Gleichzeitig fallen einem Juden, der die Evangelien liest, auf den ersten Blick Partien auf, die nicht glaubwürdig erscheinen, zum Beispiel die Berichte, daß die Pharisäer Jesus töten wollten, weil er am Sabbat heilte. Die Pharisäer zählten das Heilen nie zu ihrer Liste der am Sabbat verbotenen Tätigkeiten, und zu den Heilmethoden Jesu gehörte keine Tätigkeit, die am Sabbat wirklich verboten war. Es ist deshalb unwahrscheinlich, daß sie die Sabbatheilungen Jesu, und sei es auch nur geringfügig, getadelt hätten. Außerdem widerspricht das in den Evangelien gezeichnete Bild von blutdürstigen, mordgierigen Pharisäern allem, was durch Josephus, aus ihren eigenen Schriften und vom heutigen Judentum, das sie begründet haben, über sie bekannt ist.
Wir haben also in den Evangelien einen Widerspruch zwischen Abschnitten, die glaubwürdig erscheinen, und solchen, die unglaubwürdig sind. Für einen Juden, der sich mit den Evangelien beschäftigt, ist der Widerspruch offenkundig, und er möchte wissen, wie er entstand. Und die Kernfrage erweitert sich, wenn er die Religion betrachtet, die auf den Evangelien beruht, nämlich das Christentum mit seiner eigenartigen Mischung aus jüdischen, nichtjüdischen und antijüdischen Elementen.
Wie kommt es, daß eine Religion, die so viel vom Judentum entlehnt, während des größeren Teils ihrer Geschichte die Juden als Parias und Ausgestoßene betrachtet? In einer Kultur, die auf der hebräischen Bibel beruht, einer Kultur, deren Sprache von hebräischen Ausdrücken durchdrungen ist, sind die Juden mit ungewöhnlichem Haß behandelt worden, der schließlich in der Massenvernichtung von sechs Millionen europäischer Juden im Zweiten Weltkrieg gipfelte.
Eine Studie über Jesus mit besonderem Gewicht auf seinem jüdischen Hintergrund und der Annäherungsart, die bei einem Juden die gegebene ist, könnte etwas Licht auf diese Fragen werfen, die für Juden und Nichtjuden gleichermaßen wichtig sind.
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