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Das Geheimnis der Kraft












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Das Geheimnis der Kraft




Die Kraft, vorwärts zu schreiten, ist das erste Bedürfnis für den, der seinen Weg gewählt hat. Wo kann diese gefunden werden? Wenn wir umherschauen, ist es nicht schwierig, zu sehen, wo andere Menschen ihre Kraft hernehmen. Die Quelle derselben ist unerschütterliche Überzeugung. Durch diese grosse moralische Macht wird in dem natürlichen Leben des Menschen das erzeugt, was ihn befähigt, trotz seiner offenbaren Hinfälligkeit voranzuschreiten und zu erobern. Erobern -- was? Keine Erdteile, keine Welten, sondern sich selbst. Durch diesen über alles erhabenen Sieg wird der Eintritt erlangt zu dem Ganzen, wo alles das, was erobert und gewonnen werden kann, mit einem Male nicht sein, sondern er selbst wird.

Die Rüstung anlegen und in den Kampf ziehen mit der Möglichkeit, den Tod in der Hitze des Gefechts zu finden, ist leicht; stillstehen inmitten des Getriebes der Welt, die Ruhe bewahren in der Unruhe des Körpers, sich schweigend verhalten inmitten des tausendfachen Lärms der Sinne und Begierden, und dann entblösst von jeder Rüstung und ohne Überstürzung oder Erregung die tödliche Schlange des Selbst ergreifen und sie töten, das ist keine leichte Sache. Und doch muss dies geschehen; es kann nur zustande gebracht werden in dem Augenblick des Gleichgewichts, wenn der Feind durch das Schweigen aus der Fassung gekommen ist. Aber zu diesem erhabenen Augenblick bedarf es einer Kraft, wie der Held des Schlachtfeldes ihrer nicht bedarf. Der tapfere Soldat muss von der innersten Überzeugung von der Gerechtigkeit seiner Sache und der Richtigkeit der angewandten Methode getragen sein. Der Mensch, welcher gegen sich selbst kämpft und die Schlacht gewinnt, bringt dies nur fertig, wenn er weiss, dass er in jenem Kriege das einzige, was des Tuns wert ist, ausführt, und wenn er weiss, dass er durch die Ausführung sich Himmel und Hölle zu Dienern gewinnt. Ja, er ist dann Herr über beide. Er braucht keinen Himmel, in dem ihm die Freude als langversprochene Belohnung zu teil wird; er fürchtet keine Hölle, in der das Leid seiner wartet, um ihn für seine Sünden zu strafen. Denn ein für allemal hat er die in seinem Innern sich ringelnde Schlange besiegt, welche sich nach allen Seiten hin windet in ihrem unaufhörlichen Verlangen nach Berührung, in ihrem fortwährenden Suchen nach Freude und Leid. Niemals wieder -- falls der Sieg wirklich einmal gewonnen ist -- kann er zittern oder frohlocken bei dem Gedanken an irgend etwas, das die Zukunft in ihrem Schösse birgt. Diese brennenden Empfindungen, welche ihm als die einzigen Beweise für sein Dasein erschienen, sind fernerhin nicht mehr sein Eigentum. Wie aber kann er dann wissen, dass er lebt? Er weiss es allein durch Schlussfolgerung: Und schliesslich kommt die Zeit, wo er überhaupt selbst hiernach kein Verlangen mehr empfindet. Er ist dann im Besitze des Friedens; und in jenem Frieden wird er die Macht finden, die er begehrte. Dann wird er wissen, was das für ein Glaube ist, der Berge versetzen kann.

Religion hält den Menschen vom Pfade zurück und verhindert sein Vorwärtsschreiten aus verschiedenen sehr einleuchtenden Gründen. Zuerst begeht sie einen wesentlichen Missgriff durch die Unterscheidung von Gut und Böse. Die Natur kennt solche Unterscheidung nicht; und die moralischen und ethischen Gesetze, die uns die Religionen vorschreiben, sind zeitlich und hängen ebenso von unserer eigenen, besonderen Beschaffenheit und Existenzform ab, wie die moralischen und ethischen Gesetze der Ameisen und Bienen. Wir verlassen aber den Zustand, der für diese Dinge endgültig zu sein scheint, und vergessen diese für immer. Das lässt sich leicht daraus ersehen, dass ein Mensch von umfassender Denkgewohnheit und Intelligenz seine Lebensregeln modifizieren muss, wenn er sich unter anderen Menschen aufhält. Diese Menschen, unter denen er als ein Fremder weilt, haben ihre tiefwurzelnden Religionen und angeerbten Überzeugungen, gegen welche anzustossen er vermeiden muss. Wenn er nicht ein ganz engherziger und denkunfähiger Geist ist, muss er sehen, dass die für jene passende Form von Gesetz und Ordnung so gut ihre Berechtigung hat, wie die seine. Was kann er also anders tun, als sein Verhalten ihren Regeln allmählich anzupassen? Wenn er dann viele Jahre lang unter ihnen weilt, wird die scharfe Schneide des Unterschiedes schliesslich abgewetzt, so dass er am Ende vergisst, wo ihr Glaube endet und der seine anfängt. Dürfen aber deshalb die Leute, die zu ihm gehören, sagen, dass er Unrecht getan hat, wenn er niemanden verletzt hat und gerecht geblieben ist?

Ich will nicht etwa Gesetz und Ordnung angreifen; ich spreche wahrhaftig nicht von diesen Dingen mit unbesonnenem Missfallen. An ihrem Platz sind sie so wesentlich und notwendig, wie der Kodex, welcher das Leben eines Bienenstockes regiert, für ein erfolgreiches Wirken desselben notwendig ist. Was ich hervorzuheben wünsche, ist, dass Gesetz und Ordnung an sich nur den jeweiligen Zeitverhältnissen entsprechend und ungenügend sind. Wenn die Seele des Menschen hinwegeilt von ihrem kurzen Aufenthaltsort, gehen die Gedanken, die sie sich über Gesetz und Ordnung machte, nicht mit. Wenn sie stark ist, nimmt sie die Ekstase des wahren Seins und wirklichen Lebens in Besitz; das wissen alle, welche bei einem Sterbenden gewacht haben. Wenn die Seele schwach ist, sinkt sie zusammen und schwindet dahin, überwältigt von den Wogen des neuen Lebens.

Spreche ich jetzt vielleicht zu bestimmt? Nur diejenigen, welche in dem rastlosen Leben des Augenblicks ihr Dasein haben, welche nicht neben den Toten und Sterbenden gewacht haben, welche nicht auf dem Schlachtfeld umhergewandelt sind und in das Antlitz der Menschen in ihrem letzten Todeskampf geblickt haben, werden das sagen. Der Mensch, der stark ist, frohlockt, wenn er den Körper verlässt.

Warum? Weil kein Zaudern ihn mehr zurückhalten und erzittern machen kann. In dem geheimnisvollen Augenblicke des Todes wird ihm die Erlösung zu teil, und in einer plötzlichen Aufwallung des Entzückens erkennt er, dass es in der Tat eine Erlösung ist. Hätte er diese Gewissheit früher gehabt, er wäre ein grosser Weiser gewesen, fähig, die Welt zu regieren, denn er hätte die Macht besessen, sich und seinen eigenen Körper zu beherrschen. Diese Erlösung von den Fesseln des alltäglichen Lebens kann ebenso leicht während des Lebens wie im Augenblick des Todes erlangt werden. Es bedarf nur einer genügend festen Überzeugung, um den Menschen zu befähigen, auf seinen Körper mit denselben Empfindungen zu blicken, mit denen er auf den Körper eines anderen Menschen oder auf die Körper von tausend anderen Menschen zu blicken pflegt. Bei der Betrachtung eines Schlachtfeldes ist es unmöglich, sich den Todeskampf eines jeden der Leidenden zu vergegenwärtigen; warum also den eigenen Schmerz schärfer zum Bewusstsein bringen, als den eines anderen? Häufe das Ganze zusammen und blicke darauf von einem weit höheren Standpunkt aus, als von dem des persönlichen Lebens, dann wirst du ganz bestimmt fühlen, dass deine eigene physische Wunde nur eine Schwäche deiner Beschränktheit ist. Der Mensch, der psychisch entwickelt ist, fühlt die Wunde des anderen ebenso heftig wie die eigene, und er wird seine Wunde überhaupt nicht fühlen, wenn er stark genug ist, es nicht zu wollen. Jeder, der überhaupt sich ernstlich in psychische Verhältnisse vertieft hat, weiss, dass dies eine mehr oder weniger bestimmte Tatsache ist, je nach der psychischen Entwicklung. Viele Beispiele zeigen, dass der psychisch Entwickelte seinen eigenen Schmerz schärfer und selbstsüchtiger empfindet, als den einer anderen Person; aber das ist nur dann der Fall, wenn die Entwicklung einen gewissen Punkt erreicht hat und dann zum Stillstand gekommen ist. Es ist die Kraft der Überzeugung, die den Menschen zu dem Rande jenes Bewusstseins trägt, welches tiefer Friede und gleichzeitig lebhafte Tätigkeit ist. Weiter kann sie ihn nicht tragen. Aber wenn er diesen Rand erreicht hat, ist er befreit von der armseligen Herrschaft des eigenen Selbst. Das ist die erste grosse Erlösung. Betrachte dir die Leiden, welche über uns kommen als eine Folge unserer engherzigen und beschränkten Erfahrung und Sympathie. Wir stehen ein jeder ganz allein, ein einsames Einzelwesen, ein Zwerg in der Welt. Welches gute Geschick können wir erwarten? Das grosse Leben der Welt rauscht dahin; in jedem Augenblick droht uns die Gefahr, dass es uns überwältigt oder gänzlich vernichtet. Dagegen gibt es kein Verteidigungsmittel; kein Heer kann dem entgegengestellt werden, da in diesem Kampfe jeder Mensch seinen eigenen Kampf gegen jeden anderen Menschen führt und nicht zwei unter demselben Banner vereinigt sind. Nur einen Weg der Flucht gibt es aus dieser schrecklichen Gefahr, gegen welche wir in jeder Stunde kämpfen. Kehre um, und anstatt den Gewalten Trotz zu bieten, schliesse dich ihnen an; werde eins mit der Natur und du wandelst leicht auf ihrem Pfade. Widerstehe und zürne den Verhältnissen des Lebens nicht mehr, als die Pflanzen dem Regen und dem Winde grollen. Dann plötzlich wirst du zu deinem eigenen Staunen finden, dass du Zeit und Stärke übrig hast, um sie in dem grossen Kampfe zu gebrauchen, den jeder Mensch unvermeidlich kämpfen muss -- den Kampf in sich selbst, der zu seiner eigenen Unterjochung führt.

Einige sagen vielleicht, zu seiner eigenen Zerstörung. Und warum? Weil er von Stund an, seit er die grossartige Wirklichkeit des Lebens gekostet, mehr und mehr sein persönliches Selbst vergisst. Nicht länger kämpft er jetzt dafür oder misst seine Stärke gegen die Stärke anderer. Nicht länger sorgt er sich darum, es zu verteidigen oder es zu ernähren. Aber gerade wenn er in dieser Weise gleichgültig ist gegen die Wohlfahrt des persönlichen Selbst, wird dasselbe widerstandsfähig und stark, wie die Prairiegräser und die Bäume der Urwälder. Es ist ihm gleichgültig, ob dies sich so verhält oder nicht. Wenn dies aber der Fall ist, dann hat er ein gut funktionierendes Instrument zu seiner Handhabe bereit; entsprechend der Grösse seiner Gleichgültigkeit demgegenüber verhält sich die Stärke und Schönheit seines persönlichen Selbstes. Das lässt sich leicht beobachten. Eine Gartenblume wird eine bloss entartete Kopie ihrer selbst, wenn sie vernachlässigt wird; eine Pflanze muss auf das Äusserste und Vorteilhafteste von der Geschicklichkeit des Gärtners gepflegt werden oder sie muss, ganz sich selbst überlassen, wild bleiben und nur vom Himmel und der Erde ihre Nahrung erhalten. Wer kümmert sich um irgend einen der dazwischen liegenden Zustände? Welcher Wert oder welche Kraftentfaltung liegt in der vernachlässigten Gartenrose, welche die Fäulnis in jeder Knospe hat? Kranke oder verkümmerte Blüten entstehen sicherlich aus einem willkürlichen Wechsel ihrer Lebensbedingungen, -- wenn nämlich der Mensch, der bis dahin Sorge getragen hat für die Pflanze in ihrem unnatürlichen Leben, nachlässig wird. Aber es gibt vom Wind gefegte Ebenen, wo die Feldblumen gross werden mit vollmondgleichen Gesichtern, wie sie keine künstliche Zucht bei ihnen hervorzubringen vermag. Kultiviere also so viel du kannst, vergiss keinen Zoll deines Gartenlandes, nicht die kleinste Pflanze, die darin wächst; gib dich nicht dem törichten Wahn hin, dass für dich die Zeit gekommen sei, dein Gartenland zu vergessen und es dadurch den traurigen Folgen halber Arbeit zu überlassen. Die Pflanze, die heute begossen und morgen vergessen wird, muss verkommen oder zu Grunde gehen. Die Pflanze, die allein auf die Hilfe der Mutter Natur angewiesen ist, erprobt ihre Stärke sogleich; sie stirbt entweder und wird wieder erschaffen oder sie wächst zu einem grossen Baume, dessen Zweige den Himmel erfüllen. Verfalle aber nicht in denselben Fehler, wie die Religionsanhänger und einige Philosophen; vernachlässige keinen Teil von dir, solange du denselben als einen Teil von dir empfindest. Solange der Grund und Boden ihm gehört, ist es die Aufgabe des Gärtners, ihn zu bearbeiten; eines Tages aber wird er einen Ruf erhalten von einem anderen Land oder vom Tode selbst, und plötzlich ist er dann nicht mehr der Gärtner, seine Arbeit ist zu Ende, er hat überhaupt keine Pflicht dieser Art mehr. Dann leiden seine Lieblingspflanzen und sterben und die zarten werden eins mit der Erde.

Bald aber beansprucht die gewaltige Natur den Platz für sich und bedeckt ihn mit dichtem Gras oder üppigem Unkraut oder zieht einen jungen Baum darauf, bis seine Zweige den Boden beschatten. Sei gewarnt und hege deinen Garten so viel als möglich, bis du gänzlich hinweggehen kannst und er zur Natur zurückkehrt, zur winddurchfegten Ebene wird, wo die Feldblumen wachsen. Wenn du dann einmal an dem Garten vorbei gehst und nach ihm blickst, wird dich nichts, was immer sich ereignen mag, schmerzlich oder freudig erzittern lassen. Denn du wirst imstande sein zu sagen: Ich bin der felsige Boden, ich bin der grosse Baum, ich bin die kräftige Feldblume, oder was sonst da blüht, wo einstmals deine Rosensträucher wuchsen. Aber du musst gelernt haben, die Sterne zielbewusst zu studieren, bevor du wagen darfst, deine Rosen zu vernachlässigen und bevor du es unterlässt, die Luft mit ihrem wunderbaren Wohlgeruch zu erfüllen. Du musst deinen Weg kennen durch die pfadlose Luft und von dort zu dem reinen Äther; du musst bereit sein, den Riegel des „Goldenen Tores" zurückzuschieben.

Arbeite deshalb fleissig und vernachlässige nichts. Aber denke daran, dass du dich bei der Pflege und Bewässerung des Gartens vorwitzig und unrechtmässig der Arbeiten der Natur selbst bemächtigst. Hast du dich aber einmal ihres Werks bemächtigt, so musst du es durchführen, bis du einen Punkt erreicht hast, wo sie keine Macht hat dich zu strafen, wo du sie nicht zu fürchten brauchst, sondern ihr voll hohen Wagemuts ihr Eigentum zurückerstatten kannst. Sie lacht verstohlen, die mächtige Mutter, und bewacht dich mit ihren still lächelnden Augen, immer bereit, erbarmungslos dein ganzes Werk in den Staub zu schleudern, wofern du ihr nur eine Möglichkeit dazu gibst, wenn du lässiger wirst und dich sorglos fühlst. Der Lässige ist der Vater des Toren in demselben Sinne, wie das Kind der Vater des zukünftigen Menschen ist. Die Natur hat ihre gewaltige Hand auf ihn gelegt und das ganze Gebäude zermalmt. Der Gärtner und seine Rosensträucher liegen gleichermassen gebrochen und zerschlagen von dem grossen Sturme, den die Natur hervorgerufen hat; sie liegen hilflos, bis endlich der Sand über sie hinweht und sie begraben werden in einer öden Wüste. Aus dieser leeren Stelle wird die Natur etwas Neues hervorbringen und wird die Überreste des Menschen, der es wagte, ihr zu trotzen, so gleichgültig dazu benutzen, wie die verwelkten Blätter seiner Pflanzen. Seinen Körper, seine Seele und seinen Geist, alles nimmt sie in gleicher Weise für sich in Anspruch. Der Mensch, der stark ist, der sich entschlossen hat, den unbekannten Pfad zu finden, wendet bei jedem Schritt die grösste Sorgfalt an. Er äussert kein unnützes Wort, er tut keine unüberlegte Handlung, er vernachlässigt keine Pflicht, kein Amt, sei es noch so gering oder schwierig. Aber während seine Hände und Füsse so ihre Aufgaben erfüllen, werden neue Augen und Hände und Füsse in ihm geboren. Denn sein leidenschaftliches und unaufhörliches Verlangen richtet sich darauf, jenen Weg zu gehen, auf welchem diese feineren Organe allein ihn führen können.

Die physische Welt hat er kennen gelernt und weiss, wie er sie zu gebrauchen hat; nach und nach wächst seine Kraft und er erkennt die psychische Welt. Aber er muss diese Welt kennen lernen und fähig werden, sie zu gebrauchen, und er darf nicht den Halt des Lebens verlieren, das ihm vertraut ist, bis er Fuss gefasst hat in jenem, das ihm fremd ist. Wenn seine psychischen Organe solche Kraft erworben haben, wie sie die physischen Organe des Kindes besitzen, welches zuerst die Lungen öffnet, dann ist der Augenblick für das grosse Wagnis gekommen. Wie wenig tut not -- und doch auch wie viel! Der Menschbedarf nur des in allen seinen Teilen ausgebildeten psychischen Körpers, wie es der Körper eines Kindes ist; er bedarf nur der tiefen und unerschütterlichen Überzeugung, welche das Kind antreibt, dass das neue Leben ein wünschenswertes ist. Hat er einmal diesen Standpunkt gewonnen, mag er sich heimisch machen in der neuen Atmosphäre und zu der neuen Sonne emporblicken. Aber dann muss er daran denken, dass er die neue Erfahrung durch die alte im Zaum hält. Er atmet eben noch immer, wenn auch anders; er zieht die Luft in seine Lungen und erhält das Leben von der Sonne. Er ist in die psychische Welt hineingeboren worden und hängt jetzt ab von psychischer Luft und psychischem Licht. Sein Ziel liegt aber nicht dort; dieses Leben ist nur eine verfeinerte Auflage des physischen Lebens; er hat dasselbe nach ähnlichen Gesetzen zu durchschreiten. Er muss studieren, lernen, wachsen und erobern; während der ganzen Zeit darf er aber niemals vergessen, dass sein Ziel jene Stelle ist, wo es keine Luft, keine Sonne oder Mond gibt. Glaube nicht etwa, dass der Mensch bei dieser Wanderung sich fortbewegt oder seinen Platz wechselt. Nein. Die genaueste Beschreibung des Vorgangs stellt das Abwerfen von Rinden oder Hautschichten dar. Der Mensch, der seine Lektion vollständig gelernt hat, wirft das physische Leben fort; nachdem er die nächste Lektion vollständig gelernt hat, wirft er das psychische Leben fort; hat er auch die nächstfolgende Lektion vollständig gelernt, so wirft er auch das kontemplative Leben oder das Leben der Andacht fort. Alles wird zuletzt beiseite geworfen, wenn er den grossen Tempel betritt, wo jede Erinnerung an das Selbst oder an die Empfindung draussen gelassen wird, wie die Schuhe abgestreift werden von den Füssen der Andächtigen. Dieser Tempel ist der Ort seiner eigenen reinen Göttlichkeit, die Zentralflamme, welche, verdunkelt wie sie auch war, ihn doch in allen diesen Kämpfen belebt hat. Wenn er dieses erhabene Heim gefunden hat, ist er sicher wie der Himmel selbst. Dabei bleibt er ruhig, erfüllt mit allem Wissen und aller Kraft. Der äussere Mensch, die andächtige, handelnde und lebende Persönlichkeit, geht ihren eigenen Weg Hand in Hand mit der Natur und zeigt die ganze erhabene Stärke ungehinderten natürlichen Wachstums der Erde, erleuchtet von jenem Instinkt, der das Wissen enthält. Denn in dem innersten Heiligtum, in dem wirklichen Tempel, hat der Mensch die unsichtbare Lebensessenz der Natur selbst gefunden. Nicht länger kann irgend ein Unterschied zwischen ihm und der Natur bestehen oder halbe Arbeit ausgeführt werden. Dann kommt die Stunde der Tätigkeit und der Macht. In jenem innersten Heiligtum ist alles zu finden: Gott und seine Geschöpfe, die Feinde, welche dieselben zu ihrer Beute machen, diejenigen unter den Menschen, die geliebt worden sind, und diejenigen, welche gehasst worden sind. Ein Unterschied besteht nicht länger zwischen ihnen. Dann lacht die Seele des Menschen in ihrer Stärke und Furchtlosigkeit, und sie schreitet vorwärts in jene Welt hinein, in welcher ihre Tätigkeit benötigt wird, und übt diese ihre Tätigkeit aus ohne Befürchtung, Unruhe, Furcht, Bedauern oder Freude.

Dieser Zustand ist dem Menschen erreichbar noch während seines Lebens im Physischen; denn es gibt Menschen, die ihn bei ihren Lebzeiten erlangt haben. Dieser Zustand allein kann unsere Handlungen auf der physischen Ebene göttlich und wahrhaft machen.

Das Leben in der Sinnenwelt muss immer nur eine äussere Form für die erhabene Seele sein -- es kann nur dann zu einem machtvollen Leben, dem Leben der Vollendung werden, wenn es belebt wird von dem gekrönten gleichmütigen Gott, der in dem Heiligtum sitzt.

Diesen Zustand zu erlangen ist so überaus wünschenswert, weil es dort von dem Augenblick an, wo man in ihn hineintritt, keine Unruhe, keine Sorge, keinen Zweifel oder Zaudern mehr gibt. Wie ein grosser Künstler sein Gemälde furchtlos malt und doch keinen Irrtum begeht, den er bedauern müsste, so findet sich der Mensch, der sein inneres Selbst gebildet hat, mit seinem Leben ab.

Aber das findet erst statt, wenn der erwähnte Zustand erreicht ist. Das, was wir, die wir nach den Bergen unsere Blicke richten, zu wissen begehren, ist die Art des Eintrittes und der Weg zu dem Tore. Es ist ein „Goldenes Tor", verriegelt mit einem schweren Riegel von Eisen. Der Weg zu seiner Schwelle macht den Menschen verwirrt und elend. Er sieht nicht wie ein Pfad aus; jeden Augenblick scheint er zu Ende zu sein; er führt an furchtbaren Abgründen vorbei und verliert sich in tiefes Wasser.

Sind wir einmal hinübergeschritten und haben den Weg gefunden, dünkt es uns wunderbar, dass die Schwierigkeit so gross geschienen. Denn der Pfad hat sich nur plötzlich gewendet an der Stelle, wo er zu verschwinden drohte. Am Rand des Abgrundes ist er breit genug für die Füsse, und über die tiefen Gewässer, welche so heimtückisch aussehen, findet sich immer eine Furt und eine Fähre. So verhält es sich mit allen ernstlichen Erfahrungen der menschlichen Natur. Wenn der erste Kummer das Herz auseinanderreisst, scheint es, dass der Pfad ein Ende hat und leere Dunkelheit an die Stelle des Himmels tritt. Und doch schreitet die Seele tastend weiter und jene gefährliche und anscheinend hoffnungslose Stelle auf der Strasse wird zurückgelassen. So auch sind viele andere Formen der menschlichen Qualen beschaffen. In einer langen Periode oder einer ganzen Lebenszeit wird der Pfad des Daseins manchmal beharrlich versperrt durch anscheinend unüberwindliche Hindernisse. Kummer, Schmerz, Leiden, der Verlust von allem, was wir lieben oder schätzen, bäumt sich auf vor der erschreckten Seele und hindert sie an jedem Schritt. Wer stellt diese Hindernisse dort hin? Die Vernunft weicht zurück vor jenem kindlichen dramatischen Bilde, welches Dogmatiker ihr vorhalten, -- vor dem Gott, der seine Geschöpfe zu ihrer schliesslichen Glückseligkeit dem Teufel zu quälen übergibt. Wann wird jene Glückseligkeit erlangt werden? Der Gedanke, der in diesem Bilde liegt, setzt ein Ende voraus, ein Ziel. Es gibt kein Ziel. Ein jeder von uns kann dem ohne weiteres beistimmen, denn so weit des Menschen Beobachtung, Vernunft, Denken, Intellekt oder Instinkt das Mysterium des Lebens zu ergreifen imstande ist, deutet alles darauf hin, dass der Pfad endlos ist, und dass die Ewigkeit von der trägen Seele selbst in einer Million von Jahren nicht umgangen oder verwandelt werden kann.

Im Menschen --, mag man ihn als Individuum oder als ein Ganzes nehmen --, ist ganz augenfällig eine doppelte Konstitution vorhanden. Ich drücke mich damit etwas allgemein aus, indem ich mir sehr wohl bewusst bin, dass die verschiedenen philosophischen Schulen ihn nach ihren verschiedenen Theorien zerlegen und die einzelnen Teile wiederum teilen. Was ich sagen möchte, ist, dass zwei grosse Wogen der Empfindung durch seine Natur hindurchfluten, zwei grosse Kräfte sein Leben leiten: die eine macht aus ihm ein Tier, die andere einen Gott. Kein wildes Tier auf der Erde ist so brutal wie der Mensch, welcher seine göttliche Kraft der tierischen unterwirft. Dies ist selbstverständlich, da die ganze Stärke der doppelten Natur nach einer Richtung hin in Anwendung gebracht wird. Das Tier an sich gehorcht nur seinen Instinkten und wünscht nur seine Neigung zum Geniessen zu befriedigen; aber es kümmert sich wenig um das Dasein anderer Wesen, wenn sie ihm nicht Veranlassung zum Genuss oder Schmerz bieten; es weiss nichts von der abstrakten Liebe zur Grausamkeit oder von irgend einer jener abscheulichen Neigungen des Menschenwesens, die in sich selbst ihre eigene Befriedigung finden. So ist der Mensch, welcher zum Tier wird, in seinem Lebensbereiche dem natürlichen Tiere millionenfach überlegen; das, was sich bei dem natürlichen Tier als ein ganz unschuldiger Genuss, der nicht durch eine willkürliche Moralrichtschnur unterbrochen wird, darstellt, wird im Menschen zum Laster, da es systematisch betrieben wird. Ja, er wendet alle göttlichen Kräfte seines Wesens dieser Richtung zu und erniedrigt seine Seele, indem er sie zum Sklaven seiner Sinne macht. Der Gott in seiner Entstellung und Verhüllung dient dem Tiere und zieht es gross.

Ob es nicht möglich ist, die Situation zu verändern? Der Mensch selbst ist der König des Landes, in welchem dieses seltsame Schauspiel zu sehen ist. Er lässt das Tier die Stelle des Gottes einnehmen, weil für den Augenblick das Tier seiner eigensinnigen königlichen Einfalt am meisten gefällt. Das kann nicht für die Dauer sein; weshalb es aber überhaupt noch länger andauern lassen? Solange als das Tier dort herrscht, werden die empfindlichsten Leiden ihren Piatz behaupten infolge des Schwingens zwischen Freude und Leid, infolge des Verlangens nach Verlängerung des physischen Lebens mit seinen Genüssen. Und der Gott, in seiner Eigenschaft als Diener, trägt tausendfältig dazu bei, dies noch zu mehren; denn er verschärft das raffinierte, ästhetische Geniessen des physischen Lebens, er verschärft den Schmerz in einer Weise, dass mannicht weiss, wo dieser endet und wo die Freude-Empfindung anfängt. Solange der Gott dient, solange wird das Leben des Tieres bereichert und von unschätzbarem Werte sein. Anders aber, wenn der König sich entschliesst, das Bild seines Hofes zu ändern und gewaltsam das Tier von dem Thronsessel herunterzustossen und so dem Gotte seine heilige Stelle wiederzugeben.

Welch tiefer Friede schwebt dann in dem Palast! Dann ist alles in der Tat anders geworden. Nicht länger herrscht dann noch das Fieber persönlicher Sehnsucht oder persönlicher Wünsche, dann gibt es keinen Trotz mehr noch Verzweiflung, kein Streben mehr nach Genuss, noch Furcht vor Schmerz. Es ist als wenn eine grosse Stille auf den stürmischen Ozean herniedersteigt; als wenn ein linder Sommerregen auf den ausgetrockneten Boden herniederfällt; es ist wie wenn man auf einen tiefen See stösst inmittten der öden und schmachtenden Labyrinthe eines unwirtlichen Waldes.

Aber es ist noch mehr als alles dieses. Der Mensch ist nicht nur mehr als ein Tier deshalb, weil der Gott in ihm lebt, sondern er ist mehr als der Gott deshalb, weil das Tier in ihm ist.

Zwingst du einmal das Tier in seine richtige Stelle hinein, die des Untergebenen, so findest du dich in dem Besitz einer grossen Kraft, von der du vorher nichts wusstest und nichts ahntest. Der Gott als Diener vermehrt tausendfältig die Genussfähigkeit des Tieres, das Tier aber als Diener trägt tausendfältig bei zu den Kräften des Gottes. Auf dieser Vereinigung, der rechten Beziehung dieser beiden in ihm waltenden Kräfte, steht der Mensch wie ein starker König, er ist befähigt, die Hand zu erheben und den Riegel des „Goldenen Tores" zurückzuschieben. Befinden sich diese Kräfte in unangemessenem Verhältnis zueinander, dann ist der König nichts weiter als ein gekrönter Genussmensch, ohne Macht, und seine Würde spricht ihm nur Hohn; denn die Tiere, ungöttlich wie sie sind, kennen wenigstens den Frieden und werden nicht von Laster und Verzweiflung zerrissen.

Das ist das ganze Geheimnis. Das ist es, was den Menschen stark, mächtig und fähig macht, Himmel und Erde in seiner Hand zu halten. Bilde dir gar nicht ein, dass das etwa leicht ist. Lass dich nicht von der Idee täuschen, dass der religiöse oder tugendhafte Mensch es fertig bekommt. Nein. Sie tun nichts weiter, als dass sie eine Richtschnur, eine Praxis, ein Gesetz feststellen, durch welches sie das Tier im Zaume halten. Der Gott wird gezwungen, demselben in einer bestimmten Weise zu dienen, und er tut es auch, indem er es erfreut mit dem Glauben und den liebgewonnenen Phantasien der Frommen, mit dem erhabenen Gefühl persönlicher Würde, welches die Freude des Tugendhaften ausmacht. Diese besonderen und gewissermassen gesetzlich gebilligten Laster sind zu tiefstehende und niedrige Dinge für das blosse Tier, welches einzig und allein von der Natur selbst, die immer frisch ist wie die Morgenröte, inspiriert wird. Der Gott im Menschen, wenn er ausartet, ist etwas ganz Unaussprechliches in seiner schändlichen schöpferischen Fähigkeit.

Das Tier im Menschen, wenn es emporgehoben wird, ist über alle Vorstellung erhaben in seinen grossen Fähigkeiten des Dienstes und der Kraft.

Ihr, die ihr euer tierisches Selbst darauflos leben lasst und es nur innerhalb gewisser Grenzen hindert und haltet, vergesst, dass es eine grosse Kraft ist, ein zugehöriger Teil zu dem tierischen Leben der Welt, in der ihr lebt. Mit demselben könnt ihr über Menschen herrschen und die Welt selbst beeinflussen, mehr oder weniger bemerkbar je nach eurer Stärke. Der Gott, im Besitz der ihm gebührenden rechtmässigen Stelle, wird dieses ungewöhnliche Wesen so inspirieren und leiten, es so erziehen und entwickeln, es zur Tätigkeit und Erkennung seiner Art zwingen, dass es dich zittern machen wird, wenn du die Macht erkennst, die in dir erwacht ist. Das Tier in dir wird dann ein König sein unter den Tieren der Welt.

Das ist das Geheimnis der uralten Magier, die die Natur zu ihrer Dienerin machten und Wunder wirkten jederzeit nach ihrem Gefallen. Das ist das Geheimnis der kommenden Rasse, welche uns Lord Lytton im „Geschlecht der Zukunft" als Zukunftsbild entwarf.

Aber diese Macht kann nur erlangt werden, wenn man dem Gott die Alleinherrschaft gibt. Lass das Tier über dich herrschen und es wird niemals über andere herrschen.



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