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Weltanschauung der Brahmanen vor Budda












Begriffserklärungen zu Hesse: Siddhartha
von Albert Schweitzer.

http://www.oekosophie.de/html/begriffserklarungen_zu_hesse__.html

Weltanschauung der Brahmanen vor Budda


Zitat:
Es ist ja nicht so, daß dieser durch Erkenntnis, Askese und Sich-Versenken das Eins-Sein mit der All-Seele erst erwirbt. Er hat dadurch nur dies voraus, daß er um die Seligkeit, die seiner wartet, weiß und sie schon in dieser Welt genießt, indem er sein Erdendasein in innerlicher und äußerlicher Freiheit von der materiellen Welt und in einem ganz auf die All-Seele gerichteten Sinnen verbringt.Die Lehre von der Wiedergeburt hingegen geht von der Voraussetzung aus, daß Seelen in der Sinnenwelt gefangen sind. Wie sie in die All-Seele zurückkehren können, wird also zum Problem.
Die Wiedergeburtslehre ist eigentlich nur mit der Erlösung des Menschen beschäftigt. Sie macht das Freiwerden von der Körperlichkeit von einer Erkenntnis und einem Verhalten abhängig, deren nur höchstentwickelte Menschen fähig sind. Die Welterlösung kann sie sich also nur so vorstellen, daß alle in der Sinnenwelt befindlichen Seelen, von Existenzform zu Existenzform aufsteigend, nach und nach in höchste Menschenexistenz eingehen und sich in dieser die Fähigkeit zur Rückkehr in die All-Seele erwerben.
Nicht einmal die Erlösung des Menschen vermag die Wiedergeburtslehre in befriedigender Weise begreiflich zu machen. Sie lässt Menschen zur Strafe für ihren schlechten Wandel in die Existenz verachteter und böser Tiere eingehen. Aber wie sie sich aus dieser wieder zu einer höheren herausarbeiten können: diese Frage bleibt bei ihr ungelöst. Die Wiedergeburtslehre befindet sich hier mit sich selber in Widerspruch. Sie muss die Erlangung der höheren Existenzweise von dem ethischen Verhalten abhängig sein lassen. Wie aber kann sich die einmal in ein Tierdasein herabgesunkene Seele ethische Verdienste erwerben? Eigentlich muss die Wiedergeburtslehre die Erlösung der ins Tierdasein eingegangenen Seelen also für so gut wie unmöglich ansehen. Diese Feststellung findet sich bei Buddha.
Jahrhundertelang wird nun das indische Denken von der Angst des Verbleibens im Kreislauf der Wiedergeburten beherrscht, von der die ursprüngliche brahmanische Lehre nichts wusste.

Die Sämkhya-Lehre läßt die Welt aus zahllosen Materien-Einheiten und Seelen-Einheiten bestehen, die miteinander verbunden sind. In Vielem berührt sich ihre Anschauung mit der Leibniz'schen Monadenlehre.Die immaterielle Seele vereinigt sich mit einer feinstofflichen, psychischen. Die letztere ist als ein ätherischer, unsichtbarer und unvergänglicher Leib gedacht. Die Sämkhya-Lehre behauptet ja die Ewigkeit der Materie. Wenn der Mensch stirbt, vergeht nur sein grob-materieller Leib. Sein unvergängliches psychisches Ich, der ätherische Leib, bleibt mit der immateriellen Seele vereint und geht mit ihr fort und fort in neue Wiedergeburt ein.

Der Särpkhya-Lehre sind die Vorstellungen entnommen, auf denen sich die moderne Theosophie und Rudolph Steiner's Anthroposophie erbauen. Ganz wie in der Särpkhya-Lehre hört auch bei Steiner die zwischen der ewigen, immateriellen Seele (er nennt sie Geist) und der psychischen Seele bestehende Verbindung dadurch zu bestehen auf, daß die psychische Seele zu völliger Läuterung gelangt. Nur deutet Steiner die Sämkhya-Lehre ins Ethische und ins Welt- und Lebenbejahende um. Der in die irdische Existenz eingehenden ewigen Seele ist, ihm zufolge, bestimmt, etwas für das Weltganze Wertvolles zu wirken.
Albert Schweitzer, 1935.
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