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Er stiftet Frieden unter den Völkern.“
Sacharja 9,9.10

Gott selbst kündigt es an: Der Messias wird Frieden bringen! Und dann kommt der Messias tatsächlich. Und prompt, noch am Tag der Geburt, kündigen es die Engel wieder an:

„Ehre und Herrlichkeit Gott in der Höhe,
und Frieden auf der Erde für die Menschen,
auf denen sein Wohlgefallen ruht.“
Lukas 2,14

Als Jesus dann an die Öffentlichkeit trat und drei Jahre lang tätig war, hat er x-mal davon ge-sprochen, dass er Frieden bringt:

„Was ich euch zurücklasse, ist Frieden: Ich gebe euch meinen Frieden – einen Frieden, wie ihn die Welt nicht geben kann.“ Johannes 14,27

„Ich habe euch das alles gesagt, damit ihr in mir Frieden habt.“ Johannes 16,33

„Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!“
Lukas 7,50; 8,48

Und in den neutestamentlichen Briefen wird ebenfalls wieder und wieder darauf hingewiesen:

„Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens.“
1. Korinther 14,33

„Christus hat uns allen den Frieden gebracht und hat Juden und Nichtjuden zu einem einzigen Volk verbunden.“
Epheser 2,14

Fast jeder Brief im Neuen Testament beginnt so: „Wir wünschen euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.“

Noch etwas: In der Bergpredigt fordert Jesus von seinen Anhängern, dass sie Frieden schaf-fen:

„Glücklich zu preisen sind die, die Frieden stiften,
denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.“
Matthäus 5,9

Wenn Jesus diejenigen Söhne Gottes nennt, die Frieden stiften, wie könnte dann er, der Sohn Gottes par excellence, zum Schwert greifen und für Unfrieden sorgen?

Also: Die Zuhörer Jesu erwarteten zurecht, dass Jesus – wenn er der Messias ist – Frieden bringt. Sie erwarteten es nicht nur, weil das so eine tolle Vorstellung war (endlich keine Krie-ge und keine Streitigkeiten mehr, endlich Frieden), sondern weil Gott selbst es so angekündigt hatte und weil Jesus es bestätigte.

Und mitten in diese Festtagsstimmung, in diese hochgestimmte Erwartung hinein platzt Jesus, der Provokateur, der Spielverderber: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert!“ Was meint er wohl damit?
Wenn wir nur diesen einen Satz hätten: „nicht den Frieden, sondern das Schwert“, dann könn-ten wir tatsächlich meinen, Jesus habe vorgehabt, Kriege zu führen. Und so haben sich man-che das auch vorgestellt: dass der Messias sich zum militärischen Anführer gegen die römi-schen Besatzungstruppen macht. Jesus als Feldherr, der Schlachten schlägt!

Aber an dieser Vorstellung stimmt was nicht. Als die jüdische Regierung eine Schar von be-waffneten Männern losschickt, um Jesus am Ölberg, im Garten Getsemane, zu verhaften, greift einer von seinen Begleitern, Petrus, nach seinem Schwert und fängt an, auf die Gegner loszuschlagen. Und wie reagiert Jesus? Freut er sich über diese unerwartete Hilfestellung? Ganz im Gegenteil. „Steck dein Schwert zurück!“, sagt er zu Petrus. „Denn alle, die zum Schwert greifen, werden durchs Schwert umkommen.“ (Matthäus 26,52)

Jesus lässt sich festnehmen und vom jüdischen Gerichtshof verhören. Anschließend wird er an den römischen Gouverneur Pontius Pilatus überstellt. „Bist du wirklich der König der Ju-den?“, fragt ihn Pilatus. „Warum liefert dich dann dein eigenes Volk an mich aus? Was hast du getan?“ Die Antwort, die Jesus ihm gibt, ist erstaunlich und aufschlussreich: „Du hast Recht, ich bin ein König. Aber mein Königreich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, dann hätten meine Diener für mich gekämpft, damit ich nicht den Juden in die Hände falle. Nun ist aber mein Reich nicht von dieser Erde.“ (Johannes 18,33ff)

Jesus lässt also keinen Zweifel daran: Er wird nicht mit dem Schwert für seine Sache kämp-fen. Und seine Anhänger sollen ebenfalls nicht mit dem Schwert für seine Sache kämpfen. Jesus führt keinen Krieg, um dem Evangelium Geltung zu verschaffen. Er versucht nicht, sich mit Waffengewalt durchzusetzen. Wenn er also zu seinen Jüngern sagt: „Ich bin nicht ge-kommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert“, dann redet er nicht vom Krieg. Er muss etwas anderes meinen.

Hier erlaube ich mir mal ein kleines Pop-up. Sie wissen bestimmt, was Pop-ups sind. Pop-ups trifft man auf dem Computer-Bildschirm an; sie sind sozusagen die elektronische Version von Fußnoten in Büchern. Ich habe z. B. für meine Übersetzungsarbeit eine CD, auf der sind zahl-lose Bibelübersetzungen und Kommentare und Wörterbücher gespeichert. Da lese ich also am Bildschirm z. B. die Auslegung zu einem bestimmten Bibelvers, und plötzlich sehe ich hinter einem schwierigen Wort einen kleinen hochgestellten Buchstaben. Ich klicke ihn mit der Maus an – und prompt öffnet sich ein Fenster im Fenster, ein bisschen so was wie eine Sprechblase in einem Comic. Und in diesem Fenster stehen Hintergrund-Infos zu dem betref-fenden Wort oder zu dem schwierigen Gedankengang – Infos, die ich nicht unbedingt wissen muss, aber die doch nützlich sind und mir helfen, den Vers richtig einzuordnen. Wenn ich das Fenster wieder anklicke – ups, ist es verschwunden. Das ist so ein Pop-up, etwas, was auf-springt wie ein Fenster, bei dem man die Läden aufstößt. Und wenn man die Läden wieder schließt, ist das Bild wieder weg.

POP-UP

Also nun unsere elektronische Fußnote. Eben habe ich gesagt, Jesus lehnte es ab, mit dem Schwert zu kämpfen. Das könnte so klingen, als hätte ich im Irak-Konflikt Stel-lung bezogen: Die USA dürfen dort keinen Krieg beginnen. Nein, diese Schlussfolge-rung habe ich nicht gezogen. Wenn Jesus Waffengewalt ablehnt, redet er von seinem Reich, „einem Reich, das nicht von dieser Welt ist“. Er redet nicht davon, wie ein irdi-scher Staat vorgehen soll, um seine Interessen zu wahren und seine Bürger zu schüt-zen. „Wäre mein Reich von dieser Welt, dann hätten meine Diener für mich ge-kämpft!“, sagt er. „Aber mein Reich ist nicht von dieser Welt, und bei der Durchset-zung geistlicher Ziele haben weltliche Mittel nichts zu suchen.“
Wenn also jemand behauptet: Amerika darf keinen Krieg gegen den Irak führen, weil Jesus verboten hat, zum Schwert zu greifen, dann missbraucht er Jesu Worte. Er wen-det sie auf etwas an, wofür sie nicht bestimmt sind. Anders wäre es, wenn Christen zum Schwert greifen, um Ungläubige zu bestrafen und Länder für das Evangelium zu erobern und das Reich Gottes hier auf der Erde zu verwirklichen. Wer das tut, der hat Jesus gegen sich. Die Kreuzzüge mögen im Namen Gottes geführt worden sein, aber Gott war trotzdem dagegen. Denn da ging es um sein Reich, und sein Reich ist nicht von dieser Welt, und wer mit irdischen Waffen dafür kämpfen will, für den gilt wirk-lich: „Wer zum Schwert greift, wird durchs Schwert umkommen.“ Irdische Reiche werden mit irdischen Waffen verteidigt; in Gottes Reich wird mit geistlichen Waffen gekämpft.

Zurück zu unserem Rätselwort. Wenn Jesus sagt: „Ich bringe das Schwert“, dann meint er nicht Waffengewalt und Krieg. Wer ihm etwas anderes unterstellt, unterstellt ihm etwas Fal-sches. Die Kreuzritter konnten sich nicht auf diese Aussage berufen; der Islam hat nicht das Recht, das als Argument gegen Jesus anzuführen. Das Christentum ist keine kriegerische Re-ligion. Jesus ist kein Feldherr, er ist der Prince of Peace, der Friedensfürst.

So haben es auch die christlichen Märtyrer aller Jahrhunderte gesehen. Heute gibt es ja in verschiedenen Religionen zahlreiche selbsternannte Märtyrer, die in Wirklichkeit schlicht und einfach Terroristen sind – bis an die Zähne bewaffnete Selbstmordattentäter. Sie nehmen ih-ren Tod ganz bewusst in Kauf, um denen, die sie für Feinde halten, Schaden zuzufügen. Kein christlicher Märtyrer hätte je so etwas getan. Andere mit in den Tod reißen, um den Feind zu bekämpfen – eine fürchterliche Perversion des Märtyrergedankens. Nein, die Märtyrer unter den ersten Christen und in allen späteren Generationen starben, damit andere leben können, oder sie starben, weil sie überzeugt waren, dass die Treue zu Gott mehr wert ist sogar als das Leben. Aber zum Schwert zu greifen, um Frieden zu schaffen? Auf diese Idee wäre nie einer gekommen.

Aber was hat Jesus dann gemeint, wenn er sagte: „Ich bringe das Schwert“? Um das heraus-zufinden, müssen wir ihm noch ein bisschen länger zuhören. Er hat nämlich weitergeredet, und für uns heißt das: weiterlesen in Matthäus: „Ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien, die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwie-germutter; die eigenen Angehörigen werden zu Feinden.“ (Matthäus 10,35.36)



Daran wird zunächst einmal deutlich: Frieden ist ein sozialer Begriff. Frieden hat damit zu tun, wie ich mit den anderen Personen in meinem Umfeld auskomme. Frieden ist ein Bezie-hungswort; es beschreibt, wie es um eine Beziehung steht. Zerrüttete Beziehungen bedeuten Unfrieden; harmonische Beziehungen bedeuten Frieden. Wenn zwei zerstrittene Parteien sich versöhnen, entsteht Frieden.



Wenn Jesus also vom Schwert redet, denkt er an Entzweiung – nicht Entzweiung zwischen Völkern, sondern Entzweiung zwischen einzelnen Menschen.
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Dieselbe Rede Jesu ist auch im Lukas-Evangelium überliefert. Manchmal ist es sehr nützlich, nachzuschlagen und zu vergleichen. In Lukas 12,51 heißt es: „Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frie-den, sondern Entzweiung.“ Sehen Sie, wie nützlich das ist? Hier steht statt Schwert Entzweiung. Mit einem Federstrich ist der Mythos beseitigt, Jesus sei gekommen, um Kriege gegen feindliche Völker zu führen!

Es geht um Entzweiung. Menschen, die sich bis dahin gut verstanden haben, werden sich fremd. Dicke Freunde werden erbitterte Feinde. Jesus wählt ein besonders krasses Beispiel: die Familie. Hier haben wir ihn wieder: Jesus, den Provokateur. Die Familie – das ist doch der Kern und das Fundament jeder Gesellschaft. Die Familie ist sakrosankt – bei uns im Westen vielleicht nicht mehr unbedingt, aber dafür umso mehr im Nahen Osten. Wenn irgendwo Frieden herrschen muss, dann in der Familie. Hier haben wir die engsten und wichtigsten Be-ziehungen, die es auf der Erde gibt. Treibe einen Keil zwischen Mann und Frau, treibe einen Keil zwischen Eltern und Kinder, und du zerstörst die Grundlage des menschlichen Zusam-menlebens. Nie würde es in der nahöstlichen Kultur ein Sohn wagen, gegen seinen Vater zu rebellieren. Der Vater ist der Hausherr; was er sagt, wird gemacht.

Und was sagt Jesus? „Ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien!“ Wie bitte? Das soll der Messias sein, ein Entzweier statt ein Versöhner? Man hört die Leute förm-lich nach Luft schnappen vor Empörung. „Ich bin gekommen, um die Tochter mit ihrer Mut-ter zu entzweien und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.“ Na ja, das mit der Schwiegermutter und der Schwiegertochter könnten manche noch nachvollziehen – oder wa-rum gibt es sonst so viele bitterböse Witze über diese Beziehung? (Mir selbst fällt es aller-dings ziemlich schwer, mich da reinzuversetzen; ich habe die besten Schwiegereltern, die man sich denken kann, und meine Eltern hätten sich keine liebenwürdigere, tüchtigere und klügere Schwiegertochter wünschen können. – Vorgestern war Valentinstag; da darf man ruhig mal ein kleines Kompliment machen.) Aber es soll ja Familien geben, wo es gerade bei den Schwieger-Beziehungen noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Na ja. Aber dass Jesus die Gräben noch vertieft, statt sie zuzuschütten – das ist unerhört. Wie meint er das nur?

Zum Glück hat er immer noch nicht zu Ende gesprochen. Lesen wir also weiter: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, mein Jünger zu sein, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, mein Jünger zu sein.“ (Matthäus 10,37)

Wie bitte? Ich soll Jesus mehr lieben als meine Mutter, mehr als meine Kinder, mehr als mei-ne Frau? Das ist der Gipfel der Provokation! Was bildet sich dieser Jesus nur ein? Für wie wichtig hält er sich denn? Wer ist Jesus, dass er sich über die Familie stellen darf? Wer ist Jesus, dass er eine solche bedingungslose, absolute Bindung an seine Person fordern darf? Ist er größenwahnsinnig? Oder ist er wirklich so bedeutend?
Wir kennen die Antwort: Jesus ist Gottes Sohn. Jesus ist Gott in Person. Er ist nicht einfach Mensch unter anderen Menschen. Er ist Gott und Mensch zu gleich. Und deshalb steht er über allen Menschen.

Beim Frieden geht es um Beziehungen, haben wir gesagt, Beziehungen zu unseren Mitmen-schen. Was Jesus hier macht, ist folgendes: Er bringt noch eine Person ins Spiel. Er zeigt uns noch jemand, mit dem wir in einer harmonischen Beziehung leben müssen, wenn wir wirklich Frieden haben wollen. Und dieser jemand ist Gott. Gott, der uns in der Person von Jesus Christus gegenübertritt.



Von allen Personen, mit denen ich Kontakt aufnehmen kann, ist Gott die wichtigste. Unter allen Beziehungen, die ich pflegen muss, hat die Beziehung zu Gott absoluten Vorrang.

Nun, wenn alle das so sehen würden, gäbe es da keinerlei Probleme. Wir alle hätten eine har-monische Beziehung zu Gott und harmonische Beziehungen zueinander. Wir hätten Frieden mit Gott und Frieden untereinander. Das sehen aber nicht alle so! Diese Welt ist keine gute Welt; die Menschen sind keine guten Menschen. Die meisten wollen nichts von Gott wissen. Sie wollen sich ihm nicht unterstellen. Sie fragen nicht nach seinen Plänen. Sie wollen nicht hören, dass sie vor ihm schuldig geworden sind. Sie schauen nach links und nach rechts, sie versuchen mit ihrer Familie klarzukommen und mit ihren Nachbarn und Kollegen, aber sie schauen nicht nach oben – vielleicht, weil sie nicht wissen, dass es da oben noch jemand gibt, vielleicht aber auch gerade, weil sie es wissen!

Deshalb redet Jesus so provokativ. Er will seine Zuhörer aufrütteln, damit sie Stellung bezie-hen. Ihr wollt Frieden? Dann müsst ihr euch als erstes um Frieden mit Gott bemühen. Frieden mit der Familie ist wertvoll, aber eines Tages hat es damit ein Ende. Die Beziehung zu Gott ist eine Beziehung für die Ewigkeit. Wenn die Beziehung zu Gott nicht geklärt ist, ist das Schuldproblem nicht gelöst. Und dann werdet ihr die Ewigkeit ohne Gott verbringen. Für immer von Gott getrennt – das nennt die Bibel Hölle. Für immer mit Gott verbunden – das nennt die Bibel Himmel. Und deshalb ist die Beziehung zu Gott wichtiger als jede andere Beziehung.

Jesus hat zur Veranschaulichung die Familie ins Spiel gebracht. Nehmen wir mal an, eine ganze Familie hört gemeinsam die Aufforderung von Jesus: „Folgt mir nach!“ Der Sohn be-greift den Ernst der Lage, begreift, dass er Jesus braucht, möchte Frieden mit Gott schließen und legt sein gesamtes Leben in die Hände von Jesus. Der Vater ist ebenfalls aufgefordert, aber er macht nicht mit. Er ist zu stolz, er ist nicht bereit, seine Vergangenheit zu bereinigen und seine Zukunft unter Gottes Führung zu stellen. Er lehnt ab. Bei seiner Frau ist es genau umgekehrt. Sie ist sofort von der Wahrheit des Evangeliums überzeugt: So klar wie Jesus hat sie noch nie jemand von Gott, dem Vater im Himmel, reden gehört. Die Tochter dagegen ist sich schnell im klaren, dass sie einiges in ihrer Lebensführung ändern müsste, und das passt ihr nicht; sie komplimentiert Jesus aus ihrem Leben hinaus. Fazit: Zwei stehen (bildlich ge-sprochen) auf und gehen mit Jesus davon; zwei bleiben sitzen (das sind jetzt buchstäblich die „Sitzenbleiber“).
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