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Epilog: Nachruf auf Paulus
Paulus gilt zu Recht als eine der einflußreichsten Personen des christlichen Abendlandes. Er war Jude, Römer und Christ zugleich. Sich selbst sah er vor allem als Apostel, vom auferstandenen Jesus persönlich dazu berufen, das Evangelium in die Heidenwelt zu tragen. Doch erklärt das von ihm vollbrachte Lebenswerk im Dienste des Auferstandenen nur zum Teil seine eigene mächtige Wirkung.
Diese geht vor allem darauf zurück, daß zum Glauben an Christus gelangte Heiden den Apostel Paulus zur tragenden Säule der christlichen Kirche machten und ihm in ihr einen bleibenden Ort gaben: zuerst als dem Verfasser von Briefen, die Teil des Neuen Testaments wurden, sodann als vermeintlichem Schreiber von sechs untergeschobenen weiteren Briefen, die ebenfalls Aufnahme in die Heilige Schrift fanden. Aber damit nicht genug: Den dreizehn Paulusbriefen wurden noch sieben weitere Briefe hinzugefügt, die man mit falschen Absenderangaben wie "Petrus", "Jakobus", "Judas" ausstattete oder andeutungsweise Johannes zuschrieb. Die Entstehung dieser Briefsammlung - "katholische Briefe" genannt - wurde vom Vorbild der Schreiben des Paulus angeregt. Ohne den Heidenapostel und sein Werk hätte es sie gar nicht gegeben.
Die Wirkung des Paulus zeigt sich nicht nur an den echten, den gefälschten und den fingierten Briefen. Sie wird auch deutlich in der Apostelgeschichte des Lukas, deren zweiter Teil ausschließlich Paulus gewidmet ist. Seine Person steht demnach im Mittelpunkt eines knappen Drittels des gesamten Neuen Testaments. Kein Wunder, daß sie in der Kirchengeschichte eine ungeheure Wirkung entfaltet hat und daß ganze Bibliotheken über ihn zusammengeschrieben worden sind. Aber auch welthistorisch hat Paulus noch in der beginnenden Neuzeit eine entscheidende Rolle gespielt. Im 16. Jahrhundert spaltete sich die westliche Christenheit an der Auslegung der Rechtfertigungslehre des Paulus in zwei Blöcke. Dies hat politisch bis heute einschneidende Folgen.
Angesichts dieser welthistorischen Bedeutung und des theologischen Interesses, das sich in ungezählten Kommentierungen seiner Briefe zeigt, ist eine Beschäftigung mit ihm in jedem Falle lohnend.
Die Geschichte des Paulus nachzuerzählen, bedeutet gleichzeitig, ein kritisches Urteil über ihn zu fällen. Er war gewiß eine wahrhaft große Gestalt im frühen Christentum, ja, sein Gründer. Aber die bis heute vertretene Auffassung, seine Briefe enthielten Gottes Wort, ist ein trauriger Verrat an der Vernunft und eine Flucht vor dem Leben. Wir Heutigen kommen - bei intensiver Auseinandersetzung mit ihm - an der Erkenntnis nicht vorbei, daß durch die Art seines Denkens gefährliche Weichenstellungen erfolgt sind, die in die Irre führen. Sein Gottesbild stiftet dazu an, die "Ungläubigen" nicht zu respektieren, sondern sie zum Gehorsam aufzufordern, damit sie der ewigen Höllenstrafe entgehen. Monotheismus wird auch bei ihm letztlich zum Totalitarismus. Sein religiöser Eifer bleibt in verdächtiger Nähe zu einem Fanatikertum. So sind die zweifellos auch vorhandenen humanen Züge des Paulus immer durch den höheren Dienst an Gott gebunden und richten sich im Konfliktfall, wie die Geschichte gezeigt hat, unweigerlich gegen den Menschen. Soli Deo Gloria.
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