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Gibt es eine "Erbsünde"?
von Winfried Borlinghaus
Frage
Was sagt die Bibel zu dem Begriff "Erbsünde"? Mir ist der Blick auf dieses Thema durch 2000 Jahre kirchliche Dogmatik verstellt. Wenn es eine Erbsünde gibt, wie kann man sich die Weitergabe dieser Sünde praktisch vorstellen - ist das in unseren Genen verborgen oder geschieht es durch Erziehung?
(DS)
Antwort
Das Grundproblem beim Nachdenken über "Erbsünde" ist eigentlich der Begriff "Sünde" selbst. Nach dem biblischen Verständnis bedeutet Sünde nicht nur eine Verfehlung, sondern eine "von Gott trennende Wirklichkeit des Menschen" (W. Günther, Theol. Begriffslexikon: Sünde). Dagegen verstehen viele Menschen die Sünde heute ausschließlich als ein Verstoß gegen Gottes Gebote in Gedanken, Wort und Tat.
Dies ist zwar ebenfalls eine richtige Bedeutung des Wortes, aber Sünde ist im theologischen Sinne viel mehr. Sünde ist ein Zustand der Trennung von Gott, bedingt durch die Ereignisse des im ersten Buch Moses berichteten "Sündenfalls": Die Menschen "fielen“ aus freier Entscheidung von Gott ab, indem sie Gott ihrem Schöpfer misstrauten und die von Gott gestellte einfache Vertrauensprüfung in der Form "Du sollst nicht essen ..." nicht bestanden (1.Mose 2,17).
Die Folge war das Gerichtsurteil Gottes, nämlich die Ausweisung aus dem Paradies. Das bedeutete das Ende der unmittelbaren Gemeinschaft zwischen Gott dem Schöpfer und seinen ihm zum Bilde geschaffenen Menschen. Diese Trennung, die die gesamte Schöpfung in Mitleidenschaft zog, ist grundsätzlicher Art und betrifft seither jeden Menschen. Jedes Kind wird in diesen Zustand der Gottesferne hineingeboren.
Dieser Fluch Gottes, der seit Adam und Eva auf der Menschheit lastet, kann als Erbsünde bezeichnet werden, obwohl der Begriff selbst nicht in der Bibel vorkommt. Er umschreibt lediglich die Tatsache, dass nun jeder Mensch als Sünder (getrennt von Gott) geboren werden muss, ohne dass er sich zunächst einmal persönlich an Gott versündigt hätte. Das konkrete Handeln gegen Gott ist schließlich die aus diesem Zustand folgende Tat. Der Unterschied zu Adam und Eva ist der, dass jene sich durch die konkrete Einzeltat in den Zustand der Sünde brachten, während heute die böse Tat die Folge dieses Zustandes ist. "Erbsünde" und die Tat als Folge sind deshalb weder durch Erziehung noch genetisch bedingt und somit auch nicht durch erzieherische Maßnahmen oder genetische Manipulationen aufhebbar.
Der Mensch kann sich aus diesem Dilemma nicht selbst retten, auch wenn er sich z.B. noch so sehr bemüht, ein moralisch hochstehendes Leben zu führen oder Gutes zu tun. Deshalb bezeichnet Paulus es sogar als Fluch, wenn Menschen versuchen, durch das Einhalten des alttestamentlichen Moralgesetzes vor Gott annehmbar zu werden. Diese Bemühungen bringen nur immer wieder ans Tageslicht, dass wir uns im Zustand der Sünde befinden und nicht in der Lage sind, Gottes Gebote konsequent zu befolgen:
Denn die aus den Werken des Gesetzes leben, die sind unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben
5.Mose 27,26
Verflucht sei jeder, der nicht bleibt bei alledem, was geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, dass er’s tue!
Galater 3,10
Genau das kann der Mensch, der sich im Zustand der Sünde befindet, aber nicht tun! Das Gesetz ist quasi ein Hinweis darauf, dass ein himmlischer Retter nötig ist. Der einzige legitime Ausweg aus dieser aussichtslosen Situation ist tatsächlich der Glaube an Jesus Christus, der im Auftrag des Vaters den Weg durch sein Opfer am Kreuz und durch seine Auferstehung von den Toten wieder frei gemacht hat. Deshalb schreibt Paulus:
Kein Mensch kann vor ihm (Gott) gerecht sein. Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde [...] Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade, durch die Erlösung, die durch Christus geschehen ist.
Römer 3,20-24
(vgl. Galater 2,16)
Die Bedeutung der Person Jesus Christus für unser Leben wird erst auf diesem Hintergrund richtig verständlich. Nur wenn der Zustand der Sünde so abgrundtief und durch menschliche Kraft nicht zu überwinden ist, wie die Bibel es beschreibt, kann das Evangelium als unendlich befreiende Nachricht begriffen werden. Damit ist auch klar, dass es keinen anderen Weg der Versöhnung mit Gott geben kann, als den, den er selbst eingerichtet hat. Dazu sagt der Apostel Petrus:
Und in keinem andern ist das Heil [die Rettung], auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig [gerettet] werden.
Apostelgeschichte 4,12
http://www.nikodemus.net/600-Gibt_es_eine_Erbsuende.htm
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