Kritik vs Ermutigung



Fehlern in Mitmenschen begegnen wir mit:
Kritik, damit der andere ganz klar seine Fehler erkennt
3%
 3%  [ 1 ]
Ermutigung, wir betrachten gemeinsam etwas schönes
29%
 29%  [ 8 ]
Erst Kritisieren, Fehler aufzeigen, dann ermutigen
22%
 22%  [ 6 ]
Erst Ermutigen, dann auf die Fehler hinweisen
37%
 37%  [ 10 ]
Weder ermutigen noch kritisieren, jeder soll doch machen was er will
7%
 7%  [ 2 ]
Stimmen insgesamt : 27

Ihr lieben,

aufgrund meiner eigenen Lebenserfahrung muß ich sagen, daß ich mich über noch so konstruktive Kritik immer geärgert und über Ermutigung immer gefreut habe. Ich weiß noch, ist jetzt 32 Jahre her, war gerade erst Bahá'i geworden und voller Freude nach Langenhain gefahren, zum Tempel. Eine Bahá'i Freundin sprach mich an. Sie erzählte mir, sehr wohlwollend, daß Bahá'u'lláh auf Sauberkeit allergrößten Wert lege. So wäre es absolut wesentlich, daß die Fingernägel immer 100 Prozent sauber wären, und sie würde bei mir sehen, daß da ein wenig schwarz drunter wäre. Ich machte damals übrigens gerade eine Ausbildung als Landschaftsgärtner, meine Hand war den ganzen Tag mit Erde in Verbindung.
Sie erklärte mir bestimmt 10 Minuten lang wie ungeheuer wichtig diese Sauberkeit unter den Fingernägeln ist, und führte zig Beispiele an, die alle Vorteile dieses Zustandes herausstellten.
Ich war im Himmel der Freude und diese Frau holte mich auf die Erde zurück. Aus dem strahlenden, entflammten Herzen wurde ein Junge der seine Fingernägel nicht ganz sauber hat. Noch heute schüttelt es mich wenn ich daran denke. Und ich komme bis heute nicht darüber hinweg, und lehne Kritik aus allertiefstem Herzen ab.
In anderen Fällen kamen Freunde, die sahen meine Probleme und ermutigten mich. Noch heute erhellt sich mein Herz wenn ich an sie denke. Gerade wenn wir das Herz öffnen sind wir verletzlich. Kritik ist heutzutage in aller Munde, und es wird allgemein angenommen, daß Kritik positiv ist.
Von daher würde mich eure Erfahrungen mit Kritik interessieren, deshalb diese Umfrage.

Ein par Textstellen habe ich dazu herausgesucht:

Zitat:
Wir bekämpfen die Meinungen anderer nicht und heißen auch das Kritisieren nicht gut (Abdu'l-Baha, BEANTWORTETE FRAGEN)


Wir sind wie Pflüger, von denen jeder sein Gespann zu führen und seinen
Pflug zu lenken hat. Um seine Furche gerade zu halten, muß jeder seinen Blick auf sein Ziel richten und sich auf seine eigene Aufgabe konzentrieren. Wenn er da - oder dorthin schaut, um zu sehen, wie Hans und Gustav zurechtkommen, um ihre Arbeit zu kritisieren, dann wird seine eigene Furche bestimmt krumm werden. (Shoghi Effendi)

Zitat:
Hierzu gehört auch die Tendenz der Freunde, einander bei der geringsten Provokation zu kritisieren, wohingegen die Lehren sie auffordern, einander zu ermutigen. (UHG)


Zitat:
Schließlich mahnen sie, in Gedanken und Worten den gültigen Gesetzen der Regierung des Reiches aufrichtig gehorsam zu sein und sich von den Methoden, Vorstellungen und schlecht begründeten Argumenten sowohl der extrem Konservativen wie der Modernisten fernzuhalten, den Repräsentanten von Kunst und Wissenschaft Ehre, Hochachtung und Respekt zu zollen und ihre Leistungen zu würdigen, diejenigen zu achten und zu ehren, die über weites Wissen und wissenschaftliche Bildung verfügen, das Recht auf Gewissensfreiheit hochzuhalten und keinesfalls die Sitten, Bräuche und Glaubensvorstellungen anderer Personen, Völker und Nationen zu kritisieren oder herabzusetzen. (Shoghi Effendi)


Alles Liebe von Yojo
_________________
"Es ist die Sehnsucht Gottes an diesem Tage, alle Menschen als eine Seele und einen Körper zu betrachten" (Bahá'u'lláh)
Mein lieber Yojo,

Das ist wirklich so ein schönes Thema: Ermutigung! Man glaubt gar nicht, welche positiven Auswirkungen Ermutigung und Lob auf einen Menschen haben kann. Immer und immer wieder habe ich beobachtet, wie Menschen, die eine Sache nicht beherrschten, durch richtige Ermutigung zu Profis in jener Sache wurden. Bei mir selbst war es nicht anders!

Das, was Du erzählt, ist einfach schlimm, mich würde es auch sehr verärgern (wegen der Kleinigkeit der unsauberen Fingernägel den Enthusiasmus von jemandem wegzunehmen). Baha'u'llah sagt in den Verborgenen Worten auch:

Zitat:
"Sprich nicht über die Sünden anderer, solange du selbst ein Sünder bist."


Zitat:
"Wie konntest du deine eigenen Fehler vergessen und dich mit den Fehlern der anderen befassen?"


und jeder kennt auch:

Zitat:
"Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein". Christus


Trotzdem ist es leichter andere zu kritisieren und auf ihre Fehler zu sehen. Eines der schönsten Stellen zu diesem Thema ist von Abdu'l-Baha, wo er einen "Tipp" gibt, wie man es schafft, nicht die Fehler der anderen zu sehen:

Zitat:
Lebt in vollkommener Einheit. Werdet niemals aufeinander böse ... Liebt die Geschöpfe aus Liebe zu Gott und nicht um ihrer selbst willen. Ihr werdet niemals böse oder ungeduldig werden, wenn ihr sie um Gottes willen liebt. Die Menschheit ist nicht vollkommen. In jedem Menschenwesen gibt es Unvollkommenheiten, und ihr werdet immer unglücklich sein, wenn ihr auf die Menschen selbst schaut. Wenn ihr aber auf Gott schaut, werdet ihr sie lieben und gut zu ihnen sein; denn die Welt Gottes ist die Welt der Vollkommenheit und vollendeter Barmherzigkeit. Schaut darum nicht auf die Mängel an diesem und jenem. Blickt mit dem Auge der Vergebung. Das unvollkommene Auge sieht Unvollkommenheiten. Das fehlerbedeckende Auge aber schaut auf den Schöpfer der Seelen. Er erschuf sie, erzieht und versorgt sie, verleiht ihnen Fähigkeiten und Leben, Gesicht und Gehör. Darum sind sie die Zeichen seiner Größe.


Tschüss, Deas
_________________
"Die Trübsale dieser Welt gehen vorüber, und was uns bleibt, ist das, was wir aus unserer Seele gemacht haben." Shoghi Effendi
Liebe Freunde,

Deas zitiert Baha'u'llah:
Zitat:
Sprich nicht über die Sünden anderer, solange du selbst ein Sünder bist.

Dabei benutzt Baha'u'llah das Wort "über" und meint meiner festen Überzeugung nach wieder die Kritik an jemandem anderen hinter dessen Rücken.

Auch Abdu'l-Baha ist das Kritisieren nicht fremd, was er selber zugibt:
Zitat:
Wir üben nicht gern Kritik, aber die Geschichte des Vatikans ist sehr außergewöhnlich. [...]

(Abdu'l-Baha, BEANTWORTETE FRAGEN)

Und Shoghi Effendi schreibt über Abdu'l-Baha:
Zitat:
Laßt sie sich an Seinen Mut erinnern, Seine lautere Liebe, Seine zwanglose und keine Unterschiede machende Kameradschaftlichkeit, Seine Verachtung und Sein Unwille gegenüber jeder scharfen Kritik, die durch Seinen Takt und Seine Weisheit gemildert wurden.

(Shoghi Effendi, Das Kommen Goettlicher Gerechtigkeit)

Hier wird auch wieder nur von "scharfer Kritik" gesprochen, was meine These weiter unterstützt.

Und im Leitfaden für Geistige Räte lautet sogar eine Überschrift:
Zitat:
2.3. Offen Kritik, Vorschläge und Empfehlungen zur Verbesserung äußern

(Berateramt-Hilfsamt, Leitfaden Geistige Raete)

Das impliziert für mich geradewegs eine andere Sichtweise als die eure: Meiner Meinung nach ergibt sich daraus, dass man gerade dazu verpflichtet, konstruktive Kritik zu äußern.

Eure Ablehnung gegen Kritik in Ehren, und ich schätze es euch hoch an, wenn ihr jemanden nur ermutigen und nicht (positiv) kritisieren wollt, aber das kann ich persönlich leider nicht, und der Baha'i Glaube verlangt es auch nicht.
_________________
Liebevolle Grüße,
Markus
Hallo !

Doch es ist ein schönes Thema....

Jeder Mensch hat Fehler, es kommt aber darauf an, um was es geht.

Auch denke ich, hat man einen Fehler erkannt und berichtigt ihn, ist es auch kein Fehler mehr. Man benötigt Menschen, die einen darauf hinweisen, denn nur so, kann man sich verbessern und da kann Kritik auch mal gut sein, ist ja nicht immer negativ.

Dennoch, es kommt darauf an um was es sich handelt. Man kann das nicht so pauschalisieren, da es auch hilfreich sein kann, Kritik zu üben.

Das Beispiel von Dir, lieber Yojo, war bestimmt nicht schön für Dich, da man Dich in diesem Moment eines Gefühls beraubt hat und Dich für etwas getatelt hat, was im Auge des Betrachters, sich als Fehler darstellte.
Vielleicht hättest Du erklären können, warum und wieso die Nägel nicht 100% sauber sind, aber, m.E. war diese Frau , etwas übereifrig.
Schlimm, das es Dir bis heute in Erinnerung geblieben ist....

Also ich denke, Kritik kann durchaus hilfreich sein, man sollte aber versuchen, sie "richtig" anzuwenden, nämlich möglichst so, dass man dem anderen damit hilft !

LG
Luna
Hallo -

das unterschiedslose Kritisieren von Kritik an sich ist m.E. ein Irrweg.
Fehler und Irrtümer existieren, und man kann sie nicht weg-loben oder weg-ermutigen.
Wenn jemand immer wieder auf die Treppe kotzt, werde ich ihn davon nicht abbringen,
indem ich seinen schönen Gesang lobe, wenn er vom Wirtshaus heimkommt...
Wenn wir hier einander nicht kritisieren, sondern immer nur ermutigen würden,
welchen Nährwert hätte ein Diskussionsforum überhaupt? Alles Neue ist implizit Kritik
am Alten - wie hätte die Baha'i-Religion entstehen können, wenn sie nicht das kritisiert
hätte, was vorher anders war?
Wie bei allem anderen, liebe Wu, "macht der Ton die Musik" (...Musik wird oft als Lärm empfunden, weil sie mit Gräusch verbunden..... -fürs Quizbot: Von wem stammt das...?).

Abdul`Baha würde die Kotzerei vor`m Wirtshaus wegmachen - wenn sein muss über Jahrzehnte- und versuchen, den eifrigen Geniesser vom Wohl des mystischen Weines der Verse Gottes zu überzeugen... Das ist auch eine Verhaltenskritik, aber keine mit dem erhobenen Zeigefinger...
Lieber Thomas,

gegen erhobene Zeigefinger bin ich ebenfalls allergisch - natürlich kann man Kritik
so und anders anbringen; ich kenne auch da schöne und erhebende Beispiele -
aber nur mit Lob und Ermutigung, das würde ich mit dem gleichsetzen, was man
in der Erzeihung Laissez-faire nennt - so sehr ich einen 'antiautoritären' Stil schätze,
das Prinzip von Ursache und Wirkung deutlich zu machen ist in jeder Erziehung nötig;
und mit Bestärkung allein verschleiere ich das nur...
Kritik und Ermutigung (Lob) sind Gegensätze. Nur nach dem einen zu streben und das andere zu vernachlässigen, führt dazu, dass das andere schließlich umso gewaltiger hervorbricht. Alle Gegensätze verhalten sich so. Daher muss man sowohl kritisieren als auch loben!

Am besten ist es, zuerst Kritik auszusprechen und dann Ermutigung, dann bleibt die Ermutigung als letzter Eindruck im Gedächtnis.
hallo,
ähnlich sehe ich das auch.
Vorallem kann ich niemandem zuerst Ermutigung bieten, wenn er denn gar nicht weiss wofür. Ich kritisiere etwas, zeige dann warum ich kritisiert habe (weise also somit auf mögliche Fehler hin) und kann dann ermutigen.
Demzufolge galt numero 3 mein Click.

Gaby
Wenn schon Kritik, dann möglichst Objektiv. Schulnoten könne auf der einen Seite Kritik zeigen, auf der anderen aber zeigt es den Stand oder das Verständnis der Dinge. Ermutigend wäre, einem Kind zu helfen, besser zu werden und ihm in seinem Streben nach Wissen zu unterstützen.
Also, vielleicht gehen konstruktive Kritik und Ermutigung Hand in Hand. Schreibe ich eine schlechte Note, wäre Ermutigung, wenn mir jemand sagt, das und das ist gut, oder, nächstes mal wird es schon besser werden. Aber schreibe ich eine Arbeit und bekomme keine Note, bin ich mir meiner Fehler nicht bewusst.
Tja, das mit der Kritik ist schon schwierig.