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http://www.wie.org/DE/j6/majaya.asp
Interview
Andrew Cohen: Wir leben in einer Zeit, die einzigartig in der Geschichte unseres Planeten ist, und einzigartig in der Geschichte der Menschheit. Von Experten hört man, dass wir als Folge der Globalisierung und Überbevölkerung, der nagenden Armut, der Zerstörung der natürlichen Umwelt, der Umweltverschmutzungganz zu schweigen von der Verbreitung der Massenvernichtungswaffenin ein, wie es der Evolutionstheoretiker Duane Elgin nennt, „entwicklungsgeschichtlich dunkles Zeitalter” eintreten werden, wenn wir nicht schnell etwas unternehmen. Einige sagen sogar, dass es zum Umkehren bereits zu spät sei. Worüber ich mit Ihnen sprechen möchte ist weniger Ihre eigentliche Arbeitobwohl ich von Ihrem Beispiel sehr inspiriert binsondern vielmehr darüber, was Sie, als eine spirituelle Aktivistin, deren Leben ein klarer Ausdruck eines leidenschaftlichen Reagierens auf den tagtäglichen, überwältigenden Schmerz und Kummer in dieser Welt ist, für eine angemessene Reaktion auf die jetzige Krise halten?
MA JAYA: Das Kali Yuga [Dunkles Zeitalter] ist wie ein riesiger Schwarm von Flüchen. Und, Andrew, die Welt braucht ein Wort und dieses Wort ist „Bewusstsein”. Wenn wir im Zustand der Unbewusstheit leben und handeln, wer wird sich dann um unsere Kindeskinder kümmern? Wohin sollen sie sich wenden? Welchen Boden werden sie betreten? Man kann mich nicht von meiner Arbeit trennen. Ich bin meine Arbeit und meine Arbeit ist, was ich bin. Es ist ein Privileg für mich, dass ich ein Waisenhaus im dichten Urwald von Uganda habe. Ich habe dort 200 Kinder. Wenn ich dieses Bewusst-sein nicht hätte, und meine Chelas [Schüler], die wissen, dass mein einziger Weg der des Dienens ist, dieses Bewusstsein nicht hätten, dann hätten diese Kinder vielleicht nichts zu essen. Und sie hätten ganz gewiss wegen Aids mehr gelitten. Es ist also alles miteinander verbunden, wie ein gigantischer Lotus, und im Herzen dieses Lotus ist Bewusstsein. Ich komme überall auf der Welt mit Menschen in Berührung, die AIDS haben. Es geht um Bewusstsein.
Sie sprechen über die Umwelt, Sie sprechen über die Welt. Ich bin 60 Jahre alt; ich diene seit 30 Jahren. Nie zuvor habe ich solchen Schmerz wegen der Umwelt empfunden wie jetzt. Der Regenwald ist vernichtet. Ich glaube, Ihr Magazin kann die Menschen erreichen, die am meisten Bewusstsein brauchenund das sind keine gewöhnlichen Leute, sondern führende spirituelle Persönlichkeiten. Sie erreichen auch die Sucher, und das ist auch gut so. Aber ich möchte mit den Anführern sprechen. Das sind diejenigen, die ihre Türen öffnen müssen.
Im letzten Sommer war ich zum Friedensgipfel eingeladen, als Abgeordnete der Vereinten Nationen für den spirituellen Bereich. Und es hat mich schockiert. Es gab da ein Seminar über Armut, an dem ich teilnehmen sollte. Es ging um die Hungernden, die Bedürftigen. Ein Hindu stand auf und schrie einen katholischen Priester an, dass die Christen ihre Religion gestohlen hätten. Das stand in den Zeitungenes ist wahr. Ich war völlig schockiert, Andrew. Der Priester drehte sich um und sagte: „Ihr hattet keine Religion, die man hätte stehlen können!” Da stand ich auf und sagte: „Entschuldigen Sie bitte. Hat jemand von Ihnen jemals gesehen, wie das Licht in einem Kind erlischt, das nichts zu essen hat und sich einfach dem Tod ergibt?” Das hat's irgendwie gestoppt. Das Bedürfnis recht zu haben und sie haben nicht recht, sondern denken, sie hätten recht nimmt das Bewusstsein weg aus einer Welt, die ins Nichts führt und zwar sehr, sehr schnell ins Nichts führt. Ich habe zu viel gesehen, Andrew. Ich habe zu viel gesehen, und nie zuvor war die Welt in solch einem Chaos. Wenn es möglich ist, dass ich zu einem Seminar über Armut bei den Vereinten Nationen gehe und dort zwei Religionen im Streit miteinander vorfinde, was soll das? Wir alle schulden dieser Welt etwas, unserer herrlichen, schönen Welt. Wir müssen uns um sie kümmern.
AC: Ich weiß, dass Sie eine Vertreterin des Parlaments der Weltreligionen sind.
MJ: Ja, und wenn sich die großen spirituellen Persönlichkeiten da nicht zusammenfinden und diese Probleme angehen, werden wir alles verlieren. Dann wird es nichts mehr geben. Gefolgschaften hören auf zu folgen, wissen Sie. Die Menschen werden desillusioniert. Aber wie wäre es, wenn jeder ein Fleckchen dieser Erde nähme und sich zu Eigen machte, indem er sich um genau das kümmerte, was er an diesem Fleckchen vorfände, was da auch immer vor ihm läge? Wie wäre es, wenn es andere Leitfiguren gäbe, die sagen würden: „Ja, gutich suche mir eine Stadt aus und unterstütze sie. Ich suche mir einen Straßenzug, ein Haus, einen Menschen.” Wissen Sie, ganz automatisch beginnen Sie damit, Ihre eigene Erde durch Liebe fruchtbar zu machen. Sagen Sie also nicht, dass Sie meine Arbeit bewundern ich möchte nicht bewundert werden. Ich will, dass man mich kopiert. Auf welche Art auch immer, je nach den Möglichkeiten.
Hier in meinem Ashram in Florida bin ich seit 25 Jahren. Zu mir kommen die führenden Leute. Es kommen Moslems, es kommen Christen, es kommen Juden und Hindus. Ich sage zu ihnen:„ Was tut ihr? Wie sehr könnt ihr beten? Nehmt diese Hände, die ihr im Pranam [Geste der Ehrerbietung] gefaltet habt, und tut etwas. Streichelt ein Kind.” Das ist meine Botschaft. Tu was. Fang genau mit dem an, was vor dir ist. Die Fähigkeit, sich in aufrichtiger Weise um einen anderen Menschen zu kümmern, ermöglicht einem sehr kleinen Teil dieser Erdedem Teil, der vor dir isteinen Wechsel zu vollziehen, sich zu verändern. Ich glaube das von ganzem Herzen, denn wenn wir uns als Menschen nicht umeinander kümmern können, wie wollen wir uns dann um die Erde kümmern?
Andrew, wir teilen uns einander mit. Sie wollen etwas, und zwar nicht nur für Ihr Magazin Sie wollen etwas für die Welt. Ich will das auch. Ich will etwas so sehr, dass mir die Tränen kommen. Ich kann das schmecken. Und in diesem Moment sind wir beide wach und bewusst. Was wird geschehen? Sobald wir mit unserem Gespräch zu Ende sind, werde ich meinen Eid erneuern und noch mehr dienen. Denn was ich sage, muss ich tun. Ich tue, was ich sage. Und vielleicht, wer weiß? Vielleicht werden Sie ein Interesse dafür entwickeln, jemandem mit AIDS zu helfen.
AC: Was würden Sie jemandem sagen, der erklärt: „Ich kann es nicht ertragen, mich dem zu stellen. Das, was du verlangst, ist psychologisch, emotional und spirituell so überwältigend, dass ich es einfach nicht aushalten kann, mich dem zu stellen. Selbst wenn ich anfange, mich dem zu stellen, dann kann ich nicht dabei bleiben, weil es einfach viel zu viel ist, das zu ertragen.”
MJ: Es überwältigt einen so sehr, dass man sich wie ein Reh im Scheinwerferlicht vorkommt. Man kann kaum hinsehen. Ich würde dann sagen: „Fang ganz klein an.” Fang ganz klein an. Schau mal, wie es sich anfühlt, für etwas Sorge zu tragen. Und lass es Nahrung finden. Lass es wachsen. Ja, es überwältigt einen. Aber in mir ist eine solche Leidenschaft für das, was man tun kann! Und wenn wir untergehen, dann gehen wir unteraber nicht, ohne es zu versuchen. Wir gehen unter und wissen, dass wir unsere Liebe und unser Leben nicht verschwendet haben. Wenn man seine Liebe und sein Leben verschwendet, was ist dann? Setze sie für etwas ein. Ist es ein Mensch? Ist es der Wald in Brasilien? Mein Enkel hat in Argentinien studiert. Er sagt: „Ma, du kannst dir die Zerstörung dort nicht vorstellen.” Sie ist auf der ganzen Welt, und sie ist direkt vor uns. Als ich aus Afrika zurückkam bemerkte ich, dass eine halbe Stunde von meinem Wohnort in Florida entfernt Menschen in kleinen Blechhütten leben. Es ist also auf der ganzen Welt so, aber wir müssen für einen Augenblick innehalten und hinschauen, was genau vor uns liegt, und uns darum kümmern. Wenn es uns dann überwältigt, dann bleibt uns der Trost, dass wir etwas gegeben haben. Wir haben einen Augenblick der Liebe geboren.
AC: Neulich habe ich mich mit Roshi Bernie Glassman darüber unterhalten. Er spricht viel davon, „Zeugnis abzulegen”, in der Lage zu sein, sich einfach der Krise zu stellen, ohne eine vorgefasste Meinung, wie man darauf reagieren sollte. Er sagt, dass sich aus dem Zeugnis-Ablegen, indem man einfach bereit ist, es zu ertragen, eine angemessene oder richtige Reaktion ereignen wird. Das verlangt von einem viel Mut.
MJ: Das braucht Mut. Aber braucht es wirklich Mut, das zu werden, was wir sind? Ist es wirklich eine so mutige Sache, in diesem Augenblick zu sein? Dieser Augenblick bringt Befreiung. Dieser Augenblick bringt Erleuchtung.
AC: Wieso entsteht aus dieser Art, Zeugnis abzulegen, Erleuchtung?
MJ: Zeugnis-Ablegen ist ein anderer Begriff für Bewusstsein. Wenn du körperlich in diesem Augenblick bistweil du in diesem Augenblick bistdann kannst du das Leid nicht vermeiden. So wie du in diesem Augenblick bist, wo das Leid genau vor dir ist, so ist auch die Regung da zu helfen, es zu bessern. Es ist derselbe Augenblick. Da ist die Reaktion auf den Augenblick und die Handlung. Während du also deinen eigenen Atem beobachtest, schaust du dich um. Du kannst das in dieser Sekunde tun und sehen: „Aha, das ist es, was ich bemerke!” Und was auch immer du dir anschaust, liegt da, wie unter einem Vergrößerungsglas, und während du Zeugnis ablegst, wirst du selbst vergrößert. Und du hast die Mittel zu helfen, und seien sie auch noch so gering.
AC: Wie würden Sie das Mittel nennen?
MJ: Ich würde es das große Bewusstsein des Augenblicks nennen. Es ist ein großes Bewusstsein. Warum ist es groß? Weil nicht nur für alles, was sich vor dir befindet, gesorgt ist, ganz gleich wie überwältigend es sein mag weil man ja klein anfängt sondern, ja, was ist es? Du kehrst zum Ursprung zurück. Du kehrst, wie Swami Nityananda mich gelehrt hat, dorthin zurück, wo du herkamst.
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AC: Welche Beziehung ist zwischen Bewusstsein und Mitgefühl?
MJ: Mit Bewusstsein fängst du an, dich zu lösen und plötzlich geht es nicht mehr um dich. Dann fließt ein riesiger Quell des Mitgefühls durch dich hindurch. Wenn du bewusst bist, erkennst du, dass es in deinem Leben keinen Platz für ein Anhaften gibt.
AC: Weil?
MJ: Wenn du bewusst bist, weißt du, dass alles, was wir haben, vergänglich ist. Swami Nityananda hat mich über Chidakash gelehrt, den Herzraum über dem Kopf. Und in diesen Raum gehe ich. In diesem Raum verschwinde ich. Es geht nicht um mich. Deshalb fängt das Mitgefühl und ich war immer stolz darauf, das zu haben sogar noch mehr an zu fließen und ich erkenne: „Oh mein Gott! Ich hätte das Milliardenfache davon haben können.” Bewusstsein führt zur Losgelöstheit, die wiederum zu größtmöglichem Mitgefühl führt. Und wenn ich „Losgelöstheit” sage, dann meine ich nicht Gleichgültigkeit. Ganz im Gegenteil, ich meine Fürsorglichkeit in einer größeren, schöneren und tiefer gehenden Weise.
AC: Bewusstsein führt zu Losgelöstheit, aber was ist dann die Beziehung zwischen Losgelöstheit und Mitgefühl?
MJ: Weil es nicht um mich geht. An diesem Ort der Losgelöstheit muss ich Mitgefühl für andere Menschen haben. Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen. Ich erhalte einen Anruf, dass da ein AIDS-krankes junges Mädchen auf der Straße liegt, das gerade ein Kind geboren hat. Sie liegt auf der Straße. Sie ruft nach Ma. Ich gehe zu der Straße. Ich habe an dem Tag gerade selbst eine persönliche Tragödie erlebt. Okay? Was gebe ich jetzt? Was habe ich noch zu geben? Wie kann ich dieses Kind anschauen? Ihr Leid haftet an meinem Leid. Deshalb gehe ich zu jenem Ort der Losgelöstheit. Es geht nicht um mich. Und ich bin für ein junges Mädchen da, ohne Urteil. Mitgefühl kann nur ohne Urteil gegeben werden ohne Urteil, weil es nicht um mich geht. Und ich drücke das Mädchen dicht an mich, bis die Ambulanz kommt und sie mitnimmt. In diesem Augenblick bin ich verschwunden, weil ich nicht in meinem eigenen Schmerz bin. Und wenn ich nicht selbst leide, dann bin ich so offen für ihr Leid, dass das Mitgefühl fließt.
AC: Ich stelle Ihnen diese Frage deshalb, weil manche Menschen Angst vor Losgelöstheit haben; denn sie befürchten, dass sie mit Gleichgültigkeit reagieren, wenn sie sich erlauben, Losgelöstheit zu erfahren.
MJ: Ich kenne das. Die meisten Menschen haben Angst vor Losgelöstheit. Aber ich lebe sie. Nicht nur ich, sondern auch Tausende meiner Schüler leben sie. Ich habe einen kleinen Ashram in Kalifornien, und dort gibt es ein Programm mit dem Namen „Unter den Brücken und auf den Straßen”, im Rahmen dessen Tausende von Menschen jeden Monat ernährt werden. Weil sie losgelöst sind, feuert sie das, was sie sehen, dazu an weiterzumachen und noch mehr zu dienen. Okay, ich habe noch eine Geschichte. Das ist keine hübsche Geschichte, also hören Sie einfach nur, was ich zu sagen habe.
AC: Ich höre zu.
MJ: Ich habe ein junges Kind. Sie ist seit sechs Jahren bei mir. Dieses Kind war ein schönes junges Mädchen. Ihr Vater hat sie gezwungen, Drano (chem. Abflussrohr-Reiniger; Anm. d. Ü.) zu trinken.
AC: Oh, mein Gott.
MJ: Ich habe Sie gewarnt. Wenn ich nicht zum Ort der Losgelöstheit gegangen wäre, glauben Sie, ich hätte ein paar Tage nach dem Vorfall in das Zimmer treten können? Ich musste dahin gehen, wo ich nicht anhaften würde. Und das Mitgefühl floss. Sie ist seit etwa sechs Jahren bei mir und geht jetzt zur Schule. Sie hat kein Gesicht mehr. Ein schönes Kind, und jetzt stirbt sie. Von Anhaftung kommt was? Wut. Wie könnte ich diesem Kind dann helfen?
AC: Wie alt ist sie jetzt?
MJ: Dreizehn. Das ist Losgelöstheit. Heißt das, dass ich sie nicht liebe? Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen, da stünden Ihnen die Haare zu Berge. Und weshalb das alles? Wegen des Anhaftens der Menschen. „Ich hänge an meinem Raum. Ich habe meinen weißen Lattenzaun. Ich habe meinen Ehemann, meine Kinder. Ich sehe es im Fernsehen, aber ich will nicht hingehen und es mir anschauen.” Und ich sage: „Seid losgelöst und kümmert euch um Mädchen wie Melissa, deren Vater ihr Drano eingeflößt hat.” Wenn ich anhaften würde, könnte ich in hunderttausend Jahren nicht das tun, was ich tue. Ich würde zusammenbrechen, wenn ich anhaften würde. Ich würde in meinen eigenen Tümpel des Selbstmitleids fallen.
AC: Da ist ein Geheimnis an all dem, dennwie Sie schon gesagt haben, und viele große spirituelle Meister haben auch darüber gesprochendurch Loslassen finden wir Liebe und Fürsorge.
MJ: Genau. Und Junge, das macht Angst. Es ist beängstigend. Wenn du loslässt, entsteht das wahre Mitgefühl der Liebe, weil du genau im Moment lebst. Plötzlich sind dir deine Kinder nahe, dein Geliebter oder deine Geliebte ist dir nahe, weil du nicht mehr deine Krallen in den Nacken des anderen schlägst. Ich besitze dich nicht. Ich genieße dich. Und ich schaue mich nicht um, um zu sehen, wer meine Liebe wegnimmt. Das ist das größte Geheimnis. Das ist meiner Meinung nach ein weit größeres Geheimnis als der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Weil du tatsächlich etwas mit deinem eigenen Wesen tun musst.
AC: Wie meinen Sie das?
MJ: Man muss tatsächlich etwas mit seinem eigenen Wesen tun, um etwas für jemand anderen tun zu können. Man kann nicht wutschnaubend herumlaufen: „Dieser Bastard hat dem Kind Drano gegeben!” und das Kind ohne Hoffnung da liegen lassen. Man muss also sagen: „Ich kann das schaffen. Ich kann losgelöst genug sein, um mir das anzuschauen.” Erst einmal muss man es sich anschauen, und dann muss man sich um die Situation kümmern. Man scheut keinerlei Verantwortung, und das ist das Geheimnis. Und so jemand kommt im nächsten Leben voller Liebe zurück, weil er oder sie nicht einsam in Agonie und Schmerz sterben musste. Das Geheimnis ist, dass jeder von uns egal wer wir sind, wirklich jeder von uns die Fähigkeit hat, losgelöst zu sein und sich um das zu kümmern, worum man sich kümmern muss.
AC: Was ist die Quelle Ihrer Leidenschaft und Ihres Mitgefühls?
MJ: Nun, meine Mutter, die auf der Sozialstation des Krankenhauses von Coney Island gestorben ist, hat mir wirklich gezeigt, wie man sich um Menschen kümmert. Eines Tages sagte ich zu ihr: „Mama, warum musst du so viel leiden?” Eine Brust war entfernt worden, dann die andere, dann die Niere, dann die Lunge das war in den späten 40er Jahren. Sie drehte sich um zu mir und gab mir eine Ohrfeige: „Frag niemals warum!” Und dann habe ich sie angeschaut und gefragt: „Warum?” Da hat sie gelacht und mir noch eine Ohrfeige gegeben. Sie sagte: „Weil dir niemand eine Antwort geben wird. Wer soll dir darauf schon antworten?” Daran habe ich mich mein Leben lang erinnert. Und das lehre ich. Anstatt warum zu fragen, tu einfach was. Wir alle sind fähig, etwas zu tun. Ich bin kein Straßenprediger. Wäre ich das, dann hätte ich keine Zeit, das zu bewältigen, was ich alles in meinem Leben bewältigt habe. Sehen Sie, ich will Veränderung. Ich will in den von Leid getrübten Augen eines Kindes eine Veränderung sehen. Ich weiß, wenn wir einem menschlichen Wesen helfen, dann berührt das die ganze Welt. Das muss es. Ich weiß vielleicht nicht, wie, aber ich weiß, dass es so ist. Ich tue und alle, die mit mir sind, ebenso. Es ist unglaublich, wie viele Kinder heranwachsen, und zwar nicht nur, weil ein Mensch sich darum kümmert, sondern weil ich viele gelehrt habe, sich zu kümmern. Und wenn ich in dieser Sekunde sterben würde, heute, dann kommen nach mir viele, viele Kinder, Schüler, Studenten und Chelas, die sich kümmern. Ich werde mich nicht verstecken. Ich werde nicht nur Zeugnis ablegen. Ich bin aus Brooklyn. Ich gehe kämpfend unter.
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