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http://www.8-pfad.de/theosophie/konstanz/tor/schmerz.htm
Die Bedeutung des Schmerzes
Blicke tief in das Herz des Lebens, aus welchem der Schmerz hervorkommt, das Dasein der Menschen zu verdüstern. Er steht immer auf der Schwelle, und hinter ihm lauert die Verzweiflung.
Welcher Art sind diese beiden hageren Gestalten, und warum ist es ihnen gestattet, uns fortwährend auf dem Fusse zu folgen?
Wir selbst gestatten es ihnen, wir selbst treiben sie dazu an; genau so, wie wir die Tätigkeit unseres Körpers gestalten und antreiben; wir tun das gewissermassen unbewusst. Durch wissenschaftliche Prüfung und Untersuchung haben wir viel von unserem physischen Leben erfahren. Scheint es da nicht, als ob wir ein eben solches Resultat erzielen könnten bezüglich unseres inneren Lebens, indem wir ähnliche Methoden in Anwendung bringen?
Der Schmerz rüttelt auf, erweicht, zerbricht und zerstört. Von einem genügend entfernten Standpunkt aus betrachtet, erscheint er bald wie eine Medizin, bald wie ein Messer, bald wie eine Waffe, bald wie ein Gift, je nach dem. Er ist ein Hilfsmittel, das augenscheinlich zum Gebrauch vorhanden ist. Unser Wunsch geht nun dahin zu entdecken, wer es gebraucht. Welcher Teil von uns erfordert die Gegenwart eines Dinges, das den übrigen ein Gegenstand des Abscheues ist?
Die Medizin wird vom Arzt, das Messer vom Chirurgen gebraucht; aber die Waffe der Zerstörung wird von dem mit Hass erfüllten Feinde geführt.
Läuft es nicht darauf hinaus, dass wir nicht nur Mittel gebrauchen oder zu gebrauchen wünschen, die unsere Seele fördern, sondern auch, dass wir Krieg führen in unserem Inneren und wirklich in dem inneren Heiligtum kämpfen? Fast scheint es so; denn es ist sicher, dass, wenn des Menschen Wille in dieser Beziehung nachliesse, er das Leben in Verhältnissen, die den Schmerz bedingen, nicht länger aufrecht erhalten würde. Weshalb wünscht er sich selbst zu schaden?
Beim ersten Anblick scheint die richtige Antwort zu sein, dass der Mensch zunächst nach Genuss trachtet und deshalb gern auf jenem Schlachtfelde verbleibt, wo die Freude mit dem Schmerz Krieg führt um den Besitz des Menschen, während dieser voller Hoffnung ist, dass der Genuss den Sieg gewinnen und ihn (den Menschen) als Beute mit sich heimführen wird. Dies ist nur der rein äusserliche Aspekt von dem Zustande des Menschen. In seinem Innersten fühlt er aber sehr wohl, dass der Schmerz der Mitregent der Freude ist und dass, obgleich der Krieg hin und her wogt, der Sieg niemals gewonnen werden kann. Der oberflächliche Beobachter schliesst daraus, dass der Mensch sich in das Unvermeidliche fügt. Aber das ist ein Trugschluss, der der Erörterung nicht wert ist. Nur ein weniges ernsthaftes Nachdenken zeigt uns, dass der Mensch überhaupt nur existiert durch die Betätigung seiner positiven Eigenschaften; es ist daher nur logisch, wenn man voraussetzt, dass er den Zustand, in welchem er leben will, durch die Ausübung dieser selben Eigenschaften erwählt.
Zugegeben also nach unserer Beweisführung, dass er Schmerz wünscht, wie kommt es, dass er sich eine ihm selbst so beschwerliche Sache zu wünschen fähig ist? Wenn wir die Konstitution des Menschen und ihre Tendenzen sorgfältig betrachten, scheint es fast, als ob der Mensch nach zwei ganz bestimmten Richtungen hin wächst. Er ist wie ein Baum, der seine Wurzeln in den Boden schlägt, während er gleichzeitig junge Zweige nach dem Himmel emporsendet. Diese beiden Linien, weiche vom Mittelpunkt der Persönlichkeit nach aussen gehen, sind ihm klar, deutlich und verständlich. Die eine nennt er gut, die andere schlecht. Aber welcher Analogie, Beobachtung oder Erfahrung man auch folgen mag, der Mensch ist keine gerade Linie. Wäre dem nur so! Bestände doch das Leben oder der Fortschritt oder die Entwicklung oder wie wir es auch nennen mögen, darin, dass man einfach diese oder jene gerade Strasse verfolgte, wie es nach der Behauptung der Kirchengläubigen der Fall ist! Dann wäre die ganze Frage, das gewaltige Problem sehr leicht gelöst. Aber es ist nicht so leicht in die Hölle zu kommen, wie die Priester es uns darstellen. Es ist eine ebenso schwere Aufgabe, wie das Finden des Weges zum "Goldenen Tore". Der Mensch mag sich vollständig in Sinnenlust zu Grunde richten -- er mag seine ganze Natur scheinbar erniedrigt haben -- und doch wird es ihm nicht gelingen zum vollkommenen Teufel zu werden, denn immer noch ist ein Funke des göttlichen Lichtes in ihm. Er versucht es, die breite Strasse zu wählen, die zur Zerstörung führt, und mutig macht er sich auf den gefährlichen Weg. Aber sehr bald wird er gehemmt und erschreckt durch eine vorher nicht bemerkte Neigung in seinem Inneren -- eine der vielen anderen Ausstrahlungen, welche aus dem Mittelpunkt des Selbstes hervorgehen. Er leidet wie der Körper leidet, wenn er Auswüchse bildet, welche seine gesunde Tätigkeit hindern. Er hat Schmerz erschaffen und ist seiner eigenen Schöpfung gegenübergetreten. Es mag scheinen, als ob sich dieser Beweis nur schwierig auf den physischen Schmerz anwenden lasse. Und doch ist dem nicht so, wenn der Mensch von einem erhabeneren Standpunkt aus betrachtet wird, als dem, welchen wir gewöhnlich einnehmen. Wird er angesehen als eine kraftvolle Bewusstseinseinheit, die ihre äussere Offenbarung ihren Wünschen gemäss bildet, dann ist es klar, dass physischer Schmerz aus einer Unangemessenheit dieser Wünsche hervorgeht. Zweifellos wird vielen diese Auffassung vom Menschen etwas willkürlich erscheinen und einen übermässig grossen Sprung in unbekannte Regionen bedingen, wo ein Beweis nicht zu erhalten ist. Aber wenn der Intellekt daran gewöhnt auf das Leben von diesem Standpunkt aus zu blicken, wird sehr bald jeder andere unannehmbar sein; die Fäden der Existenz, die dem materialistischen Beobachter hoffnungslos verwirrt erscheinen, wirren sich auseinander und ordnen sich so, dass das Weltall von einem neuen verständlichen Sinne durchleuchtet wird. Der willkürliche und grausame Schöpfer, der nach seinem Belieben Leid und Freude auferlegt, verschwindet dann von der Bühne, zum allgemeinen Vorteil, denn er ist in der Tat eine unnötige Zugabe, ja noch schlimmer, eine blosse Strohpuppe, die nicht auf den Füssen stehen kann, ohne auf allen Seiten von Dogmatikern gestützt zu werden. Der Mensch kommt sicherlich in diese Welt auf Grund desselben Prinzips, nach welchem er in dieser oder jener Stadt der Erde lebt; wenigstens könnte man, wenn eine derartige Behauptung zu gewagt erscheinen sollte, getrost fragen, weshalb es wohl nicht so sein könnte? Weder für noch gegen diese Behauptung ist etwas vorzubringen, was dem Materialisten Stoff bieten oder vor einem Gerichtshof von Gewicht sein würde; aber das möchte ich jedenfalls zu Gunsten der Beweisführung hervorheben, dass kein Mensch, nachdem er sie einmal ernstlich in Betracht gezogen hat, zu den gangbaren Theorien der Zweifler zurückgehen kann. Es wäre, als ob man sich wieder in Windeln wickeln lassen wollte.
Wenn wir also unter Zugrundelegung dieser Beweisführung zugeben, dass der Mensch eine mächtige Bewusstseinseinheit darstellt, welche sein eigener Schöpfer, sein eigener Richter ist, und in welcher alles überhaupt mögliche Leben, sogar das letzte Ziel verborgen liegt, vermögen wir sehr wohl eine Betrachtung darüber anzustellen, weshalb er seine eigenen Leiden verursacht.
Wenn der Schmerz das Resultat ungleichmässiger Entwicklung, anormaler Auswüchse, krankhaften Voranschreitens auf verschiedenen Pfaden ist, weshalb lernt der Mensch nicht die Aufgabe, die alles dies ihn lehren sollte, -- weshalb bemüht er sich nicht, eine gleichmässige Entwicklung herbeizuführen?Die Antwort auf diese Frage scheint mir dahin zu lauten, dass dies ja eben die Aufgabe ist, welche die menschliche Rasse lernen soll. Vielleicht scheint diese Behauptung zu kühn zu sein, um ohne weiteres dem menschlichen Verstande vorgehalten werden zu können; denn dieser Verstand betrachtet den Menschen entweder als ein Geschöpf des Zufalls oder als eine Seele, die an das unerbittliche Wagenrad eines Tyrannen gefesselt ist und entweder zum Himmel oder zur Hölle gerissen wird. Aber solche Gedanken unterscheiden sich wenig von denen eines Kindes, welches seine Eltern als die schliesslichen Lenker seines Geschickes, ja gewissermassen als die Götter oder Dämonen seines kleinen Weltalls. Wenn es grösser wird, wirft es diese Idee beiseite; denn es findet, dass alles einfach eine Frage der Mündigkeit ist und dass es selbst der König seines Lebens ist, wie jeder andere erwachsene Mensch.
Genau so verhält es sich mit der menschlichen Rasse. Sie ist Königin ihrer Welt, Bestimmerin ihres eigenen Schicksals und es gibt nichts, was ihr Schranken setzen kann. Wer von Vorsehung und Zufall spricht, hat noch nicht zu denken begonnen.
In der Tat existiert ein unvermeidliches Geschick für die Rasse und für das Individuum; aber wer vermag dieses zu lenken, wenn nicht der Mensch selbst? Weder im Himmel noch auf Erden lässt sich ein Anhalt dafür gewinnen, dass es einen anderen Bestimmer des Schicksals gibt als den Menschen selbst, der das, was bestimmt wird, erleidet oder geniesst. Wir wissen so wenig von unserer eigenen Konstitution, wir sind so unkundig unserer göttlichen Funktionen, dass es unmöglich für uns ist, in Erfahrung zu bringen, wie sehr oder wie wenig wir wirklich das Schicksal selbst sind. Das aber wissen wir in jedem Falle, dass, so weit irgend welche beweisk:räftige Wahrnehmung geht, noch keine Spur fir das Vorhandensein eines Bestimmers entdeckt worden ist; wohingegen, wenn wir dem uns umgebenden Leben nur ein klein wenig Aufmerksamkeit schenken und die Wirkung des Menschen auf seine eigene Zukunft beobachten, wir bald diese Macht als eine wirklich tätige Kraft bemerken könnten. Sie ist sichtbar selbst bei dem so sehr beschränkten Umfange unseres Gesichtskreises.
Der in der Welt lebende unbefangene und einfache Mensch ist bei weitem der beste praktische Beobachter und Philosoph bezüglich des Lebens, da er nicht durch irgend welches Vorurteil geblendet ist. Er wird immer zu dem Glauben gelangen, dass der Mensch das, was er säet, auch erntet. Und dieser Glaube erweist sich bei näherer Untersuchung als so augenscheinlich wahr, dass er beim Betrachten des grösseren Gesichtskreises allen menschlichen Lebens die furchtbare Nemesis klar zum Verständnis bringt, welche bewusst die menschliche Rasse zu verfolgen scheint, -- jene unerbittliche Gestalt des Schmerzes inmitten der Freude. Die grossen griechischen Dichter sahen diese Gestalt so deutlich, dass die Überlieferung ihrer Schauungen uns jüngeren und blinderen Beobachtern einen deutlichen Begriff davon gegeben hat. Es ist unwahrscheinlich, dass eine so materialistische Rasse wie die, welche im Westen gross geworden ist, die Existenz dieses schrecklichen Faktors im menschlichen Leben entdeckt haben würde, ohne den Beistand der älteren Dichter -- der Dichter der Vergangenheit. Hier können wir einen besonderen Wert des Studiums der Klassiker hervorheben, nämlich den, dass die grossen Ideen über das menschliche Leben, welche die Alten so grossartig in ihrer Dichtkunst niederlegten, nicht ebenso verloren gehen wie ihre Künste. Zweifellos wird die Welt wieder aufleben, und grössere Gedanken und tiefere Entdeckungen als die der Vergangenheit werden den Ruhmesglanz einer zukünftigen Blütezeit bilden, aber bis dieser ferne Tag herankommt, können wir die uns hinterlassenen Schätze nicht hoch genug würdigen.
Eine Tatsache allerdings scheint beim ersten Anblick diese Auffassung des Problems völlig zu vernichten; das ist das Leid in dem anscheinend rein physischen Körper der stummen Wesen, der kleinen Kinder, Idioten und Tiere, -- und das Fehlen jeglicher Fähigkeit, dieses Leiden zu stillen, da nur das Wissen solche Fähigkeit verleiht.
Die Schwierigkeit, die sich hierdurch im Gemüte erhebt, entsteht aus dem unhaltbaren Gedanken einer Trennung der Seele vom Körper. Alle jene, welche nur das materielle Leben in Betracht ziehen -- und besonders die Ärzte -nehmen an, dass der Körper und das Gehirn ein paar Genossen sind, die zusammen Hand in Hand leben und in Wechselbeziehung zu einander stehen. Darüber hinaus erkennen sie keine Ursache und geben also auch keine zu. Sie vergessen, dass Gehirn und Körper ebenso augenscheinlich einen blossen Mechanismus darstellen als Hände und Füsse. Dahinter aber steckt der innere Mensch - die Seele, welche alle diese Werkzeuge benutzt. Und das ist bei allem Existierenden der Fall, nicht zum wenigsten beim Menschen selbst. Wir können keinen Punkt in der Stufenleiter des Seins finden, wo die Verursachungen, welche die Seele herbeiführt, aufhören oder aufhören können. Die stumpfsinnige Auster muss das in sich haben, was sie das untätige Leben, das sie führt, wählen lässt; keiner kann es für sie wählen, als die dahinter befindliche Seele, die sie es werden lässt. Wie könnte sie sonst da sein, wo sie ist, oder überhaupt ein Dasein haben? Nur etwa durch das Dazwischentreten eines unmöglichen Schöpfers, dem man bald diesen, bald jenen Namen gibt.
Weil der Mensch so träge, so wenig geneigt ist, Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, verfällt er auf das gelegentliche Hilfsmittel eines Schöpfers. Dieses ist in der Tat nur ein gelegentliches, da es nur während der Tätigkeit der besonderen Gehirnkraft andauern kann, die bei uns die ihr zukommende Stelle einnimmt. Wenn der Mensch dieses Verstandesleben aufgibt, lässt er mit demselben die zugehörige Laterna magica und die angenehmen Illusionen, die er mit ihrer Hilfe heraufbeschworen hat, fahren. Das muss ein sehr trostloser Augenblick sein und ein Gefühl der Blösse hervorrufen, welches von keiner anderen Empfindung erreicht wird. Es würde gut sein, sich diese unangenehme Erfahrung zu sparen -- dadurch, dass man sich weigert, unwirkliche Trugbilder als mit Fleisch und Blut und Kraft begabte Dinge anzusehen. Auf die Schultern des Schöpfers wirft der Mensch gern die Verantwortlichkeit nicht nur für seine Fähigkeit, Sünden zu begehen und für die Möglichkeit seiner Erlösung, sondern auch sogar für sein Leben, für sein Bewusstsein. Ein armseliger Schöpfer ist es, mit dem der Mensch sich so zufrieden stellen lässt, der Gefallen findet an einem Universum von Puppen und sich damit amüsiert, sie an ihren Drähten zu ziehen. Wenn er solchen Vergnügens fähig ist, muss er noch in seiner Kindheit stecken. Nach allem scheint es vielleicht so; der Gott in uns ist in seiner Kindheit und weigert sich, seinen hohen Stand anzuerkennen. Wenn die Seele wirklich den Gesetzen des Wachstums, des Verfalls und der Wiederverkörperung bezüglich ihres Körpers unterliegt, dann braucht man sich über ihre Blindheit nicht zu wundern. Aber offenbar verhält es sich nicht so; denn die Seele des Menschen gehört zu jener Art des Lebens, welche Gestalt und Form hervorbringt und selbst in keiner Weise von Dingen berührt wird, -- zu jener Art des Lebens, welche wie die reine abstrakte Flamme überall brennt, wo sie angezündet wird. Diese kann nicht durch Zeit verändert oder berührt werden; die Seele ist infolge ihrer Natur erhaben über Wachstum und Verfall; sie steht an jener ursprünglichen Stelle, von welcher die Formen des Lebens hervortauchen und zu welcher sie zurückkehren. Diese Stelle ist der Mittelpunkt des Daseins, in welchem ein beständiger Lebensfunke sprüht, so wie er sprüht in dem Herzen der Menschen. Nur durch die harmonische Entwicklung dieser Stelle -- indem wir sie zunächst einmal erkennen und sie dann auf den zahlreich ausgehenden Strahlen der Erfahrung gleichmässig entfalten -- wird der Mensch schliesslich befähigt, das »Goldene Tor" zu erreichen und den Riegel zurückzuschieben. Das Verfahren besteht in dem allmählichen Erkennen des Gottes in uns; das Ziel wird erreicht, wenn dieser Gottheit ihr wahrer Glanz bewussterweise wiedergegeben wird. Das erste, was die Seele des Menschen notwendigerweise tun muss, wenn sie diese grosse Aufgabe, das wahre Leben zu entdecken, auf sich nehmen will, ist dasselbe, was das Kind tut in seinem ersten Verlangen nach körperlicher Tätigkeit, -- sie muss fähig sein, zu stehen. Es ist klar, dass die Kraft des Stehens, des Oleichgewichts, der Konzentration in der Seele eine Eigenschaft bemerkenswerter Art ist. Das Wort, welches diese Eigenschaft am geeignetsten beschreibt, heisst: Vertrauen!
Mitten im Leben und seinen Wechselfällen Ruhe zu bewahren und fest an der erwählten Stelle zu stehen, ist eine Tat, welche nur der Mensch, der Vertrauen auf sich und seine Bestimmung hat, fertig bekommt. Sonst müssen die sich jagenden Formen des Lebens, die treibende Flut der Menschen, die grossen Gedankenströmungen ihn unvermeidlich mit sich reissen; und er wird jenen Bewusstseinsplatz verlieren, von dem aus es möglich war, das grosse Unternehmen zu beginnen. Sie muss vollbracht werden mit voller Überlegung, ohne Druck von aussen, -- diese Tat des neugeborenen Menschen. Alle Grossen der Erde haben dieses Vertrauen besessen; sie haben fest an jener Stelle gestanden, die für sie der einzige feste Punkt im Weltall war. Für jeden Menschen ist diese Stelle notgedrungen verschieden. Jeder Mensch muss seine eigene Erde und seinen eigenen Himmel finden.
Wir haben das instinktmässige Verlangen, den Schmerz aufzuheben, aber wir arbeiten hierin, wie in allem sonst, rein äusserlich. Wir suchen bloss ihn zu vermindern; wenn wir aber mehr tun und ihn von seinem zuerst erwählten Stützpunkt vertreiben, erscheint er wieder an einer anderen Stelle mit vergrösserter Stärke. Für den Fall, dass er von der physischen Ebene durch beharrliche und erfolgreiche Anstrengung vertrieben wird, erscheint er auf den Ebenen des Intellekts und Gefühls wieder, auf welchen niemand seiner habhaft werden kann. Dass sich dies so verhält, können jene leicht wahrnehmen, welche die mannigfaltigen Ebenen der Empfindung miteinander verknüpfen und das Leben mit dieser erhöhten Einsicht betrachten. Die Menschen sehen gewöhnlich die verschiedenen Arten des Gefühls als wirklich getrennt an, wohingegen sie in der Tat offenbar nur verschiedene Seiten eines einzigen Mittelpunktes sind, nämlich des Punktes, der die Persönlichkeit bildet. Wenn das, was sich im Mittelpunkt erhebt, die Quelle des Lebens, Hindernisse in der Tätigkeit verlangt und demzufolge Schmerz verursacht, muss die so geschaffene Kraft, die von dem einen Stützpunkt vertrieben wird, einen anderen finden; sie kann nicht ganz und gar verjagt werden. Alle Wirrnisse des menschlichen Lebens, welche Gemütsbewegung und Elend hervorrufen, existieren für die Zwecke des Schmerzes, wie für die der Freude. Beide haben im Menschen ihre Heimat; beide, Freude und Leid, fordern das Recht, in die Erscheinung zu treten. Der wunderbar feine Mechanismus des menschlichen Körpers ist so aufgebaut, dass er auf ihre leiseste Berührung reagiert; die ausserordentlichen Verwicklungen der menschlichen Verhältnisse treten ins Dasein, sozusagen um diesen beiden grossen Gegensätzen der Seele Genüge zu leisten.
Leid und Freude nehmen eine gesonderte Stellung ein und stehen getrennt von einander wie die beiden Geschlechter; dadurch, dass die zwei in eins verschmelzen, wird Glück und erhabene Ruhe und tiefer Frieden erlangt. Wo weder Männliches noch Weibliches, weder Leid noch Freude vorhanden ist, da herrscht der Gott im Menschen und da ist das Leben erst wirklich.
Diese Art, Behauptungen aufzustellen, mag der des Dogmatikers gleichen, welcher seine Lehren unwidersprochen von der sicheren Kanzel zu Tage fördert; und doch ist hier ebensowenig das Wort Dogmatismus am Platze, wie etwa der Bericht von den Anstrengungen eines Wissenschaftlers in einer neuen Richtung Dogmatismus zu nennen ist. Wenn nicht bewiesen werden kann, dass das Vorhandensein des „Goldenen Tores" etwas Wirkliches ist und mehr als das blosse Phantasiegebilde eines eingebildeten Träumers, dann ist es nicht der Mühe wert, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. In unserem 19. Jahrhundert sprechen nur feststehende Tatsachen und als gültig anerkannte Beweise zu dem Gemüte des Menschen; und es ist gut so, denn wenn das Leben, dem wir entgegengehen, nicht an Wirklichkeit immer zunimmt, ist es wertlos und es ist Zeitverschwendung, sich damit zu befassen. Wirklichkeit ist das, was der Mensch am dringendsten braucht, und er begehrt sie zu besitzen allen Gefahren zum Trotz, um jeden Preis. Sei es so! Keiner zweifelt, dass er recht handelt. Lasst uns denn gehen und nach Wirklichkeit suchen!
Eine ganz bestimmte Lektion, die alle schwer Leidenden gelernt haben, wird uns bei dieser Betrachtung von grösstem Dienst sein.
Bei heftiger Schmerzempfindung wird schliesslich ein Punkt erreicht, wo dieselbe von ihrem Gegensatz, der Empfindung der Freude, nicht zu unterscheiden ist. Es verhält sich dies in der Tat so; aber nur wenige haben den Heroismus oder die Kraft, das Leiden bis zu diesem fernen Punkt auszuhalten. Ebenso schwierig ist dieser Punkt auf dem anderen Wege zu erreichen. Nur wenige Auserwählte haben solche gigantische Aufnahmefähigkeit für die Freude, dass diese sie nach der anderen Seite hinüber zu geleiten vermag. Die meisten haben nur genug Stärke, zu geniessen und dann Sklaven des Genusses zu werden. Und doch hat der Mensch zweifellos den Heroismus in sich, der für diese grosse Wanderung nötig ist; wie hätten sonst die Märtyrer lächeln können inmitten ihrer Qualen? Wie kommt es, dass der in Verderbtheit versunkene Sünder, der nur für den Genuss lebt, doch zuletzt das Wehen des göttlichen Hauches in sich verspürt?
In diesen beiden Fällen hatte sich die Möglichkeit geboten, den Weg zu finden; aber nur zu oft wird jene Möglichkeit ertötet durch das Übergewicht der erschreckten Natur. Dem Märtyrer ist der Schmerz zur Leidenschaft geworden, so dass er in der Idee des heroischen Leidens sein Leben findet; der Sünder lässt sich durch den Gedanken an die Tugend blenden, so dass er sie als Zweck und Ziel, als ein göttliches Ding an sich vergöttert, während sie nur göttlich sein kann, insofern sie Teil eines unendlichen Ganzen ist, welches beides einschliesst: Tugend und Laster. Wie ist es möglich, das Unendliche -- das, was Eins ist -- zu teilen? Einen Gegenstand als Gottheit zu bezeichnen, ist ebenso unvernünftig, wie wenn man eine Tasse Wasser aus dem Meere nimmt und behauptet, dass hierin der ganze Ozean enthalten sei. Man kann den Ozean nicht zerteilen; gewiss, das Salzwasser ist ein Teil des grossen Meeres und muss es ja auch sein; aber trotzdem kann man das Meer nicht in der Hand halten. Die Menschen sehnen sich so sehr nach persönlicher Macht, dass sie nur zu bereit sind, die Unendlichkeit in eine Tasse zu füllen, die Idee der Gottheit in eine Formel zu bringen, damit sie sich den eingebildeten Besitz derselben einreden können. Das sind ja gerade diejenigen, die nicht imstande sind, sich aufzuraffen und sich dem ,"Goldenen Tore" zu nähern. Der gewaltige Atem des Lebens bringt sie in Verwirrung; Entsetzen erfasst sie, wenn sie sich seiner Gewalt gegenüber gestellt sehen. Der Götzendiener trägt das Bild des Götzen in seinem Herzen und weiht ihm zu Ehren eine Kerze. Es ist eben sein Götze und dieser Gedanke verursacht ihm Wohlgefallen, selbst wenn er sich in Ehrfurcht vor ihm beugt. Verhält es sich mit vielen tugendhaften und religiösen Menschen nicht ebenso? In der Tiefe der Seele brennt die Lampe vor einem Hausgötzen -- einem Ding, das seinem Anbeter gehört und ihm Untertan ist. Die Menschen klammern sich hartnäckig an die Dogmen, die moralischen Gesetze, die Prinzipien und Formen des Glaubens, welche ihre Hausgötter sind, ihre persönlichen Götzenbilder. Befiehl ihnen, die ewig brennende Flamme in Ehrfurcht vor dem Unendlichen anzuzünden, und sie werden sich von dir abwenden. Wie immer sie aber verächtlich über deine Einwendungen hinweggehen mögen, in ihrem Innern bleibt doch das Gefühl einer schmerzlichen Leere zurück. Denn die erhabene Seele des Menschen, der gewaltige König, der in uns allen ist, weiss nur zu gut, dass dieser Hausgötze in jedem Augenblick heruntergerissen und zerstört werden kann, dass er unvollkommen in sich ist, ohne wirkliches und absolutes Leben. Und doch war der Mensch zufrieden in seinem Besitz; er vergass, dass alles, was wir besitzen, nach den unveränderlichen Gesetzen des Lebens uns nur zeitweilig verbleiben kann. Er vergass, dass das Unendliche sein einziger Freund ist, er vergass, dass in der Glorie dieses Unendlichen seine einzige Heimat ist -- dass dieses allein sein Gott sein kann. Und doch hat er dort die Empfindung, als wenn er heimatlos wäre, während ihm in mitten der Opfer, die er seinem erwählten Götzen darbringt, eine kurze Ruhestätte bleibt, um deretwillen er sich leidenschaftlich daran anklammert.
Nur wenige besitzen den Mut, auch nur langsam der grossen Leere ins Auge zu schauen, welche ausserhalb ihrer selbst liegt; deshalb müssen sie stehen bleiben, wo sie sind, so lange sie der Persönlichkeit anhängen, dem „Ich", welches für sie das Zentrum der Welt, die Ursache alles Lebens ist. In ihrer Sehnsucht nach Gott finden sie den Grund seines Daseins; in ihrem Verlangen nach einem mit Sinnen begabten Körper und einer Welt voller Annehmlichkeit liegt für sie die Ursache des Weltalls. Dieser Glaube mag tief unter der Oberfläche verborgen sein, so dass er kaum zugänglich ist; aber die Tatsache seines Vorhandenseins ist eben der Grund, weshalb sich der Mensch aufrecht erhält. Der persönliche Mensch ist sich selbst die Unendlichkeit und der Gott. Er hält den Ozean in einer Tasse. In dieser Täuschung befangen, nährt er den Egoismus, welcher das Leben als Freude ansieht und das Leid als eine Annehmlichkeit mit in den Kauf nimmt. In diesem tief eingewurzelten Egoismus liegt ja gerade die Ursache und Quelle des Vorhandenseins von Freude und Leid. Denn wenn der Mensch nicht zwischen diesen beiden hin und her taumelte und sich unaufhörlich durch die Empfindung erinnerte, dass er existiert, würde er es vergessen. In dieser Tatsache liegt die ganze Antwort auf die Frage: Warum erschafft der Mensch Leid zu seiner eigenen Qual?
Die sonderbare und geheimnisvolle Tatsache bleibt bis jetzt unaufgeklärt, dass der Mensch, indem er sich auf diese Weise selber betrügt, die Natur bloss in ihrer Rückseite deutet und den Sinn des Lebens in Worte des Todes kleidet. Denn dass der Mensch tatsächlich in seinem Inneren die Unendlichkeit trägt, und dass sich der Ozean wirklich in der Schale befindet, ist eine unbestreitbare Wahrheit; - aber nur deshalb, weil die vermeintliche Schale in Wirklichkeit ganz und gar nicht vorhanden ist. Sie ist nur eine Erfahrung des Unendlichen, die keine Dauer hat und in jedem Augenblick vernichtet werden kann. Weil der Mensch Wirklichkeit und Dauer für die vier Wände seiner Persönlichkeit beansprucht, zeitigt er jenen gewaltigen Missgriff, der ihn in eine immer länger werdende Reihe von unglücklichen Zwischenfällen stürzt und ohne Unterlass die bei ihm vorhandenen und besonders von ihm begünstigten Formen der Sinnesempfindungen stärker werden lässt. Freude und Leid werden wirklicher für ihn als der grosse Ozean, von dem er ein Teil ist und in dem er seine Heimat hat; fortwährend schlägt er sich wund an diesen Wänden, innerhalb deren er empfindet, und sein winziges Selbst zittert im selbstgewählten Kerker hin und her!
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