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http://www.8-pfad.de/theosophie/konstanz/lust_schmerz/kap_1.htm
KAPITEL I
Unser ganzes Leben in seiner jetzigen Daseinsform ist aus Lust und Schmerz zusammengesetzt und wir können uns von keinem anderen Zustande eine Vorstellung machen, in welchem wir ohne die Hilfe dieser Empfindungen Bewusstsein haben könnten. Sie bilden nicht nur unser jetziges Dasein, sondern sie sind in der Tat die goldenen Tore, durch welche wir zu einem höheren Leben gelangen. Durch sie geht der Pfad, der uns zu unendlicher Macht, absoluter Erkenntnis und vollkommener Liebe führt. Wenn man in beiden die äusserste Grenze erreicht, und die Empfindung den Menschen gelehrt hat, dass sie eins und dasselbe sind, dann sind die Tore bereit, sich vor ihm zu öffnen. Die ersten sieben Vorschriften von „Licht auf dem Weg" beziehen sich ausschliesslich auf jenen Teil des Empfindens, welchen wir Schmerz nennen, und dieser Schmerz ist nicht derjenige des gewöhnlichen (äusseren) Menschen, sondern der des Okkultisten. Der alltägliche Mensch leidet nur wegen sich selbst oder wegen derjenigen, die ihm am nächsten und teuersten sind. Der Okkultist leidet in und mit der ganzen Welt. Er hört beständig ihren Notschrei ertönen, und nicht ehe er selbst in die tiefsten Höllen des Jammers, welche in der Welt existieren, hinabgestiegen ist und mit den Gequälten und Unterdrückten die Kreuzigung erlitten hat, können die Füsse der Seele im „Blute des Herzens gewaschen" werden. Es kommt ein Augenblick, in welchem das ganze Leben der Alleinstehenden Persönlichkeit seine Schranken zu sprengen und in seinem Mitgefühl unendlich zu werden scheint. Dann strömt das Blut des Herzens nach aussen und fliesst in die Tiefe zusammen mit dem Herzblute der Opfer der Welt. Aber ehe diese Stunde kommen kann, hat der Jünger die Fähigkeit verloren, seine eigenen persönlichen Übelstände zu beklagen, und somit sind seine Augen tatsächlich unfähig geworden, Tränen zu vergiessen; denn für denjenigen, welcher den Verlust seines eigenen Kindes oder das Leiden, das ihm ganz nahe steht, beweinen kann, wird diese Erleichterung zur Unmöglichkeit, wenn er die Menge des Jammers, der in der Welt existiert, erfasst. Tränen sind zu unbedeutend, um sie an einem solchen Schreckensaltare zu opfern, wo zu jeder Stunde den Tyranneien, Grausamkeiten und der Habsucht der blinden Menschheit Opfer gebracht werden. Der Erlöser der Welt geht mit trockenen Augen durch die dunkeln Orte derselben, vertieft in die Betrachtung der erbarmungslosen Herrschaft des Schmerzes, welche stets auf ihrem Throne sitzt, mächtig wie eine rächende Göttin. Sein eigener Schmerz, sein Verlust oder Schmerz sind nur Tropfen in dem grossen Ozean von Kummer, und er hat erfahren, dass Tränen nur für diejenigen sind, welche sich noch immer von dem Ganzen trennen und gegen das Schicksal, welches sie befällt, sträuben. Persönliche Sorge ist eine Eigenschaft des Menschen, ehe er angefangen hat, dem Lichte entgegen zu wachsen. Er stöhnt, wie ein Tier, welches verwundet wird und Schmerz als eine Ungerechtigkeit empfindet. Am Anfange dieser grossen Belehrung betrachten wir die zwei Empfindungen
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