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Thomas von Aquin: Über Seiendes und Wesenheit












De ente et de essentia, 1 - 10

[1] Weil nach einem Wort des Philosophen im 1. Buch 'Über den Himmel und die Welt' "ein kleiner Irrtum am Anfang zu einem großen am Ende wird", Seiendes aber und Wesenheit das sind, was vom Intellekt zuerst erfaßt wird, wie Avicenna zu Beginn seiner 'Metaphysik' sagt, muß man, um die Schwierigkeit dieser [beiden Begriffe] zu erschließen und nicht aus Unkenntnis über sie [am Ende] in [großen] Irrtum zu verfallen, erklären, was mit den Worten 'Wesenheit' und 'Seiendes' bezeichnet wird, wie sie auf verschiedenen Gebieten anzutreffen sind, und wie sie sich zu den logischen Bedeutungen [Intentionen] verhalten, nämlich zu Gattung [Genus], Art [Species] und Artunterschied [Differenz].

[2] Da wir aber aus dem Zusammengesetzten die Erkenntnis über das Einfache gewinnen und von dem Späteren zu dem Früheren gelangen müssen, damit uns, wenn wir beim Leichteren anfangen, das methodische Vorgehen [Disziplin] besser möglich wird, so ist ist von der Bedeutung des Seienden zur Bedeutung der Wesenheit fortzuschreiten.

Kapitel I
Was allgemein mit den Worten 'Wesenheit' und 'Seiendes' bezeichnet wird.


[3] Man muß also [zunächst] wissen, daß das Wort 'Seiendes', eigentlich, wie der Philosoph [Aristoteles] im 5. Buch der 'Metaphysik' sagt, auf zweifache Weise gebraucht wird: einmal in dem Sinne, daß es sich auf die zehn Gattungen [Kategorien des Seienden] bezieht, zum anderen in dem Sinne, daß es die Wahrheit der Aussagen bedeutet. Der Unterschied dieser [beiden Bedeutungen] ist der, daß Seiendes im zweiten Sinne all das genannt werden kann, worüber sich eine bejahende Aussage bilden läßt, auch wenn dies sich nicht auf etwas wirklich Existierendes beziehen muß; denn auf diese Weise werden auch die Privationen [Ausschließungen] und Verneinungen Seiendes genannt; denn wir sagen zum Beispiel, daß 'die Bejahung der Verneinung entgegengesetzt ist', und daß 'die Blindheit im Auge ist'. In der ersten Bedeutung jedoch kann Seiendes nur so gemeint werden, daß dabei etwas als wirklich existierend voraussetzt ist. Daher sind in dem ersten Sinne das 'Nicht-Sehen' und derartiges kein Seiendes.

[4] Der Name 'Wesenheit' wird nicht von dem auf die zweite Weise genannten Seienden her gewonnen, weil in diesem Sinne einiges auf eine Weise Seiendes genannt wird, daß es keine Wesenheit haben kann. Dies zeigt sich bei den Privationen. Vielmehr wird die Wesenheit von dem auf die erste Weise genannten Seienden her gewonnen. Daher sagt der Kommentator [Porphyrios] an derselben Stelle, daß das auf die erste Weise genannte Seiende das ist, was das Wesen eines Dinges bezeichnet.

[5] Weil nun, wie gesagt, das in dieser Weise genannte Seiende auf zehn Gattungen verteilt ist, muß die Wesenheit etwas Gemeinsames für alle Naturen bedeuten, nach denen das verschiedene Seiende verschiedenen Gattungen zugewiesen wird. So ist zum Beispiel die Menschennatur ['Menschheit'] die Wesenheit des Menschen; und so ist es bei den übrigen Gattungen.

[6] Daher ferner, daß das das, wodurch ein Ding in seiner eigenen Gattung oder Art konstituiert wird, dasselbe ist wie das, was durch deine Definition bezeichnet wird, welche anzeigt, was das Ding ist, kommt es, daß das Wort 'Wesenheit' von den Philosophen [auch] zu 'Washeit 'abgewandelt wird. Letzteres nennt der Philosoph häufig auch das 'wesensmäßige Sosein' [von etwas], d.h. das, wodurch etwas sein 'Wassein' hat. Es heißt auch 'Form', sofern durch die Form die Bestimmtheit eines jeden Dinges bezeichnet wird, wie Avicenna im 2. Buch seiner 'Metaphysik' sagt.

[7] Dies wird auch mit einem anderen Wort 'Natur' genannt, wenn man Natur in der ersten jener vier Bedeutungsweisen nimmt, die Boethius im Buch 'Über die zwei Naturen' angibt. Danach nämlich wird 'Natur' all das genannt, was vom Intellekt auf irgendeine Weise begriffen werden kann. Ein Ding ist ja nur durch seine Definition und seine Wesenheit intelligibel [für den Intellekt einsehbar]. Und so sagt auch der Philosoph im 5. Buch der 'Metaphysik', daß jede Substanz Natur ist.

[8] Doch scheint das Wort 'Natur' in der hier aufgefaßten Weise dieWesenheit eines Dinges [auch] insofern zu bezeichnen, als sie eine Hinordnung auf die eigentümliche Tätigkeit des Dinges hat, da kein Ding ohne eine ihm eigentümliche Tätigkeit ist. Das Wort 'Washeit' dagegen wird aus dem gewonnen, was durch die Definition bezeichnet wird. Wesenheit [Essenz, 'Seinsheit'] aber wird sie genannt, sofern durch sie und in ihr ein Seiendes das Sein hat.

[9] Da wiederum von dem Seienden in absolutem und vorrangigem Sinne bei den Substanzen die Rede ist und erst in nachrangigem Sinne - gleichsam nur eingeschränkt - von den Akzidenzien, ergibt es sich, daß sich die Wesenheit eigentlich und in Wahrheit bei den Substanzen findet, bei den Akzidenzien aber nur gelegentlich, je nach den Umständen. Von den Substanzen sind schließlich einige einfach und einige zusammengesetzt, und bei beiden findet sich eine Wesenheit. Bei den einfachen gibt es diese aber in wahrerer und höherer Weise, weil sie ein höheres Sein haben; denn sie sind Ursache für all das, was zusammengesetzt ist. Die erste einfache Substanz ist schließlich Gott.

[10] Da uns die Wesenheiten dieser [einfachen[ Substanzen weitgehend verborgen sind, müssen wir von den Wesenheiten der zusammengesetzten Substanzen ausgehen, damit unsere methodische Untersuchung [Disziplin] der angesprochenen Fragen mit dem Leichteren beginnt und so möglichst angemessen fortschreiten kann.


(Quelle: http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Au.....BAntWiss/SO6/ThoAquEE.htm )
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Biographie: Thomas von Aquin

Thomas von Aquin wurde im Jahre 1225 auf Schloss Roccasecca, welches zwischen Rom und Neapel liegt, als jüngstes von sechs Kindern geboren. Sein Vater war Landulf, Graf von Aquino, Herr von Loreto und Belcastro und seine Mutter war Theodora, Gräfin von Theate aus dem Hause Caraccioli. Als Fünfjähriger kommt er zu den Benediktinern auf dem benachbarten Monte Cassino Kloster wo man ihn, nach dem Willen der Eltern, für eine wie auch immer geartete Karriere präparieren sollte.

1239 mit 14 Jahren studiert Aquin artes liberales in Neapel und lernt dort den jungen Dominikanerorden kennen dem er 1243, gegen den Willen der Eltern, beitritt. Um ihn von dieser "blödsinnigen" Entscheidung abzubringen, überfällt seine Familie ihn, "kidnappt" ihn und hält ihn über ein Jahr gefangen. Nach seiner Befreiung, begann er 1245 ein Studium bei Albert Magnus in Paris und von 1248 bis 1252 in Köln, um von 1252 bis 1256 seinerseits einen Lehrauftrag in Paris zu übernehmen. Ab 1259 bis 1269 in Orvieto, Viterbo und Rom ab 1269 bis 1272 wieder in Paris und begab sich ab 1272 nach Neapel. Hier entstand von 1266 bis 1273 das vielleicht bekannteste Werk des Thomas von Aquin, die "summa theologiae", in der Aquin, die von seinem Lehrer Albertus Magnus begonnene Hinwendung zum Aristotelismus, zu einem System axiomatisch - spekulativer Theologie zuvereinigen.

Sein Lehrer Albertus Magnus behauptete, dass sein Schüler Thomas von Aquin in der Lage sei, die beiden Großen der bisherigen Philosophien, Platon und Aristoteles zu "vereinigen". Die Philosophie des Thomas von Aquin ist durch einen groß angelegten Vermittlungsversuch gekennzeichnet, der die christliche Glaubenswahrheit mit dem Denken des Aristoteles verbindet. Dem Glauben wird zwar der höhere Stellenwert eingeräumt, aber auch die Vernunft bekommt größere Rechte, sie kann alle Wahrheiten erkennen, die sich nicht der Offenbarung verdanken und damit unterhalb der Glaubensschwelle verblieben.

Er eröffnete damit der Wissenschaft einen erweiterten Handlungsspielraum, wobei aber Konflikte mit der Kirche vorgezeichnet waren. Für Thomas von Aquin ist Gott "der, der ist", das Sein an sich, in dem Wesen und Existenz vereint sind, das vollkommene Wesen, an dem zu zweifeln nicht nur dumm, sondern eigentlich auch unmöglich ist. Gott hat die Welt aus dem Nichts geschaffen, und seine Schöpfung ist geordnet. Von ganz unten, von der Materie über die Elemente, Pflanzen, Tiere, den Menschen und die Engel, ganz oben Gott, der als allererstes und allerhöchstes Wesen das Sein ist. Alle andere Geschaffen hat das Sein nur für die Spanne seiner Lebenszeit verliehen bekommen.

Auf dem Weg zum Konzil von Lyon, wohin ihn der Papst als Berater geladen hatte, starb Thomas von Aquin in der Zisterzienserabtei Fossanuova am 07.03.1274.

Kurz nach seinem Tod erhielt Thomas von Aquin den Titel "Doctor communis" sowie "Doctor angelicus" und wurde am 18. Juli 1323 heilig gesprochen und 1557 zum Kirchenvater ernannt, 1918 wurde er in den "Codex Iuris Canonici" aufgenommen.

(Quelle: http://aphorismen-archiv.de/autoren/autoren_a/aquin.html )
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