|
|
|
POP-UP
Dieselbe Rede Jesu ist auch im Lukas-Evangelium überliefert. Manchmal ist es sehr nützlich, nachzuschlagen und zu vergleichen. In Lukas 12,51 heißt es: „Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frie-den, sondern Entzweiung.“ Sehen Sie, wie nützlich das ist? Hier steht statt Schwert Entzweiung. Mit einem Federstrich ist der Mythos beseitigt, Jesus sei gekommen, um Kriege gegen feindliche Völker zu führen!
Es geht um Entzweiung. Menschen, die sich bis dahin gut verstanden haben, werden sich fremd. Dicke Freunde werden erbitterte Feinde. Jesus wählt ein besonders krasses Beispiel: die Familie. Hier haben wir ihn wieder: Jesus, den Provokateur. Die Familie – das ist doch der Kern und das Fundament jeder Gesellschaft. Die Familie ist sakrosankt – bei uns im Westen vielleicht nicht mehr unbedingt, aber dafür umso mehr im Nahen Osten. Wenn irgendwo Frieden herrschen muss, dann in der Familie. Hier haben wir die engsten und wichtigsten Be-ziehungen, die es auf der Erde gibt. Treibe einen Keil zwischen Mann und Frau, treibe einen Keil zwischen Eltern und Kinder, und du zerstörst die Grundlage des menschlichen Zusam-menlebens. Nie würde es in der nahöstlichen Kultur ein Sohn wagen, gegen seinen Vater zu rebellieren. Der Vater ist der Hausherr; was er sagt, wird gemacht.
Und was sagt Jesus? „Ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien!“ Wie bitte? Das soll der Messias sein, ein Entzweier statt ein Versöhner? Man hört die Leute förm-lich nach Luft schnappen vor Empörung. „Ich bin gekommen, um die Tochter mit ihrer Mut-ter zu entzweien und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.“ Na ja, das mit der Schwiegermutter und der Schwiegertochter könnten manche noch nachvollziehen – oder wa-rum gibt es sonst so viele bitterböse Witze über diese Beziehung? (Mir selbst fällt es aller-dings ziemlich schwer, mich da reinzuversetzen; ich habe die besten Schwiegereltern, die man sich denken kann, und meine Eltern hätten sich keine liebenwürdigere, tüchtigere und klügere Schwiegertochter wünschen können. – Vorgestern war Valentinstag; da darf man ruhig mal ein kleines Kompliment machen.) Aber es soll ja Familien geben, wo es gerade bei den Schwieger-Beziehungen noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Na ja. Aber dass Jesus die Gräben noch vertieft, statt sie zuzuschütten – das ist unerhört. Wie meint er das nur?
Zum Glück hat er immer noch nicht zu Ende gesprochen. Lesen wir also weiter: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, mein Jünger zu sein, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, mein Jünger zu sein.“ (Matthäus 10,37)
Wie bitte? Ich soll Jesus mehr lieben als meine Mutter, mehr als meine Kinder, mehr als mei-ne Frau? Das ist der Gipfel der Provokation! Was bildet sich dieser Jesus nur ein? Für wie wichtig hält er sich denn? Wer ist Jesus, dass er sich über die Familie stellen darf? Wer ist Jesus, dass er eine solche bedingungslose, absolute Bindung an seine Person fordern darf? Ist er größenwahnsinnig? Oder ist er wirklich so bedeutend?
|
|
|