, und bis seine schwierigen, komplizierten, jedoch unvollkommenen Organe in Bezug auf die Wahrnehmung der materiellen Welt durch praktische Übung genügend entwickelt sind. Das Kind fühlt den Ernst der Sache und begibt sich ohne Zögern an die Arbeit, wrenn es leben will. Oft aber schrickt auch eines bei der Verkörperung in das Licht der Erde zurück und weigert sich, die gewaltige Arbeit auf sich zu nehmen, die vor ihm liegt und die vollendet werden muss, um das Leben in der Materie möglich zu machen. Es geht zurück zu den Reihen der Ungeborenen; wir sehen, wie es sein mannigfach gestaltetes Instrument, den Körper, niederlegt und in Schlaf versinkt. So verhält es sich mit der grossen Masse der Menschen, wenn sie Triumphe, Siege und Freuden in der Welt der Materie davon getragen haben. Sie, die so selbstbewusst in den ihr vertrauten Bahnen erscheinen, sind Kinder in der Gegenwart des stofflosen Universums. Und so sehen wir denn allerseits, täglich und stündlich, wie sie sich weigern einzutreten, wie sie zurückgleiten in die Reihen der Bewohner des physischen Lebens, wie sie sich anklammern an das Bewusstsein, welches sie erfahren und verstanden haben. Das intellektuelle Verwerfen alles rein geistigen Wissens ist ein sehr deutliches Anzeichen dieser Trägheit, deren sich Denker jeder Richtung schuldig gemacht haben.
Dass die erste Anstrengung schwer ist, versteht sich von selbst; sie ist ebensowohl eine Frage der Kraft wie der bereitwilligen Tätigkeit. Aber es gibt keinen ändern Weg, diese Kraft zu erwerben, oder sie, wenn erworben, zu gebrauchen, ausser durch die Übung des Willens. Es ist vergeblich zu erwarten, dass wir in grosse Besitztümer hinein geboren werden. Im Königreich des Lebens gibt es keine andere Vererbung als die, welche die eigene Vergangenheit des Menschen zustande bringt. Er hat das, was sein ist, zusammenzuraffen. Dies ist jedem Beobachter des Lebens klar, der seine Augen zu brauchen vermag, ohne sie durch Vorurteil blenden zu lassen; aber auch dann selbst, wenn Vorurteile vorhanden sind, ist es unmöglich für einen Menschen mit gesunden Sinnen, diese Tatsache zu übersehen. Aus ihr leiten wir die Lehre der Strafe und Erlösung ab, die entweder Äonen nach dem Tode andauern oder ewig sind. Diese Lehre ist eine engherzige und unverständige Erklärung der Tatsache in der Natur, dass der Mensch das, was er säet, ernten wird. Swedenborgs grosser Geist erkannte diese Tatsache zwar deutlich, aber er bezog sie nur auf diese eine Art der Existenz und brachte sie hier zum Abschluss; seine Vorurteile hinderten ihn, die Möglichkeit neuer Tätigkeit dann noch wahrzunehmen, wenn es keine Sinnenwelt mehr gibt, um in ihr zu handeln. Er war zu dogmatisch für wissenschaftliche Beobachtung und wollte nicht sehen, dass wie der Frühling dem Herbst folgt und der Tag der Nacht, so die Geburt dem Tode folgen muss. Er schritt nahe an die Schwelle des "Goldenen Tores" heran, er kam über das blosse Verstandeswissen hinaus, aber nur, um einen Schritt weiter wieder anzuhalten. Der Blick auf das Leben, der ihm vergönnt war, schien ihm das ganze Universum zu enthalten; und auf diesem seinem Erfahrungsbruchstück stellte er eine Theorie auf, die das ganze Leben umfassen sollte, und verwarf den Fortschritt über diesen Zustand hinaus und jede Möglichkeit ausserhalb desselben. Das ist nur eine andere Form der mühevollen Tretmühle. Trotzdem stand Swedenborg zuvörderst in der Schar derer, die die Tatsache bezeugen, dass das "Goldene Tor" vorhanden ist und von den Höhen der Gedankenwelt wahrgenommen werden kann; von des Tores Schwelle hat er uns eine schwache Woge der Empfindung zufliessen lassen.
Wenn einmal jemand über die Bedeutung des "Goldenen Tores" nachgedacht hat, wird es ihm klar sein, dass es keinen anderen Weg aus dieser Form des Lebens gibt, als durch dasselbe. Es gewährt dem Menschen den Eingang zu der Stätte, wo die Blüte seines Mannesalters zur Frucht werden kann. Die Natur ist die liebevollste aller Mütter für die, welche ihrer bedürfen; sie wird ihrer Kinder niemals überdrüssig, noch wünscht sie, dass sie an Zahl geringer werden möchten. Ihre freundlichen Arme öffnen sich weit für die gewaltige Menge jener, welche sich danach sehnen, geboren zu werden und in der Welt der Formen zu wohnen; solange diese in ihrem Wunsche beharren, fährt sie fort, ihnen ein Willkommen zuzulächeln.
Warum sollte sie denn also ihre Türe irgend jemandem verschliessen? Wenn ein einziges Leben an ihrem Herzen nicht den hundertsten Teil der Sehnsucht der Seele nach Empfindung, wie sie diese hier findet, erschöpft hat, welchen Grund könnte die Seele haben, sich nach einem anderen Orte aufzumachen? Sicherlich geht die Saat des Verlangens dort auf, wo der Säemann sie gesäet hat. Das scheint nur vernünftig; auf diese scheinbar ganz selbstverständliche Tatsache hat der Inder seine Theorie der Reinkarnation, der Geburt und Wiedergeburt in die Materie begründet, die ein so vertrauter Teil der östlichen Gedankenwelt geworden ist, dass sie keiner weiteren Erklärung bedarf. Der Inder weiss so gut wie der Europäer, dass der Tag, den er durchlebt, nur einer ist von vielen Tagen, welche den kurzen Zeitraum eines Menschenlebens umfassen. Diese Gewissheit, welche der Morgenländer bezüglich der Naturgesetze, die das grosse Reich der Seelenexistenz umfassen, besitzt, wird ganz einfach durch eine demgemässe Gewöhnung des Denkens erworben. Das Gemüt von vielen ist auf Gegenstände gerichtet, welche im Westen als ausserhalb des Bereiches der Gedanken stehend erachtet werden. So kommt es, dass der Osten die grossen Blumen des geistigen Wachstums der Menschheit hervorgebracht hat. Auf Gedankenstufen einer Million Menschen schritt Buddha durch das"Goldene Tor"; und da eine grosse Menge sich um die Schwelle drängte, war er imstande, hinter sich Worte zurückzulassen, die beweisen, dass dieses Tor sich öffnen wird.
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